Unternehmer wird man nicht in fünfzig oder fünfhundert Wochen. Um Unternehmer zu werden, braucht es eine Nacht, neun Monate und vierzig bis fünfzig Jahre Erfahrung. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

4 Steuern und Finanzen

Trotz Rechenfehler: Warum Schulden Wachstum ausbremsen

Trotz Sparversprechen konnten die Eurostaaten ihre Haushaltsziele nicht erfüllen.Die beiden Havard Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhard lieferten das wissenschaftliche Fundament für die Sparpolitik nicht nur in Europa: Steigt die Schuldenquote eines Landes über 90 Prozent, fällt das Wirtschaftswachstum geringer aus. Nun wurde offenbar, dass die beiden Wissenschaftler sich verrechnet haben.

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Nicht nur in Europa triumphieren die Gegner der Austeritätspolitik, stellt der Rechenfehler, den Rogoff und Reinhard auch schon eingestanden haben, in ihren Augen den eingeschlagenen Sparkurs in Frage. Befindet sich die europäische Stabilitätspolitik wirklich auf dem Holzweg?

Bundesbankpräsident Jens Weidmann bringt es auf den Punkt: „Manchmal hat man ja den Eindruck, als ob, nur weil in der Studie zwei, drei Datenpunkte fehlen, die Ergebnisse auf den Kopf gestellt würden und Staatsverschuldung Wachstum fördere,“ sagte er auf der Frühjahrstagung des IWF.

Wenn die Empirie in Zweifel gezogen wird, hilft der gesunde Menschenverstand. Es gibt plausible Erklärungen dafür, dass hohe Schulden die wirtschaftliche Dynamik hemmen. Sind die öffentlichen Schulden hoch, muss der Staat langfristig die Steuern erhöhen, um Zinsen und die Schuldbegleichung zu finanzieren. Hohe Steuern verringern Investitionen und Leistungsanreize und resultieren in einer gebremsten Wirtschaftsdynamik. In Deutschland stellen die Zinszahlungen den drittgrößten Posten im Bundeshaushalt dar. Steuergeld, was an anderer Stelle fehlt und sinnvoller –  z.B. in Bildung – investiert werden könnte.

Es wäre fahrlässig, jetzt das Ende der Sparpolitik auszurufen. Die dramatische Situation in Griechenland, wo jahrelang eine expansive Schuldenpolitik betrieben wurde, sollte uns Lehre genug sein.

  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

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  • Dan Chris

    “Es gibt plausible Erklärungen dafür, dass hohe Schulden die
    wirtschaftliche Dynamik hemmen. Sind die öffentlichen Schulden hoch,
    muss der Staat langfristig die Steuern erhöhen, um Zinsen und die
    Schuldbegleichung zu finanzieren. Hohe Steuern verringern Investitionen
    und Leistungsanreize und resultieren in einer gebremsten
    Wirtschaftsdynamik.”

    Wieso ist diese Erklärung plausibel? Aktuell hohe Schulden sollen heute für ein geringeres Wachstum sorgen, weil in der Zukunft die Steuern erhöht werden? Sie verletzen ein wenig das Prinzip der Kausalität.

    Ebenso gibt es wohl eine schwache Korrelation zwischen Schuldenstand und Wachstum. Es stellt sich aber die Frage ob die Schulden Folge oder Ursache der Wachstumsschwäche ist.

    Weiterhin stellt sich die Frage, warum gleichbleibende Steuern und weniger Staatsausgaben besser sein sollen als höhere Steuern und gleichbleibende Ausgaben. In einem Fall hat man als Unternehmen weniger Nachfrage und verkauft weniger. Im anderen Fall zahlt man höhere Steuern auf den Gewinn. In beiden Fällen sinken die Einnahmen des Unternehmens.

  • Der Fehler in der Excel-Kalkulation ist eine Sache (“vernachlässigbar” laut Chr. M. Schmidt i. d. FAZ v. 26.04.), die teilweise nicht-Berücksichtigung von bestimmten Zeitreiheteilen eine weitere; aber wie z.B. Christoph M. Schmidt in der FAZ vom 26. Apr schreibt, ist die Frage der Datengewichtung viel bedeutsamer (und wesentlich offener für unterschiedliche Meinungen darüber, wie eine gute, oder richtige Gewichtung funktioniert). Schmidt schreibt, dass selbst nach Einrechnung aller “Fehler” bzw. nach stärkerer Einbeziehung der zuvor mit geringen Gewichten versehenen Werte (z.B. einiger Länder nach dem II. WK, wie Kanada, Griechenland usw.) immer noch ein signifikanter Wachstumsunterschied besteht. Dieser betrage immer noch ca. 1 Prozentpunkt, aufgrund Zinseszinseffekten ein massiver Unterschied im Zeitverlauf. Verschuldete Länder stehen also massiv schlechter da als gering verschuldete.

    Natürlich ist die Frage von Kausalität und Korrelation ungeklärt, aber falsch sind die Schlüsse der Autoren R. & R. deshalb noch lange nicht. Peinlicher Fehler? Sicher. Vermeidbar? Wahrscheinlich. Falsch? Nein.

    Sparpolitik, so sie denn in Europa durchgeführt würde, ist ein Schlüssel nachhaltiger Politik – das Störfeuer derer, die jetzt nach diesem Lapsus auf ein Ende der vermeintlichen Austerität drängen darf keinen Erfolg haben, wenn wir das Ende der Staatsschuldenkrise sehen wollen.

  • Das Prinzip der Kausalität ist gewahrt, wenn man z. B. Erwartungen einbezieht. Eine Maßnahme kann durch Antizipation Wirkung entfalten, noch bevor sie in Kraft tritt. Genau das ist der Mechanismus an Geldmärkten, der vielen Ländern so Probleme bereitet – Schuldenstand wird zu höheren Steuern führen, die die Wirtschaftsleistung drücken werden, Zukunftsaussichten sind daher schlechter, was wiederum das Risiko der Anlage erhöht, dessen Spiegel die Zinsen sind.

    Die Frage nach Korrelation und Kausalität ist nicht beantwortet, sie ist auch nicht so wichtig, denke ich. Die Politik hat die 90% Zahl zu etwas aufgebohrt, was sie nicht ist, und das fällt ihnen auf die Füße, mit Recht.

    Zum letzten Absatz:
    Das gilt nur, wenn man von Wirtschaft als statischem Gebilde denkt. Jeder Euro, den ein Staat jedoch ausgibt, muss er vorher durch Steuern eingenommen haben – d. h. den Bürgern weggenommen haben (Schulden sind Euro, die er den Bürgern morgen weg nimmt, also das gleiche).
    Die Gleichung “weniger Staatsausgaben = weniger Nachfrage” gilt somit keinesfalls, da der Staat einerseits eine andere Allokation wählt als jeder einzelne es tun würde – zwangsläufig schlechter, da er keine umfassende Information von den Präferenzen einzelner Personen hat und die beliefs über die aggregierten Präferenzen (ideologisch?) verzerrt sind, und er andererseits seinen Wasserkopf bedienen muss (Bürokratiekosten z.B.)

    Staaten fahren also effizienter mit niedrigeren Verschuldungsquoten, und meiner Meinung nach wesentlich effizienter mit geringen Staatsquoten.

  • Dan Chris

    “dessen Spiegel die Zinsen sind.”

    So, so. Dann sind die griechischen Schuldenprobleme über Nacht gewachsen? Spanien hatte eine geringere Verschuldung als Deutschland und zahlte prlötzlich höhere Zinsen. Nicht die höhe der Schulden, sondern die Befürchtung, dass die Kredite nicht zurückgezahlt werden (Risko) ist für die Zinshöhe entscheidend.

    “Die Frage nach Korrelation und Kausalität ist nicht beantwortet, sie ist auch nicht so wichtig, denke ich.”

    Natürlich ist sie wichtig, wenn nicht zentral. Denn danach

    1. entscheidet sich der politische Weg der eingeschlagen werden muss

    2. Heißt Korrelation noch lange nicht, dass ein kausaler Zusammenhange, egal in welche Richtung, zwischen beiden Variablen existiert. D.h. wenn alle Unternehmen in Griechenland pleite gehen, dann steigen die Staatsschulden, da die Steuereinnahmen wegbrechen. Es sinkt auch das BIP Wachstum. Dennoch ist beides Resultat einer anderen Ursache.

    “Die Gleichung “weniger Staatsausgaben = weniger Nachfrage” gilt somit keinesfalls”

    Gut das die IWF Studien etwas anderes zeigen. In den Krisenstaaten sorgt jeder gesparte Euro zu einer Steuereinnahmenreduktion die höher als ein Euro ist.

    “zwangsläufig schlechter”

    Genau dieses Zwangsläufig ist ideologisch. Wenn es ein Beispiel gibt, dass wo der Staat effizienter arbeitet, dann ist diese Aussage widerlegt. Die Wasserversorgung ist ein solches Beispiel und es gibt etliche mehr. Das heißt allerdings nicht, dass der Staat in jedem Fall überlegen ist. Man sollte also Investitionen in den Bereichen tätigen, wo die staatlichen Institutionen besser arbeiten, als die privatwirtschaftlichen.