In neuerer Zeit ist Wachstum zum wichtigsten Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit geworden. John Kenneth Galbraith, 1908-2006, Ökonom

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Blasen, Möbel und unser unfaires Geldsystem

Immer mehr und immer billiger pumpen die Notenbanken Geld in die Märkte. Preis- und Investitionsblasen sind die Folge. Die Immobilienpreise steigen, wie in Zeiten vor der Finanzkrise. Und die Staaten können mit dem billigen Zentralbankgeld munter ihre Schulden finanzieren. Doch fest steht: Die Blase platzt – irgendwann.

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Viel spreche ich von den Blasen auf den Immobilienmärkten und wie ihr Platzen Löcher in die Bankbilanzen reißt. Auch über die Ursachen dieser Blasen habe ich hier schon geschrieben, die insbesondere in der Geldpolitik liegen. Zu niedrige Zinsen verfälschen die Rendite von Immobilienprojekten und lassen sie für Investoren und Selbstkäufer attraktiver erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Die Folge ist, dass mehr gebaut wird. Dazu braucht man Kapital. Doch Kapital ist knapp. Was für den Bau von Immobilien verwendet wird, wird an anderer Stelle fehlen. Wenn zu viele Immobilien gebaut werden, müssen die Mittel für andere Investitionen logischerweise zu gering sein.

Man könnte nun einwenden, dass uns diese Blasen nicht weiter tangieren müssen, sie blubbern ja im Ausland. Doch erstens finanzieren die Rettungsschirme die Kreditverluste der Banken in den Blasenländern, zweitens führen die Bewegungen des Fluchtkapitals und der zur Heilung missbrauchte EZB-Niedrigzins auch bei uns zu Blasen, drittens haben die Blasen Folgewirkungen. Diese Folgewirkungen sind nicht sofort ersichtlich. Doch man mache sich klar: An jedem Neubau ist natürlich die Baubranche beteiligt, es werden Baumaterial, Maschinen und Handwerker benötigt. Aber ein Neubau will auch möbliert werden. Die Möbelindustrie lebt von der beim Zubau von Wohnungen erforderlichen Erstausstattung. Wohl und Wehe der Möbelindustrie hängen daher am Schicksal des Baus. Sie ist konjunkturabhängig.

Das merke ich in meinem Wahlkreis. Ostwestfalen-Lippe ist ein Möbelzentrum. Hier werden viele Möbel für den deutschen Markt und den Export gebaut. In den letzten Jahren hat die regionale Branche stark von den Entwicklungen auf den Immobilienmärkten im benachbarten Ausland profitiert. Neue Fertigungskapazitäten wurden aufgebaut und qualifiziertes Personal ausgebildet und eingestellt. Die Region hat gewonnen. Doch nun platzen die Immobilienblasen im Ausland, Wohnungen werden nicht fertiggestellt oder stehen leer. Exportmärkte wie Frankreich und die Niederlande brechen ein. Der Absatz deutscher Möbel auf dem französischen Markt schrumpfte im Januar 2013 gegenüber dem Vorjahr um rund 16 Prozent, der in Italien um rund 12 Prozent. Die Lage auf den Auslandsmärkten bleibt angespannt. Im Februar wurden laut Verband der Möbelindustrie VDM 5,7 Prozent weniger deutsche Möbel ausgeführt als im Vorjahr.

Das Beispiel der Möbelindustrie zeigt, wie Blasen die Wirtschaftsstrukturen auch in angrenzenden Wirtschaftszweigen verzerren. Die künstliche Nachfrage nach Wohnungen hat vorgespiegelt, dass eine dauerhafte Nachfrage nach Möbeln zu erwarten sei. Die Peripherie-Blasen haben somit zu Investitionen in Deutschland geführt, die sich jetzt als Fehlinvestitionen erweisen können. Eine Blase im Immobiliensektor verzerrt somit nicht nur die Struktur der Investitionen dort, sondern in ihrem Gefolge auch den Aufbau anderer Industrien.

Dabei bleibt es nicht. Aus dem Markt höre ich, dass die Kreditbranche derzeit bevorzugt deutsche Möbelhäuser finanziert. Man rechnet wegen des deutschen Immobilienbooms – die Immobilienblasen wandern durch Europa und sind nun in Deutschland – mit einem Anziehen der Nachfrage, die bedient werden müsse. Man braucht Schauräume und neue, repräsentative Verkaufsflächen. Dafür brauchen die Möbelhändler Kredite, die ihnen von den Banken derzeit mit Kusshand zufliegen. Die Bonität der Möbelhändler wird in Erwartung besten Geschäfts kaum geprüft. Problematisch wird dies, wenn die Kredite nicht schnell genug vor Platzen der deutschen Immobilienblase rückgeführt werden. Dann werden die Möbelhändler in Schwierigkeiten geraten und mit ihnen die Banken. Blasen führen nur zu einer Scheinnachfrage. Investitionen, mit denen diese Scheinnachfrage bedient werden soll, müssen sich als schlecht erweisen. Das bedeutet: Immenser Wohlstand wird vernichtet. Wir könnten alle viel reicher sein, wenn es keine Blasen gäbe. Jede Blase bedeutet die Vernichtung von Kapital, von Zeit und Arbeitskraft.

Für dieses Zerstörungswerk der Blasen ist die Geldpolitik  verantwortlich. Das muss man sich bewusst machen. Die von den Zentralbanken befohlenen Niedrigzinsen bedeuten, dass Investitionen nur scheinbar gute Renditen abwerfen. In Wirklichkeit wird produziert, wofür wir keine Verwendung haben. Millionen von Arbeitsstunden werden verschwendet – Millionen von Arbeitsstunden, die abgeleistet werden, ohne dass am Ende ein bleibendes Werk entsteht. Stattdessen wird für die Müllhalde produziert – und ich übertreibe nicht. Diese Verschwendung von Arbeits- und Lebenszeit ist im Grunde ein Verbrechen.

Man führe sich vor Augen: Was wäre denn, wenn wir nicht dafür arbeiten würden, damit Blasenprojekte erbaut werden, sondern einfach in der Hängematte die Sonne genießen würden? Ich sage es Ihnen: Wir wären genauso vermögend. Es macht keinen Unterschied, ob Sie für Blasen arbeiten oder in der Sonne liegen. Doch die falsche Geldpolitik sorgt dafür, dass Sie Überstunden machen, statt sich zu bräunen. Das ist der Grund, warum ich seit Jahren für die Abschaffung des Zentralbankunwesens bin und für die Einführung einer marktwirtschaftlichen Geldordnung mit konkurrierenden Privatwährungen. Marktgeld würde uns nicht nur wohlhabender machen, sondern wäre auch gerechter und fairer.


Dieser Beitrag ist zuerst im Newsletter von Frank Schäffler erschienen.

  • Autor

    Frank Schäffler

    war bis 2013 Abgeordneter der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag.

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  • “Blasen sind nicht das Werkes des Staates, sondern der Märkte. Oder
    speziell: Der Banken. Zum einen können die Banken unabhängig vom
    Zinssatz beliebig Geld schöpfen und verleihen. Die Kreditmenge (und
    damit die Geldmenge) wird von den Banken bestimmt, und zwar über die
    Entscheidung an wen, in welcher Höhe und zu welchen Bedingungen Kredite
    vergeben werden.”

    Vollkommen falsch. Die Kreditnachfrage (Kreditvergabe = Maß der Geldschöpfung) wird durch den Preis bestimmt. Der Preis für Kredite wird (indirekt) über die Leitzinsen bestimmt. Die Geldmenge entwickelt sich nicht unabhängig vom Zins, diese These entspricht zumindest nicht der herrschenden Meinung.

    Es ist richtig, dass die Blasenbildung in erster Linie ein planwirtschaftliches Problem ist, das in der planwirtschaftlichen Natur der Geldpolitik liegt. Die Mähr des Marktversagens wird vornehmlich auch aus politischen Gründen verbreitet. Ich glaube nicht, dass Marktteilnehmer mehrheitlich unintelligent handeln. Falls es so wäre, stünde der Untergang unseres Wirtschaftssystems bevor und ich schätze, es wäre kein Kraut dagegen gewachsen.

  • Kammerjäger

    “Die Kreditnachfrage (Kreditvergabe = Maß der Geldschöpfung) wird durch den Preis bestimmt.”

    Vollkommen falsch. Der Kreditmarkt ist und war schon immer ein mengenrationierter Markt. Die Geldmenge entwickelt sich unabhängig vom Zins und abhänigig von der Vergabepraxis der Banken. Diese ist selbst an den (meinetwegen auch rationalen) Optimierungskalkül der Bankmitarbeiter gebunden. Dieses Optimierungskalkül ist nicht notwendigerweise identisch mit volkswirtschaftlich optimaler Allokation. Im Gegenteil ist dieses Kalkül in der jüngeren Vergangenheit und fortwährend wegen asymetrischer Risikosstrukuren der handelden Personen volkswirtschaftlich stark schädlich.

    Ihre Sichtweise ist naiv und wissenschaftlich überholt (Siehe z.B Richard A. Werner).

    Die Banken sind die Täter, nicht die Opfer.

  • Dan Chris

    “Der Preis für Kredite wird (indirekt) über die Leitzinsen bestimmt.”

    Wenn dem so wäre, warum muss Griechenland für Geld (Kredit) hohe Zinsen zahlen, Deutschland niedrige? Beide sind im gleichen Währungsraum mit dem gleichen Leitzins.

    “Es ist richtig, dass die Blasenbildung in erster Linie ein planwirtschaftliches Problem ist, das in der planwirtschaftlichen Natur der Geldpolitik liegt.”

    Da alle Wirtschaft geplant ist, wird dieses Problem wohl immer existent sein. Hinzu kommen Einflüsse wie der Libor Skandal.

    “Die Mähr des Marktversagens wird vornehmlich auch aus politischen
    Gründen verbreitet.”

    Was ist denn ein Martversagen? Ein Markt versagt wenn er nicht das tut was man will. Unter liberalen Gesichtspunkten versagt er nie, da alles was der Markt macht perfekt ist. Unter Berücksichtigung von gesellschaftlichen Aspekten kann ein Markt versagen und das tut er regelmäßig. Es ist ein Mähr zu behaupten das Märkte immer die beste Lösung bereitstellen. Das können sie nicht, denn ihre Aufgabe ist es Gewinne zu optimieren. Da bleiben bestimmte Aspekte eben auf der Strecke.

    “Ich glaube nicht, dass Marktteilnehmer mehrheitlich
    unintelligent handeln.”

    Es ist auch nicht für jeden Einzelnen unintelligent, wenn alle gleichzeitig zum Ausgang rennen weil es brennt. Trotzdem werden Menschen totgetrampelt.

  • Expansive Geldpolitik durch die Zentralbank ist letztendlich gar nicht möglich (bzw. nur durch “quantitative Lockerung”), da die Geldmenge vom Leitzins unabhängig ist.

    …interessante These, ich bleibe da lieber naiv und wissenschaftlich überholt.

  • “Wenn dem so wäre, warum muss Griechenland für Geld (Kredit) hohe Zinsen
    zahlen, Deutschland niedrige? Beide sind im gleichen Währungsraum mit
    dem gleichen Leitzins.”

    Aufgrund der unterschiedlichen Bonität… Das ist ein Konzept, das vorsieht, dass Schuldner, deren Ausfallrisiko hoch ist, dies durch höhere Zinsen bezahlt. Ob das so sinnvoll ist, kann man sicher diskutieren, ich habe aber vorausgesetzt, dass das bekannt ist.

    “Was ist denn ein Marktversagen? Ein Markt versagt wenn er nicht das tut
    was man will. Unter liberalen Gesichtspunkten versagt er nie, da alles
    was der Markt macht perfekt ist.”

    Eine legitime Frage. Mein Markt soll das tun, was die Neoklassik von ihm möchte: Knappe Ressourcen optimal allokieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Sicher ist das im vorliegenden Fall nicht geschehen, aber die Ursache liegt meiner Meinung nach nicht darin, dass das Modell eines Marktes falsch ist. Oder das bestimmte Marktteilnehmer “Täter” sind. Geldpolitik ist der größte planwirtschaftliche (lies: “nicht durch einen Markt gesteuerten”) Eingriff in unser Wirtschaftssystem und kann somit auch der schädlichste sein. Und man kann wahrlich behaupten, dass die Motive der Banken fragwürdig sind und sicher nicht das Wohl aller hinreichend berücksichtigen. Im Gegenteil, sie haben so gehandelt, wie es von Ihnen zu erwarten war. Die expansive Geldpolitik der FED nach dem 11. September und dann später in Folge auch der EZB haben die Geldmengen in die Höhe getrieben und zwar in einer Art und Weise, die in keinem Verhältnis zur existierenden Gütermenge stand. In diesem Fall entstehen “Blasen” (eben auch weil es keine Mechanismen in Banken gibt um die Risikolage richtig einzuschätzen und die Kreditvergabe zu drosseln) – ich empfehle z.B. mal die Entwicklung des Ölpreises ab dem 11. September 2001 zu betrachten. In der Presse waren etliche Kommentatoren zu hören, die nicht erklären konnten, warum es wohl dazu kommt, dass der Preis so stark steigt. Letzendlich war es meiner Einschätzung nach importierte Inflation aus den USA.

    Sicher spielen die Banken eine Rolle und ohne Frage sind sie keine Wohlfahrtsinstitute sondern höchst eigensüchtige Akteure. Die Ursache sollten wir aber nicht in der Intelligenz der Banken suchen. Das führt nur auf die falsche Fährte und lenkt von den richtigen Fragen ab. Zum Beispiel muss man sich die Frage stellen, welche Motive die Zentralbanken eigentlich für ihre expansive Geldpolitik hatten…

  • Kammerjäger

    Da haben Sie aber eine ganze Reihe inhaltlicher Fehler drin.

    Fangen wir einmal mit dem Ölpreis an, weil der Ölmarkt ein gutes Beispiel für einen versagenden, weil manipulierten Markt ist. Der Ölpreis wird, das wird ihnen jeder marktnahe Händler bestätigen, nicht am Spotmarkt durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern durch den Terminmarkt, der ein vielfaches Volumen des Spotmarktes betrifft. Der Spotpreis kann dabei in aller Regel nicht unter Terminpreis plus den Cost of Carry fallen.

    Für die Produzenten ist es ein leichtes am Terminmarkt massiv long zu gehen, weil der Gegenpartei bei einer evtl. Reallieferung nichts anderes übrig bleibt, als genau bei diesen Produzenten ggf. für die Lieferung einzudecken. Und auf der Produzentenseite Seite stehen eine Reihe großer Adressen. Wenn sich die Presse diesen Anstieg nicht erklären kann, liegt das an der schlechten Ausbildung der Redakteure, die immer noch an das neoklassische Axiom des effizienten Markt glauben.

    Zweitens: Die Geldpolitik ist zum Beispiel in Japan seit 20 Jahren expansiv, ohne dass es zur Inflation kommt. Warum kann die neoklassische Ökonomie das nicht erklären? Ich gebe ihnen mal zwei Gründe:

    (1) Die Quantitätsgleichung ist nur gültig unter der Annahmne, das die Geldumlaufgeschwindigkeit konstant ist. Genau das ist aber empirisch nicht der Fall.

    (2) Der Multiplaktoreffekt der Geldschöpfung nur ein Modell, dass ein Maximal einer möglichen Geldschöpfung unter statischen Bedingungen beschreibt. Dynamisch (und einfach belegbar durch die praktische Wirklichkeit) wird die Geldschöpfung aber gar nicht von den Zentralbanken bestimmt, sondern die Geschäftsbanken vergeben die Kredite und besorgen sich danach die notwendigen Reserven. D.h. in der Praxis besteht die statische Obergrenze überhaupt nicht –> Theorie der endogegen Geldschöpfung.

    Drittens: Die EZB betreibt keine expansive Geldpolitik. Die Zentralbankbilanz schrumpft derzeit.

    Viertens zur Markteffizienz: Man weiß seit den 70er jahren, dass die mikroökonomischen Nachfragekurven Polynome n-ten Gerades sind, und es deshalb multiple Gleichgewichstpunkte gibt (Mantel-Sonnenschein-Debreau-Theorem). Damit ist die neoklassische Gleichgewichtstheorie und eigentlich wiederlegt.

    (Die Angebotskurve lässt sich übrigens überhaupt nicht konstruieren, aber das ist etwas zu kompliziert zu erklären).

  • Dan Chris

    “Aufgrund der unterschiedlichen Bonität… Das ist ein Konzept, das
    vorsieht, dass Schuldner, deren Ausfallrisiko hoch ist, dies durch
    höhere Zinsen bezahlt.”

    Stimmt genau und es zeugt, dass die Geldmenge nicht vom Leitzins abhängt, denn der ist für beide Länder gleich.

    “aber die Ursache liegt meiner Meinung nach nicht darin, dass das Modell eines Marktes falsch ist.”
    Das Problem ist, dass die Annahme das der Markt knappe Ressourcen immer optimal allokiert ein Axiom ist. Es lässt sich nicht empirisch belegen.