Unsozial sind öffentliche Verschwendung, das Setzen von Fehlanreizen und Leistungsversprechen zulasten unbeteiligter Dritter. Otto Graf Lambsdorff, (1926 - 2009), deutscher Politiker, Bundesminister für Wirtschaft, Bundesvorsitzender der FDP

5 ArbeitsmarktEuropa

Aufstand der Abgehängten

Die EU versucht die Arbeitslosigkeit in Girff zu kriegen. Bislang ohne Erfolg.Die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist eine Bedrohung für Europa. Im Kampf für mehr Jobs verlässt sich die Politik noch immer zu stark auf öffentliche Programme – anstatt den Unternehmen größere Freiräume zu gewähren.

(mehr …)

Nun haben es endlich auch die europäischen Eliten bemerkt: Die rasant steigende Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern der EU ist politisch hoch brisant. Im Süden Europas und in Frankreich sind so viele Jugendliche arbeitslos wie noch nie, in Griechenland sind es gar 60 Prozent. Diese Abgehängten dürften bald aufbegehren – oder abwandern. Beides muss verhindert werden.

Dazu haben europäische Politiker auf einer hochrangig besetzten Konferenz darüber gesprochen, wie die Jugendarbeitslosigkeit sinken kann. Die deutschen und französischen Arbeits- und Finanzminister haben ihre Vorstellungen gleich als „New Deal“ angepriesen.

Was aber haben sie vor? Und was ist davon zu halten?

Positiv ist, dass die Politik das Thema überhaupt auf die Agenda setzt. Ebenfalls zu begrüßen ist die klare Aussage, dass Europas Staatsschuldenkrise mit Konsolidierung und Strukturreformen begegnet werden muss. Auch wird zu Recht betont, wie bedeutend Bildung und vor allem die duale Ausbildung nach deutschem Muster sind.

Die aufgezeigten Auswege aber überzeugen nicht. Mit 60 Milliarden Euro soll die Europäische Investitionsbank Firmen in Südeuropa und Frankreich unterstützen, die junge Leute beschäftigen wollen. Als wäre das ein  Problem fehlenden Geldes – die EZB hat die Banken mit Liquidität vollgepumpt. Sie geben sie nur nicht weiter, weil die Unternehmen nicht wettbewerbsfähig sind. Und das ist politisch bedingt.

Auch sollen mit Geld aus den EU-Strukturfonds Arbeitsplätze in den am stärksten betroffenen Ländern entstehen. Die Erfahrung lehrt indes, dass die Strukturfonds vor allem eines schaffen: Strukturen werden zementiert. Europa macht die Regionen abhängig vom Geld, wettbewerbsfähige Arbeitsplätze entstehen dort kaum.

Als drittes Gegenmittel soll die Europarats-Initiative „Chancen für junge Menschen“ umgesetzt werden, die vor allem auf Schul- und Hochschulabgänger sowie gerade arbeitslos gewordene junge Menschen zielt. Sie sollen Job, Ausbildung, Praktikum oder Weiterbildung erhalten. Weil Unternehmen das nicht anbieten, sind staatliche oder halbstaatliche Arbeitgeber gefragt. Am Ende stehen so Ausbildungen und Einstellungen am Markt vorbei.

Man sollte meinen, dass den Politikern nun die Nebenwirkungen verschleppter Staatspleiten und aufgeschobener Strukturreformen auffallen. Doch ihre Schlüsse sind nur halbherzig. Die Jugend braucht Zugang zum ersten Arbeitsmarkt, ohne ABM, subventionierte Kredite oder Strukturpolitik.

Die Lösung ist zugleich einfach und schwierig: Die Arbeitsmärkte in den betroffenen Ländern müssen gründlich reformiert werden. Lockerung des Kündigungsschutzes, Mindestlöhne aussetzen oder senken, Dienstleistungsmärkte deregulieren. Das klingt zwar recht simpel und war regelmäßig sehr erfolgreich. Jedoch muss die Politik eine sehr gut organisierte Gruppe von Arbeitsplatzbesitzern überwinden, die um ihre Privilegien fürchten – und die vor allem Wähler sind.

Löst die Politik dieses Problem jedoch nicht, bleiben alle anderen Maßnahmen Makulatur. Sicher wird die demographische Entwicklung in einigen Ländern helfen, die Jugendarbeitslosigkeit zu senken. Aber diese Zeit hat Europa nicht. Die Jugend braucht jetzt Arbeitsplätze.


Eine längere Fassung dieses Beitrags ist auf WiWo.de erschienen.

  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

    Alle Beiträge

  • Dan Chris

    “Das klingt zwar recht simpel und war regelmäßig sehr erfolgreich.”
    Wo und zu welchem Preis? Ich finde es erstaunlich, dass ein Professor (ein Beamter) sich über die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, sinkende Löhne und Privilegien, und den Kündigungsschutz auslässt.

  • yota berlin

    Falsche Diagnose – falsche Therapie. Wo sind die Ursachen?
    Ich habe gerade gelesen, dass in Italien pro Tag 1000 Unternehmen Konkurs anmelden. In den anderen Süd-Ländern wird es wohl ähnlich aussehen. Komisch dass dies nicht thematisiert wird. Die Lösungsansätze Arbeitsmärkte reformieren, Kündigungsschutz lockern, Mindestlöhne aussetzen, Dienstleistungsmärkte deregulieren sind ja offensichtlich nur auf den Arbeitsmarkt fokussiert, aber wenn keine Nachfrage vorhanden ist, gehen Firmen pleite und die Arbeit ist weg. Weder Politiker noch Professoren und
    Wirtschaftsjournalisten wollen das Ganze sehen. Die Süd-Länder (inkl. Frankreich) müssen wieder wettbewerbsfähig werden. Die interne Abwertung ist zu schmerzhaft und dauert zu lange. Daher hilft nur eine externe Abwertung und dafür braucht es nationale Währungen. So einfach ist das.

  • DieKleinanleger.com

    “Die Lösung ist zugleich einfach und schwierig: Die Arbeitsmärkte in den
    betroffenen Ländern müssen gründlich reformiert werden. Lockerung des
    Kündigungsschutzes, Mindestlöhne aussetzen oder senken,
    Dienstleistungsmärkte deregulieren.”

    Klar, wenn es verkrustete Strukturen gibt, die Wirtschaftswachsum verhindern gehört reformiert – aber welche Aussichten haben den bitte Junge Menschen, wenn Sie nur arbeit bekommen, wenn sie dafür keinen/wenig Kündigungsschutz haben,und mies dafür bezahlt werden.
    Dann bleiben Unsicherheit und finanzielle Probleme auch trotz Arbeitsplatz erhalten. Eine Liberalisierung wird meiner Meinung nach das Problem nicht lösen – viel mehr können tatsächlich gut durdachte EU-Investitionsprogramme beweriken. Auch wenn das Geld kosten mach, das die EU zurzeit nicht ausgeben möchte – aber was gibt es Schlimmers für die Zunkunft eines Landes, wenn deren Jugend keine Perspektive sieht und im Leben keine Aufgabe hat…

  • Kammerjäger

    Sie widersprechen den eigenen Thesen der effiziente Märkte. Warum brauchen Banken eigentlich Ratingagenturen? Würde ein effizienter Markt nicht Anleihen quasi automatsich richtig bepreisen? Müssten Banken nicht theoretisch selbstätig in der Lage sein ihre Risiken abzuschätzen. Oder brauchen wir bei der nächsten Krise wieder eine Entschuldigung, niemand hätte das kommen sehen (2008 waren vor Lehman die einschlägigen Wirtschaftsblogs voll mit Warnungen vor zu geringen Eigenkapitaldecken und risikohaften Ausleihungen der Banken. “Konnte man nicht kommen sehen” galt nur für unsere “Elite” im Elfenbeinturm)

    Aber man kann aus dem Artikel den Eindruck auch so gut gewinnen, wie die Deutschen VWL Fakultäten von der Außenwelt abgeschnitten auf dem Mond angesiedelt sind. War die Bankenkrise nicht dadurch verursacht, dass die Ratingagenturen nicht in der Lage waren, adäquate Ratings zu vergeben? Und fünf Jahre nach der Lehmanpleite ist die Nachricht an der Internationalen Hochschule Bad Honnef immer noch nicht angekommen.

    Auch sonst scheint die VWL die Analyse von Daten nicht mehr als Teil der wissenschaftlichen Arbeitens zu sehen? Wie viel Ausfälle gab es denn im Bereich Staatsanleihen, und wie viele im ausgefallene Forderungen an Subprimekrediten, Immobilien, and Collateral Debt Obligations, an Forderungen gegen Banken? Wer hat als erstes kläglich versagt? Die Banken und die dahinter stehende Lehre an den Universitäten mit dem Glaube an Basel II.

    Im Kern ist die Bankenkrise verursacht durch eine Subbrainkrise der Volkswirtschatslehre, und bis heute sind die Ursachen nicht angegangen.

  • Kammerjäger

    Sorry, unterer Kommentar gehört zu einem anderen Artikel