Wenn der Bauer will, dass ihm seine Kuh anständig Milch gibt, muss er dafür sorgen, dass sie auch genug zu fressen hat. Peter Bofinger, *1954, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung - Wirtschaftsweiser

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Schwache stärken

Die Mittelschicht in Deutschland hat sich kaum verändert.Die Diskussion um soziale Gerechtigkeit wird in Deutschland oftmals kontrovers und emotional geführt. Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer – so heißt es oft. Doch was sagen die Fakten? Und wie lässt sich Armut effizient vermeiden?

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Wenn in Deutschland über Gerechtigkeit diskutiert wird, dreht sich die Debatte meistens um Einkommen, Vermögen und die Schere zwischen arm und reich. Daran gemessen geht es in Deutschland sogar ziemlich gerecht zu. Fakt ist: Die Mittelschicht ist sehr ausgeprägt. Gut die Hälfte der Bevölkerung gehört dazu und bezieht ein Einkommen, das zwischen 80 und 150 Prozent des mittleren Einkommens liegt.

Ein Baustein unserer Gesellschaft ist, dass starke Schultern mehr Last tragen als schwache. Unser progressives Steuersystem sorgt genau dafür – und das sehr effektiv. Im EU-Vergleich wird in Deutschland überdurchschnittlich viel umverteilt. Die einkommensschwächsten 20 Prozent der Bevölkerung erhalten fast die Hälfte ihres Einkommens als Nettotransfer.

Man darf allerdings nie vergessen: Um umverteilen zu können, müssen notwendigerweise Steuern erhoben werden. Dies führt zu Verzerrungen von Preisen und ökonomisch unerwünschten Ausweichreaktionen. Die Kunst ist es, die Balance zwischen Umverteilung und Steuererhebung zu wahren. Denn bevor der Kuchen verteilt werden kann, muss er erst erwirtschaftet werden.

Die Steuereinnahmen in Deutschland eilen von Rekord zu Rekord. Wir benötigen keine neuen Steuerquellen – weder um das Staatsäckel zu füllen, noch um mehr Gerechtigkeit herzustellen. Die Wiedereinführung der Vermögensteuer wäre folglich nicht nur unnötig, sondern auch kontraproduktiv. Sie würde den Unternehmen ihre wirtschaftliche Grundlage entziehen und Arbeitsplätze gefährden.

Das geeignetste Mittel gegen Armut ist ohnehin ein anderes: Bildung! Schulische Ausbildung und berufliche Qualifikation sind die Grundlagen, um Teil des Arbeitsmarktes zu werden und damit der beste Schutz gegen Armut. Gleichzeitig schafft Bildung die Vorrausetzung für soziale Mobilität und Chancengerechtigkeit. Betrachtet man die Gruppe der armutsgefährdeten Personen in Deutschland – das sind vor allem Alleinstehende, Personen mit Migrationshintergrund,  Alleinerziehende und Arbeitslose – wird deutlich: Soll die Armutsquote in Deutschland nachhaltig verringert werden, brauchen wir neben einem weiterhin flexiblen Arbeitsmarkt auch eine gute Bildungsinfrastruktur. Durch Bildung können die Schwachen gestärkt und der Zugang zum Arbeitsmarkt geschaffen werden. Gleiche Startchancen für alle: das ist gerecht!


Dieser Beitrag ist in einer längeren Fassung in einer Sonderausgabe der WirtschaftsWoche erschienen.

  • Autor

    Prof. Dr. Michael Hüther

    ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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  • Dan Chris

    Mehrere Anmerkungen zum Text von meiner Seite. Erst einmal ist es gut, dass der Median betrachtet wird. Dennoch widerlegt das Schaubild nicht die Aussage die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer Reicher. Wenn der Median gleich bleibt, und die unteren 14.6% die Hälfte ihres Einkommens verlieren würden und es auf die oberen 3.5% aufgeschlagen wird, dann ändert sich am Schaubild nichts. Dennoch sind die Reichen reicher geworden.

    Erschwerend kommt hinzu, dass der Median eben nicht gleich geblieben ist. Er ist von anfang der 90er – 2000er gestiegen und dann leicht gesunken. Eine Umverteilung ist also durchaus möglich.

    “Das geeignetste Mittel gegen Armut ist ohnehin ein anderes: Bildung!
    Schulische Ausbildung und berufliche Qualifikation sind die Grundlagen, um Teil des Arbeitsmarktes zu werden und damit der beste Schutz gegen Armut.”

    Leider ist diese Aussage nur teilweise richtig. Bildung ist eine relative Größe. Wenn alle Abitur machen, dann sind alle gebildeter, aber die Arbeits- und Lohnverteilung wird sich nicht ändern. Wenn dann alle studieren, dann putzt ein Arzt die Häuser, da es zu viele gibt. Er wird aber nicht mehr Geld fürs putzen bekommen. Bildung hilft also nur partiell.

    “Gleiche Startchancen für alle: das ist gerecht!”
    Eine nette aber absurde Forderung. Nehmen wir an alle Kinder erhalten die gleiche Bildung. Sie leben dennoch nicht in gleichartigen Stadtteilen, sie erhalten nicht die gleich gute Ernährung, außerschulische Bildungs- und Sportangebote sind ungleich verteilt. Die Netzwerke der Eltern sind auch nicht gerade unwichtig. Die Startchancen sind nicht gleich. Man wird sie auch nicht gleich bekommen in einer ungleichen Gesellschaft. Wie soll das gehen, wenn die wohlhabendsten Personen ihre Kinder in private Schulen schicken und gleichzeitig Steuerzahlungen vermeiden? Wieso sollten diese Menschen ein Interesse daran haben, dass öffentliche Schulen gut funktionieren. Selbst wenn man annimmt, dass die Spendenbereitschaft steigt, so würden diese Menschen eher in Bereichen Spenden, welche interessant für den Spender sind (Ausbildungsstätte der Kinder, eigener Sportverein, kulturelle Einrichtungen die man besucht, etc.). Eine etwas gleichere Gesellschaft führt zu mehr Chancengleichheit. Die Stadtteile sind deutlich durchmischter (keine Trennung zwischen Arbeitlosen und Akademikern). Man lebt wieder miteinander und nicht nebeneinander.

  • Niels Dettenbach

    Sorry, aber “Steuergerechtigkeit” gab es vielleicht noch eher (in Ansätzen) im Mittelalter, als noch jeder seinen “Zehnt” (also ein Zehntel seines Einkommens = 10% fix) abzuführen hatte. Durch einen fixen Prozentsatz wurde jeder gemäß seinen Möglichkeiten und Einkommensverhältnissen, seiner Wirtschaftsleistung gleich “gerecht” behandelt.

    Wir heute aber bewegen uns hin zu einem Staatsystem, in dem das Einkommen eines jeden ein ihm gewährter Rest seiner Leistung von Staates (oder der “Mehrheit”) Gnaden ist. Nachdem sich jeder ordentlich bedient hat, darf auch der Einkommensstarke noch ein bischen “Bonus” behalten. Und geht es nach den wieder stärker werdenden Staasis, dann ist es eh “ungerecht”, das jemand mehr Einkommen hat als ein anderer.

    Sorry, aber ich kann nicht erkennen, auf welcher sachlichen, rationalen Basis die stetig ausgebaute “Unfairteilung” legitimiert werden konnte und wird. Gleichstellung vor dem Recht bedeutet Gleichstellung vor dem Gesetz – und nicht dem Einkommen oder gar Vermögen. Ich finde es bedenklich, das ein Gutteil der Menschheit offensichtlich immer noch nichts aus der Geschichte gelernt hat und den alten Wiedergängern von Marx & Co. auf den Leim geht. Erst wenn der letzte Euro “umfairteilt” ist, wird man einmal mehr merken, das halbwegs nachhaötiger (also nicht nur kurzzeitiger) Wohlstand nicht von Geld und Vermögen kommt, sondern durch persönliche Leistung und Verantwortung. Die aber kann dem Bürger kein Staat abnehmen.

  • Dan Chris

    “Sorry, aber ich kann nicht erkennen, auf welcher sachlichen, rationalen
    Basis die stetig ausgebaute “Unfairteilung” legitimiert werden konnte
    und wird.”

    Gegenfrage, was legitimiert denn die extreme Ungleichverteilung? Woher kommen die Vermögen. Haben reiche Menschen nicht massiv von der Gesellschaft profitiert (Bildung, Forschung (und zwar jede auch die vergangene auf der aufgebaut wird), Rechtssicherheit (auch Eigentumsrechte), usw.)? Die Frage ist immer wer mehr bei der Umverteilung gewinnt. Der Arme oder der Reiche. Der Reiche verliert nur einige Prozent seines Einkommens, der Arme seine Motivation gegen die Ungerechtigkeit auf die Straße zu gehen.

    “Ich finde es bedenklich, das ein Gutteil der Menschheit offensichtlich immer noch nichts aus der Geschichte gelernt hat und den alten Wiedergängern von Marx & Co. auf den Leim geht.”
    Die alte Leier. Der Kapitalismus wird auch nicht abgelehnt, nur weil Pinochet in Chile Menschen ermorden ließ. Ebenso kann man fragen, warum ein Gutteil der Menschen immer noch Machtkonzentrationen von kleinen Eliten zulässt. Diese Konzentration von Macht bringt Probleme. Dabei stellt sich nicht wirklich die Frage ob diese Macht staatlich oder privatwirtschaftlicher Natur ist.

  • pasbaxo

    Nutzlose Bildungen eliminieren und gleiches Lohn bei gleicher Anzahl der Arbeitsstunden ohne Rucksicht auf Art der Funktion , zusammen mit Wiedereinfuhrung der Vermogenssteuer ware noch moglich ,
    aber durfen eine neue Bezahlungsfunktion bei Monetarfassung nicht vernachlassigen.

  • Stefan Wehmeier

    “Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, dass der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muss, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das heute auf Seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf
    die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, dass man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut.”

    Silvio Gesell

    Das wird die “hohe Politik” bis zum Jüngsten Tag nicht mehr begreifen. Die einzig wahre Gerechtigkeit ist die Marktgerechtigkeit:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/02/marktgerechtigkeit.html