Was Wachstum schafft, darf sehr wohl mit Schulden finanziert werden. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

12 Soziales

Mindestlohn: Ineffizient und beschäftigungsfeindlich

Ein Mindestlohn von 8,50 Euro wäre im Vergleich zum durchschnittlichen Einkommen ein Spitzenwert.Kaum eine wirtschaftspolitische Idee ist so umstritten wie der Mindestlohn. Die Gefahr, dass damit  unsere Volkswirtschaft gefährdet würde, ist groß. Darüber hinaus käme er in den seltensten Fällen denjenigen zu Gute, denen eigentlich damit geholfen werden soll.

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Vor der Bundestagswahl ist wieder einmal die Diskussion entflammt, ob Deutschland einen Mindestlohn braucht oder nicht. Die Befürworter sehen darin ein Instrument zur wirksamen Bekämpfung von Armut.

Die Wahrheit ist allerdings, dass ein Mindestlohn kaum denjenigen hilft, für die er eingeführt wird – nämlich denjenigen, die voll arbeiten und trotzdem nicht von ihrem Gehalt leben können. Beispielsweise gelten nicht einmal ein Fünftel der Niedriglohnempfänger mit einem Stundenlohn unter 8,50 Euro als arm. Warum? Die meisten davon sind verheiratet und verdienen etwas zum höheren Verdienst des Partners hinzu.

Zudem sind für die sogenannten Aufstocker niedrige Stundenlöhne meist nicht der Grund, weshalb sie Arbeitslosengeld II in Anspruch nehmen müssen: Mehr als die Hälfte der Hartz-IV-Aufstocker arbeitet weniger als 15 Stunden pro Woche. Sie bessern also nicht den Lohn mit der staatlichen Unterstützung auf, sondern die Stütze mit Arbeit.

An noch einer weiteren Gruppe würde der Mindestlohn vorbei zielen: Familien haben einen hohen ALG-II-Anspruch. Sie würden selbst dann noch einen Zuschuss erhalten, wenn der Mindestlohn ihr Arbeitseinkommen aufbessern würde.

Bleiben nur noch die alleinstehenden Geringverdiener, die tatsächlich allein wegen ihres niedrigen Stundenlohns unterstützt würden. Meist sind sie gering qualifiziert. Müssten ihre Arbeitgeber Mindestlöhne zahlen, gehörten ihre Stellen schnell zu den Streichposten.

Es gibt stapelweise Studien über die Auswirkungen von Mindestlöhnen auf die Beschäftigung. 56 Prozent kommen zu dem Ergebnis, dass er einen negativen Effekt auf die Beschäftigung hat. Nur 9 Prozent der internationalen Studien stellen eine positive Wirkung fest.

Die Politiker aller Parteien sollten wissen: Ein gesetzlicher Mindestlohn ist beschäftigungsschädlich und verteilungspolitisch ineffizient. Doch nichts ist offenkundig beharrlicher, als eine einmal zurecht gelegte Ideologie.

  • Autor

    Prof. Dr. Michael Hüther

    ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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  • Dan Chris

    “56 Prozent kommen zu dem Ergebnis, dass er einen negativen Effekt auf
    die Beschäftigung hat. Nur 9 Prozent der internationalen Studien stellen
    eine positive Wirkung fest.”

    44% der Studien zeigen also, dass keine negativen Effekte eintreten. Für mich zeigt das, dass man die Wirkung der Mindestlöhne nicht abschätzen kann.

    “Doch nichts ist offenkundig beharrlicher, als eine einmal zurecht gelegte Ideologie.”
    Stimmt Herr Hüther, sie zeigen wie es geht. Sie stellen keine Zahlen vor, sie verweisen auf keine Studien, sie stellen Behauptungen auf, nichts weiter.

  • Verein Aufbruch Zukunft

    http://www.AufbruchZukunft.info schreibt dazu: Sicherlich sind wir uns alle annähernd einig darüber, dass es sich weder von 5 noch von 8,50 oder 10 Euro je Stunde luxuriös leben lässt und wir in Vollzeit arbeitenden Bürgern ein höheres Einkommen gönnen würden. Woher kommen denn dann all die Ökonomen-Stimmen, die zur Vorsicht mahnen und zumindest ein vorsichtiges herantasten an einen UNSCHÄDLICHEN Mindestlohn fordern?

    Zuerst einmal gilt es festzuhalten, dass alle bisherigen und zukünftigen Löhne und Gehälter der gesamten Bevölkerung nur ein mal ausgegeben werden können. Die bisher niedrig bezahlten Tätigkeiten werden zwangsläufig sich etwas verteuern müssen, man kann durchaus sagen, auf den eigentlichen WERT dieser Tätigkeiten. Gleichzeitig entsteht daraus jedoch die Problematik, dass durch das nur ein mal zur Verfügung stehende Geld die Bürger weniger dieser Dienstleistungen in Anspruch nehmen können oder, falls das nicht möglich ist (schließlich kann man nicht nur noch alle 6 Monate zum Friseur etc. gehen), Ausweicheinsparungen in anderen Lebensbereichen, also auch in den bisher bereits gut bezahlten, vorgenommen werden müssen.

    Hieraus resultiert zwangsläufig ein Überschuss an Arbeitnehmern in diversen Branchen (also nicht nur im Niedriglohnbereich), der natürlich in jedem einzelnen Betrieb nicht signifikant zu Tage treten wird, dessen Gesamtvolumen über alle Branchen hinweg jedoch GENAU der Lohnmenge entsprechen wird, um die die bisherigen Löhne im Niedriglohnbereich aufgestockt werden müssen um den noch festzulegenden Mindestlohn zu erreichen. Für schätzungsweise 80-90% der Menschen, die bislang Löhne unterhalb des Mindestlohnes erhalten, wird dessen Einführung zu einer Lohnerhöhung und damit zu besseren Lebensbedingungen führen. Für 10-20% führt der Mindestlohn allerdings zu Arbeitslosigkeit und für 100% aller bereits über dem Mindestlohn arbeitenden führt er zu einem leichten Kaufkraftschwund. Als Resultat werden wir deutlich weniger Aufstocker und einige Hunderttausend mehr Arbeitslose sehen. Das staatliche Sozialwesen wird ziemlich genau den Betrag, den es durch die weniger werdenden Aufstocker einspaart, in das Mehr an Arbeitslosen rückfließen lassen müssen. Alle nicht vom Mindestlohn betroffenen, können sich für ihr gleiches Gehalt zukünftig also etwas weniger leisten, falls sogar mehr Niedriglöhner ihren Job verlieren sollten, werden die Sozialkosten für ALLE steigen und in Summe zu weiteren Kaufkraft- und Arbeitsplatzverlusten führen. Die Spirale abwärts wäre eröffnet.

    Vielfach wird argumentiert, dass die Lohnsteigerung der Niedriglöhner zu einer verbesserten Nachfrage nach Konsumgütern führte und daraus resultierend, mehr Arbeitsplätze gesichert würden. Das ist jedoch eine Milchmädchenrechnung. Die insgesamt zur Verfügung stehenden Lohnzahlungen incl. Sozialleistungen werden sich nicht wesentlich verändern. Es sind nur zukünftig die Mindestlohnbezieher, die das Geld ausgeben können, das bisher von der breiten Masse der über dem Mindestlohn bezahlten Werktätigen ausgegeben werden konnte. Es ist bis zum heutigen Tage allerdings noch nicht absehbar, wie sich die zwangsläufig verschlechternde Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, die bislang Löhne unterhalb des einzuführenden Mindestlohnes zahlen, auf die Nachfrage im In- und- Ausland auswirken wird. Im günstigsten Fall gar nicht, allzu viele exportorientierte Unternehmen werden wohl nicht betroffen sein, dennoch sollte man sich bewusst sein, dass auch dem polnischen Gastarbeiter in Görlitz nun statt 5/6/7 Euro/h zukünftig 8,50-10 Euro/h zu zahlen sind. Ich möchte nicht mißverstanden werden, ich gönne auch dem Polen für identische Arbeit identisches Geld, jedoch gebe ich zu bedenken, dass der polnische Mindestlohn im Jahr 2013 bei 2,21 Euro/h liegt und dementsprechend die grundsätzliche Reisebereitschaft aus unserem Nachbarland noch ein wenig zunehmen wird und wir hier Kaufkraft ins Ausland verschieben. Hauptleidtragende werden die weniger gut gebildeten Ostdeutschen sein. Ich prognostiziere sogar einen Rückgang der Kaufkraft Ostdeutschlands und eine sich weiter öffnende Ost-West-Kluft bei Kaufkraft und Arbeitslosenquote, denn die Wettbewerbsfähigkeit Westdeutschlands wird weit weniger betroffen sein, da zum Einen prozentual nur etwa halb soviele Menschen im Westen vom Mindestlohn betroffen sind und zum Anderen, da der Mindestlohn in Frankreich bei 9,43 Euro/h liegt. Es wird keine Heerscharen an Franzosen geben, die sich wegen (bestenfalls) 57 Eurocent/h Unterschied auf den Weg nach Deutschland machen.

    Ein weiteres Problem stellt die Durchsetzbarkeit dar. Schon jetzt schafft der Staat es nicht, gleiche Wirk-Voraussetzungen für alle Unternehmen herzustellen. In diversen Branchen, die im eher schlecht bezahlten Bereich liegen, ist Schwarzarbeit eher die Regel und nicht die Ausnahme. Zukünftig werden weitere Unternehmen versuchen, die Ihnen entstehenden Mehrkosten durch den Mindestlohn so gering wie möglich zu halten, indem man offiziell nicht mehr 160 Stunden a 6,375€ arbeiten lässt sondern 120 Stunden a 8,50€, wer in dieser Zeit seine Arbeit nicht schafft, wird gezwungen sein, unbezahlte Überstunden zu leisten. Pausenzeiten werden reduziert werden, Arbeitspläne werden arbeitnehmerunfreundlicher, Sonder-Gratifikationen werden entfallen. Arbeitgeber, die sich an Recht und Gesetz halten, geraten im Markt in eine schlechtere Konkurrenzsituation und werden durch den mangelnden Schutz vor kriminell arbeitender Konkurrenz als erste den Markt verlassen müssen. Dieses Problem treibt selbst bislang rechtskonforme Arbeitgeber in die Schattenwirtschaft oder den Ruin. Kein Wort aus der Politik, wie man das zu lösen gedenkt.

    Thoralf Kalweit

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  • Dan Chris

    Die ganze Logik in diesem Text beruht darauf, dass sich die Lohnmenge nicht ändert. Jahrelang stiegen die Löhne mit der Produktivität im Gleichschritt. Seit zehn Jahren hängen die Löhne zurück und die Löhne stagnieren. Das heißt eine Lohnänderung durch gezielte Senkung der niedrigen Löhne Dank Hartz4 hat funktioniert. Die andere Richtung soll nicht funktionieren.

    Weiterhin setzt der text voraus, dass der Arbeitsmarkt ein Markt ist. Das ist lächerlich. Sinkende Löhne sollten nach dem Modell zu mehr Arbeit führen. Griechenland zeigt deutlich das dem nicht so ist.

  • Verein Aufbruch Zukunft

    Relativ sinkende Löhne haben gerade bei uns zu der jetzt verhältnismäßig niedrigen Arbeitslosenquote geführt. Die in den Südländern zu schnell und zu stark gestiegenen Löhne brachten Arbeitslosigkeit und schwindende Konkurrenzfähigkeit. Mit den bekannten Folgen. Der Arbeitsmarkt ist eben doch ein Markt, wenn auch zugegebenermaßen mit diversen Einmischungen, die sehr selten hilfreich sind.

  • Verein Aufbruch Zukunft

    Werter Herr Fichl, sicherlich ist ein Mindestlohn an der Grenze zu Holland der 46 Cent unter diesem liegt, nicht schädlich. An der Grenze zu Polen bräuchten wir dann jedoch einen Mindestlohn von 1,75€. (Mindestlohn Polen 2,21€)
    Genau das ist das Problem.

  • Michael Schygulla

    Genau das selbe Gejammere mußten sich die Briten jahrelang anhören, bevor sie den Mindestlohn einführten. Der damalige Erfolg war aber kontra zu der zitierten Statistik, die eventuell das Prädikat gut verdreht erhalten sollte. Ansonsten höre ich von solchen “Wirtschaftspropheten” immer nur das selbe, wie bei einem Pfaffen, beständig sich wiederholend und stillstehend. Oder hat schon jemand im Bereich der Ökonomie etwas epochales von diesen Experten gehört, außer systemkonformes Nachplabbern alter Weisheiten, die sich letztendlich selbst wiederlegt haben.

  • Dan Chris

    “Relativ sinkende Löhne haben gerade bei uns zu der jetzt verhältnismäßig niedrigen Arbeitslosenquote geführt.”

    Aber zu keinem steigendem Arbeitsvolumen. Die Arbeit wurde aufgeteilt. Dazu bedarf es keinen niedrigeren Löhnen.

    “Der Arbeitsmarkt ist eben doch ein Markt”
    Ein Markt setzt eine Wahlmöglichkeit und daraus folgend eine Preisbildung voraus. Beides ist nicht wirklich gegeben. Dank der Hartz Gesetze muss man alle Arbeit annehmen. Dadurch sanken die Löhne. Auf dem Arbeits”markt” kommt es zudem zu dem Effekt, dass sinkende Löhne zu sinkender Nachfrage durch die Unternehmen kommt. Eigentlich sollten preiswertere Arbeitskräfte zu einer steigenden Nachfrage führen. Griechenland zeigt, dass das Unsinn ist. Deutschland hatte bei hohen Lohnsteigerungen in den 50er-60er Jahren Vollbeschäftigung.

  • Dan Chris

    “An der Grenze zu Polen bräuchten wir dann jedoch einen Mindestlohn von 1,75€.”
    Warum? Dazu müsste die Produktivität zwischen Polen und Deutschland gleich sein. Das bestimmte Gewerbe abwandern ist klar. Allerdings wird dadurch die polnische Wirtschaft gestärkt und die Löhne steigen dort. Das kann nur im Interesse der Deutschen sein.

  • Dan Chris

    Hier eine Analyse zu der von Hüther zitierten Quelle.

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=19255

    Die Studie ist mehr als fragwürdig, da wesentliche Teile nicht nachvollziehbar sind.

  • Ralph Krachen

    ja und die schweiz zeigt das steigende löhne zu mehr arbeit führen

  • Rainer Mense

    Es ist einfach lächerlich, was hier abgeht…. die Schere zwischen Arm und Reich ist ständig sich am weiter öffnen…. es ist fast ekelhaft, wie sich die Reichen ständig schamlos bedienen…. Wie kann es sein das man von seiner Hände Arbeit. nicht existieren kann und noch Zusatzleistungen braucht…. da ist doch was faul im System. .. aber solange man das Problem Jahre lang vor sich herschiebt, kann sich nichts ändern…..die Luftnummern sind ineffektiv…..