Arbeit ist häufig der Vater des Vergnügens. François-Marie Arouet Voltaire, 1694-1778, franz. Philosoph und Dichter

2 EuropaWachstum

Gefangen in der Niedrigzins- und Exportfalle

Der deutsche Export boomt und sorgt im europäischen Binnenmarkt regelmäßig für Ärger. Vor allem die Krisenstaaten hätten darunter zu leiden. Wie berechtigt ist die Kritik am deutschen Geschäftsmodell?

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Seit Ausbruch der Eurokrise steht Deutschland wegen seiner Handelsbilanzüberschüsse am Pranger. Die hohen Überschüsse gehen zu Lasten der Krisenstaaten, heißt es. Auch im vergangenen Jahr ist der Wert der exportierten Waren und Dienstleistungen weiter gewachsen und hat im November die 1-Billion-Euro-Marke überschritten. Mit dem Handelsbilanzüberschuss ist ebenfalls die Kritik aus dem Ausland gewachsen.

Theoretisch gilt: Handelsbilanzüberschüsse sind das Ergebnis privater Konsum-, Spar- und Investitionsentscheidungen, die dezentral getroffen werden. Sie spiegeln unterschiedliche Präferenzen bezüglich heutigem und zukünftigem Konsum in einzelnen Volkswirtschaften wider. Richtig ist aber auch, dass die restriktive Haushaltspolitik Deutschlands gepaart mit der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank seit der Jahrtausendwende ihren Teil zu den exzessiv hohen Überschüssen beigetragen hat.

Seit der Jahrtausendwende war in Deutschland durch öffentliche Ausgabenzurückhaltung und Restrukturierungen im Unternehmenssektor die Nachfrage nach Kapital gering, während die Europäische Zentralbank (EZB) durch Zinssenkungen die Kreditvergabe begünstigte. Die wachsenden deutschen Sparüberschüsse flossen über deutsche Banken ins Ausland ab. Die Kredite wurden insbesondere in den späteren europäischen Krisenländern und den USA zum Kauf deutscher Güter genutzt. So konnte der deutsche Export seit der Jahrtausendwende einen Rekord nach dem anderen erklimmen.

Dies hat zwar Arbeitsplätze geschaffen, aber die Anlage der deutschen Ersparnisse im Ausland war risikoreich. Denn die deutschen Ersparnisse haben beflügelt von billigem Zentralbankgeld spekulative Blasen und Konsum angeheizt. Mit dem Platzen dieser Blasen wurde ein Großteil der deutschen Ersparnisse entwertet – bis heute mind. 426 Milliarden Euro. Viele Banken, insbesondere Landesbanken, mussten durch Steuergelder und billige Liquidität der Europäischen Zentralbank gerettet werden.

Es ist ein Teufelskreis: Denn die erneute Liquiditätsausweitung der EZB gepaart mit einer weiterhin vergleichsweise restriktiven deutschen Finanzpolitik, erhält die deutschen Kapitalabflüsse und damit Handelsüberschüsse aufrecht. Zwar haben die Reformen in den Krisenländern Konsum, Importe und damit deren Handelsbilanzdefizite drastisch reduziert, doch werden die deutschen Kapitalexporte nun insbesondere nach Frankreich, USA und Großbritannien umgeleitet.

In Frankreich dämpfen die Kapitalzuflüsse vor allem den Reformeifer. Das Land zeigt bereits ähnliche Strukturmerkmale wie die Euro-Krisenländer vor der Krise. Wohin die deutschen Ersparnisse von den New Yorker und Londoner Kapitalmärkten aus fließen, ist ungewiss. Doch zeichnet sich eine Blase auf den globalen Aktienmärkten und den Märkten für oft risikoreiche Unternehmensanleihen ab. Die Gefahr neuer Verluste für deutsche Banken und Sparer steigt. 2013 wurden ca. 126 Milliarden Euro ins Ausland geschafft, die im Fall einer Krise eher als Transfer als als Kredit zu betrachten sind. Für 2014 wird voraussichtlich eine ähnliche Summe ins Ausland fließt.

Der Ausweg führt nur über höhere Leitzinsen der EZB, die das Risiko der spekulativen Blasen auf den globalen Finanzmärkten reduzieren würden. Da dies mit Blick auf die Wirtschaftslage in den Eurokrisenländern politisch unmöglich erscheint (Niedrigzinsfalle), können die deutschen Ersparnisse als zweitbeste Lösung nur über vermehrte staatliche Investitionen gesichert werden. Die Sanierung von Straßen, der Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes für Züge oder die Sanierung von Stadtkernen nach französischem Muster würden dem deutschen Sparer und Steuerzahler langfristig Nutzen stiften.

Dem stehen jedoch die Prinzipien deutscher Sparsamkeit und der verschärften europäischen Schuldenüberwachung gegenüber. In einer Welt im Überfluss verfügbarer Zentralbankliquidität scheint das Verfeuern deutscher Ersparnisse deshalb das einzig politisch mögliche Wachstumsmodell – auch wenn es für eine alternde Gesellschaft wenig sinnvoll erscheint (Exportfalle). Vielmehr könnte es die bessere Lösung für die Kritiker deutscher Handelsüberschüsse sein. Denn würden beispielsweise in Frankreich die deutschen Kapitalzuflüsse ausbleiben, würde das Land wie die heutigen Krisenländer in die Austerität gestürzt.


Eine auführlichere Analyse können Sie hier downloaden.

  • Autor

    Prof. Dr. Gunther Schnabl

    ist Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig.

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  • Bernd L.Mueller

    “…… insbesondere Landesbanken …” mußten durch Steuergelder gerettet werden.

    So ist es, abschreckende Beispiel ist West LB, hier wurden annähernd 25 Milliarden € sinnlos verzockt. Aufsichtsrat war u.a. ? Richtig, Peer Steinbrück.

    Themenbeitrag von Prof. Gunther Schnabl ist derart komplex, enthält Konglomerat von Problemen, ambivalenten Vorschlägen zur Lösung daß Antwort als Kommentar nicht möglich scheint, auch der Sachverstand mit Hintergrund fehlt.

    Kritik an den Exportüberschüssen Deutschlands ist aus Sicht der Industrie – hier Produktion – inakzeptabel , nicht gerechtfertigt, und hier ist Unterzeichner Sachkundiger.

    Für deutsche Exportüberschüsse sind I m p o r t e u.a. aus Nachbarländern Europas erforderlich, ohne die z.B. in NL, France, Austria, DK, GB etc. die Lichter ausgingen.

    Und nach Italien gingen u.a. unwiderbringbar v e r l o r e n deutsche Arbeitsplätze aus Sitzmöbelindustrie, Schuhe, Holzbearbeitungsmaschinen, Bekleidung etc.

    Unsere Geschäftsbeziehungen mit ausl. Partnern – besonders mit Europäern – beruhen mehrheitlich auf b e i d s e i t i g e m Warenaustausch einschl. Dienstleistungen.

    Wenn Banken einschl. Sparkassen, Privatsparer aus der Finanzkrise noch immer keine Lehren gezogen haben – siehe Artikel oben – fasst man sich an den Kopf.

    Wiederholung auch durch unsere lieben Rentner, die gierig auf 8 bis 10 % Rendite in Irland gezockt haben, dann voraussehbare Pleite / Anlegerrisiko auf deutschen Steuerzahler abgeschoben haben ?

    Angela Merkel sei Dank.

    Verfeuern deutscher Ersparnisse als einziges Wachstumsmodell, erscheint mir ein Witz.

    Wir in der mittelständischen Industrie – Konzerne haben eine andere Strategie – investieren gezielt, mit Augenmaß – Afa, Kredite müssen abzahlbar bleiben wg. Schuldenfalle – in Innovationen, Maschinen, Vorrichtungen etc. zur Erhaltung unserer Wettbewerbsfähigkeit, das macht uns stark für die Zukunft.

    Und diese Werte bleiben auch n a c h einem Crash, n a c h einem evtl. Auseinanderbrechen des € wg. GB etc.

    Wer privat mag, kaufe Immobilien und Küchen.

  • Dan Chris

    “Der Ausweg führt nur über höhere Leitzinsen der EZB, die das Risiko der
    spekulativen Blasen auf den globalen Finanzmärkten reduzieren würden.”

    Höhere Leitzinsen würden am Grundproblem des Exportüberschusses in Deutschland nichts ändern. Deutschland hat, Dank der Angenda 2010, die Löhne stagnieren lassen. Somit stieg die Wettbewerbsfähigkeit. Die Zielinflationsrate der EZB von 2% wurde in Deutschland nicht erreicht, in Frankreich schon. D.h. wir haben uns nicht an die Ziele gehalten und meckern jetzt über Frankreich.

    “können die deutschen Ersparnisse als zweitbeste Lösung nur über vermehrte staatliche Investitionen gesichert werden.”
    Da eine Erhöhung der Staatsausgaben verpönt ist, wird das nicht passieren. Denn vermehrte Investitionen ohne eine Steigerung der Ausgaben bringt für die Bilanz erst einmal gar nichts. Es wäre wahrscheinlich sogar mittelfristig schlechter. Da die Produktivität gefördert würde. Bei stagnierenden Löhne wird der Abstand noch größer.

    “Denn würden beispielsweise in Frankreich die deutschen Kapitalzuflüsse
    ausbleiben, würde das Land wie die heutigen Krisenländer in die
    Austerität gestürzt.”
    Die Austrität in den Krisenländern ist entstanden, weil ihnen absurde Kürzungsprogramme abverlangt wurden.