Wettbewerb hält die Welt in Gang. William Harrison Faulkner, 1897-1962, us-amerikanischer Schriftsteller

3 ArbeitsmarktEuropaWachstum

Armutszuwanderung ist die absolute Ausnahme

Die Zuwanderer in Deutschland stammen vor allem aus EU Staaten und der Türkei.Die Angst vor der Zuwanderung in das deutsche Sozialsystem ist durch Fakten nicht zu begründen: Gerade einmal drei Prozent der EU-Bürger machen von der Freizügigkeit Gebrauch. Und: Unter den drei Prozent befinden sich vor allem gut ausgebildete Fachkräfte, die die Sozialkassen stärken.

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Die aktuelle Diskussion um die Zuwanderung aus Osteuropa ist von einer Furcht vor dem Sozialtourismus geprägt, die gemessen an den Zahlen irrational ist: Von 550 Millionen Menschen in der EU leben gerade einmal 17 Millionen oder drei Prozent in einem anderen EU-Land als ihrem Heimatland. Vor allem vier Gründe bewegen die restlichen 97 Prozent, zu Hause zu bleiben:

  • Zu Hause „arm unter Armen“ zu sein ist leichter, als sich in der Fremde als „arm unter Reichen“ zu fühlen.
  • Aufgrund privater und sozialer Bindungen können viele ihren Alltag nicht aufgeben.
  • Die Erwartung, dass es in der Herkunftsregion ökonomisch bergauf geht, überwiegt.
  • Das ortsspezifische Know-how über die Infrastruktur, die Kultur und soziale Netzwerke müssen im Ausland mühsam neu aufgebaut werden – zu Hause hat man dieses Wissen bereits erworben

Wenn überhaupt, lohnt sich das Auswandern nur für qualifizierte Arbeitskräfte, die nur dann ins Ausland gehen, wenn sie bereits ein Job-Angebot in der Tasche haben. Ihre Beschäftigung stärkt die Sozialkassen des Ziellandes. Das gilt auch für die rumänische und die bulgarische Bevölkerung, von denen die rumänische vergleichsweise häufiger auswandert als andere Europäer. Viele Osteuropäer  leben in Deutschland, die wenigsten bleiben ohne Arbeit. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zufolge haben Bulgaren und Rumänen zuletzt gerade einmal 0,6 Prozent der jährlichen Gesamtausgaben für Hartz-IV-Leistungen beansprucht.

Die innereuropäische Wanderung ist von der Nachfrage nach Arbeitskräften getrieben. Die Angst vor dem Sozialtourismus zeigt sich vor diesem Hintergrund als ein weiteres Beispiel dafür, wie einer uninformierten Öffentlichkeit Einzelschicksale als Massenbedrohung verkauft werden können.


Dieser Beitrag ist in einer längeren Fassung auf Welt.de erschienen.

  • Autor

    Prof. Dr. Thomas Straubhaar

    früherer Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

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  • Bernd L.Mueller

    Prof. Dr. Thomas Straubhaar,

    alles ist Relativ, auch 0,6 % gleichwohl nach ebenfalls amtlicher Statistik ca. 178.000.000,00 € bedeuten, d.h. 178 Mio €. Und damit zu viel aus der Sozialkasse herausgenommen, die ausschließlich für l a n g j ä h r i g Beschäftigte geplant und konzipiert ist.

    Völlig frei von Polemik bestätigen wir Ihre Intentionen über
    ” Auswandern lohnt sich nur für qualifizierte Kräfte ” und
    weiter ” .. wenn sie einen Job in der Tasche haben . ”

    Zumindestens bei uns in der Provinz – mittelständische Industrie-Produktion – ist Welle bulgarisch / rumänischer Arbeitnehmer noch nicht angekommen.

    Da wir jährlich komplexen Produktivitätszuwachs haben mittels Rationalisierung – Maschinen, Vorrichtungen, Logistik, NC – Technik, Büro-Vernetzungen etc. – und leider auch partizipieren an Insolvenzen anderer Unternehmen mittels Angebot gut ausgebildeter Fachkräfte – ist Problem Arbeitskräftemangel bei uns nicht relevant.

    Fakt : Bei uns arbeiten Mitarbeiter aus 8 Nationen erfolgreich im Team, orientiert loyal an gemeinsamen Zielen. Arbeitnehmer/innen o h n e Behrrschung deutscher Sprache in Wort und Schrift, o h n e Qualifikation haben Null – Chancen für Beschäftigung. Hilfs / Helferkräfte werden immer weniger benötigt.

    Unsere v.g. Mitarbeiter haben gleichwohl von Ihnen kritisierte Vorbehalte, z.B. gegen Roma , täglich zu lesen in Regional-ausgaben wie Banden in Einkaufszentren Besucher bestehlen, Einbruchsquote erschreckend hoch.

    Sichtbare Bettelei von Armutsflüchlingen in Stadtzentren ist keine Fixion, auch die Verhältnisse in den Brennpunkten der Städte.

    Wir werden in 2 – 3 Jahren sehen, ob das von Ihnen weich-gezeichnete Bild über ” absolute Ausnahme ” mit der Realität übereinstimmt.

    Die Sorge deutscher Arbeitnehmer – die immer höhere Sozialbeiträge zahlen müssen – vor Einwanderung in die Sozialsysteme ist jedenfalls begründet.

    Sie als uninformiert abzuqualifizieren ist nicht in Ordnung, gehen Sie bitte in die Betriebe hinein !

  • Peter Heidi Hörnle

    Diese Zahlen stimmen nicht ! Woher kommen die Problemmeldungen der Kommunen !!!!

  • Hallo Peter Heidi Hörnle – Die Probleme werden von Prof. Dr. Straubhaar, unserer Meinung nach, ja nicht in Frage gestellt; hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang jedoch vor allem der letzte Satz des Artikels, nachdem man Einzelschicksale nicht mit einer Massenbedrohung verwechseln sollte. Den vollen Artikel finden Sie übrigens hier http://www.welt.de/wirtschaft/article123843369/Die-realitaetsferne-Angst-vor-Armutszuwanderung.html (jb)