In neuerer Zeit ist Wachstum zum wichtigsten Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit geworden. John Kenneth Galbraith, 1908-2006, Ökonom

4 Soziales

Rente: Mehr als nur ein Schritt zurück

Mit ihren Reformplänen verlässt die Große Koalition den Weg zu einer demografiefesten Rente – und gerechter wird das System dadurch auch nicht.

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Zwei Gruppen dürften sich über die Rentengeschenke der Großen Koalition freuen: Die meisten Mütter erhalten nach dem aktuellen Gesetzentwurf für jedes Kind, das vor 1992 geboren wurde, doppelt so viel „Mütterrente“ wie heute. Und Beschäftigte, die 45 Beitragsjahre eingezahlt haben, sollen bereits im Alter von 63 abschlagsfrei in Rente gehen können.

Finanzieren müssen diese Wohltaten vor allem die jüngeren Beitragszahler. Statt von der gut gefüllten Rentenkasse durch sinkende Beiträge zu profitieren, müssen sie schon heute mehr bezahlen. Denn eigentlich hätte der Beitragssatz zum Januar auf 18,3 Prozent sinken können. Die für die zusätzliche Mütterrente veranschlagten Kosten von anfänglich 6,5 Milliarden Euro pro Jahr erfordern aber auch zusätzliche Mittel – deshalb hat die GroKo eine Beitragssatzsenkung noch vor Weihnachten vorsorglich verhindert. Aber nicht nur die Beschäftigten zahlen die Zeche – und das auf Dauer. Denn aufgrund des unverändert hohen Beitragssatzes steigen die gesetzlichen Renten künftig nicht so stark, wie es bei einem reduzierten Beitragssatz der Fall gewesen wäre. Wer also keine zusätzliche Mütterrente erhält oder anderweitig von den Reformplänen der neuen Bundesregierung profitiert, muss auch als Rentner seinen Obolus in Form geringerer Rentenanpassungen beisteuern.

Der Großen Koalition geht es dabei angeblich um Gerechtigkeit: Es sei unfair, dass Mütter mit vor 1992 geborenen Kindern weniger Geld erhalten. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Diese Mütter haben auch noch viele Privilegien aus früheren Zeiten. Viele von ihnen konnten beispielsweise deutlich früher in Rente gehen. Ältere Seniorinnen, die unterdurchschnittlich verdient haben, bekommen außerdem immer noch einen Rentenaufschlag – davon können die Mütter jüngerer Generationen nur träumen. Sie werden länger arbeiten müssen, über ihr gesamtes Erwerbsleben höhere Beitragslasten schultern, um sich dann im Ruhestand mit einem vergleichsweise niedrigeren Versorgungsniveau abfinden zu müssen. Aber es geht noch schlimmer: Denn wer als Ruheständlerin heute nicht über die Runden kommt und auf die Grundsicherung im Alter angewiesen ist, der profitiert noch nicht einmal von der zusätzlichen Mütterrente. Die gesetzlichen Rentenbezüge werden mit dem Grundsicherungsanspruch in der Regel verrechnet.

Und dann verabschiedet sich die Politik mit der abschlagsfreien Rente ab 63 auch noch davon, das Rentensystem auf den demografischen Wandel vorzubereiten. Der Kreis der Begünstigten wird groß sein, das zeigt ein Blick auf die aktuellen Rentner. Rund ein Viertel von ihnen hat mindestens 45 Versicherungsjahre auf dem Buckel. Dazu zählen zwar auch Zeiten der Ausbildung oder Arbeitslosigkeit. Aber weil  die Große Koalition darüber nachdenkt, manche Zeiten wie die der Arbeitslosigkeit großzügig als Beitragsjahre anzurechnen, wird die Zahl derer, die sich auf den vorzeitigen Ruhestand freuen können, eher größer als kleiner. Gekniffen sind aber nicht nur die jungen Versicherten, die den vorzeitigen Rentenbezug und den Beitragsausfall vorfinanzieren müssen. Gekniffen sind auch die Unternehmen und damit mittelfristig die Wachstumsperspektiven am Standort Deutschland. Denn sollten sich die schlimmsten Befürchtungen bestätigen, wird die Fachkräftelücke weiter aufklaffen. Den guten Plan, die Rente mit 67 schrittweise einzuführen, führt das ad absurdum – eine sauber ausgeführte Rolle rückwärts.

  • Autor

    Dr. Jochen Pimpertz

    ist Leiter des Kompetenzfelds Öffentliche Haushalte und soziale Sicherung beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

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  • Dan Chris

    Zum Thema Entlastung:
    “Beitragssatz zum Januar auf 18,3 Prozent”

    Das ist so dermaßen irreführend. Zum 100. Mal rechne ich das vor.

    18.9% sind aktuell zu zahlen. D.h. eine Reduktion auf 18.3% bringt 0.3% mehr Nettoeinkommen für einen Arbeitnehmer. Denn es ist nicht zu erwarten, dass der Arbeitgeber seinen eingesparten Anteil weitergibt. Bei einem Medianeinkommen von 21.241 (Stand 2007) machen diese 0.3% ungefähr 63.72 Euro im Jahr oder 5.31 Euro im Monat. Von Enlastung kann keine Rede sein, wenn 50% der Menschen weniger als diese 5.31 Euro enlastet werden. Herr Pimpertz fordert eine Entlastung der hohen Einkommen, zu Lasten der niedrigen.
    Von einem Wirtschaftswissenschaftler sollte man erwarten können, dass er diese einfache Rechnung auch durchführen kann.

  • Peter Schmidt

    Herr Pimpertz ihre Sichtweise in allen Ehren , ich finde sie hinsichtlich Mütterrente etwas daneben.
    Mutter 1 bekommt mit 20 Jahren am 31.12.1991 Drillinge .
    Mutter 2 mit 30 Jahren am 1.1.1992 1 Kind.
    Geht Mutter 2 mit 67 Jahren ,also 2029, in Rente erhält sie 3 Beitragspunkte für ihr Kind.
    Mutter 1 die erst 10 Jahre später in Rente gehen kann , müsste sich ohne die “Mütterente” , trotz drei Kinder, auch mit drei Beitragpunkten bescheiden.
    Heisst in diesem Fall: Ohne Mütterrente wird die jüngere Mutter klar benachteiligt.

    Auch das jüngere Generationen länger arbeiten müssen glaube ich nicht.
    Vom 14. Lebensjahr bis zum 65. Lebensjahr ist nach Adam Ries genauso lange wie von 16 bis 67.
    Gab es früher die 35 Stunden Woche?
    Gab es schon immer 6 Wochen Urlaub?

    Lustig finde ich die Fachkräftelücke durch die abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Versicherungsjahren.
    Als grosse Unternehmen bei viel geringeren Arbeitslosenzahlen die 55 -65 Jährigen dem Arbeitsamt vor die Tür geschmissen haben , habe ich nichts von Fachkräftelücke gehört.
    Zu diesen Zeiten wurden auch viel zu wenig ausgebildet. Hunderttausende wurden in Warteschleifen abgeschoben.

    Heute wird gejammert und man hofft , dass viele Fachkräfte aus anderen Ländern zu uns kommen.
    Frei nach dem Motto: Schnappen wir uns die Besten aus den zur Zeit darniederliegenden Volkswirtschaften dann kann der Pöbel wieder meckern , dass diese nichts auf die Reihe bekommen.

  • Dan Chris

    Das alles hat nichts mit der Senkung des Beitragssatzes zu tun, sondern wie man das eingezahlte Geld verwendet. Warum fordern sie keine höheren Renten statt der Mütterrente. Eine Senkung des Beitragssatzes verschärft das Problem der niedrigen Renten eher noch. Dann wird vorgeschlagen, dass man privat vorsorgen soll. Bei 5 Euro im Monat wird das nicht viel bringen.

    “Gab es früher die 35 Stunden Woche?”

    Gibt es die heute? Wo ist denn eine 35 Stunden Woche Realität? Hinzu kommt, dass die Arbeitszeit vollkommen unwichtig ist. Die Arbeit je Zeit ist wichtig. In den letzten 30 Jahren gab es einiges an Produktivitätsgewinn.

    Im Ürbigen was es früher gab und heute nicht, sind Lohnsteigerungen. Das hat natürlich einen Einfluss auf die aktuelle Rentenfinanzierung.

    Beim Fachkräftemangel stimme ich ihnen zu. Das Problem ist, dass etliche Unternehmen gerne den 20 jährigen Doktoren mit 40 Jahren Berufserfahrung und ohne den Anspruch auf Privatleben oder hohes Gehalt einstellen wollen. Das geht einfach nicht. Erfahrene Leute kosten eben Geld. Die Jammerei in meinen Augen dafür sorgen, dass Fachkräfte angezogen werden, damit die Löhne sinken.

    Das dieser Gedanke nicht so abwegig ist, sieht man an der Initiative eines Herrn Weise von der Bundesagentur für Arbeit.

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=19796

  • Dan Chris

    Hier noch eine Quelle zum Thema 35 Stunden Woche. Es existiert ein deutlicher Unterschied zwischen vereinbarter und tatsächlich geleisteter Arbeit.

    http://doku.iab.de/arbeitsmarktdaten
    /arbeitszeitwuensche.pdf