1 Bildung

Ökonomische Bildung für mündige Bürger

Bildung ermöglicht eigenständiges Denken – eine Grundvoraussetzung für jede Demokratie. Das gilt auch für die ökonomische Bildung. Nordrhein-Westfalens Landesregierung geht daher den falschen Weg, wenn sie den Modellversuch mit einem Schulfach Wirtschaft wieder abschafft.

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Wer wirtschaftlich denken kann, versteht die Welt besser: von der Entwicklung auf den Finanzmärkten über die Entscheidungen der Bundesregierung zur Energiewende bis hin zu den Konsequenzen einer Frühverrentung von einer halben Generation. Allein – die Kritiker eines Schulfachs in Nordrhein-Westfalen sehen das anders. Die Rede ist von einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die es zu verhindern gelte.

Eine ökonomische Ausbildung bedeutet aber nicht, dass Schüler lernen sollen, wie sie als Chefs ihre Mitarbeiter ausbeuten. Es geht um das Verständnis von ökonomischen Zusammenhängen. Stattdessen zahlen wie im Fall Prokon rund 75.000 Anleger um die 1,4 Milliarden Euro für Genussrechte der Firma. Und das, obwohl die versprochene Rendite von 7,5 Prozent heute sehr unwahrscheinlich ist und es für Genussrechte weder eine Einlagensicherung noch Mitbestimmungsrechte gibt. Das enorme Renditeversprechen und die Preisgarantien der Bundesregierung für Erneuerbare haben die Aufmerksamkeit der Anleger offenbar geschwächt. Und sicher haben auch Verständnisdefizite für die Mechanismen des sogenannten grauen Marktes eine Rolle gespielt.

Jetzt, im Angesicht der der drohenden Pleite von Prokon, rufen einige Politiker nach Regulierung. Dies ist der falsche Weg: Die Menschen werden entmündigt, indem sie bewusst dumm gehalten und vor allen Risiken geschützt werden. Das Gegenteil muss passieren: Die Menschen müssen in die Lage versetzt werden, ökonomische Risiken zu verstehen und dann nach den eigenen Präferenzen zu handeln. Das wäre nachhaltig, gerade in Zeiten sinkender finanzieller und ökologischer Ressourcen. Nichts anderes bedeutet Ökonomie schließlich als den bewussten und sparsamen Umgang mit den zur Verfügung stehenden Mitteln.


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  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

  • Dan Chris

    Im Grunde gebe ich Ihnen Recht Herr Freytag. Nur sehe ich das Problem darin, dass nicht einmal an den deutschen Hochschulen eine breite ökonomische Bildung vermittelt wird.

    In der Ökonomie gibt es selten die Aussage richtig oder falsch. Es gibt Interpretationen vor dem Hintergrund fundierter oder weniger fundierter Annahmen. Diese Interpretationen stimmen dann besser oder weniger besser mit der Realität überein.

    Wichtiger als eine ökonomische Bildung ist es den Kindern einen kritischen Umgang mit Aussagen zu ermöglichen. Sie sollen Statistiken und medialen Aussagen hinterfragen. Wenn sie das können, haben ist genug Verstand, um die Prokonproblematik zu verstehen und krude ökonomische Aussagen zu hinterfragen.