Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung kann auf die Dauer nur dann bestehen, wenn und solange auch im sozialen Leben der Nation ein Höchstmass an Freiheit an privater Initiative und Selbstvorsorge gewährleistet ist. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

6 Soziales

Die Rente mit 63 untergräbt den Generationenvertrag

Die deutschen werden immer älter und erhalten immer länger Rente.Kurz bevor die geburtenstarken Jahrgänge das Renteneintrittsalter erreichen, dreht die große Koalition die erfolgreiche Reform der Rentenversicherung wieder zurück und schlägt dabei alle Bedenken der Experten aus. Warum nur? Ein Erklärungsversuch.

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Eigentlich ist es simple Logik: Wenn wir länger leben und gesund bleiben, beziehen wir auch immer länger Rente. Die Rentenbezugsdauer hat sich in den letzten 50 Jahren so beinahe verdoppelt. Darüber hinaus verschlechtert sich das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenempfängern. Spätestens wenn die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben ausscheiden,  hat dies Konsequenzen für die Finanzierung der Alterssicherungssysteme: Entweder sinkt die Rente oder die Beiträge zur Rentenversicherung steigen müssen steigen – oder beides. Generationengerechtigkeit bedeutet, dass die Last des demografischen Wandels auf Jung und Alt gleichermaßen verteilt wird.

Das heißt: Wenn wir länger gesund und leistungsfähig bleiben, können und müssen wir auch länger arbeiten. Auch die Politik hatte diese Logik erkannt und das Renteneinstiegsalter schrittweise erhöht: Wer 1964 oder später geboren wurde, wird bis zur Vollendung des 67. Lebensjahres arbeiten. Diese Reform war zwar umstritten, ihre Notwendigkeit aber letztlich auch in der Bevölkerung Konsens. Nur dadurch ist es gelungen, die Beitragsätze und das Rentenniveau zu stabilisieren. Die „Rente mit 63“ untergräbt diesen großen Erfolg und den Generationenvertrag.

Steuererhöhungen, steigende Arbeitskosten, Fachkräftemangel, höhere Arbeitslosigkeit, weitere Investitionsrückgänge – all diese prognostizierten Folgen sind nicht nur völlig unnötig. Sie führen vor allem zu der Frage, was eigentlich das Ziel der Politik ist.

Eine mögliche Antwort ist: Politiker handeln aus Eigeninteresse. Ihr Ziel ist es, die Anzahl der Wählerstimmen zu maximieren. Die älteren Wählerstimmen werden immer zahlreicher. Da liegt es nahe, vor allem diese Klientel zu bedienen.

Kurzfristig mag diese Taktik sogar aufgehen. Doch langfristig riskiert man nicht nur den Wohlstand der Beitragszahler, sondern auch der Rentner. Denn wenn die Interessen der Jungen an der Wahlurne keine Chance haben, stimmen sie mit ihren Füßen ab. Im Ausland freut man sich über gut ausgebildete Deutsche. Dann hätten die Interessen der Alten zwar eine Mehrheit – aber es wäre niemand mehr da, der deren Rente bezahlt.


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  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

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  • Axel Sänger

    Herr Professor Freytag, Ihre Argumentationsweise haben sie auf chrematistische Sachverhalte reduziert. Für diesen Bereich sind keine Theorien entwickelt. Um die Relevanz des Marktes für den Eintritt der Bevölkerung in den Ruhestand zu behaupten, bedarf es des Rückgriffs auf geeignete Philosophien. Eine nur technische Nachbesserung sozialer Lebenswelten aus der Retorte überkommener Marktideologien kann in der Gesellschaft der Postmoderne nicht die entscheidenden Fragen lösen. Für eine demokratisch verfasste Gesellschaft ist eher die Frage zu erörtern, wie wir leben wollen. Das kann nicht im Wege einer “Abspeisung auf der Grundlage interpretierter Statistiken” geschehen. Der Ruhestand der Menschen wirft immer auch die Frage nach der Endlichkeit und Sterblichkeit der Menschen auf. Ein solcher Kontext kann nicht zu einer Tummelwiese ideologischer Explikationen verkommen. Einem solchen Ansinnen muss mit Entschiedenheit entgegen getreten werden. Die Diskussion dieser Frage muss von anderen, individualisierten Grundsätzen aus vorangetrieben werden, als denen, auf die an dieser Stelle zurück gegriffen wird. Es geht um etwas grundlegend anderes als das, was zu diesem Thema in diesem Forum expliziert wird..

  • Ralph-M. Weiss

    Dieser Artikel gibt reichlich Anlaß zu Kritik. Doch statt dieser möchte ich hier auf das Phänomen hinweisen, daß in letzter Zeit Arbeitgebern und ihre Hilfstruppen verstärkt gegen die Rente mit 63 zu Felde ziehen. Die gleichzeitig “drohende”, nicht minder teuere Mütterrente wird kaum noch thematisiert. M.E. liegt das daran, daß letztere von der CDU promoted wird, währende sich erstere zum SPD – bashing eignet. Und es polemisiert sich gegen den alternden Konkurrenten am Arbeitsplatz auch besser, als gegen die eigene Mutter..

  • Hallo @ralphmweiss:disqus – Wir fordern, auch auf die Einführung der Mütterrente zu verzichten. Beide Maßnahmen sind ungerecht, weil Beitragszahler und Rentner zusätzlich belastet werden und die Generationengerechtigkeit untergraben wird. (jb)

  • Ralph-M. Weiss

    Dank für den Hinweis! Gut, wenn die INSM hinsichtl BEIDER Renten klare Forderungen vertritt! O.g. Artikel tut es nicht (wie m.E. das Gros aktueller Kommentare zum Thema Rente). Mir fiel dazu auch auf/ein: Mit 42 Jahren kann der Autor noch lange nicht von der ’63er Regelung profitieren, seine Mutter von Mütter-Rente hingegen sehr wohl/bald..

  • Chris76

    Dazu kann ich nur das Essay „Empört Euch!“ von Stéphane
    Hessel empfehlen.

    Die Positionen, die INSM vertreten sind in Deutschland auch
    nicht besser/richtiger als in Frankreich. Wie kann es sein, dass wir volkswirtschaftlich die Produktivität und den Ertrag in den letzten Jahrzehnten ins Aberwitzige gesteigert haben, nun aber nicht mehr in der Lage sind „den hohen sozialen Standard“ zu finanzieren? Liegt es vielleicht daran, dass unselbständige Arbeit
    (auch jene, die nur zum Schein selbständig ist) nun vollständig nur noch Kostenfaktor und die daraus resultierenden Ansprüche an soziale Absicherung nur noch als Belastung wahrgenommen wird? Und haben nicht gerade jene Protagonisten aus dem Dunstkreis des INSM Ihren Beitrag daran? Wenn Sie Arbeitszeitverdichtung, Lohndumping, Absenkung von Sozialstandards etc. ansehen, ist dann nicht jeder Cent Mehrgewinn ein Anschlag auf die Finanzierung der Sozialsysteme? Warum werden Erträge, die sich letztendlich trotz aller Realitätsferne immer auf realwirtschaftliches Handeln zurückführen lassen nicht an der Finanzierung beteiligt?

    Bitte vergegenwärtigen Sie sich, dass die „Soziale Marktwirtschaft“ nicht als Marktwirtschaft mit sozialem Antlitz sondern im Sinne der Anpassung der sozialen Gesellschaft an die Bedürfnisse der Marktwirtschaft konzipiert ist. Am ehesten kann hier noch von den Vorstellungen des Ordoliberalismus ausgegangen werden (die ja vordergründig wohl auch vom INSM vertreten wird). Aber da, wo der Ordoliberalismus den, ohnehin schon spärlichen ordnungspolitischen Rahmen ansetzt schreit z.B. INSM-Autor Frank Schäffler:“ Schafft das Kartellamt ab!“.

    Kurz und gut: man kann über das Renteneintrittsalter natürlich gerne diskutieren. Dass für die Rente und andere Sozialleistungen
    kein Geld da wäre ist aus meiner Sicht schlicht falsch!

  • Dan Chris

    “Dass für die Rente und andere Sozialleistungen
    kein Geld da wäre ist aus meiner Sicht schlicht falsch!”

    Es ist falsch. Die Ressourcen, dass alle weniger arbeiten bei einer geringen Einbuße des Wohlstandes sind heute schon möglich. Bei der INSM und anderen werden ökonomische Fragen gestellt, dabei sind es politische. Wollen wir als Gesellschaft Milliardäre zulassen oder nicht? Wollen wir Ressourcen ungleich oder gleich verteilen? Das ist die Frage und nicht die Menge der Ressourcen. Davon haben wir ziemlich viele.