Das höchste Ziel des Kapitals ist nicht, Geld zu verdienen, sondern der Einsatz von Geld zur Verbesserung des Lebens. Henry Ford, 1863-1947, US-amerikanischer Unternehmer

6 Soziales

Zurück ins Krankenlager

Vom kranken Mann Europas zum europäischen Musterland – und wieder zurück. Das droht Deutschlandmit den Renten- und Mindestlohnplänen der Großen Koalition.

(mehr …)

Starke Innovationskraft, moderate Lohnkosten, hohe Beschäftigung, gesunde Finanzen und gut gefüllte Sozialkassen – all diese Vorzüge werden von der internationalen Gemeinschaft heute mit Deutschland in Verbindung gebracht. Wie anders sah es noch zu Beginn der vergangenen Jahrzehnts aus: Das Land galt in allen Bereichen als kranker Mann Europas.

Deutschland bewegte sich: Marktorientierte Reformen gaben der deutschen Wirtschaft ein Stück Dynamik zurück. Mit dem Erfolg kam allerdings auch ein Wandel der Mentalität: Aus Selbstkritik wurde Selbstzufriedenheit bis hin zur Realitätsverweigerung. Allein die zentralen Baustellen der Großen Koalition machen dies überdeutlich.

Mit dem sogenannten Rentenpaket ignoriert die Bundesregierung die mit Abstand größte Herausforderung der kommenden Jahrzehnte: die Alterung der Gesellschaft. Die Antwort darauf kann nur die Förderung längerer Lebensarbeitszeiten sein. Stattdessen ermöglicht die abschlagsfreie Rente mit 63 eine Verkürzung. Und statt die Beitragszahler zu entlasten, wo es nur geht, weitet die Koalition die Ansprüche mit der Mütter- und der Erwerbsminderungsrente aus.

Mit dem Mindestlohn setzt der Staat zudem ein Niveau, das von den Tarifpartnern aller Branchen als untere Basislinie interpretiert werden wird. Will eine der Parteien die Besonderheiten ihrer Branche berücksichtigen, muss diese Linie deutlich überschritten werden. Staat und Tarifparteien werden so zu gleichzeitigen Akteuren der Lohnpolitik. Ein gefährlicher Weg, der an den Grundfesten der Sozialen Marktwirtschaft genauso rüttelt wie an dem Tarifvertragsgesetz von 1949.

  • Autor

    Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué

    ist Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

    Alle Beiträge

  • Dan Chris

    “Ein gefährlicher Weg”

    Es ist schon sehr gefährlich. Man zittert förmlich. Und jetzt bitte Argumente die dagegen sprechen und keine Emotionen. Die gibt es nach der neuesten Studienlage eher nicht. Klar ist nur, dass der Effekt eines Mindestlohns neutral bis positiv auf den Arbeitsmarkt wirkt. Für den Einzelnen bedeutet er unter Umständen einen höheren Lohn.

    Bei der Rente das gleiche Spiel. Professoren sollten eine zu hohe Rente in meinen Augen nur kritisieren, wenn sie es auch bei ihren viel höheren Pensionen tun. Denn Akademiker werden noch älter. Die Bezüge sind noch höher. Alle Argumente gegen eine gute Rente gelten auch dort. Kritisiert wird das freilich von den Wirtschaftsprofessoren in den seltensten Fällen.

  • Ralph-M. Weiss

    ..”Die Antwort darauf kann nur die Förderung längerer Lebensarbeitszeiten sein.”.. Offenbar schon wieder so ein Fall von alternativlosem Sachzwang – oder deprimierender Einfallslosigkeit der Wirtschaft(-swissenschaftler) !?!

  • Axel Sänger

    Herr Paqué, wieder eine chrematistische Einlassung, nur dieses Mal von Ihnen. “Deutschland bewegte sich: Marktorientierte Reformen gaben der deutschen Wirtschaft ein Stück Dynamik zurück…”
    Nun, das exzentrische Wesen “Mensch” ist durch die im positional eigene Exzentrik stets dynamisch (Plessner). Dynamik ist noch “kein Wert an sich”, denn auch der, der vor den wirklichen Herausforderungen davon läuft, ist “dynamisch”.
    Wir sollten Hyperaktivität nicht mit Dynamik verwechseln. Das Desaster ist systemisch. Es reicht nicht aus, den Markt zu einem Fetisch zu erklären. Vielmehr ist es notwendig, epochal zu denken und die Veränderungen wirklich als solche erkennen zu wollen.
    Die Ökonomie ist eine Einzelwissenschaft, die genau dies anscheinend doch nicht zu leisten vermag? Der einzelne Mensch geht in seinen Erkenntnissen jedoch bisweilen über das hinaus, was ihn “regulär” umtreibt. Ich vermisse eine kritische Bestandsaufnahme der Lage und lese stets nur statisisch begründete Prognosen, die allerdings in keiner Weise einen epochalen Wandel als möglich einschließen. Dieser epochale Wandel, so denke ich, vollzieht sich bereits seit Jahrzehnten.
    Ich kann Ihnen Frankes Aussage zugute halten, dass das Konstatieren historischer epochaler Veränderungen sinnvollerweise erst einhundert Jahre nach den in Bezug genommenen Ereignissen für den Historiker zulässig sein sollten. Aber auch innerhalb dieser Zeitspanne können wir die Mehrheit der Menschen nicht auf der Grundlage tendenzieller Statistik-Interpretationen abspeisen, während wir uns in einem Wohlleben tummeln wollen. Das ist die andere Seite des Sachverhaltes.

  • Hans

    Rente mit 63…dabei werden immer die 45 Jahre beitragszeit vergessen von Ihnen. Wer ist schon ab 18 (63-45) Beitragszahler?!
    Wohl keine hochverdiener/Hochrentenbezieher.
    Also ich gönne dem Dachdecker/Maurer mit 63 seine Rente. Der KANN nicht mehr und lebt sowieso kürzer wie alle Statistiken beweisen.
    Auch bin ich der Meinung dass eine Mutter/eine Kindergärtnerin genauso viel fürs Gelingen unseres Staates beiträgt wie ein Banker, Filialleiter etc.
    Ich wette, kaum ein Banker würde mit einer Tagesmutter tauschen, selbst bei gleichem Gehalt.

    Selber bin ich übrigens Akademiker, Beitragszahler ab dem 28 Lebensjahr, für mich trifft nix zu.

  • schnakla

    nun ,ich bin schon erstaunt ,über solch undifferenzierte aussagen von sogenannten wissenschaftler. es ist schon sehr komisch ,dass sich zu diesem thema immer reine theoretiker zu wort melden.haben sie doch nicht den hauch einer ahnung,wie es ist 45 jahre körperliche arbeit bei relativ niedrigen lohn,zu verrichten. auf ihrem hochdotierten posten sind sie mittlerweile weit weg vom normalen volk.wähne sie sich dochder elite zugehörig.so denken und handeln sie. darüber sollten sie mal nachdenken.

  • Helmuth Schrickel

    WAS MUSS ERST PASSIEREN :

    Deutschland ist ein Staat was wirklich hinten ansteht . Rente mit 60 in Frankreich und das ist Gut so . Die noch arbeiten möchten sollten dieses tun ,aber nicht Zwangsweise . Rente ist kein Luxus sondern in einen modernen Industriestaat zwingend erforderlich . Ohne Geld ist ein Mensch in der modernen Welt nichts . Dieser muss alles bezahlen sogar das Toilettenpapier . Die Herrschende Klasse hat dafür gesorgt ,dass diese NICHT den Weg der Rentner gehen muss .Auch die Staatsdiener haben eine eigene Geldquelle die Pension .

    Was muss passieren um eine Gerechte Alten-Regelung zu finden .

    Rente und Pensionen aus dem Steuersack bezahlen ,gerechte Renten für die die den Staat gedient haben und eine Grundrente für ALLE die in Deutschland leben ,keine Auslandsrenten bezahlen .für Nicht Deutsche Landsleute . Das Geld braucht jeder um die zusätzlichen Verbrauchssteuer zu bezahlen, auf den Lebenskosten erhoben werden . Oder wir schaffen für Alte Menschen eine neue Form von Lebensmittelgutscheine an . Frohes Alt werden …….