Individuelles Zockertum ist jedem unbenommen, aber es darf nicht sein, dass der Staat diesen Zockern bei Verlusten unter die Arme greift: Der Markt kann Gier belohnen, der Staat darf es nicht. Otto Graf Lambsdorff, (1926 - 2009), deutscher Politiker, Bundesminister für Wirtschaft, Bundesvorsitzender der FDP

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Sehnsucht nach Papa Staat

Ulrike Ackermann (Hg.): Freiheitsindex Deutschland 2013 – des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung, Verlag Humanities Online, Frankfurt am Main 2014Ulrike Ackermann (Hg.): Freiheitsindex Deutschland 2013 – des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung, Verlag Humanities Online, Frankfurt am Main 2014

Überspitzt könnte der aktuelle Gesellschaftstrend für Deutschland lauten: Sicherheit geht vor Freiheit. Das zeigte sich zuletzt nicht nur in Umfragen unter Studenten, die nach ihrem Berufswunsch gefragt wurden und sich in großen Teilen nichts lieber als eine Stelle beim Staat erträumten. Nun bestätigt sich dieser Drang auch für die Allgemeinheit: Die Freiheit ist in Deutschland gegenüber anderen Werten wie Sicherheit und Gleichheit ins Hintertreffen geraten ist – so eines der wichtigsten Ergebnisse des nun erschienenen „Freiheitsindex Deutschland 2013“, initiiert vom John Stuart Mill Institut.

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Die sechs Autoren des sehr informativen und schmalen Bandes formulieren die Thesen, die auf aktuelle Daten des Allensbacher Meinungsforschungsinstituts zurückgreifen. Vor allem versuchen sie dem Freiheitsbewusstsein der Deutschen auf die Spur zu kommen – in Fragen der Gesellschaft, des Rechts und der Ökonomie. Erste Erkenntnis: Die Freiheit in Deutschland hat keinen leichten Stand. Der Deutschen ausdrücklicher Wunsch ist, dass sich Vater Staat verstärkt um seine Bürger kümmern soll. Das Bild des „betreuenden“ und „kümmernden“ Staates wird von den Menschen im Vergleich zum „liberalen“ Staat als gerechter, wohlhabender, menschlicher und lebenswürdiger angesehen. Dass bei so viel Vertrauen in den Staat die Bevölkerung dann auch keine hohe Meinung von der Marktwirtschaft hat, muss niemanden wundern.

Für viele Politiker ist Europa Selbstzweck

Zum dritten Mal legt das John Mill Stuart Institut jetzt seinen „Freiheitsindex“ vor. Ein Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe ist Europa – ein Thema, dass bereits bei Namensgeber John Stuart Mill hoch auf der Agenda stand. Europa, so meinte Mill 1859, verdanke „der Vielfalt der Wege seine fortschrittliche und vielseitige Entwicklung“. Die Deutschen teilen diesen Fortschrittsglauben heute nicht unbedingt. Obwohl sie Europa grundlegend positiv bewerten, besteht bei ihnen – unabhängig von aktuellen Krisendebatten – ein permanentes Misstrauen gegenüber der Europäischen Union und ihren Institutionen. Europa wird heute nicht mehr – wie früher – vorrangig als Freiheitsprojekt gesehen. 60 Prozent der Befragten haben nur geringes Vertrauen in die EU, am schlechtesten schneidet bei ihnen die EU-Kommission ab. Auch geht vielen Deutschen die europäische Integration zu schnell. Sie wünschen sich eine Verlangsamung des Prozesses. Kritische Stimmen fürchten, dass manche Politiker die Integration einzig als Selbstzweck nutzen. Vor allem die Überregulierung bereitet EU-Kritikern Sorgen: „Das Heil sehen EU-Beamte, europäische Regierungschefs und ihre Finanzminister in noch mehr zentraler Planung“, schreibt die Politologin Ulrike Ackermann, eine der sechs Autoren des Buches. Ein überregulierter europäischer Superstaat zerstöre jedoch die Vielfalt und den Wettbewerb.

Deutsche urteilen über Europa ambivalent

Trotz Monster-Verwaltung, EU-Skepsis und europäischer Finanzkrise ist es dennoch erstaunlich, dass sich die Deutschen ihr Europa und die europäische Einigung grundsätzlich nicht madig machen lassen wollen: Im Mai 2008, vor Ausbruch der Krise, sagten 21 Prozent, Deutschland habe durch seine EU-Mitgliedschaft mehr Vorteile, 31 Prozent sahen mehr Nachteile, eine relative Mehrheit von 38 Prozent meinte, Vor- und Nachteile glichen sich aus. Im Juli 2013 sagten 25 Prozent, die EU-Mitgliedschaft habe vor allem Vorteile, nur noch 27 Prozent glaubten, die Nachteile überwögen.

Auffällig ist auch, dass das Ansehen des Euros in den Jahren, in denen permanent von der Euro-Krise die Rede war, nicht beschädigt wurde, sondern sogar an Rückhalt in der Bevölkerung zugewonnen hat (von 17 Prozent auf 28 Prozent). Auch lassen sich die Deutschen ihre Sympathie für Europa nicht nehmen: Der Studie zufolge mögen die Bundesbürger Europa und fühlen sich ihren Nachbarn verbunden – nur die Griechen haben in letzter Zeit an Pluspunkten eingebüßt. Das hindert allerdings die Deutschen nicht, auf der Peloponnes und den griechischen Inseln günstig Urlaub zu machen.

  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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