Die Soziale Marktwirtschaft ist ohne eine konsequente Politik der Preisstabilität nicht denkbar. Nur diese Politik gewährleistet auch, dass sich nicht einzelne Bevölkerungskreise zu Lasten anderer bereichern. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

3 Arbeitsmarkt

Pilotenstreik: Muss das sein?

Wenn Piloten und Lokführer die Arbeit niederlegen leidet das ganze Land. Muss das sein?

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Flugausfälle, (noch mehr) Zugverspätungen – auf alle Fälle riesiger Ärger für die Kunden. Unter Lokführer- und Pilotenstreiks leiden oft unbeteiligte Dritte ganz besonders. Nachdem auch die letzte Runde der Verhandlungen zwischen der Pilotengewerkschaft „Vereinigung Cockpit“ und der Lufthansa gescheitert ist, heißt es an vielen Flughäfen: Nichts geht mehr! Gleichzeitig wird auch ein Streik der Lokführer immer wahrscheinlicher.

Das Problem ist immer das gleiche: Spartengewerkschaften wie die der Piloten oder Lokführer legen nicht nur den Betrieb ihres Arbeitgebers lahm, sondern schädigen auch Dritte in ganz erheblichem Maße. Vom letzten Streik der Lufthansa Piloten im April waren über 400.000 Passagiere betroffen.

In der Luftfahrt herrscht monopolistische Konkurrenz. Sobald die Fluggäste ihren Flug gebucht haben (in der Regel einige Tage oder Wochen vor dem eigentlichen Flugdatum), haben sie keine gute Ausweichmöglichkeit mehr. Zugleich ist der Schaden für die bestreikten Fluggesellschaften in der Regel hoch. Die kleineren Spartengewerkschaften haben deswegen eine besonders hohe Verhandlungsmacht – dies zeigt schon der Blick auf die Gehälter der Piloten.

Im Kartellrecht kommt Unternehmen mit einer Monopolstellung besondere Verantwortung zu. Marktbeherrschende Unternehmen müssen sich besonderen Regeln und Verpflichtungen unterwerfen, die für andere Unternehmen nicht gelten. Bereits im Jahr 2010 hat die Monopolkommission angeregt, auch Spartengewerkschaften mit Monopolmacht besonderen Regeln zu unterwerfen und höhere gesetzliche Anforderungen an einen Streik zu stellen. Bei besonders starken Gewerkschaften sollte überprüft werden, ob Streiks – in Anbetracht des jeweiligen Schadens, den sie vor allem bei unbeteiligten Dritten anrichten – das Prinzip der Verhältnismäßigkeit erfüllen. Wichtig dabei: Für die Frage wie die Verhältnismäßigkeit eines Streikes zu beurteilen ist, sollte dabei unbedingt auf die entstehenden „Kollateralschäden“ abgestellt werden. 400.000 Menschen und unzählige Unternehmen für eine Senkung des Renteneintrittsalters der Piloten auf 55 Jahre und mehr Lohn in Geiselhaft zu nehmen, ist kaum mehr begründbar.

  • Autor

    Prof. Dr. Justus Haucap

    Direktor des Duesseldorf Institute for Competition Economics (DICE) und früherer Vorsitzender der Monopolkommission.

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  • Dan Chris

    Mir kommen fast die Tränen. Wenn Spritpreise geschlossen zum Ferienanfang erhöht werden, dann nennt man es Marktwirtschaft. Wenn Unternehmen ihren Arbeitnehmern niedrigste Löhne zahlen dann ist das so. Wenn Arbeitnehmer streiken und sich ihrer Macht bewusst sind, dann ist das verwerflich? Warum eigentlich? Der Kerngedanke ist schon falsch. Wenn Piloten keine Macht haben und ihre Unternehmen nicht schädigen, dann nützt der Streik nichts. Es ist absurd in einer Tour Eigenverantwortung und Egoismus zu predigen und bei der Umsetzung auf Seiten der Arbeitnehmer zu jammern wie unsozial das Ganze ist.

  • Hier zeichnet sich ein Dilemma ab. Einerseits gehört das Recht, zu streiken, wohl zu den Rechten, die man in Demokratien gewährleisten muss, entsprechend auch Piloten und Zugführern, andererseits gibt es Berufe, die einen höheren Impactfactor, wie man sagen könnte, haben als andere, wenn sie streiken. Wer würde z.B. bemerken, wenn Politiker, Funktionäre oder Psychotherapeuten streiken? Vielleicht hat man deshalb Politiker und Funktionären die Hoheit über ihre eigene Gehaltsfestsetzung gegeben.
    Wenn nun Gewerkschaften eine staatlich geschützte Position ausnutzen, ohne dabei die Folgen opportunistischen Verhaltens wie sie bei Williamson nachzulesen sind, akzeptieren zu müssen, dann gibt es dafür eigentlich nur eine Lösung, eine Marktlösung und eben keine staatliche Lösung, wie Sie sie vorschlagen.
    Etwa indem man das Kündigungsrecht dahingehend ändert, dass es Unternehmen einfacher möglich ist, Arbeitnehmer zu feuern und zu ersetzen. Wer entsprechend mit nur wenig Berechtigung streikt, muss zusehen, wie sein Platz von einem, sagen wir einem Piloten aus Burkina Faso eingenommen wird. Die entsprechenden Folgen sind die entsprechenden Streiker dann sicher für ihre gerechte Sache zu tragen bereit, schließlich hat der offene Arbeitsmakt ja auch für sie Vorteile, da sie ihr Humankapital schnell bei einem anderen Arbeitgeber einbringen können, z.B. in Burkina Faso, wo nun ein Pilot fehlt.
    Und natürlich wäre schon viel gewonnen, wenn man Gewerkschaften schlicht nicht mehr öffentlich fördern und nur noch die Arbeitnehmer, die in Gewerkschaften organisiert sind, jedenfalls nicht mehr die Funktionäre an Lohnverhandlungen teilnehmen ließe, dann können sich Funktionäre wichtigeren und relevanteren Dingen in ihrem Leben zuwenden, z.B. einem produktiven Broterwerb.

  • Dan Chris

    “dann gibt es dafür eigentlich nur eine Lösung, eine Marktlösung und eben keine staatliche Lösung, wie Sie sie vorschlagen.”

    Im Grunde ist es aktuelle eine Marktlösung. So wie stark nachgefragte Berufe einen hohen Lohn generieren, kann dies ebenso durch einen hohen Impakt beim streiken erreicht werden. Beide Szenarien haben einen Vorteil gegenüber dem Rest der Arbeitnehmerschaft. Die von ihnen vorgeschlagene Öffnung ist in der Theorie möglich, in der Praxis nicht umsetzbar. Die Öffnung würde vorraussetzen, dass alle Piloten, Ärzte, etc. die gleiche Qualifikation haben und (noch wichtiger) diese nachweisen können. Das ist meist nicht gegeben.

    “Wenn nun Gewerkschaften eine staatlich geschützte Position ausnutzen, ohne dabei die Folgen opportunistischen Verhaltens wie sie bei Williamson nachzulesen sind, akzeptieren zu müssen, dann gibt es dafür eigentlich nur eine Lösung, eine Marktlösung und eben keine staatliche Lösung, wie Sie sie vorschlagen.”

    Märkte sind auch staatlich geschützte Institutionen. Wenn Unternehmen ihre Marktmacht gegenüber potentiellen Arbeitnehmern ausnutzen, dann Verhalten sie sich nicht anders als Gewerkschaften. Eine Marktlösung funktioniert nur, wenn Märkte immer funktionieren würden wie es die Theorie fordert. Das ist allerdings nicht immer der Fall. Insbesondere die Wechselwirkung zwischen dem Arbeitsmarkt und dem Gütermarkt sind alles andere als einfach, da Löhne auch gleichzeitig der Nachfrage nach Gütern entsprechen.