Bald müssen die Arbeitgeber streiken, um sich vor Ausbeutung durch maßlos gewordene Gewerkschaftsführer zu schützen, die wider besseres Wissen Arbeitnehmer zum "Tanz auf dem Vulkan" verführen! Joachim Bullermann, *1943, deutscher Verkaufs- und Managementtrainer, Marketingberater

3 Arbeitsmarkt

Sind Streiks noch zeitgemäß?

Mit Streiks versuchen Arbeitnehmer ihren Forderungen gegenüber den Arbeitgebern Nachdruck zu verleihen. Nicht zum ersten Mal legen die Piloten und Lokführer in diesen Tagen damit das halbe Land lahm. Das ist nicht nur ärgerlich für die Kunden und Unternehmen, sondern stellt auch die Frage nach Alternativen zum Arbeitskampf. Sind Streiks heute noch zeitgemäß?

  • Autor

    Prof. Dr. Ulrich van Suntum

    ist geschäftsführender Direktor des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Münster (CAVM) und stellvertretender Bundesvorsitzender der Partei Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa).

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  • Dan Chris

    “Sind Streiks heute noch zeitgemäß”
    Ohne das Video zu sehen ein klares Ja. Streiks stellen eine Erpressung der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern dar. Wenn diese letzte Möglichkeit verboten würde, dann dürften Arbeitgeber in den Vertragsverhandlungen nicht mehr mit Arbeitsplatzverlagerungen etc. drohen dürfen. Wie soll dies funktionieren? Es würde in meinen Augen einen deutliche Verlagerung der Verhandlungsmacht zugunsten einer Seite geschaffen.
    Der negative Einfluss ist in Großbritannien sichtbar. Dort stagnierten die Löhne ab den 80er Jahren. Unter anderem lag das an der faktischen Zerschlagung der Gewerkschaftsmacht. Trotz steigendem Gesamtwohlstand partizipieren nicht mehr alle im gleichen Maße. Offensichtlich funktioniert die vermeintlich freie Preisbildung nicht.

    http://verteilungsfrage.org/2014/10/warum-freiheit-nicht-ungleichheit-rechtfertigt/

  • Ralph-M. Weiss

    Ein kurzweiliger Beitrag. Das der intellektuelle Referent im Arbeiteroutfit vorträgt, störte mich nur anfangs. Neu war mir die Tatsache, daß das Streikrecht eigentlich im GG nicht explizit erwähnt wird. Recht hat der Autor auch mit der Feststellung, daß Arbeits”kämpfe” in Wahrheit oft nur Rituale sind, deren Ergebnisse schon vorher feststehen. Ferner fand ich das schweizer Modell und die Pendelschlichtung interessant. Die Behauptung, daß der Markt immer (s)einen “richtigen” Lohn fände, wird zwar mit Schautafeln
    untermauert, durch die Wirtschaftswirklichkeit eher weniger, d.h. konkret zur Bahn: Will Dr.v.Suntum im Ernst behaupten, daß Mehdorn, Ludewig oder Dürr ihr (bzw. unser) Geld wert waren?
    Auch andere Phänomene lassen sich mit den Tafel kaum erklären: Working Poor, Hartz-IV-Aufstocker, etc.

  • Das Video ist plausibel, prägnant und mit geringem Aufwand sehr gut gemacht. Danke.

    Es zeigt aber auch, was in den Wirtschaftswissenschaften gegenwärtig falsch ist: Es gibt kein statisches, abstraktes Marktgeschehen. Das Setzen der Rahmenbedingungen ist ein politischer Prozess, bei denen es allen Seiten, nicht nur der Arbeitnehmerseite, wie von Herrn Prof. van Suntum erwähnt, einfach um mehr Geld geht.

    Die Tatsachen sind: Produktivitätswachstum ist seit Jahren höher als Lohnwachstum. Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ist sehr moderat, wenn auch ein Fünkchen besser als in anderen Ländern. Es entstanden trotzdem soziale Ungleichgewichte. Den Kampf der Klassen gewinnen gegenwärtig die Besitzenden, und das ziemlich klar. Der Bezug auf das Existenzminimum finde ich etwas zynisch: Sollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, die ihre Mitglieder auf das Existenzminimum beschränkt? Francis Fukuyama umschreibt dies mit dem Begriff Neopatrimonialismus, als neofeudale Gesellschaften, bei denen die Mehrheit Dienstleistungen für die Reichen und Superreichen entrichtet. Wir sind, mit oder ohne Streik, auf dem guten Weg dorthin, allein wenn man die Reallohnentwicklung der letzten 15 Jahr anschaut.

    Letztlich schränkt dies das Wirtschaftswachstum ein und ist wahrscheinlich eines der Ursachen für das Zurückgehen wirtschaftlicher Dynamik in den entwickelten Staaten. Aber die kausale Kette ist nicht linear, sondern vermittelt durch technologische Einflüsse, den Weltmärkten und den politischen und institutionellen Eigenlogiken, und viel mehr. Wie oft bei nicht-linearen, exponentiellen Prozessen, sind die Trends zuerst faktisch unsichtbar und dann nicht mehr beherrschbar – der bekannte Alptraum für die Mathematisierung in den WiWa, weshalb sie dafür zurückscheut, wie der Teufel vor dem Weihwasser.

    In der politischen Auseinandersetzung hilft dann auch keine Spieltheorie – das muss ausgekämpft werden, ein Prozess, in dem sich letztlich neue Mentalitäten und Anschauungen bilden. Ob der Streik daher berechtigt ist oder nicht, wird man erst in einem gehörigen zeitlichen Abstand sehen. Das Beispiel der Schweiz taugt nichts, denn solche politischen Kämpft werden an der (relativen) Peripherie ausgetragen, die Schweiz ist einfach zu reich dafür und sitzt zu weit oben in der globalen Hierarchie der Wertschöpfung.

    Verschiedene Indizien zeigen, dass ein Pendelumschwung zugunsten der Arbeitnehmer nicht ausgeschlossen ist. In diesem Fall wäre es durchaus gerechtfertigt, das halbe Land lahmzulegen. Eine mögliche logische Kette wäre: Höhere Lohnzuwächse, Überwindung bei der Stagnation des Konsums, höheres Binnenwachstum, deutscher Beitrag zur Überwindung der europäischen Krise, weitere Impulse für das deutsche Wachstum, insgesamt ein sich selbst beschleunigender Prozess.

    Trifft dies für den gegenwärtigen Streik zu? Oder erpresst eine egoistische Spartengewerkschaft das Land. Wahrscheinlich wissen es nicht einmal die Akteure. Ich weiß es definitiv nicht. Aber die Sache ist unklar, das Gleichgewicht fragil und die ganze Angelegenheit bleibt spannend.
    http://asymmetrieundgleichgewicht.blogspot.de/