Ich habe hart für mein Geld gearbeitet, indem ich Sachen produziert habe, die die Leute brauchen. Ich glaube, dass der fähige Unternehmer, der Wohlstand und Arbeitsplätze schafft, mehr historische Bedeutung verdient als Politiker und Soldaten. John Paul Getty, 1892-1976, US-amerikanischer Industrieller

1 BuchkritikWachstum

Die Entzauberung des Scheinriesen Deutschland

Olaf Gersemann: Die Deutschland-Blase – das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014Olaf Gersemann: Die Deutschland-Blase – das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014

Lange haben wir die wirtschaftliche Erholung Deutschlands beklatscht. Doch geht es nach Olaf Gersemann, hat der Jubel bald ein Ende. Er hält die deutsche Wirtschaft für überbewertet: Der Export hat seine beste Zeit gehabt, große Industriezweige weigern sich, hierzulande zu investieren, und unser Ausbildungssystem bringt nur Fachidioten hervor. Das Land braucht Veränderungen.

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Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise, besonders in den USA, sind Blasenprobleme ein Phänomen, das weit außerhalb der Urologie seine Kreise zieht. Von einer Spekulationsblase – auch Finanzblase genannt – wird klassischerweise dann gesprochen, wenn die Preise von Rohstoffen oder Lebensmitteln, von Immobilien oder Wertpapieren bei hohen Umsätzen über ihrem eigentlichen, dem sogenannten intrinsischen Wert liegen. Ein ganzes Land wie Deutschland nun mit einer Spekulationsblase in Verbindung zu bringen, sei zwar schon ungewöhnlich, schreibt Olaf Gersemann. Doch habe die wirtschaftliche Situation in der Bundesrepublik aktuell viele Parallelen zu klassischen Spekulationsblasen. In seinem neuen Buch „Die Deutschland-Blase – das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation“ hält der mehrfach für seine Wirtschaftsreportagen ausgezeichnete Journalist das Land für überwertet. Der große Knall wird kommen. Er ist so gut wie unausweichlich.

In seinem analytisch bissigen wie unterhaltsamen Buch entlarvt Gersemann Deutschland zunächst als einen Staat, dem die wirtschaftliche Erholung in den vergangenen zehn Jahren gehörig zu Kopf gestiegen ist. Es ist der „deutsche Hochmut“, der viele in das Gefühl einlullt, dass auch in Zukunft kaum etwas schief gehen könnte. Deutsche Stärken wie duale Ausbildung, Mitbestimmung, Sparkassenwesen und Tarifautonomie seien zweifelsfrei einzigartig, würden aber vor allem von Politikern als Motoren für das aktuelle Jobwunder gefeiert – obwohl diese vermeintlichen Stärken bereits lange in den 1990er Jahren existierten, als das Wirtschaftswachstum in Deutschland gerade stark nachließ.

Für Gersemann ist es höchste Zeit, von den Stärken der andern Industrieländer zu lernen – zum Beispiel bei der Förderung höherer Bildungsabschlüsse, in der Spitzenforschung, bei der Unterstützung von Unternehmen in der Informations- und Kommunikationstechnologie oder wenn es um die Verbesserung unseres Rentensystems geht. Gersemann erhebt drei Anklagepunkte: 1. Die deutsche Wirtschaft ist eine der wachstumsschwächsten der Welt und wird es bleiben. 2. Sie ist viel zu abhängig von den drei heimischen Autoherstellern. 3. Sie ist möglicherweise nicht in der Lage, den Arbeitsmarkt und das Bildungssystem auf die Herausforderungen der digitalen Revolution vorzubereiten.

Dauerdoping für die Konjunktur

Dass Deutschlands Glückssträhne nach Mauerfall, Liberalisierung, Globalisierung und Binnenmarkt allmählich vorbei ist, steht für den Autor mit „erheblicher Wahrscheinlichkeit“ fest. Das aktuelle Dauerdoping durch Niedrigzinsen sei maßgeblich am neuen Aufschwung in Deutschland beteiligt. Doch die niedrigen Zinsen seien im Grunde nichts anderes als ein Konjunkturprogramm, das sich sehr bald als sehr teuer erweisen wird: Es greift die Solidität von Banken an und stellt das Versprechen der Garantieverzinsung von Versicherungsunternehmen auf den Kopf. Niedrigzinsen sind süßes Gift für sparende Kunden. Sie verlieren schleichend ihr Vermögen, da der Zinsertrag auf ihre Guthaben unter der Inflationsrate liegt.

Auch im demografischen Wandel sieht Gersemann eine große Gefahr für die finanzielle Existenz der Bürger: „Um 2035 werden die letzten geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen und alle Menschen, die dann die Renten finanzieren müssen, sind bereits geboren. Es sind zu wenige.“

Gersemann gibt sich keine große Mühe, rosa Wolken am Zukunftshimmel zu erblicken. Zwar will er nicht ausschließen, dass sich durchaus auch positive Szenarien für die deutsche Wirtschaft entwickeln könnten: So sei es möglich, dass Deutschland, zurzeit aufgebläht wie ein Scheinriese, noch ein paar Jahre ganz ordentliche Wachstumsraten bevorstünde – wenn die Zinsen steigen. Allerdings würde danach ein Zustand erreicht, in der das Wirtschaftswachstum nicht mehr als ein Prozent ausmache. Auch sei es möglich, dass die Nullzinspolitik der EZB die deutsche Wirtschaft erst einmal überhitze, und dann eine mehr oder minder milde Rezession folge. Doch im Grunde geht Gersemann vom schlechtesten Fall aus: Aus dem Immobilienhype in Deutschland entwickelt sich eine klassische Blase, die deutschen Autohersteller verkalkulieren sich, die Euro-Krise eskaliert, der Euro-Raum bricht auseinander.

Deutsche Wirtschaft kurz vor dem Dornröschenschlaf

Gersemanns Schwarzseherei soll sicherlich nicht das Unterscheidungsmerkmal auf dem zurzeit florierenden Markt für Deutsche-Wirtschaft-Analyse-Bücher und schon gar nicht Kaufargument für den Leser sein – wer kauft schon ein Buch, das die Zukunft verteufelt?! Sein Buch ist der bewusste Apell des Autors an Wirtschaftsverantwortliche und Verbraucher, weder in Stagnation noch gar in Dornröschenschlaf zu fallen. Gersemann wünscht sich Veränderungen, eine permanenten Wandel. Er selbst schlägt zwar zum Ende seines Buches eine Zehn-Punkte-Agenda für den neuen Aufbruch vor. Dennoch nimmt der Autor nicht für sich in Anspruch, auf seine in Buchform gegossene 275-Seiten-Diagnose nun die heilende Therapie gefunden zu haben. Das Buch ist in allererster Linie ein Weckruf, ein gut erzählter Abriss über Aufstieg und möglichen Fall der deutschen Wirtschaft. Und ein lesenswerter.

  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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  • Helmuth Schrickel

    Ich muss nicht ein Ökonom sein um zusammenhänge zu begreifen . Die Gewinnsucht ist immer da zu finden wo eine Verdientsmöglichkeit steckt . Niedrige Zinsen und hohe Rendite der Aktienmärkte zeigt das ganz deutlich . Der künstliche Lebensspiegel für einen Normalen Bürger zeigt dieses auch . Alles was gebraucht wird ,von Lebensmittel bis zu den Spritpreise wird hoch gehalten ,den da ist das meiste zu verdienen . Der Steuerkreislauf und der immer wiederkehrende Warenverkehr sorgt für Umsatz und Einnahmen . Der Wahnsinn führt auch zur sofortigen Einbruch von Erzeugern die sich nur einseitig Spezialisiert haben . Die Bankenkrise ist aber nicht so ein Fall , den hier handelt es sich um keine Güterumwandelung , den Geld lässt sich nicht Aufwerten . Nur die Zinsen werden zur einer Vermehrung der Verwertung . Die Preisempfehlung einer Ware ist immer der Erzeugerpreis und das Geld ist eine Willkür einer Regierung der Bankenaufsicht . Das Geld ist nichts Wert ,nur die Ware der Erzeuger schafft den Verkaufswert einer Handelsware . Ist das nicht ein weites Weltproblem mit dieser Preisfindung der einzelnen Ländern auf dieser Welt …..