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Umverteilung seit Hartz-IV-Reform zielgerichteter

Hartz-IV: Die ärmsten 20 Prozent profitieren.Die Hartz-IV-Reformen stehen in dem Verdacht, die Verteilungsungerechtigkeit in Deutschland verschärft zu haben. Mit Hilfe einer Mikrosimulation lässt sich zeigen, welche Personen mehr oder weniger Geld mit „Hartz IV“ zur Verfügung haben. Im Resultat gibt es mehr Reformgewinner als Verlierer – und zwar insbesondere im unteren Einkommensbereich.

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In der Wissenschaft ist es relativ unumstritten, dass die Agenda 2010 und die Hartz-IV-Reformen aus dem Jahr 2005 einen positiven Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit der letzten zehn Jahre geleitest haben. Auf der anderen Seite herrscht häufig die Meinung, dass sich die Bezieher von Sozialleistungen mit „Hartz IV“ schlechter gestellt haben. Werden die monetären Verteilungseffekte der Reform betrachtet, zeigt sich jedoch ein anderes Bild: insbesondere die unteren Einkommensbereiche haben von den Hartz-IV-Leistungen finanziell profitiert. Ein erstes Indiz hierfür war bereits die unerwartete „Kostenexplosion“ der Sozialleistungen bei Einführung der Reform im Jahr 2005, die nicht allein auf einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zurückzuführen war.

Wer im Einzelnen von der Reform profitiert hat, lässt sich mit einer detaillierten Simulationsanalyse ermitteln. Hierfür wird das damalige System der Sozial- und Arbeitslosenhilfe unter Berücksichtigung der Inflation bis zum Jahr 2011 (aktuelle Einkommensdaten) fortgeschrieben und mit dem jetzigen System des Arbeitslosengeldes II (ALG II) verglichen. Gleiches gilt für die damals wesentlich großzügigeren „einmaligen Leistungen“ im Rahmen der Sozialhilfe, die den anspruchsberechtigten Haushalten pauschal zugewiesen werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich nur ein Viertel der bedürftigen Haushalte durch die Wiedereinführung der Sozial- und Arbeitslosenhilfe deutlich besser stellen würde. Darunter sind insbesondere diejenigen, die im alten System einen Anspruch auf Arbeitslosenhilfe hätten geltend machen können. Die meisten der Bedürftigen, die nur einen Anspruch auf Sozialhilfe hätten, haben mit Hartz IV mehr Geld zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es aufgrund der höheren Regelbedarfe eine substanzielle Anzahl an ALG II-Empfängern, die im alten System überhaupt keinen Anspruch auf Grundsicherungsleistungen gehabt hätten. Da diese Haushalte ausschließlich im unteren Einkommensbereich zu finden sind, profitieren insbesondere die Einkommensschwachen von den Hartz-IV-Leistungen. Die Zahlung der Arbeitslosenhilfe hingegen orientierte sich nicht so stark an der Bedürftigkeit der Haushalte, sondern am letzten Nettoentgelt – die Reformverlierer verteilen sich somit stärker auch auf den mittleren Einkommensbereich.

Seit der Hartz-IV-Reform fließen somit mehr finanzielle Mittel in den unteren Einkommensbereich. In dem Sozialsystem vor der Reform waren die Transferzahlungen weniger zielgerichtet und auch über höhere Einkommensklassen verteilt. Insofern ist es nicht überraschend, dass auch die Armutsgefährdungsquote im alten System der Sozial- und Arbeitslosenhilfe höher liegen würde.


Zur IW-Studie “Verteilungswirkung der Agenda 2010”, erstellt im Auftrag der INSM.

  • Autor

    Dr. J. Niehues und Dr. H. Goecke

    Judith Niehues und Henry Goecke sind Wissenschaftler am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

  • Helmuth Schrickel

    Ich wusste es ,hier ist kein Platz für Lügen !!! Eine einzelne Person die ein langes Berufsleben hinter sich gelassen hat und nun Rente bezieht ist ein Hartz IV Bezieher und bekommt nur ein Regelsatz minus Rentenzahlung . Und einer der noch nie gearbeitet hat bekommt auch das Gleiche ,nur eine Rente hat dieser nicht . Das ist das ? Ein Soziales System ,nach dem Motto ” Alle Menschen sind Gleich ” nur die Reichen sind etwas ganz besonderes !!! Nicht einmal die Lebensleistung wird hier berücksichtigt und das ist – Dumm gelaufen für Rentner die verheiratet waren und ein Lastenausgleich hinter sich haben !!!

  • Axel Sänger

    Hier wird, wieder einmal, unter dem Deckmantel der “Wissenschaftlichkeit” Kritik am absoluten Existenzminimum geübt. Mit dem Arbeitslohn sind alle Ansprüche eines Arbeitnehmers gegen den Arbeitgeber abgegolten. Fatal ist es, dass die meisten Arbeitnehmer dazu verführt worden sind, die, die nicht arbeiten, weil sie nicht arbeiten dürfen, als “arbeitsscheu” und sich selbst als “arbeitswillig” zu klassifizieren. Es ist unwissenschaftlich, eine Prognose der Entwicklung wagen zu wollen, wer “ein Nutznießer” der Beigabe des Existenzminimums ist. Es gibt kein Eigentum an Land für alle. Darum können sich die Menschen nicht durch Anpflanzen von Gemüse und Obst autark ernähren. Daneben sind auch die Böden durch die Industrie verseucht worden. Die Menschen sind durch das Wirtschaftssystem in eine Zwangslage gebracht worden, die den Tausch von Geld gegen Lebensmittel erzwingt. Wer darauf eine pseudowissenschaftliche Prognose errichten will, soll nur die zuvor von mächtigen Interessenten festgelegten Ergebnisse “wissenschaftlich” rechtfertigen. Das entspricht einem totalitären System und instrumentalisiert den Glauben der Menschen an die Wissenschaft für unlautere Zwecke, die nur Mittel sind.

  • Peter-deutsch

    Ob es wirklich eine Rolle spielt ob Sozialhilfe oder Hartz IV ? In beiden Fällen muss die Regierung dafür Sorge tragen das zumindest das Existenzminimum gedeckt wird , soweit mir bekannt ist wurden bei der alten Sozialhilfe auch Sonderbedarfe berücksichtigt : Bett , Kühlschrank etc. defekt wurde finanziert ! ( bei Hartz IV NICHT ! )

    dazu sagt das EU-Recht ganz eindeutig und verbindlich für alle Staaten der Gemeinschaft > Als “arm” gilt nach Definition der europäischen Behörden,
    wer weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens im jeweiligen
    Mitgliedsland zur Verfügung hat. Daraus ergibt sich, dass das Existenzminimum
    und die Armutsgrenze in Deutschland anders festgelegt werden müssen, als
    beispielsweise in Griechenland oder Portugal.

  • Ralph Krachen

    Hartz IV, die Beschäftigungslüge und die explodierenden Sozialkosten. Die starke Zunahme der prekären Beschäftigungsverhältnisse ist ein Erfolg der Hartzreformen, ein zweifelhafter. Ist Hartz besser als Sozialhilfe ? Die Sozialhilfe konnte jedenfalls nicht durch mehr oder weniger berechtigte Sanktionen gekürzt werden. Bei den Armen wird um jeden Euro gefeilscht, bei den Banken, also beim oberen Ende der Leiter, hingegen nicht. Lobbyismus zahlt sich aus, Politik wird für die Reichen gemacht. Die Mittelschicht stirbt aus. Heute besitzt das reichste Zehntel zwei Drittel des gesamten Vermögens.
    Die Wohlfahrtsindustrie beschäftigt heute mehr als 2 Millionen Menschen. Die Kosten für diese Hilfsindustrie, schätzungsweise jhrl. 140 Milliarden
    Euro, werden im Wesentlichen durch Steuergelder der
    Mittelschicht getragen. Eine teuer erkaufte Senkung der Arbeitslosenzahlen. Der Staat muss die Strukturen so ändern, dass die Kosten durch das Geschäft mit der
    Unterschicht nicht immer weiter steigen. Ich befürchte die Lobbyisten werden es verhindern.

  • Es ist merkwürdig, dass sie gegen eine Vermögenssteuer sind, aber gleichzeitig die Vermögensverteilung für ungerecht halten.

  • Ralph Krachen

    Eine Vermögenssteuer wie wir sie bereits in Deutschland hatten würde vorallem den Mittelstand und die Sparer belasten. Ich habe nichts gegen einen höheren Spitzensteuersatz bei flacherer Progression. Prinzipiell haben wir in Deutschland eher zuviele Steuern als zuwenige.

  • “Ich habe nichts gegen einen höheren Spitzensteuersatz bei flacherer Progression.”
    Das ist eine Frage der Gestaltung des Ganzen. Das Problem was ich oft genug sehe ist, dass Steuern allgemein abgelehnt werden. Dabei es immer eine Frage der Gestaltung. Obwir in Deutschland zu viele Steuern haben, ist die Frage. Zum Einen muss man die Gegenleistung anschauen und zum anderen die Steuerverteilung. Wenn die Kapitaleinkommen nur mit 25% belastet werden und Großkonzerne weniger als 10% Steuern zahlen müssen, dann kann man sicher nicht von zu viel reden. Wenn man dort etwas die Belastung anhebt und auf der anderen Seite den Rest entlastet, dann muss das Steuervolumen insgesamt nicht angsteigen. Es kann damit dennoch eine Umverteilung von oben nach unten stattfinden.