Wenn der Bauer will, dass ihm seine Kuh anständig Milch gibt, muss er dafür sorgen, dass sie auch genug zu fressen hat. Peter Bofinger, *1954, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung - Wirtschaftsweiser

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Deflation: Kein Grund zur Panik

Inflation in der Euro-Zone.Droht der deutschen Wirtschaft die Deflation? Die EZB fürchtet sinkende Preise und will mit einem Kaufprogramm von Staatsanleihen Preissteigerungen entfachen. Viele Ökonomen sehen dagegen keinen Grund zur Panik und vermuten ein ganz anderes Ziel der Notenbank.

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Wenn Preise sinken, freut sich der Verbraucher – könnte man meinen. Doch wenn sinkende Preise dazu führen, dass Kaufentscheidungen verschoben werden und somit der Konsum einbricht, droht ein Teufelskreis mit lahmender Konjunktur, steigender Arbeitslosigkeit und steigenden Staatsschulden.

Dieses Szenario will die EZB verhindern, indem sie mit frisch gedrucktem Geld Staatsanleihen vom Markt aufkauft und damit den Weg für mehr Unternehmenskredite frei macht. Dies soll die Nachfrage stimulieren und für Preissteigerungen sorgen.

Ob das momentan jedoch der richtige Weg ist, darüber wird zu Recht gestritten, zumal die Nebenwirkungen der Geldtherapie schwerwiegend sein können. Immerhin würden damit Staatsschulden indirekt mit der Notenpresse finanziert. Die Frage lautet daher nicht vorranging, wie die Deflation gestoppt werden kann, sondern, ob sie überhaupt droht.

Dagegen sprechen aber gleich mehrere Gründe: Hauptgrund für Rückgang der Inflation ist der Ölpreisverfall. Der Preis für den Schmierstoff hat inzwischen den niedrigsten Stand seit 5 Jahren erreicht. Die sogenannte Kerninflation – Lebensmittel und Energie werden nach diesem Konzept rausgerechnet – ist dagegen im Dezember von 0,7 auf 0,8 Prozent sogar leicht angestiegen.

Zudem bleiben die Ölpreise nicht dauerhaft auf diesem niedrigen Niveau. Und der Preisverfall ist keine Konsequenz durch den niedrigen Konsum hierzulande. Jeder ist auf den Kauf von Öl angewiesen, sei es für das Heizen oder die Fortbewegung. Hier das Anzeichen einer Deflation zu erkennen, ist also falsch.

Die niedrige oder teilweise sogar negative Inflation in anderen EU-Staaten wie Griechenland oder Portugal ist die Konsequenz eines Anpassungsprozesses. Sinkende Preise steigern die Wettbewerbsfähigkeit und sind Folgen der wirtschaftspolitischen Reformen. Hat die Anpassungsstrategie Erfolg, ziehen die Preise auch in diesen Ländern wieder an.

Die Furcht vor einer Deflation wird deutlich überzeichnet. Viel eher schleicht sich der Verdacht ein, dass die EZB einen Grund sucht, um ihre gesetzliche Vorgabe, Staaten nicht mit Hilfe der Notenpresse zu finanzieren, zu umgehen. Der Druck der reformunwilligen Regierungen scheint einfach überwältigend zu sein!


Eine ausführlichere Version dieses Beitrags ist vergangenen Freitag auf wiwo.de erschienen.

  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

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  • Die Zielinflationsrate liegt bei 2%. Diese wird nirgendwo in der Eurozone erreicht. Dass der Ölpreis einen Einfluss hat ist sicher richtig. Allerdings ist die Inflation seit der Krise sehr niedrig, eben auch in Deutschland. Angeblich ist unsere Wirtschaft robust und die Löhne steigen. Dagegen sprechen stagnierende Preise. Das die Geldmenge die Inflation treibt ist nur bedingt richtig. Die Nachfrage nach Gütern treibt die Preise. D.h. wenn die Geldmenge nicht in Nachfrage umgemünzt wird, dann passiert gar nichts. Kein Unternehmen wird seine Güter teuerer verkaufen, weil sich die Geldmenge auf einmal verdoppelt hat. Erst wenn diese Geldmenge in Form von Nachfrage in den Kreislauf kommt, passiert etwas. Da die Löhne als Massennachfrage im Moment nicht wirklich steigen, ist wenig zu befürchten. Folglich ist die Inflationsangst absurd und die Deflationsangst nicht ganz unberechtigt.