Die Soziale Marktwirtschaft ist ohne eine konsequente Politik der Preisstabilität nicht denkbar. Nur diese Politik gewährleistet auch, dass sich nicht einzelne Bevölkerungskreise zu Lasten anderer bereichern. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

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Scheidung einer Zwangsehe

Der Euro knickt ein.Jahrelang hat die Schweizerische Nationalbank den Kurs des Franken an den Euro gebunden. Jetzt gibt sie auf. Das Land hofft auf ein Ende mit Schrecken. Doch es könnte schlimmer kommen.

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Die Überraschung war groß, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Beschluss verkündete, den Wechselkurs des Frankens gegenüber dem Euro freizugeben. Grund für diesen Schritt ist, dass der Euro zu schwach geworden war. Die SNB erwartete aufgrund der aktuellen Situation in Europa, dass der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken weiter verstärkt werden würde. Die Zentralbank war schon bisher gezwungen, immer mehr Euro zu kaufen und Schweizer Franken zu verkaufen, um den Mindestkurs von 1,20 pro Euro zu verteidigen. Nun war das Maß voll.

Zur Zwangsheirat von Schweizer Franken und Euro war es vor gut drei Jahren gekommen. Die Finanzmärkte hatten nach der Staatsschuldenkrise das Vertrauen in den Euro verloren. Das Vermögen floss in Strömen in die Schweiz. Der Franken wertete dadurch so stark auf, dass Schweizer Güter und Dienstleistungen für die übrige Welt zu teuer wurden.

Deshalb verkündete die SNB im September 2011, eine Abschwächung des Frankens anzustreben und ab sofort keinen Wechselkurs von weniger als 1,20 Franken für einen Euro zu tolerieren. Sie ging damit auf Konfrontation mit den Spekulanten. Diese Politik war weder kosten- noch risikolos. Die Nationalbank gab ihre geldpolitische Unabhängigkeit auf und musste immer wieder auf den Finanzmärkten eingreifen – ausgerechnet die Schweiz als Nichtmitglied des Euro-Raums wurde so in dramatischer Weise vom Überleben des Euro abhängig.

Nun hat die SNB entschieden, sich aus der Zwangsjacke zu befreien. Das ist hoch riskant. Der Franken wird weiter kräftig aufwerten. Einmal, weil nun viele der SNB folgen werden, indem sie Euro verkaufen und das Geld in Franken anlegen – was dessen Kurs weiter in die Höhe treibt. Aber auch, weil die EZB durch den Ankauf von Staatanleihen den Euro weiter abwertet. Und drittens, weil jetzt die Spekulanten erst recht testen werden, wie lange die Schweizer Nationalbank der Aufwertung wird zusehen können, bis das Spiel eines Mindestkurses neu beginnt.

Denn klar ist, dass die zu erwartende dramatische Aufwertung des Frankens Schweizer Güter und Dienstleistungen erneut stark verteuern wird. Absatz und Beschäftigung werden einbrechen und alle bisher gekauften Euro im Tresor der SNB werden entwertet. Mit der Aufgabe des Mindestkurses folgte die SNB offenbar dem Motto „lieber ein Ende mit Schrecken anstatt ein Schrecken ohne Ende“. Vor den kurzfristigen Folgen kann es einen dennoch grausen.


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  • Autor

    Prof. Dr. Thomas Straubhaar

    früherer Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

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  • Spannend an den schweizer “Zuständen” ist, dass Deutschland bei einem Zusammenbrechen der Eurozone das Gleiche droht. Eine massive Aufwertung sorgt für eine drastische Verteuerung der Güter. Man kann weiterhin erkennen, dass Strukturreformen und Wettbewerbsfähigkeit, welche von unseren Politikern und Ökonomen regelmäßig als Selbstzweck verordnet wird, keine Rolle mehr spielt, wenn man eine eigene Währung hat. Denn wertet diese Währung einfach auf und schon ist die Wettbewerbsfähigkeit dahin.

  • Ralph Krachen

    Nun der Euro wird jetzt von der SNB bei 1,00 Franken gestüzt.