Geld fällt nicht vom Himmel. Man muss es sich hier auf Erden verdienen. Margaret Thatcher, *1925, ehem. Premierministerin von Großbritannien

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Lügen mit Statistik: Die Tricks beim Gender Pay Gap und der Armutsgefährdung

Wirtschaftspsychologen und Verhaltensökonomen wissen, dass die meisten Menschen ein Problem mit der richtigen Interpretation von Statistiken haben. Der korrekte Umgang mit Statistiken wird nur selten gelehrt, obwohl er sehr wichtig für die Einschätzung von Nutzen und Risiken bestimmter Entscheidungen ist. Diese Tatsache wird gerne ausgenutzt. Zum Beispiel bei den Themen “Gender Pay Gap” und “Armutsgefährdung in Deutschland”.
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Jahr für Jahr wird die Statistik über die Armutsgefährdung in Deutschland veröffentlicht. In vielen Medien wird diese „Armutsgefährdung“ in der Überschrift in „Armut“ umgedeutet. Da heißt es dann zum Beispiel jeder fünfte Bundesbürger sei arm. Wie kommt aber überhaupt dieser Anteil der Armutsgefährdeten zustande? Das ist ein schöner statistischer Kniff; als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Das führt zu der absurden Situation, dass wenn von einem Jahr zum nächsten jeder Bundesbürgen doppelt so viel Geld zur Verfügung hätte, sich die Armutsquote nicht ändern würde. Oder auch, dass wenn die Einkommen von vielen Bundesbürgern steigen, die Armut zunimmt.

Obendrein ist dieses Kriterium nicht objektiv. Warum sind es 60 Prozent vom Durchschnittseinkommen und nicht 50 oder 70? Und warum wird die Basis nicht berücksichtigt? Es ist ein Unterschied, ob ich 60 Prozent von 10.000 Euro zur Verfügung habe oder 60 Prozent von 200.000 Euro. Was ist mit den Lebenshaltungskosten oder mit dem Befähigungskonzept, das fragt, was wirklich für ein menschenwürdiges Leben nötig ist?

Armutsmessung ist natürlich gerechtfertigt, denn zur Bekämpfung von Armut – insbesondere durch Chancengerechtigkeit und das Abfedern von Härten – besteht  eine gesellschaftliche Verpflichtung. Aber um festzustellen, was wirklich nötig ist, um etwas gegen Armut zu unternehmen, benötigt man zunächst einen objektiven Maßstab und keine alljährliche Panikmache über angebliche Armut.

Werden Frauen tatsächlich benachteiligt?

Ein anderes Beispiel für „Verfälschen mit Statistiken“ ist der sogenannte Gender Pay Gap. Frauen verdienen in Deutschland Jahr für Jahr zwischen 22 und 23 Prozent weniger als Männer. Das klingt nach einem sehr großen Unterschied, aber basiert dieser Unterschied tatsächlich auf einer Benachteiligung von Frauen, wie vielfach behauptet wird?

Dieser relativ große Unterschied ist unbereinigt, das heißt dass Unterschiede bei Qualifikation, Tätigkeit, Branche oder Berufserfahrung nicht berücksichtigt werden. Werden zumindest einige statistisch erfassbaren Unterschiede berücksichtigt, so beträgt der Unterschied laut statistischem Bundesamt nur noch rund 7 Prozent. Berücksichtigt man weiter Unterschiede, wie es etwa das Institut der deutschen Wirtschaft getan hat, so kommt man nur noch auf einen Gehaltsunterschied von 2 Prozent.

Von diesen 2 Prozent kann ein Teil theoretisch auf Diskriminierung zurückgeführt werden. Allerdings erscheint dies eher unwahrscheinlich, da einige Faktoren, die Gehaltsunterschiede erklären können, immer noch unberücksichtigt sind. Frauen haben im Durchschnitt zum Beispiel eine höhere Wertschätzung für die Familiengründung als Männer, wodurch sie eher bereit sind, beruflich zurückzustecken. Sie sind weniger risikobereit, wenn es zum Beispiel um den Wechsel des Arbeitgebers geht. Auch ist das Karrierestreben weniger stark ausgeprägt, es werden weniger Weiterbildungsangebote wahrgenommen, es wird weniger in Netzwerke investiert und nichtmonetäre Bedingungen haben einen höheren Stellenwert.

Könnte man all diese Faktoren entsprechend berücksichtigen, wäre es sogar möglich, dass Männer beim Gehalt benachteiligt werden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass beim Gehalt keine Diskriminierung stattfindet. Ansonsten würden Unternehmen gegen das Gesetz verstoßen und Betriebsräte und Gewerkschaften hätten in ihrer Kontrollfunktion versagt.

Dass Frauen häufiger Kinder betreuen und in Teilzeitstellen arbeiten, könnte jedoch tatsächlich auf einer gesellschaftlichen Benachteiligung beruhen. Daher brauchen wir auch keine Quoten oder Antidiskriminierungsgesetze, sondern mehr Chancengleichheit durch Aufklärung und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Erst dadurch wird es ermöglicht, dass Paare die Entscheidungen für ihr Leben treffen können, die für sie richtig sind.

Gesellschaftlich wäre es nämlich von Vorteil, wenn Frauen und Männer, die mangels Kinderbetreuungsmöglichkeiten keiner Erwerbstätigkeit nachgehen können, diese Möglichkeit erhalten würden, indem die entsprechenden Angebote geschaffen werden. Sollte sich ein Paar jedoch, wenn diese Möglichkeiten geschaffen werden, weiterhin dafür entscheiden, dass sich ein Elternteil um die Kinder kümmert, so ist dies zu akzeptieren und nicht herabzuwürdigen, wie dies von Zeit zu Zeit geschieht.

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  • Autor

    Dr. Markus A. Hessler

    studierte, lehrte und forschte in Bochum, Hagen und Hamburg. Er arbeitet aktuell als Strategieberater für Digitalisierung, Strategieentwicklung, Marketing-Management, Finance und Projektmanagement und lehrt in betriebs- und volkswirtschaftlichen Schwerpunkten an verschiedenen Hochschulen.

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  • “Das führt zu der absurden Situation, dass wenn von einem Jahr zum
    nächsten jeder Bundesbürgen doppelt so viel Geld zur Verfügung hätte,
    sich die Armutsquote nicht ändern würde”
    Darum ist es ja auch relative Armut und nicht absolute. Das die Preise sich dann auch verdoppeln und die Kaufkraft sinkt, ist egal.

    “Aber um festzustellen, was wirklich nötig ist, um etwas gegen Armut zu
    unternehmen, benötigt man zunächst einen objektiven Maßstab und keine
    alljährliche Panikmache über angebliche Armut.”
    Diese Aussage ist absurd. Wenn ich festlege, wie gut das auch immer sein mag, dass die relative Armutsschwelle bei 60% des Einkommens ist, dann ist das objektiv. Ich kann schauen wie viele darunter und darüber liegen. Die relative Armut sagt etwas über die Verteilung des Einkommens aus. Wenn die unteren Einkommen mehr verdienen und die oberen Einkommen stagnieren würden, dann sinkt der Anteil der relativen Armut. Das ist einfache Mathematik. Um das klar zu machen folgendes Gedankenbeispiel
    Wenn das Gesamteinkommen aller Menschen im
    Land 3 wäre und ich das Einkommen folgendermaßen aufteile

    A = 0.5; B = 1; C = 1.5

    dann ist der Median 1 und A würde unterhalb der Armutsschwelle von 60% liegen. Wenn ich umverteile

    A = 0.7; B = 1; C = 1.3

    dann liegt A oberhalb der Armutsschwelle und es gäbe keine Armut mehr.
    Mit dem Mittelwert kann man ein ähnliches Beispiel konstruieren das
    ebenfalls gültig ist. Bei der relativen Armut geht es um soziale Teilhabe. Diese wird im unteren Bereich gefördert. Am Beispiel sieht man auch, dass sich am Gesamteinkommen nichts ändern muss. Volkswirtschaftlich kann es sogar vorteilhaft sein, wenn man unten etwas hinzugibt. Schließlich wird man nicht 100 Autos kaufen. D.h. 100 Menschen kaufen sich jeweils ein Auto, aber ein einzelner Reicher mit einem Einkommen von 100 Menschen kauft sich eben diese Autos nicht.

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  • Gatanis

    “Dass Frauen häufiger Kinder betreuen und in Teilzeitstellen arbeiten, könnte jedoch tatsächlich auf einer gesellschaftlichen Benachteiligung beruhen.”
    Das ist nicht nur falsch sondern sogar verkehrt. Während die “armen Frauen” bemitleidet werden, weil sie sich nicht “verwirklichen” können, ist es in Wahrheit so, dass Frauen von sich aus zu mehr Teilzeit tendieren. Das haben bereits einige Statistiken und Umfragen ergeben. Auch die Wahl des Berufes (die im übrigen völlig frei ist) ist bei Frauen bevorzugt nicht technisch. Da halfen selbst im stark frauenfördernden Norwegen Millionensummen nicht aus, um Frauen zu technischen Berufen zu ermuntern obwohl technische Berufe
    offensichtlich zu mehr Gehalt und Chancen auf eine Führungsposition (die größten Unternehmen sind technisch, und daher auch deren Führungspersonen) führen. Im Gegenteil: In Indien ist der Anteil an Frauen in technischen Berufen HÖHER als in Norwegen. Warum ist das so? Nun, in Norwegen haben die Frauen den Luxus NICHT in technischen Berufen zu arbeiten. Und ebenso verhält es sich mit der Teilzeit.
    Ergebnis der ganzen Schose ist, dass wenn es in der Familie zur Entscheidung kommt, welcher der beiden Elternteile zuhause bleibt und welcher arbeiten geht, die Bürde zu Arbeiten beim Mann hängen bleibt, denn er – dieser Depp – musste ja unbedingt den besseren Beruf auswählen (und mit Recht – Umfragen ergaben, dass Männer mit “feel-good”-Berufen bei Frauen immer noch keine Begeisterung auslösen – ganz im Gegensatz zu Männern mit so richtig lukrativen Jobs. Und wehe er strebt keine Karriere an…).
    Ja, ich sage bewusst: “Bürde”, denn es ist nicht so, dass Frauen nicht “dürfen”, sondern dass Männer “müssen”. Das war schon immer so, doch irgendwie hat der Neuzeitfeminismus es geschafft, die sich aufopfernden Männer als die Schuldigen hinzustellen. Inzwischen sogar in so ziemlich allen Bereichen.

  • Nicholas Williams

    Zwei Halbwahrheiten ergeben immer noch keine ganze Wahrheit, aber diese Erkenntnis, würden die empiriearmen neoklassischen Ansätze sie beherzigen, würden selbige in eine unüberwindbare Krise stürzen. Dementsprechend argumentiert der Autor denn auch, wie könnte es anders sein, mit einem theoretisch Modell. Die Armutsbemessung mit der Formel: “weniger als 60% des Durchschnittseinkommens” greift er damit an, dass dies ja statistisch bedeute, wenn auf einmal alle Einkommen verdoppelt würden, dass nach wie vor der gleiche Prozentsatz arm sei. Hätte, könnte, wäre, würde: Das Gedankenexperiment ist untauglich, um solch eine Aussage zu treffen, denn die Einkommen werden nicht sprunghaft um 100% steigen. Und selbst wenn, stiegen auf einmal alle Löhne und Gehälter um 100%, würde die Inflation, vor der insbesondere INSM und Konsorten ja stets warnen obwohl wir hart an der Grenze zur Deflation sind, das Ganze umgehend zu einem fast vollständigen Nullsummenspiel machen. Auf den Punkt gebracht: Eine Variable in einer Gleichung kann nicht um eine weitere Variable ergänzt werden, die eine nicht erfüllbare Bedingung repräsentiert, um dann hinterher die ganze Formel infrage zu stellen. Das ist methodisch und logisch schlicht unzulässig.