Die Klage über die Schärfe des Wettbewerbes ist in Wirklichkeit meist nur eine Klage über den Mangel an Einfällen. Walther Rathenau, 1867-1922, dt. Industrieller und Politiker

2 Arbeitsmarkt

Gesetzliche Schrumpfkur

Zeitarbeit hilft Unternehmen, auch bei schwankendem Auftragseingang wettbewerbsfähig zu bleiben. Dies hat in der Vergangenheit zu einem starken Wachstum der Branche geführt. Seit einigen Jahren stagniert jedoch die Beschäftigung. Ein Grund dafür ist die zunehmende Regulierung.

(mehr …)

Die Zahl der Zeitarbeitnehmer hat sich in den letzten Jahren kaum bewegt.Die Zeitarbeitsbranche steht unter Druck: Seit Jahren pausiert das Beschäftigungswachstum hier entgegen dem Trend am Arbeitsmarkt. Das mag am schwachen Wirtschaftswachstum liegen. Es gibt jedoch ein weiteres Problem: Immer neue Regulierungen lähmen die Branche – und erschweren besonders Menschen mit schlechten Jobaussichten zusätzlich den Zugang zum Arbeitsmarkt.

Schon die Vorgängerregierung der Großen Koalition hatte die Zeitarbeit mit neuen Regulierungen überzogen: Seit 2011 muss sie „vorübergehend“ sein. Was das bedeutet, wurde allerdings nicht eindeutig geklärt. Zudem hat sie Mindestlohntarifverträge für die Zeitarbeit ermöglicht. Es folgten Ergänzungstarifverträge, nach denen Zeitarbeiter nach Einsatzzeiten gestaffelte Zuschläge von bis zu 50 Prozent ihres Lohns bekommen.

Nun will die Bundesregierung gesetzlich festlegen, dass Zeitarbeiter nach einer Frist von neun Monaten denselben Lohn wie vergleichbare Beschäftigte erhalten müssen. Sie missachtet damit nicht nur die Tarifautonomie. Besonders Hilfsarbeiter verlieren dadurch Jobchancen: Fast die Hälfte der Unternehmen, die das Institut der deutschen Wirtschaft Köln 2014 befragt hat, würde ihre zeitarbeitenden Helfer vor Ablauf der 9-Monats-Frist durch andere Zeitarbeitnehmer ersetzen. 30 Prozent würden die betroffenen Aufgabenbereiche sogar auslagern oder aufgeben.

Die Große Koalition will die Schrumpfkur außerdem mit einer maximalen Einsatzdauer von 18 Monaten komplettieren. Das wird immerhin bis zu 20 Prozent der Zeitarbeitnehmer betreffen, die länger als 18 Monate im Einsatz sind. Den Arbeitnehmern hilft das nicht: Sie verlieren die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum von Zuschlagtarifen zu profitieren.

Statt die Branche weiter einzuschränken, wäre das Gegenteil nötig. Zeitarbeit ist für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wichtig, denn sie hilft, konjunkturell bedingte Spitzen optimal zu nutzen. Zeitarbeit verbessert überdies den Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Für Menschen, die schon Jahre arbeitslos oder auf eine andere Art im Nachteil sind, ist sie oft der einzige Weg in einen Job.

  • Autor

    Holger Schäfer

    ist Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW),

    Alle Beiträge

  • Gunter Grigo

    Mit der Zeitarbeit hat man den Unternehmen die Möglichkeit gegeben das unternehmerische Risiko weiter auf die Arbeitnehmer ab zu wälzen, indem man ihnen mehr Flexibilität abverlangt. Der Benefit liegt einzig beim Unternehmer, denn nur er profitiert. Der flexible “Leiharbeiter” hingegen wird sogar noch schlechter entlohnt als der Festangestellte. Dass man das nicht nur zum Abfangen/Nutzen von Spitzen, sondern gerne auch als Dauerlösung hätte ist nachvollziehbar, jedoch die Perversion des Grundgedankens.
    Insofern müssen mal wieder Regelungen gefunden werden um derlei Fehlentwicklungen auf zu halten, bzw. um zu kehren.
    Im Grunde müssten sie so lauten:
    Da Leiharbeiter grundsätzlich einen kurzfristigen Bedarf beim Unternehmen decken und ihm dadurch einen Mehrwert gegenüber Festangestellten bieten MÜSSEN – auch um den Regeln der Marktwirtschaft zu folgen – Leiharbeiter grundsätzlich besser bezahlt werden als Festangestellte.

  • “Zeitarbeit ist für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wichtig,
    denn sie hilft, konjunkturell bedingte Spitzen optimal zu nutzen.”
    Stimmt genau. Aber wieso sollte dann der Trend nach oben zeigen? Mir kann keiner erzählen, dass man für eine Ausgleich von konjunkturell bedingte Spitzen einen nach oben zeigenden Trend im Leiharbeitsmarkt braucht. Insgesamt zeugt der Beitrag von technokratischer Ignoranz. Wenn Leiharbeit für den Spitzenausgleich gedacht ist, dann gehört sie besser entlohnt. Schließlich gebe ich als Arbeitnehmer meinen Luxus der Festanstellung auf. Das muss etwas Wert sein. Stattdessen wird Leiharbeit zum Senken der Löhne verwendet und gehört aus diesem Grund reguliert.
    Die Wettbewerbsfähigkeit ist aus zwei Gründen kein Argument. Unternehmen die auf dem Binnenmarkt tätig sind, hebeln sich den Vorteil durch gleichzeitige Nutzung aus. Bei den Exportmärkte ist Deutschland sehr wettbewerbsfähig und man braucht nichts zu fördern.
    Mich erstaunt im übrigen wie einfach Ökonomen gestrickt sind. Es zählen nur die Löhne und Kosten. Niemals sind die Erträge interessant. Es wird stillschweigend davon ausgegangen das diese konstant bleiben. Wenn ich allerdings Leute jederzeit entlassen kann, sinkt deren Motivation. Sie werden das Unternehmen schnellst möglich verlassen, wenn sie können. D.h. eine Weiterbildung ist ein hohes Risiko für den Unternehmer. Am Ende verlieren alle. Das Argument, dass Langzeitarbeitslose leichter auf den regulären Arbeitsmarkt kommen, müsste sich doch nachweisen lassen. Es ist aber auffällig, dass Behauptungen die sich nicht beweisen lassen, selten durch Statistiken belegt werden.