Während der Staat auf die Aufsicht und eventuelle Gestaltung der Formen beschränkt bleiben soll, in denen der Wirtschaftsprozess abläuft, muß im Rahmen der Märkte, auch der Arbeitsmärkte, Freiheit bestehen. Walter Eucken, 1891 1950, deutscher Ökonom

4 Wachstum

Vorsicht vor der Demografie-Falle!

Die schnelle Alterung der Gesellschaft bedroht den Wohlstand in Deutschland. Nur wenn der Staat Unternehmertum und technischen Fortschritt durch gründerfreundliche Regeln unterstützt, kann die Wirtschaft weiter wachsen.

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Angesichts von Beschäftigungsrekord und robuster Konjunktur wollen es viele nicht wahrhaben – doch Deutschlands Wohlstand ist bedroht. Die aktuellen Erfolge werden nicht helfen, die Herausforderungen des demografischen Wandels zu meistern. Vor allem, wenn die Politik weiterhin so kurzsichtig reagiert.

Bis jetzt beschränkt sich die Debatte auf Fachkräftemangel und die Finanzierung der Sozialversicherungssysteme. Doch weit größer ist die Gefahr einer sich abbremsenden Dynamik in der Gesellschaft. Ältere Menschen sind zögerlicher. Sie vermeiden riskante Investitionen und haben weniger Anreize für Fortbildungen. Besitzstandswahrung verdrängt den Mut zu Neuem. Schon heute stecken die Deutschen ihre Ersparnisse lieber in Immobilien anstatt in innovative Start-ups.

Das mag für den Einzelnen sinnvoll sein. Doch für die Gesellschaft ist diese Zurückhaltung gefährlich. Die Innovationsfähigkeit leidet und der technische Fortschritt wird langsamer. Das gefährdet Produktivitätssteigerungen, den wichtigsten Faktor für Wachstum. Besonders bedrohlich ist diese Entwicklung, weil die Republik träge wird, während sich die Welt durch die Digitalisierung beschleunigt. Deutschlands Wohlstand fußt noch auf der Wettbewerbsfähigkeit der alten Industrie. Doch die Zukunft der Produktion ist digital. Gerade jetzt braucht Deutschland also Innovation.

Zwei Instrumente stehen Regierungen zur Verfügung, um eine alte Gesellschaft fit zu halten: Zum einen sollte der Staat in moderne Infrastruktur, Bildung und Forschung investieren, um private Folgeinvestitionen auszulösen. Indem die Regierung den Zugang zu Bildung erleichtert, steigert sie auch die Chancengleichheit und damit die Dynamik einer Gesellschaft. Dabei sollte der Staat lieber jetzt investieren als später. Denn mit einer älteren Gesellschaft steigt auch die Umverteilungslast und finanzielle Spielräume werden knapper.

Zum anderen sollte die Politik durch gründerfreundliche Regeln das Unternehmertum fördern und helfen, eine Gründerklima zu schaffen. Dies gilt besonders für Zukunftsbranchen wie die IT. Noch macht der Staat aber zu viele Fehler: Statt Gründungen und lebenslanges Lernen zu unterstützen, schickt er die Menschen mit 63 in Rente. Wachstum entsteht nicht automatisch, sondern nur bei entsprechenden Rahmenbedingungen. In einer alternden Gesellschaft gilt das ganz besonders.

Lesen Sie dazu auch den HWWI Standpunkt aus dem Juni 2015

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  • Autor

    Prof. Dr. Henning Vöpel

    ist Direktor und Mitglied der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).

    Alle Beiträge

  • “Robuste Konjunktur”

    Mit den aktuellen Wachstumszahlen waren wir Ende der 90er der kranke Mann Europas.

    http://de.statista.com/statistik/daten/studie/2112/umfrage/veraenderung-des-bruttoinlandprodukts-im-vergleich-zum-vorjahr/

    “Beschäftigungsrekord”

    Beschäftigung ist unwichtig. Wichtig sind die Einkommen der Menschen. Es wäre schön, wenn darauf Bezug genommen werden würde. Das Arbeitsvolumen ist relativ konstant geblieben, die Erwerbstätigenzahl ist gestiegen. D.h. mehr Menschen machen die gleiche Menge an Arbeit. D.h. weiterhin, wenn wir alle pro Kopf genausoviel Arbeiten wie Anfang der 90er, dann gibt es jede Menge Potentiale.

    “Zum einen sollte der Staat in moderne Infrastruktur, Bildung und
    Forschung investieren, um private Folgeinvestitionen auszulösen. ”

    Das darf der liebe Staat nur bedingt, da er sich selbst eine Schuldenbremse verordnet hat. Langfristige Verträge an Hochschulen gibt es auch nicht, da das angeblich die Qualität der Forschung erhöht.

    “Ältere Menschen sind zögerlicher. Sie vermeiden riskante Investitionen und haben weniger Anreize für Fortbildungen.”
    Das mag stimmen. Allerdings ist Stetigkeit nicht unbedingt etwas schlechtes. Davon abgesehen ist der demographische Wandel in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert zu spüren. Dem Wirtschaft in Deutschland hat es scheinbar nicht geschadet.
    Alles in allem wird der demographische Wandel so kritisch gesehen. Dabei hat sich in den letzten 100 Jahren deutlich mehr geändert als es aktuell zu erwarten ist.

  • Harry_B

    Die Menschen sind nicht für die Produktion da. Wenn man einfach nur Menschen benötigt um die Produktion aufrecht zu erhalten kann das nur schief gehen. Wenn wir z.B. das ganze Geld das wir heute für Kriege einsetzen für Familien einsetzen würden, incl. der Sicherung des Alters von Familien, dann kommt automatisch ein Bedarf für die Industrie und den Handel

  • steinweg

    Der Staat wird notgedrungen immer staerker Einkommen abkassieren. Die einzige Loesung sind neue Beschaeftigungs-Formen, die Aeltere im Arbeitsprozess halten. Bis hin zu Arbeitseinkuenften frei von Steuern und Soz.Abgaben fuer diese Gruppe. Der Gesundheits-Status der Rentner-Generation kann schon heute zu einem grossen Teil als Arbeitsfaehig beschrieben werden. Eine mittlere Bezugszeit der Rente u der Pensionen jenseits von 9 Jahren kann nicht erwirtschaftet werden.

  • “Eine mittlere Bezugszeit der Rente u der Pensionen jenseits von 9 Jahren kann nicht erwirtschaftet werden.”
    Nehmen wir an das würde stimmen, dann müsste der Renteneinstieg sehr individuell sein. Am längsten leben diejenigen die ein hohes Einkommen und/oder Vermögen haben. Die Lebenserwartung der ärmeren Teile der Bevölkerung ist statistisch gesehen geringer.

    Die Frage ist, ob diese Aussage stimmt. Da bin ich mehr als skeptisch. Letztenendes haben wir eine jährliche Wirtschaftsleistung. Diese wächst in der Regel und kann verteilt werden. Wenn man diese Leistung durch die Zahl der Menschen teilt, dann haben wir ein Einkommen, das jede Person theoretisch bekommen könnte. Der Rest ist Politik und gesellschaftlicher Diskurs; was halten wir für gerecht und wie wollen wir den Wohlstand verteilen. Es ist aber absurd anzunehmen, dass der Wohlstand nicht reichen wird. Vor allem dann nicht, wenn wir immer noch Millionen Arbeitslose haben und diejenigen die Arbeiten nicht voll ausgelastet sind (stagnierendes Arbeitsvolumen seit 1990 bei steigender Erwerbstätigenzahlt). Das verschiebt die Diskussion von einer Verteilungsfrage zu einer “es ist nicht genug da” Frage. Die zweite Frage ist endgültiger und man braucht nicht mehr diskutieren. Darum wird sie meiner Ansicht nach auch so gerne von Politikern und Vertretern aus der Wirtschaft (die nicht gerne nach unten verteilen) vertreten.