Während der Staat auf die Aufsicht und eventuelle Gestaltung der Formen beschränkt bleiben soll, in denen der Wirtschaftsprozess abläuft, muß im Rahmen der Märkte, auch der Arbeitsmärkte, Freiheit bestehen. Walter Eucken, 1891 1950, deutscher Ökonom

3 Soziales

Wie der Mindestlohn zu sinkendem Einkommen führt

Die Situation ist kurios: Mindestlohnbezieher erhalten zwar einen höheren Stundenlohn, aber haben unter Umständen trotzdem weniger Geld zur Verfügung. Ein weiteres Beispiel für dringenden Reformbedarf.

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Eigentlich soll der Mindestlohn nach dem Willen der Bundesregierung Menschen mit geringem Einkommen besser stellen. Doch in Wirklichkeit schadet die Lohnuntergrenze mehr als sie nützt. Sie gefährdet nicht nur Arbeitsplätze und belastet Unternehmen mit unnötiger Bürokratie. Kuriose Regelungen können auch dazu führen, dass Beschäftigte seit dem Inkrafttreten des Mindestlohns weniger Geld zur Verfügung haben als vorher.

Besonders betroffen sind Personen, die vor der Einführung des Mindestlohns knapp unter der Grenze zum sozialversicherungspflichtigen Einkommen lagen. Für sie kann die Lohnuntergrenze zwar zu einem höheren Stundenlohn führen, das verfügbare Einkommen jedoch sinken. Aber auch Aufstocker, die zum Arbeitslosengeld II hinzuverdienen, haben unter Umständen nichts vom Mindestlohn. Denn der Mehrverdienst geht mitunter vollständig an den Staat.

Zwei Beispiele verdeutlichen das Problem: Wer vor der Mindestlohneinführung 55 Stunden für acht Euro pro Stunde arbeitete, erhielt 440 Euro – ganz ohne Abzüge. Mit dem Mindestlohn von 8,50 Euro steigt zwar das Bruttoeinkommen auf 467,50 Euro. Weil dann aber Sozialversicherungsbeiträge fällig werden, bleiben am Ende nur noch 413,13 Euro netto – fast 27 Euro weniger als vorher. Die vermeintliche Lohnerhöhung wird für die Arbeitnehmer also eine teure Angelegenheit.

Ähnlich problematisch ist die Situation bei den Aufstockern: Wer durch den Mindestlohn über die Grenze von 1.200 Euro brutto im Monat kommt, hat nichts von dem Betrag, der über diese Schwelle hinausgeht – denn das Arbeitslosengeld II wird in diesem Fall um die exakt gleiche Höhe gekürzt.

Um negative Effekte des Mindestlohns zu minimieren, sollte die Bundesregierung daher nicht nur Unternehmen von übertriebenen Dokumentationspflichten befreien und weitere Ausnahmen etwa für junge Beschäftigte einführen. Wenn es der Politik ernsthaft darum geht, die Situation von Geringverdienern zu verbessern, dann muss sie künftig Anreize für Beschäftigung setzen, statt welche zu vernichten.

Weitere Berechnungen finden Sie im ifw Policy-Brief “Kuriose Effekte der Einführung
des Mindestlohns und wie man sie vermeiden kann.”

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  • Autor

    Dr. Alfred Boss

    war langjähriger Wissenschaflter im Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte sind Öffentliche Haushalte, Sozialversicherung, Steuerpolitik, Subventionswesen und Sozialpolitik.

  • Gunter Grigo

    FAZIT. Der ML ist wohl definitiv zu niedrig, oder?

  • “von übertriebenen Dokumentationspflichten”
    Aufzuschreiben wie lange jemand arbeitet ist also eine übertriebene Dokumentationspflicht. In jedem Projekt muss man das tun.

    “weitere Ausnahmen etwa für junge Beschäftigte einführen”
    Das ist ein sehr zynischer Satz. Ausnahmen vom Mindestlohn, sprich eine Verschlechterung der Rechte der Arbeitnehmer wird als Vorteil dargestellt. Der zu niedrig angesetzte Mindestlohn wird nicht thematisiert. Warum nicht einfach den Mindestlohn erhöhen, damit die negativen Effekte nicht auftreten Herr Boss, oder wäre das zu naheliegend? Davon abgesehen, warum kann der Mitarbeiter nicht weiterhin für 440 Euro arbeiten, aber dafür kürzer?

  • “hey, wenn du knapp unter sozialversicherungspflichtig bezahlt wurdest und jetzt knapp darüber rutschst, dann hast du weniger geld”

    Danke, Dr. Obvious!