Geld ist die Garantie dafür, daß wenn wir etwas wollen, wir es in Zukunft haben können. Auch wenn wir im Moment nichts brauchen, sichert es die Möglichkeit, einen neuen Wunsch zu befriedigen, wenn er auftaucht. Aristoteles, 384-322 v. Chr., griechischer Philosoph

4 Ordnungspolitik

Wie viel Gemeinschaft braucht die Freiheit?

In den vergangenen Tagen ist viel von Spaltung und Zerfall die Rede gewesen. Die Geschehnisse in der AfD gaben den Tenor vor. Der Austritt einer noch durchaus überschaubaren Gruppe von knapp 60 Mitgliedern der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft hat danach dann einige Beobachter – die einen mit Häme, die anderen aus Sorge – sinngemäß zu dem Kommentar veranlasst, angesichts von solcherlei Gezänk könne es ja nichts werden mit dem Liberalismus. Der Einsatz für die individuelle Freiheit in der Marktwirtschaft wie auch in allen anderen Sphären des gesellschaftlichen Zusammenlebens sei ohne einen Schulterschluss zum Scheitern verurteilt. Das ist ein großer Irrtum. (mehr …)

Abgesehen davon, dass die Hayek-Gesellschaft gemäß ihrer Satzung nur ein der Wissenschaft gewidmeter Verein sein sollte und keine Partei, auch wenn das manche Mitglieder vielleicht gern anders hätten: Erfolg in Politik und öffentlichem Diskurs ist ohne Glaubwürdigkeit nicht zu haben, ebenso wenig wie wissenschaftliche Reputation. Und zur Glaubwürdigkeit trägt Integrität ganz entscheidend bei. Man darf sich nicht von Geld, Amt oder Macht korrumpieren und zum Schweigen bringen lassen; inhaltliche Konflikte gilt es nicht zu vertuschen, sondern selbstbewusst auszutragen; aus pragmatischen Gründen eingegangene Allianzen sind immer wieder auf den Prüfstein zu stellen.

Das Problem ist deshalb nicht der Streit an sich. Das Problem besteht vielmehr in der Anfälligkeit des Liberalismus für Strömungen, die ihm schaden – wobei andere politische Richtungen nicht minder von unliebsamen Vereinnahmungen und schleichenden Pervertierungen betroffen sind.

Dass sich die Union zunehmend in die Mitte des politischen Spektrums Deutschlands bewegt hat und dabei vor allem der anderen einst großen Volkspartei, der SPD, die Wähler abspenstig macht, zehrt an ihrem konservativen Markenkern in ähnlicher Weise. Und der ideologischen Substanz der Sozialdemokratie entsprechen die paternalistischen Aktionismen von Arbeitsministerin Andrea Nahles sicherlich mehr als der zuletzt in den Vordergrund rückende ökonomische Realismus von Parteichef Sigmar Gabriel.

Auf jeden Fall aber ist der Schaden längst geschehen, wenn es zum offenen Streit kommt, denn dann bricht nur auf, was zuvor allzu lange unter den Teppich gekehrt wurde oder im Interesse des lieben Friedens unerwähnt geblieben war.

Man müsse doch zusammenhalten in dieser Welt, in der die Bedrohung von links übermächtig sei, schlottern dann die Zaghaften; jetzt endlich bestehe doch die Aussicht, „dass Keynes und die Keynesianer den Kürzeren ziehen“, schrieb mir der kürzlich aus der AfD ausgetretene Tübinger Ökonom Joachim Starbatty. Daran indes ändern auch Richtungsstreits, Abwendungen, Abspaltungen und gar „Spaltungen“ nichts, um jene hysterische Semantik einmal aufzunehmen. Durch die Abgrenzung von rechts wird weder zum Linken, wer bisher gegen linke Positionen war, noch bekommt dadurch Keynes wieder Oberwasser, solange Hayek Passenderes zu bieten hat. Die große politische Geographie bleibt von derlei Aufmischungen völlig unberührt.

„Gemeinsam sind wir stark“ – das ist eine so alte wie gründlich irreführende Binse. Man muss schon gut hinschauen, mit wem man sich zusammenspannt. Nicht mit jedem, der sich anerbietet, erlangt man tatsächlich Stärke. Es gibt auch Allianzen, die schwächen, beschädigen und hässlich machen, in denen man sich arg verbiegen muss.

Ein opportunistischer Liberalismus, der sich nicht mehr sauber nach rechts und „neurechts“ abgrenzt, sondern sich mit solchen Strömungen wegen des – allerdings jeweils völlig unterschiedlich begründeten – gemeinsamen Interesses an einer Eindämmung staatlicher Bevormundung verbindet, verliert auf dramatische Weise seine Substanz: die Sorge um jeden einzelnen Menschen, der mehr gilt als irgendein Kollektiv.

Wenn sich derlei abzeichnet, hilft nur noch die Flucht nach vorn. Das befreit – es stärkt, schaufelt verschüttete Gesprächskanäle wieder frei und macht im öffentlichen Diskurs auch wieder anschlussfähig und gewinnend.

Keinen Ökonomen-Blog-Post mehr verpassen? Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter, abonnieren Sie unseren RSS-Feed oder unseren Newsletter.

  • Autor

    Dr. Karen Horn

    Karen Horn lebt als freie Wissenschaftlerin und Publizistin in Zürich. Sie lehrt ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin und an der Universität Erfurt.

    Alle Beiträge

  • “Man müsse doch zusammenhalten in dieser Welt, in der die Bedrohung von links übermächtig sei,”
    Erstaunlich wie unterschiedlich man die Welt sehen kann. TTIP steht vor der Tür, Banken werden mit Milliarden gerettet, die Vermögenssteuer existiert faktisch nicht, die Erbschaftssteuer wird mal wieder aufgeweicht, der Abstand zwischen Arm und Reich nimmt zu. Alles Dinge die gegen eine übermächtige Linke sprechen. Dabei ist Links und Liberalismus kein Widerspruch. Man darf Liberalismus halt nicht mit Wirtschaftsliberalismus für Großkonzerne gleichsetzen. Liberalismus im Sinne der freien Wahl, des freien Denkens, der gelebten Demokratie bedarf einer gerechten Verteilung der Ressourcen und einer starken Absicherung nach unten. Erst mit dieser Absicherung kann man anfangen frei zu denken und sich frei zu entscheiden ohne Zwänge (ökonomische oder politische).

  • Gerd Maas

    Ich empfinde es nicht als Problem, dass es im liberalen Lager unterschiedliche, auch mal wechselnde Allianzen gibt. Viel erschreckender ist für mich die zerstörerische Bösartigkeit mit denen die Brüche zelebriert werden. Das schadet der politischen Durchschlagskraft freisinniger Ideale tatsächlich. Auch dieser, ansonsten besonnene Beitrag, kommt nicht ohne Nachtreten aus, wird doch deutlich der verbliebene “Rest” der Hayek-Gesellschaft als schwächend, beschädigend und hässlich machend bezeichnet. Solches war auch schon in Frau Horns FAS-Artikel vom 17. Mai diesen Jahres zu entdecken. Auch das in weiten Zügen ein gerechtfertigte und kundige Analyse. Zugleich aber eine unlautere Pauschalisierung von “wertekonservativ” = “reaktionär” = “Pöbel”. Das ist aber doch arg überzogen: auch im liberalen “bürgerlichen” Lager ist die Mehrheit sowohl gesittet als auch fern jeder Rechtsradikalität. Der Ton macht die Musik – entschuldigen Sie diesen Allgemeinplatz, aber gerade hier stimmt er so gut wie selten. Der falsche Ton bewirkt den nachhaltigen Schaden für den Liberalismus insgesamt – und nach meinem Eindruck war auch die Eskalation des Tons ein Ausschlag für den Bruch in der Hayek-Gesellschaft. Frau Horn muss sich da, wie in diesem Artikel belegt, wenigstens Mittäterschaft vorwerfen lassen.

  • Goetz Galuba

    “Bankenrettung” ist aber eben kein marktwirtschaftliches Element. Eine Vielzahl von liberalen Vordenkern (insbesonderen in der österreichischen Schule) wollte eben nicht das derzeitige Zentralbankensystem. Es stellt einen marktfremden Eingriff vermeintlich zu Gunsten des Kollektivs dar.
    (Hingegen wollte Marx sehr wohl eine staatliche Zentralbank.)
    So kommt man durchaus logisch dazu, dass die Politik der Bankenrettung eine kollektivistische und somit eher linke Politik und mit nichten eine liberale Politik im Sinne der österreichischen Schule ist.

  • “So kommt man durchaus logisch dazu, dass die Politik der Bankenrettung eine kollektivistische und somit eher linke Politik”

    Eine kollektivistische Politik, mit der man eine reiche Elite stützt? Das ist eben nicht links. Dort geht es darum eine gerechtere Gesellschaft mit kollektivistischer Politik zu erreichen. Für mich ist die Politik unter neoliberal einzuordnen. Dabei ist neoliberal immer dann liberal, wenn es der Lohnsenkung, Privatisierung, Abbau von Regeln, etc. nützt und sozialistisch, wenn es darum geht Verluste aufzufangen.

    “Die Vorteile des Freihandels an sich stehen nicht zentral in der Debatte.”
    Die Nachteile eben auch nicht. Handel ist gut, aber er braucht Regeln. Die Geschichte zeigt, dass diese Regeln immer genau dann wirken, wenn ein starker Partner etwas von einem Schwachen möchte. Viel zu oft steht der Abbau, der sozialen Errungenschaften (Umweltschutz, Arbeitsschutz, ) und Mindesttstandards im Zentrum. Man könnte sich auch einen Freihandel vorstellen, wo man von allen Parteien diese Standards erwartet. Ähnlich wie bei der Schifffahrt, wo Schiffe nicht mehr anlegen dürfen wenn sie die Standards nicht erfüllen. Die Angst ist, dass man den Handel einschränkt, usw. Allerdings sollte der Handel nicht dem Handel nützen, sondern immer den Menschen.