22 Steuern und Finanzen

Wohlstand von morgen: Warum (auch eine reformierte) Erbschaftsteuer keine gute Idee ist

Die Politik hat vom Bundesverfassungsgericht den Auftrag erhalten, die Erbschaftsteuer zu reformieren. Wer an die Zukunft denkt, sollte sie besser ganz abschaffen.  (mehr …)

Im vergangenen Jahr erklärte das Bundesverfassungsgericht die seit dem Jahr 2009 geltende Erbschaftsteuerregelung für verfassungswidrig. Stein des Anstoßes war die (partielle) Steuerverschonung von Betriebsvermögen. Eine solche Verschonung kann zwar verfassungskonform sein, wenn es aber um nennenswerte Beträge geht, dann ist die Verschonung nur gerechtfertigt, wenn es gar nicht anders geht, sprich: wenn die Besteuerung alsbald die Pleite zur Folge hätte.

Das Bundesverfassungsgericht drückt diesen Sachverhalt natürlich sehr viel schöner aus. Das ändert aber nichts daran, dass sich die politische Klasse schon die Hände reibt und auf eine Neuregelung hofft, die noch ein bisschen mehr Geld aus den Taschen derjenigen nimmt, die es erwirtschaftet haben, um es in die Hände jener zu legen, die es gerne ausgeben möchten.

Um diesen Vorgang nicht ganz so unverschämt aussehen zu lassen und ihn überdies mit der Aura des Angemessenen, Unparteiischen oder sogar Gerechten zu versehen, werden in der Debatte zwei argumentative Kunststücke aufgeführt.

Zum einen ist im Unterschied zum Betriebsvermögen vom sogenannten „Verwaltungsvermögen“ die Rede. Das ist in meinen Augen eine irreführende Konstruktion. Die unterschiedliche Behandlung dieser Vermögensarten ist ungefähr so sinnvoll, als müssten Sie eine Steuer auf alles bezahlen, was Sie nicht täglich brauchen: zum Beispiel ihr Gästezimmer, Sportgeräte oder die Kuchenform.

Der Einwand, dass Sie dann nur noch eine sehr reduzierte Anzahl von Möglichkeiten der Lebensgestaltung haben, zählt nicht. Dem Steuerrecht genügt es, wenn Sie überleben. Und Sie werden ja wohl nicht gleich verhungern, nur weil Sie jetzt keinen Kuchen mehr backen können.

Zum anderen geistert das Schlagwort vom „anstrengungslosen Wohlstand“ durch viel zu viele Statements zu diesem Thema. Das überrascht nicht, wenn es von Menschen kommt, die aus Angst davor, das Gras der anderen könnte grüner sein als ihr eigenes, am liebsten alle Wiesen enteignen wollen. (Und wenn die Wiesen nur erst dem Staat oder den Parteigenossinnen und -genossen gehören, dann sichern nicht zuletzt die so erworbenen Verdienste einen privilegierten Zugang zu den besonders schönen Fleckchen.)

Doch gar nicht so selten wird der Ausdruck „anstrengungsloser Wohlstand“ auch benutzt, um sich an der Seite der arbeitenden Durchschnittsbevölkerung zu positionieren und ein Feindbild von (zu) reichen Menschen aufzubauen.

Der Durchschnitt, das sollen Erna Müller und Otto Meier sein, die sich abrackern, damit ihre Kinder es einmal besser haben, ein paar tausend oder zehntausend Euro und möglichst noch ein Häuschen erben. Das ist zwar sehr luxuriös für die Erben, gilt allerdings als normal und akzeptabel. Ottos und Ernas Kinder trifft das Verdikt vom anstrengungslosen Wohlstand in aller Regel nicht.

Das ist seltsam, denn ausgerechnet das Leben der Kinder von Unternehmerinnen und Unternehmern weist viele Merkmale auf, die man gemeinhin als anstrengend bezeichnet. Ganz gleich, ob man Handwerk oder Dienstleistung, Landwirtschaft oder Maschinenbau betrachtet: dass Kinder, später Jugendliche, im elterlichen Betrieb mitarbeiten müssen, ist keine Ausnahme. Dass ihre Eltern mehr als 40 Stunden arbeiten und entsprechend weniger Zeit für ihre Kinder haben, auch nicht. Unregelmäßige Arbeitszeiten und Wochenendarbeit sind für alle Familienmitglieder der Normalfall.

Korrekt ist, dass ein entsprechender finanzieller Spielraum andere Möglichkeiten und Entlastung im Alltag schaffen kann. Doch gerade wenn man die vermögendste Spitze betrachtet, stelle ich es mir durchaus nicht unanstrengend vor, mit der ständigen Angst vor einer Entführung leben zu müssen. So gesehen, sind es eher die Kinder von Otto und Erna, die anstrengungslos Wohlstand erben.

Allerdings gilt: Wie viele Aspekte man auch immer berücksichtigen mag, man wird mit einer solchen Sozialarithmethik keinem Individuum jemals gerecht werden können. Der Versuch, Lebensbedingungen gegeneinander aufzurechnen ist nicht nur anmaßend, sondern alleine deshalb zum Scheitern verurteilt, weil die Menschen unterschiedlich sind und unterschiedliche Dinge mögen und brauchen. Eine Situation, die für die eine gut ist, kann für den anderen schlecht sein.

Zudem hat niemand das Recht, eine „Normkindheit“ zu definieren. Und selbst wenn jemand es versuchte, so ließen sich doch die realen Verhältnisse weder erheben noch messen.

Damit lässt sich aber auch keine Abweichung zu einer wie auch immer definierten Norm feststellen. Was anstrengend ist und was nicht, das kann nach wie vor nur jeder Mensch für sich selbst entscheiden. Eine Erbschaft pauschal als anstrengungslos oder verdient zu etikettieren, ist unmöglich und anmaßend.

Viel interessanter als die mitunter sehr verqueren Argumente ist ohnehin, worüber in dieser Debatte nicht gesprochen wird: die problematische Logik und fragliche Legitimität jeglicher Erbschaftsteuer. Dabei wird dies implizit durchaus anerkannt. Schließlich sind der Grund für die ausnahmsweise Steuerverschonung die äußerst unerwünschten Konsequenzen, die die Erbschaftssteuer für ein Unternehmen hat: die drohende Pleite, und damit einhergehend der Verlust von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung.

Könnte der Staat durch einen magischen Trick mit den eingenommenen Steuern mehr Wohlstand schaffen, als er an anderer Stelle vernichtet, so gäbe es für die Steuerverschonung keinen Grund. Doch das kann der Staat an dieser Stelle ebenso wenig wie an irgendeiner anderen.

Nun ist klar, dass wenn man nicht die Abschaffung des Staates fordert, dieser seinen Finanzbedarf irgendwie decken muss. Doch ausgerechnet den generationsübergreifenden Aufbau von Vermögen (ganz gleich, in welcher Form) zu behindern und unattraktiv zu machen, bedeutet, an dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt.

Denn Kapitalaufbau ist die Voraussetzung für jede Investition, und Investitionen sind das Fundament zukünftiger Erträge. Wenn man also nicht das erklärte Ziel verfolgt, den Wohlstand von morgen zu schmälern, dann sind Erbschaftsteuern eine ganz schlechte Idee.

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  • Autor

    Dr. Dagmar Schulze Heuling

    ist Politikwissenschaftlerin. Sie forscht und lehrt an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

  • Mordred

    zu all ihren argumenten muss ich sagen: es kommt darauf an. wenn wir von kmu mit verbindlichkeiten zwecks investitionen in der bilanz reden, stimme ich nahezu all ihren argumenten zu. wenn wir aber von mittleren und großen unternehmen sprechen, welche null schulden und nen hohen cashflow haben, sieht es ganz anders aus. hinzu kommt, dass die investitionsquote des staatl. und unternehmerischen sektors nahe null ist. beim staatl. sektor kommt übrigens noch das leben aus der substanz (verfall von infrastruktur) hinzu, was fälschlicher weise “investitions”stau genannt wird. gleichzeitig sind die zinsen nahe null. bevor ich noch 50 weitere argumente bringe: wenn das geld nicht investiert wird, kann es besser der staat ausgeben.

  • Rainer Grossmann

    Der Artikel überzeugt mich nicht. Was mir vor allem fehlt sind handfeste, empirisch evidente Aussagen darüber, welche negativen Folgen die Erbschaftssteuer hat und welche positiven Folgen eine Abschaffung der Erbschaftssteuer hätte.

    Mich würde interessieren, was die Verfasserin davon hält, die Erbschaftssteuer zu erhöhen und im Gegenzug Arbeitnehmer bei der Einkommensteuer zu entlasten (vgl. http://bit.ly/1fTtige und beigefügtes Bild für die Situation im Vereinigten Königreich).

  • Uwe Buchholtz

    Wer erbt hat nichts geleistet .
    Ich bin für 100% Erbschaftssteuer .
    Ausnahme : Firmen die von den Erben weiter geführt werden.

  • Wolfgang Ksoll

    Der Artikel führt in die Irre. Die angestrebten Steuerschenkungen werden nicht begründet. Für die Erbschaft und die Schenkung gibt es Freibeträge, die das kleine Vermögen der Erben schonen. Bei großen Vermögen ist der Verzicht auf die Steuer unbegründet.
    Beispeil: Ein SAP-Gründer lebt mit seiner Gattin in Gütertrennung. Er hat ein Vermögen von 3 Mrd € in Aktien. Wenn er stirbt, erbt seine Gattin. Bis auf den Freibetrag muss sie dann alles als Einkommen versteuern. Das führt zu Forderungen von ca. 1,5 Mrd €. Sie muss also Aktien verkaufen, der Kurs sinkt dramatisch, sie kann die Schuld nicht bezahlen und geht in Privatinsolvenz. Was macht man also bei der bestehenden Abgabenordnung? Man gründet eine gemeinnützige Stiftung. Dann ist das vermögen vor Erbschaftssteuer und Schenkungssteuer geschützt. Der Stifter und seine Erben können nach §58 Nr.6 bis zu einem Drittel des Einkommens der Stiftung für den eigenen Lebensunterhalt abzweigen, ohne dass die Gemeinnützigkeit gefährdet wird (was dann ordentlich wie jedes Einkommen versteuert werden muss).
    So machen das Hasso Plattner, die Bertelsmänner, Springer und viele andere. Steuerbefreit dürfen sie sich mit diesen Vehikeln auch noch politisch engagieren.
    Es wird darüber hinaus nicht aus dem Artikel klar, warum bei solchen Freiheiten der steuerlichen Gestaltung noch weiteres Einkommen ohne Leistung steuerbefreit werden soll. Es ist eine willkürliche Forderung ohne Sinn und Verstand. Es ist legitim, ständig irgendwo nach irgendwelchen Steuerbefreiungen zu rufen. Auch ohne Begründung, auch ohne Sinn. In den 2000er Jahren hat das weitgehend geklappt und durch die Deregulierung und die Förderung leistungslosen Einkommens, ist die Umverteilungsmaschine von unten nach oben ans Brummen gekommen. Merkel hat bei Amtsantritt die Umsatzsteuer von 16 auf 19% angehoben und die Staatsverschuldung wegen der weitgehenden Steuerbefreiung der Reichen um 500 Mrd € erhöht. Das ist eine unsinniger, fahrlässige Steuerpolitik. Leistung muss sich wieder lohnen, dann muss sie aber auch da sein. Leistungslose Einkommen wie Erbschaft und Schenkung müssen wie jedes andere Einkommen versteuern. Unternehmerkinder noch weiter von der Steuer auf Einkommen zu befreien ist dummes Zeug.

  • Rainer Grossmann

    Danke für Ihren Kommentar! Sehr pointierter Beitrag, ganz im Gegensatz zum Ausgangsartikel von Frau Dr. Schulze Heuling. Bin ja gespannt, ob die Verfasserin hier auch mal reinschaut und auf die Kommentare reagiert oder lieber “in Deckung” bleibt.

  • Rainer Grossmann

    PS: Ich habe mir erlaubt, Ihren Kommentar zu “vertwittern” (https://t.co/TbcJ3RoplF), Herr Ksoll.

  • Wolfgang Ksoll

    Passt :-)

  • “Könnte der Staat durch einen magischen Trick mit den eingenommenen
    Steuern mehr Wohlstand schaffen, als er an anderer Stelle vernichtet, so
    gäbe es für die Steuerverschonung keinen Grund. Doch das kann der Staat
    an dieser Stelle ebenso wenig wie an irgendeiner anderen.”

    Fantastisch, wie sie Meinungen als Tatsachen präsentieren. Der Staat kann sehr wohl Wohlstand schaffen. Alle Straßen, Schulen, Krankenhäuser, etc. schaffen Wohlstand. Dort werden Menschen ausgebildet, Waren transportiert, Menschen behandelt und das zählt gar nichts? Belegen sie ihre Meinung.

    “Denn Kapitalaufbau ist die Voraussetzung für jede Investition, und
    Investitionen sind das Fundament zukünftiger Erträge.”

    Wunderbarer Quatsch. Warum sollte Kapitalaufbau denn die Vorraussetzung für eine Investition sein? Mir ist neu, dass Unternehmen die etwas investieren wollen erst einmal jahrelang sparen. Sie nehmen einen Kredit auf. Wenn das was sie sagen stimmen würde, dann müssten die deutschen Unternehmen sehr viel investieren. Denn die Gewinne sind sehr hoch. Leider, leider ist die Quote aber niedrig.

    “Viel interessanter als die mitunter sehr verqueren Argumente ist ohnehin, worüber in dieser Debatte nicht gesprochen wird: die problematische Logik und fragliche Legitimität jeglicher Erbschaftsteuer.”
    Genau hier ist das Kernproblem ihrer Argumentation. Sie reden von der Legitimität der Erbschaftssteuer hinterfragen aber nirgendwo die Legitimität der Erbschaft. Warum ist ein Erbe eigentlich legitim? Es ist legitim, weil es staatlich garantiert ist. Genau diesen Staat sprechen sie aber ab, diese Garantien zu finanzieren. im Übrigen, dass Arbeitsplätze verloren gehen, müssen sie erst einmal nachweisen.

  • Rainer Grossmann

    Abschließend! http://bit.ly/1gUM8Uo

  • Sehr schön. Warum sollte man als Wissenschaftlerin auch irgendetwas schlüssig begründen, wenn man doch Meinungen verbreiten kann.

  • Rainer Grossmann

    Danke! Darf gerne auch auf Facebook geliked werden! :) http://on.fb.me/1fvS6u1

  • Lukas Fe

    “Doch gerade wenn man die vermögendste Spitze betrachtet, stelle ich es
    mir durchaus nicht unanstrengend vor, mit der ständigen Angst vor einer
    Entführung leben zu müssen.”

    Meine persönliche Lieblingsstelle. Man kennt das ja- kaum erbt man Papa´s Vermögen- zack wird man entführt.

  • Pingback: Schlagende und nicht-schlagende Argumente zum Thema Erbschaftssteuer bei Familienbetrieben | Wirtschaftswurm()

  • Rainer Grossmann

    Kleines Update zu den Missständen nach der heutigen “Rechtslage”: »So schob BMW-Erbin Quandt ihre etwa 9,3 Milliarden am Fiskus vorbei«: http://bit.ly/1gl6QfM

  • Rainer Grossmann

    Aus einer DIW-Pressemitteilung vom 19.08.2015 zum Nettovermögen der Privathalte:
    »Besonders stark gestiegen sind die Vermögen bei denjenigen, die Schenkungen oder Erbschaften erhalten haben. (…) Die Vermögenszuwächse waren bei Mietern gering. „Das ist insofern problematisch, als dass schon kurzfristige Engpässe beim laufenden Einkommen das Vermögen aufzehren können“, sagt Westermeier. „Zudem bietet ein so geringes Vermögen keinen wirksamen Schutz vor Altersarmut.“« http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.512694.de

  • Hallo Rainer Grossmann, die Forderung nach mehr Gerechtigkeit ist nach der jüngsten Wirtschaftskrise in der öffentlichen Diskussion allgegenwärtig. Und damit auch die Behauptung, die Soziale Marktwirtschaft mache die Reichen reicher und die Armen ärmer. Eng damit verbunden sind Forderungen nach mehr Staat, Einkommensunterschiede sollen durch Umverteilung und Transferzahlungen angeglichen werden. Damit diese Gerechtigkeit bestmöglich umgesetzt wird, muss die Politik in folgenden Bereichen künftig zuverlässige Rahmenbedingungen garantieren. Leistungsanreize müssen geschützt werden. Im Steuer- und Arbeitsrecht etwa dürfen vermeintliche Gerechtigkeitsdebatten um Spitzensteuersätze, Vermögens- und Erbschaftssteuer oder einen Mindestlohn nicht dazu führen, dass ungleiche Leistung gleich entlohnt wird. (kun)

  • “Im Steuer- und Arbeitsrecht etwa dürfen vermeintliche
    Gerechtigkeitsdebatten um Spitzensteuersätze, Vermögens- und
    Erbschaftssteuer oder einen Mindestlohn nicht dazu führen, dass
    ungleiche Leistung gleich entlohnt wird.”
    Die Aussage klingt super.
    Allerdings setzt sie voraus, dass sich Leistung messen lässt. Was ist
    ungleiche Leistung? Wieviel mehr leistet ein CEO gegenüber einem
    Bandarbeiter? Wieviel mehr leistet ein Erbe gegenüber einem
    Unternehmensgründer?

    “Leistungsanreize müssen geschützt werden”
    Das stimmt. Aber warum müssen nur die monetären Leistungsanreize geschützt werden. Warum sollte man nicht durch mehr Gleichheit, mehr Aufstiegsmöglichkeiten der ärmeren Teile der Bevölkerung ermöglichen. Je ungleicher ein Gesellschaftssystem, desto weniger Durchmischung findet statt.

    Fazit
    Die Ungleichheit und die Verteilung der
    Einkommen und Vermögen ist ein menschliches Kontrukt. Es ist genauso legitim wie illegitim wie die Forderung diesen Zustand durch eine andere Wohlstandsverteilung zu verändern. Als Initative der neuen Sozialen Marktwirtschaft, sollte sie sich mit den Menschen auseinandersetzen und nicht nur mit Theorien. Gehen sie in die Unternehmen, Arbeitsagenturen, Tafeln, usw. Danach gehen sie zu einem Yachtverkauf und erklären dann, dass wir eine gerechte und vernünftige Verteilung des Wohlstands haben.

  • Rainer Grossmann

    Guten Morgen!

    Danke für die Antwort. Ich hätte zwei Fragen:

    1. Meinen Sie, dass eine Abschaffung der Erbschaftsteuer besser geeignet ist, das Problem der geringen Einkommen und Vermögen eines durchaus beachtlichen Teils der Bevölkerung zu lösen?

    2. Wer ist »kun« und schreibt da?

  • Hallo Rainer Grossmann,

    wir halten die Erbschaftsteuer für das falsche Instrument, um geringe Einkommen und Vermögen auszugleichen. Eine Schwächung der Starken macht die Schwachen nicht stärker. Der Staat sollte bei Erbschaften auf eine Regulierung verzichten. Stattdessen schlagen wir eine Konsumsteuer vor, bei der Erben, bedingt durch einen großen Nachlass, mehr konsumieren können, und so einen Mehrwert für die Bevölkerung generieren. Damit diese aber nicht Familien mit einem kleinen oder gar keinem Erbe trifft, sollten sie bei der Einkommenssteuer entlastet werden.

    PS: Das Kürzel “kun” steht für einen Namen des Mitarbeiters aus unserem Social-Media-Team.

  • “Eine Schwächung der Starken macht die Schwachen nicht stärker.”
    Eine nette Umschreibung des sogenannten Trickle Down Effekts. Den Umgekehrt heißt das, dass es den Schwachen besser geht, wenn man die Starken stärkt. Nun braucht man sich nur die Einkommens- und Vermögensentwicklung der letzten 20 Jahre anschauen und kann diese Behauptung relativ einfach widerlegen. Die Spitze hatte deutliche Zuwächse und je weiter es nach unten geht, desto weniger wurde am Wohlstandsgewinn partizipiert, bzw. es gab einen inflationsbereinigten Verlust an Einkommen und Vermögen.

    “Stattdessen schlagen wir eine Konsumsteuer vor”
    Nachweislich belastet die Mehrwertsteuer kleine Einkommen mehr größere, da diese
    prozentual einen größeren Teil ihres Einkommens ausgeben müssen. Das hierdurch die Ungleichheit reduziert wird ist nicht zu erwarten. Vor allem kann man beim Konsum, wenn man genug Geld hat, deutlich einfacher ausweichen als bei einer Erbschaft die in einem spezifischen Land anfällt. (Im Übrigen ist dieses Ausweichverhalten ein Gegenargument gegen ein mehrwertsteuerfinanziertes Grundeinkommen)

    Die Frage ist doch, warum werden Einkommen unterschiedlich besteuert. Warum werden Arbeitseinkommen deutlich höher besteuert als Kapitaleinkommen und Erbschaftseinkommen?

  • Rainer Grossmann

    Hallo INSM,

    sehr interessant, dass Sie versuchen die Abschaffung der Erbschaftssteuer mit einem denkbar ungeeigneten Argument zu verteidigen: “Eine Schwächung der Starken macht die Schwachen nicht stärker.” – Wie kommen Sie denn bitte darauf, dass die Erben eines großen Vermögens “die Starken” i.S.d. Leistungsfähigkeit sind?! Oder meinen Sie damit etwas die finanzielle Leistungsfähigkeit? Dann muss ich Ihnen nämlich sagen, dass eine Schwächung der finanziell Starken sehr wohl dazu geeignet ist, “die Schwachen” zu stärken. Der Staat kann mit den Steuereinnahmen nämlich dafür sorgen, dass die Chancengleichheit erhöht wird. Darum muss es gehen. Es darf bei der Realisierung der Chancen für Menschen nicht darauf ankommen, wie viel Vermögen jemand hat. Ganz abstellen lässt sich das natürlich nicht, aber man muss zumindest versuchen es abzumildern, damit jeder die Chance erhält, sein volles Potential auszuschöpfen und damit zu unserem Wohlstand beizutragen. So hat das in der Bundesrepublik bisher immer recht gut funktioniert.

    Daran scheint der INSM jedoch nicht gelegen zu sein. Vielmehr scheint sich die politische Agenda der INSM im Hinblick auf Steuern darin zu erschöpfen, niedrigere Steuersätze oder eine völlige Abschaffung von Steuern zu fordern. Haben Sie einmal zu Ende gedacht, wohin es führt, wenn Sie sich mit Ihren politischen Zielen (stärkere Besteuerung von Konsum) nicht durchsetzen sollten, aber immer wieder gebetsmühlenartig Steuersenkungen und die Abschaffung von Steuern fordern?

    Ich vermute nicht, kann es Ihnen aber sagen: Die finanzielle Leistungsfähigkeit des Staates wird weiter abnehmen und die Fähigkeit den Schuldenberg von mehr als 2,0 Billionen Euro zu senken, wird in weite Ferne rücken. Kombinieren wir das mit der Schuldenbremse und es wird klar, wohin die Reise geht: Senkung von Staatsausgaben durch Kürzungen bei Sozialleistungen für die sozial Schwachen und eine sinkende Chancengleichheit. Ich möchte nochmals betonen, dass die sozial Schwachen NICHT die weniger Leistungsfähigen sind. Wer am leistungsfähigsten ist, kann man nur feststellen, wenn man Chancengleichheit schafft. Das wiederum kann nur der Staat tun.

    Wird Ihnen jetzt klar, dass Sie mit ihrer politischen Agenda im Hinblick auf Steuern völlig auf dem Holzweg sind und genau das Gegenteil von dem befördern, was Sie vorzugeben erreichen zu wollen? – Nämlich weniger Gesamtwohlfahrt und Wohlstand insgesamt. Einfach gesprochen: Sie versuchen den Kuchen kleiner zu machen und sorgen dann noch dafür, dass die FINANZIELL Leistungsfähigen einen größeren Teil dieses Kuchens erhalten. Punkt!

    Beste Grüße
    Rainer Großmann

  • Hallo Grossmann,

    unsere Position haben wir Ihnen bereits dargestellt. Und auch Ihr Ansatz lohnt sich, ihn zu verteidigen. Nur sind wir grundsätzlich unterschiedlicher Meinung. Eine Einteilung in “stark” und “schwach” ist generell schwierig beschreiben. Wir sind der Auffassung, dass Erben Ihr Erbe nicht komplett ausgeben bzw. veräußern, sondern auch auf Ihre Nachkommen zu verteilen. (kun)