Geld fällt nicht vom Himmel. Man muss es sich hier auf Erden verdienen. Margaret Thatcher, *1925, ehem. Premierministerin von Großbritannien

3 Europa

Die griechische Tragödie wird weitergehen

Die Reformbestrebungen Griechenlands sind und bleiben schleppend. Doch Grund zur Sorge besteht für Premier Tsipras nicht. Die Gläubiger werden sein Land nicht fallen lassen, sondern mit weiteren Geldern einspringen. Und das hat einfache Gründe.

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Die griechische Schuldenkrise beherrschte lange Zeit die öffentliche Diskussion. Und auch heute – obgleich durch die tragische Flüchtlingskrise überdeckt – sind die Probleme akut und eine Lösung nicht absehbar. Das liegt nicht zuletzt auch an dem Unwillen von Seiten der Regierung, die Reformen voranzutreiben. Stattdessen werden mit den Geldgebern Reformerleichterungen verhandelt und, zumindest auf griechischer Seite, unermüdlich über einen Schuldenschnitt gesprochen. Reformfortschritte verzögern sich wiederholt und mit ihnen auch die Zahlung weiterer Hilfsgelder. Die Gründe dafür sind vielfältig:

1. Ein Ausstieg mitten im dritten Rettungspaket ist unrealistisch – weil kurzfristig finanziell hoch riskant. Diesen Schritt werden die Gläubiger nicht tun, „nur“ weil einzelne Reformmaßnahmen nicht umgesetzt werden. Es würde vielleicht die Glaubwürdigkeit der Regeln erhöhen, doch wenn man ehrlich ist, werden diese Regeln schon längst aktiv ignoriert.

2. Weniger offensichtlich, aber latent immer von Bedeutung ist das politische Kalkül: Die Signalwirkung eines Austritts aus der Eurozone wäre fatal für die europäische Führung. Würde ein Austritt aus dem Währungsverbund und eine Abwertung der nationalen Währung die Wettbewerbsfähigkeit und die Wohlfahrt eines Landes erhöhen, so würde das von den politischen Entscheidungsträgern als „unmögliches Szenario“ eintreten. Die Furcht vor einer Kettenreaktion ist durchaus berechtigt. Deshalb setzt man, statt auf funktionierende nationale Währungen, lieber auf ein funktionsuntüchtige Gemeinschaftswährung.

3. Den Gläubigern sollte mittlerweile klar sein, dass sie wohl auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichten müssen. Doch ein Schuldenschnitt wird von offizieller Seite weiterhin kategorisch abgelehnt. Das Problem wird jedoch über die Erhöhung des Schuldenstandes nur in die Zukunft verlagert – frei nach dem Motto von Keynes „in the long run we are all dead“. Die Steuerzahler haben nicht genug Informationen um die Situation richtig zu beurteilen, was von den Entscheidungsträgern genutzt werden kann, um öffentliche Mittel nach Belieben zu verschleudern. Ein klassisches Prinzipal-Agent-Problem.

All diese Faktoren machen eins deutlich: Die Drohungen der EU könnten schnell verpuffen. Das ist den griechischen Verhandlungspartner durchaus bewusst und bietet ihnen immer wieder die Möglichkeit, ihre Vorstellungen mit Hilfe der Hinhaltetaktik durchzusetzen. Verpflichtungen werden weiterhin zwar bekundet, aber nur mangelhaft umgesetzt werden und die griechische Tragödie nimmt weiterhin ihren Lauf.

Eine längere Fassung dieses Beitrags ist auf wiwo.de erschienen.

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  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

    Alle Beiträge

  • “Das liegt nicht zuletzt auch an dem Unwillen von Seiten der Regierung,

    die Reformen voranzutreiben.”

    Die griechische Regierung treibt die Reformen nicht voran. Warum fragen sie nicht mal, ob diese “Reformen” überhaupt die Probleme lösen würden. Für einen Wissenschaftler plappern sie nur nach, was die allgemeine Linie der Presse und der Bundesregierung ist. Schaut man, z.B. bei Heiner Flassbeck und anderen Ökonomen nach, dann sieht man, dass das Problem vielschichtiger ist als hier dargestellt. Die Löhne sind dramatisch gesunken und die Exporte nach Deutschland sind nicht gestiegen.

    https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2015/05/PD15_161_51.html

    Wie soll Griechenland seine Schulden begleichen, wenn Deutschland immer noch deutlich zu billig ist. Über 200 Mrd. Euro Exportüberschuss wurden 2014 erwirtschaftet. Das über 200 Mrd. Euro Defizit in irgendwelchen anderen Ländern (unter anderem Griechenland). Wie soll die Krise gelöst werden, wenn Deutschland sein Wirtschaftsmodell nicht reformiert Herr Freytag. Wie sollen die Defizite in den Ländern abgebaut werden, wenn Deutschland nicht bereit ist seine Überschüsse abzubauen. Das ist in einer Nullsumme UNMÖGLICH.

  • Hallo Dan Chris, die Kritik an Deutschlands Exportsstärke offenbart eine Schwäche bei den Grundlagen volkswirtschaftlicher Zahlungsbilanztheorie. Aus simpler Zahlungsbilanzarithmetik ergibt sich: Länder mit einem hohen Exportüberschuss bauen Ersparnisse im Ausland auf. Ein Land mit positiver Leistungsbilanz ist also ein Netto-Kapitalexporteur. Andersherum gilt: Kauft ein Land mehr Dienstleistungen und Güter als es verkauft, steigen dessen Verbindlichkeiten im Ausland. Das ist ein volkswirtschaftliches Naturgesetz.

    Warum ist das so? Ein Land muss seine Importe irgendwie finanzieren. Es kann also entweder selbst mehr verkaufen, oder aber mehr Schulden aufnehmen. Dabei kann es durchaus so sein, dass die Kapitalströme die Güterströme bestimmen. Dann gilt: Bei gleichbleibenden Netto-Kapitalströmen bedeutet das: Exportiert ein Land weniger, kann es sich weniger Importe leisten – und so die Nachfrage und Konjunktur anderer Staaten nicht weiter ankurbeln. Die Forderungen an Deutschland, seine Exporte einzuschränken, könnten deswegen ein Schuss nach hinten sein. (kun)

  • “die Kritik an Deutschlands Exportsstärke offenbart eine Schwäche bei den Grundlagen volkswirtschaftlicher Zahlungsbilanztheorie.”
    Im ersten Absatz steht etwa das drin, was ich schrieb. Die weltweite Summe der Importe und Exporte aller Länder ist Null. Wenn ein Land massive Überschüsse hat muss sich mindestens ein Land verschulden. Wenn man nun von allen Ländern verlangt ihre Auslandsschulden abzubauen geht das nicht. Von Griechenland wird gefordert seine Schulden an Deutschland zurückzuzahlen. Gleichzeitig ist Deutschland nicht bereit mehr zu importieren als zu exportieren. Wenn Deutschland dazu nicht bereit ist, wie soll das Ausland seine Schulden begleichen?

    “Die Forderungen an Deutschland, seine Exporte einzuschränken, könnten deswegen ein Schuss nach hinten sein.”
    Wieso einschränken? Deutschland muss seine Überschüsse reduzieren und im besten Fall eine Zeitlang ein Defizit fahren. Deutschland könnte zum Beispiel seine Importe erhöhen. Das wäre sinnvoll. Denn im Moment geben wir einem Land Güter und bekommen dafür einen Schuldschein. Wenn das Land zahlungsunfähig ist, dann ist der Schuldschein nichts mehr Wert (siehe Griechenland). Das Auto steht aber immer noch dort. Eine ausgeglichene Handelsbilanz ist deutlich vorteilhafter.

    “Ein Land muss seine Importe irgendwie finanzieren. Es kann also entweder
    selbst mehr verkaufen, oder aber mehr Schulden aufnehmen.”

    Vollkommen richtig. Was für Deutschland gilt, gilt für alle anderen Länder auch. Wenn Deutschland immer nur Überschüsse hat, dann können sich die anderen Länder nicht entschulden. Es ist nicht möglich. Griechenland kann also entweder versuchen billiger zu werden oder Deutschland wird teurer. In einem Fall wird ein Land und dessen Wirtschaft durch Austerität schwer geschädigt (siehe Griechenland) im anderen Fall steigen die Löhne überdurchschnittlich an und die Menschen in Deutschland hätten eine höhere Kaufkraft.

    “Exportiert ein Land weniger, kann es sich weniger Importe leisten – und
    so die Nachfrage und Konjunktur anderer Staaten nicht weiter ankurbeln. ”
    Eine gute Erkenntnis. Deutschland importiert aber deutlich weniger als es exportiert. D.h. die hier ausgesprochene Warnung ist gelebte Realität. Deutschland könnte die Konjunktur der anderen Staaten mehr ankurbeln, tut es aber nicht weil es unter seinen Verhältnissen lebt. Als Folge schwächelt der Binnenmarkt und andere Staaten müssen sich bei uns verschulden. Als weitergehende Folge müssen wir Griechenland offiziell retten, um inoffiziell unsere eigene Exportindustrie und unsere Banken vor den Verlusten der Zahlungsunfähigkeit dieses Landes zu retten.
    Die deutschen Arbeitnehmer zahlen doppelt. Sie verzichten auf Lohnzuwächse, um ihre Arbeitsplätze zu sichern und die Exporte voran zutreiben. Wenn das Ungleichgewicht zu hoch ist, retten sie ihre eigenen Unternehmen mit Hilfe von Steuergeldern über die Hilfsprogramme an Griechenland.