5 Steuern und Finanzen

Das Märchen vom faulen Erben

Wer erbt, hat es nicht verdient; oder er hat Schwein gehabt; oder wird bald zu einem Schwein, denn Geld versaut – solche und ähnliche Anfeindungen gegen Erben gehen Gerd Maas gehörig auf die Nerven. In seinem neuen Buch beschäftigt er sich ausführlich mit Fragen, warum Erben gerade nicht ungerecht ist. Sein Werk ist ein kräftiger Schuss gegen alle, die auf Teufel komm raus staatliche Umverteilung wollen.

Gerd Maas: Warum Erben gerecht ist – Schluss mit der Neiddebatte, Finanzbuchverlag, München 2015

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Manche Fragen gehen Gerd Maas auf die Nerven. Zum Beispiel die: „Ist es gerecht, dass manche, ohne zu arbeiten, viel Geld kriegen und dafür kaum Steuern zahlen?“ Solche Fragen stellt die Journalistin Julia Friedrichs, Autorin des Buches „Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“. Die Behauptung, dass geerbtes Geld etwas mit Menschen mache, sei absurd, meint Maas. „Menschliche Charaktere sind komplexer, als das sie allein durch Erbschaften und Schenkungen verändert werden könnten“, ist er sich sicher.

Wer nun glaubt, Maas sei selbst Sohn eines reichen Konzernmoguls und argumentiere allein aus einer feudalen Haltung heraus, irrt. Dem Familienvater, Publizisten und selbstständigen Unternehmer aus dem Mittelstand geht es zunächst einmal darum, die ständigen Anfeindungen, die aufkommen, wenn es um das Thema Erben geht, mit ebenso nüchternen wie treffsicheren Argumenten zu entkräften – und damit die ansonsten meist durch Missgunst und Neid beeinflusste Debatte um Gerechtigkeit des Erbens zu versachlichen. Sein nun erschienenes Buch „Warum Erben gerecht ist – Schluss mit der Neiddebatte“ ist dazu ein wertvoller und unterhaltsamer Beitrag.

Leistung und Verzicht als Grundlage des Familienvermögens
Tatsächlich sind für viele Deutsche ständige Anfeindungen gegen das Erben genauso gesellschaftsfähig wie in Indien lautes Rülpsen nach dem Essen. Letztlich macht aber genau diese Haltung heute jede ernsthafte Diskussion um die Gerechtigkeit des Erbens unmöglich. Schon die Behauptung „des leistungslosen Erwerbs beim Erben“ ist für Maas unbegründet und reine Unterstellung. „Erben haben in sehr vielen Fällen mit konkreten Leistungen und Verzichten zur familiären Vermögensbildung beigetragen“, sagt er. Viele Unternehmensgeschichten seien ohne eine breite, unentgeltliche familiäre Unterstützung undenkbar und damit unrealisierbar gewesen. Vor allem pauschal von „Leistungslosem Vermögen“ zu sprechen, hält er für reine Stimmungsmache. Bei Erben von Familienunternehmen gebe es eine Verantwortungsübertragung mit entsprechenden Erwartungen und Vorarbeit in der Familie. „Leistungslosigkeit steckt da sicherlich nicht dahinter“, sagt Maas.

Die Kritik vieler Erbschaftssteuerjäger richte sich zudem viel zu stark auf Firmenerben von besonders großem Vermögen. Das sei nicht nachzuvollziehen. Denn diese Perspektive werde in keiner Weise der Wirklichkeit der deutschen Wirtschaft gerecht. Im Gegenteil. Die Firmenlandschaft in der Bundesrepublik sei eher kleinstrukturiert. Die steuerpflichtigen Fälle aus dem Jahr 2013 zeigten, dass über 50 Prozent ausschließlich Zahlungen bis 51.000 Euro ausmachten. Die Summe zwischen 500.000 Euro bis fünf Millionen Euro mache 6,6 Prozent der steuerpflichtigen Fälle aus. Von den Beträgen, die über fünf Millionen Euro hinausgingen, seien nur 0,5 Prozent der Fälle betroffen.

Zweifellos existierten auch leistungslose Erbschaften, meint Maas. Es gebe aber eben auch viel mehr solche Erbschaften, „die mehr als verdient sind“. Eine Erbschaftssteuer, egal welcher Höhe, ist für den Autor deswegen „eine Buße aller für die angenommene Leistungslosigkeit“ einzelner Erben. „Sehenden Auges wird damit in Sippenhaft Leistung bestraft. Und genau das ist letztlich leistungsungerecht“, schreibt Maas.

Wachsende Umverteilung führt zum gesellschaftlichen Verfall
Der Autor schlägt in seinem Buch einen Bogen über die Vermögensfrage und die viel debattierte Ungleichheit in der Einkommensverteilung, über die „angeblich“ immer weiter aufgehende Schere zwischen Arm und Reich und über die Familie als subsidiäre Einheit, die Kultur und Kapitalbildung schafft, bis zum den feinen Unterschied zwischen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit („Chancengleichheit ist ein totalitärer Albtraum mit gleichgehobelten Bürgern“) – und kommt in dieser Frage zu dem Schluss, dass Erben nur aus Populismus mit der Chancengleichheit in Verbindung gebracht wird. „Ein echter Zusammenhang besteht nicht.“ Seine Mahnung: Nicht das Erben führt zur Dekadenz, sondern die wachsende Umverteilung zu gesellschaftlichem Verfall. Mit zwei fatalen Folgen: Erstens, die Leistungsträger stehlen sich bei wachsender Belastung aus der Verantwortung. Zweitens, die Leistungsempfänger werden durch die Umverteilung von der Eigenverantwortung entwöhnt.

Es geht um das große Geld für den Staat. Maas rechnet vor: Zukünftig müssen sich die Unternehmer bei allen Erbschaften von Unternehmensvermögen über 26 Millionen Euro einer Prüfung unterziehen. Nur unter bestimmten Bedingungen wird das Vermögen noch steuerfrei bleiben. Für Maas ein untragbarer Zustand. Die Erbschafts- und Schenkungssteuer sei eine doppelte Steuer auf gespartes Einkommen. Und das obwohl dieses ja bereits „mit den jeweils höchsten Grenzsteuersätzen der Einkommenssteuer belastet worden ist“. Aus vielen Gesprächen, die er mit Betroffenen geführt hat, lautet deswegen sein persönliches Fazit: „Das Geld ist ausreichend versteuert. Der Staat hat da nichts mehr zu suchen.“

Doch was wären die geeigneten Mittel, den Staat aus den Familienangelegenheiten raus zu halten? Maas wünscht sich eine viel stärkere öffentliche und aufgeklärte Diskussion und eine Bürgerbewegung, die auf Eigenverantwortung und -leistung setzt anstatt auf Neid und immer mehr Umverteilung.

Zwar fragt man sich als Leser, wie viele Bürgerbewegungen noch ins Leben gerufen werden müssen, um den immer wiederkehrenden Zumutungen der Politik entgegenzuwirken. Doch Maas ist sich sicher: „Die Bürgerbewegung ist eine vertrauensbildende Maßnahme der Eigenverantwortlichkeit. Ein Erfolgsmodell des Wohlstands für alle.“

Fazit
Ein gelungenes Buch, das mutig gegen den Strich bürstet und damit so manche Vorurteile als solche entlarvt – unaufgeregt und unterhaltsam in der Sprache, pointiert und sachlich in seiner Argumentation. Vor allem gelingt es dem Autor, den für die Debatte über die Gerechtigkeit des Erbens typischen Zynismus herauszunehmen – und das Thema auch für Außenstehende nahbar und griffig zu machen.

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  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

  • Gerd Maas setzt eine Annahme an den Anfang. Diese Annahme ist, dass Erben per se legitim ist. Das ist es aber nicht. Es ist durch Gesetze und die Gesellschaft legitimiert. D.h. die Gesellschaft kann sich Teile davon nehmen. Vor allem, weil nicht der Erbe das Vermögen allein aufgebaut hat.
    Sein Standpunkt zur Umverteilung ist langweilig. Die Umverteilung von reich zu arm ist an der Armut Schuld. Das kann man sehr einfach widerlegen. Diese Umverteilungsmechanismen gibt es in vielen Ländern nicht. Dort gibt es eine kleine reiche Elite und eine breite arme Schicht. Offensichtlich wirkt die Umverteilung. Ein paar Ungenauigkeiten

    „Sehenden Auges wird damit in Sippenhaft Leistung bestraft. Und genau das ist letztlich leistungsungerecht“

    Es ist keine Sippenhaft, da nicht alle Erben verwandt sind. Die Begründung einer Erbschaftssteuer ist in meinen Augen auch nicht, dass es Erben gibt die nicht arbeiten. Eine Erbschaft ist ein Einkommen des Erben. Wenn er vorher ohne Lohn im Unternehmen gearbeitet hatte, ist das seine Entscheidung und nicht das Problem der Gesellschaft. Diese unbezahlte Arbeitsleitung spart schließlich auch Steuern und Sozialabgaben.

    Alles in allem ein sehr vielschichtiges Thema, dass (dem hier dargelegten Text nach) nicht differenziert analysiert wird. Maas bringt die Standardargumente und versucht die Gegenargumente weder zu verstehen noch zu beleuchten. Er sollte mir erklären warum ein Arbeitnehmer wenn er ein Gehalt bekommt Steuern zahlen muss, ein Erbe der Geld in Form eines Erbes bekommt aber nicht. Vor allem darf ich bei einem Erbe entscheiden ob ich es annehme. Wenn nur Schulden vererbt werden, tue ich dies nicht. D.h. positive Erbschaften sollen privatisiert werden, negative sozialisiert.

  • Gerd Maas

    Ich empfehle die Lektüre des Originals als Diskussionsgrundlage ;-)

  • Gunter Grigo

    Bzgl. der Umverteilung geht diese wohl seit Jahren bzw. seit rot/grün in Richtung von unten nach oben.
    Und ja – Schluß mit der Neiddebatte. Das Neidargument ist doch längst abgedroschen und zieht schon lange nicht mehr. Den größten bzw. meisten Neid finden wir nämlich unter den Vermögenden selbst!

  • Klaus Ungruhe

    … ist so eins, wie das Märchen vom fleißigen Erben! INSM ist dagegen insgesamt ein schlechtes Märchen!

  • Benjamin Schwenk

    Nach der Besprechung wohl eher nicht. Wieso sollte ich von meinem (erarbeiteten, nicht ererbten) Geld etwas ausgeben, um mir anzuschauen, wie Sie einen ziemlich plumpen Strohmann aufbauen, und den dann fachgerecht zerlegen? Herr Maas, die Sache ist de facto ganz einfach:

    – Früher war die gesellschaftliche Stellung eines Bürgers im wesentlichen davon abhängig, wer seine Eltern waren. Der eigene Ur-Ur-Ur-Urgroßvater hat mal irgendwann was Tolles geleistet? Prima, dann war man selbst der Graf von Sowieso, besaß das Land, und die Leibeigenen durften reichlich Abgaben leisten für die “Gnade”, selbiges bewirtschaften zu dürfen. Der im Frühmittelalter bestehende “Mittelstand” in Form der nicht unvermögenden Freibauern wurde in diesem Prozess übrigens nach und nach fachmännisch zerrieben. Sie können ja mal recherchieren, woher der Begriff “Bauernlegen” ursprünglich stammt.

    – Dann kam nach diversen Bauernaufständen irgendwann die Französische Revolution, bürgerliche Emanzipation etc. In meinen Augen eine gute Entwicklung, aber Ihrer Argumentation zufolge war das natürlich alles purer, ungerechtfertigter Neid auf die wahren Leistungsträger, die Erben!

    – Jetzt sind wir nach vielen Irrungen und Wirrungen beim Staat von heute angelangt. Der verdammt viel Geld braucht, das stimmt. Und der mir in vielen Dingen auch nicht gefällt, den ich ebenfalls an einigen Stellen als absurd verschwenderisch wahrnehme, keine Frage. Aber das ist nicht der Punkt! Weil nämlich auch der abgemagerteste Nachtwächterstaat immer noch Geldmittel zu seiner Finanzierung benötigen würde.

    – Und jetzt kommt der wirkliche zentrale Punkt, auf den Ihresgleichen niemals eingeht: ganz egal, wie SIE sich ihren Traumstaat auch wünschen, die Geldmittel zu seiner Finanzierung müssen IMMER irgendwie aufgebracht werden. Dazu gibt es jetzt zwei Möglichkeiten. Möglichkeit eins ist, dass wir weitgehend jeden, der produktive Arbeit leistet, massiv schröpfen. Das ist exakt, was in der BRD heutzutage geschieht. Unter 50% Steuer- und Abgabenlast geht kein Arbeitnehmer nach Hause, 66% und mehr vom Arbeitgeberbrutto sind bei Facharbeitern der Normalzustand. Mit der Folge, dass der Aufbau eines eigenen Vermögens mittlerweile extrem schwierig wird, während sich in den 60ern und 70ern auch noch einfache Stukkateure mit nicht arbeitender Ehefrau und Kindern ein Eigenheim leisten konnten.

    – Möglichkeit zwei ist, dass wir das riesige Vermögen, welches den Erben leistungslos zufällt deutlich stärker besteuern, wie es zum Beispiel auch in den nicht gerade kommunistischen Vereinigten Staaten absolut normal war, und meines Wissens auch noch ist! Warum? Weil sich die Vereinigten Staaten in ihrem Selbstverständnis als Meritokratie begreifen! Deswegen wird Möglichkeit zwei dort intensiv genutzt.

    – Sie, Herr Maas, mögen diese zweite Möglichkeit nicht besonders. Okay. Das kann man so sehen. Und fordern, dass Erbschaften weiterhin im Normalfall praktisch unbesteuert bleiben. Kann man alles so machen. Dann müssen eben die, die tatsächlich Leistungsträger sind (also Leute, die für ihr Geld arbeiten müssen) diesen Staat durchfinanzieren. Das hat dann aber auch eine ganz klare Folge: nämlich die, dass es in ein paar Generationen wieder eine Schicht geben wird, die zwar im Land die ganze Arbeit leistet, der aber nach Zahlung ihrer Steuern, der Abgaben und der Miete praktisch extrem wenig übrig bleibt. Und eine weitere Schicht, der unter anderem die Wohnungen gehören, für die diese erste Schicht Miete zahlt. Eine Schicht, die ihre Mieteinnahmen mit ihren Kosten verrechnen kann, und die selbstverständlich keinerlei Sozialabgaben auf selbige entrichten muss. Und die große Reden schwingt, dass jeder, der das ändern wolle, ja eh nur ein dummer Neidhammel sei.

    – Um es präziser zu sagen, wir sind in Deutschland bei zu vielen Arbeitnehmern längst an diesem Zustand angelangt. Das lässt sich mit einem Blick auf den Lohnzettel und die Mietzahlungen eines heutigen Arbeitnehmers mehr als einfach belegen. Zumindest in den Großstädten ist das Ergebnis ziemlich grausig.

    – So, und damit sind wir bei der eigentlichen Kardinalfrage, bei der Neid in etwa die gleiche Rolle spielt, wie der “Neid” der Leibeigenen auf ihre Grundherren: was es mich betrifft, Herr Maas, so möchte ich gerne in einer Gesellschaft leben, wo insgesamt die individuelle Leistung der Leute den Ausschlag gibt, und nicht in einer, in der dies weitgehend davon abhängt, wer denn jetzt Papa und Mama gewesen sind. Das erstgenannte wäre dann eine Meritokratie, und das andere ein weiterer, neu aufgegossener Feudalismus, mit allen daraus erwachsenden negativen Folgen. Falls Sie selbige nicht kennen sollten, können Sie selbige gerne sowohl in mehreren Jahrhunderten europäischer Geschichte, als auch in etlichen heutigen Dritte-Welt-Gesellschaften entsprechenden Schlages und ohne jegliche böse Umverteilung von oben nach unten mehr als ausgiebig studieren.

    So einfach ist das. Ich möchte gerne eine Gesellschaft, in der sich Leistung lohnt, und Sie eben nicht. Deswegen definiere ich diejenigen als Leistungsträger, die für ihr Geld arbeiten. Und Sie definieren jene als Leistungsträger, die viel Geld besitzen, gerne auch ererbtes. Das sehe ich anders, und möchte deswegen die Lasten gerne anders verteilen. Wenn Sie das jetzt plump als Neid bezeichnen, dann können Sie das zwar machen, aber das wäre dann in etwa so zielführend, wie der Marie Antoinette zugeschriebene Ausspruch mit dem Kuchen.