9 Arbeitsmarkt

Arbeitsteilige Wirtschaft in Gefahr!

Schon Adam Smith wusste: Arbeitsteilung schafft Wohlstand. Doch mit dem Ende 2015 von Arbeitsministerin Andrea Nahles vorgelegten “Gesetzentwurf zur Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes
und anderer Gesetze” werden dem Arbeitsmarkt neue Fesseln angelegt und die arbeitsteilige Wirtschaft gerät ohne Not in Gefahr.

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Schon in der Antike war den Philosophen bewusst, dass Menschen ganz unterschiedliche Fähigkeiten und Bedürfnisse haben und Tätigkeiten unterschiedlich geschickt verrichten. Schon früh entwickelte sich eine Art des Wirtschaftens und Handelns, die wir im weiteren Verlauf der Geschichte als Spezialisierung von Arbeit und arbeitsteilige Wirtschaft bezeichnen. In der industriellen Revolution sah Adam Smith in ihr einen wesentlichen Grund für die erheblichen Produktivitätssteigerungen jener Zeit. Spezialisierung führte zu Zeitersparnis, beförderte den technischen Fortschritt und damit die wirtschaftliche Entwicklung.

Spezialisierung ist fortschrittlich

Spezialisierung von Arbeit ist nicht nur seit Jahrhunderten bewährt, sondern auch fortschrittlich. In unserer hocharbeitsteiligen deutschen Wirtschaft ist sie heute ein wichtiger Erfolgsfaktor, um Effizienz und Wertschöpfung zu steigern. Die Vergabe von Werkverträgen ist bei Unternehmen wie auch öffentlichen Auftraggebern Normalität. Soll beispielsweise eine neue Softwarestruktur in einem Betrieb aufgebaut werden, wird diese oft komplexe Angelegenheit in der Regel extern vergeben. Aus guten Gründen: Die Arbeit wird von spezialisierten Partnern professionell ausgeführt. Der Auftraggeber kann im Rahmen eines Werkvertrages Preise transparent vergleichen und behält die Kostenkontrolle. Werkverträge gestalten also kluge Arbeitsteilung, von der beide Seiten profitieren. Auch eine international wettbewerbsfähige industrielle Produktion wäre ohne Werkverträge in Deutschland nicht vorstellbar.

Digitalisierung und Industrie 4.0 erfordern mehr flexible Arbeit

Im Zuge von Digitalisierung, Industrie 4.0 und immer kürzeren Innovationszyklen wird intelligente Arbeitsteilung noch stärker an Bedeutung gewinnen. Bei der Bewältigung dieses umfassenden Strukturwandels müssen Unternehmer frei darüber entscheiden können, ob sie Leistungen selbst erbringen oder intelligent zukaufen. Flexibilität ist für Wettbewerbsfähigkeit und Innovationen unverzichtbar. Wird unternehmerische Freiheit aber durch immer stärkere staatliche Regulierung, wie auch umfassende Restriktionen für Zeitarbeit und Werkverträge, zunehmend eingeschränkt, schwächt das unseren Wirtschaftsstandort und nicht zuletzt auch den Gründergeist. Das ist kontraproduktiv. Wir brauchen genau das Gegenteil davon – nämlich ein deutlich flexibleres Arbeitsrecht 4.0.

Gesetzesverschärfung ohne Notwendigkeit

Diese Einsicht teilen leider nicht alle Politiker. Arbeitsministerin Andrea Nahles legt dem Arbeitsmarkt immer neue Fesseln an und bringt die arbeitsteilige Wirtschaft ohne Not in Gefahr. Denn nach geltendem Recht kann man heute bereits gegen Scheinwerkverträge vorgehen.

Trotzdem ist es neuerdings Ziel des Gesetzgebers anhand von acht Kriterien zu definieren, was er unter einem regulären Beschäftigungsverhältnis versteht. Natürlich verrichten auch bei Werkverträgen Mitarbeiter des Auftragnehmers ihre Arbeit überwiegend in den Räumlichkeiten des Kunden. Um beim Beispiel zu bleiben: Sie richten dort eine neue Softwarestruktur ein, nutzen dessen Arbeitsmittel und nehmen im Rahmen ihres Auftrages Anweisungen entgegen. Was bisher normal war, könnte nach zukünftiger Lesart des Gesetzgebers verboten sein.

Aus welchem Grund? Es gibt keine Nachweise dafür, dass Stammbelegschaften reduziert werden. Auch die Betriebsräte verfügen über weitreichende Informations- und Beratungsrechte. Zudem stellt die geforderte Beweislastumkehr Unternehmer unter Generalverdacht. Als Auftraggeber müssen sie dann die Rechtmäßigkeit jedes einzelnen Werkvertrags nachweisen. Das bedeutet umfangreiche Dokumentation und produziert am Ende vor allem zweierlei: neuen bürokratischen Aufwand und Kosten.

Starre Vorgaben helfen niemandem

Ähnlich praxisfern verhält es sich mit den Vorstellungen des Gesetzgebers zur Zeitarbeit. Wer sein Unternehmen aufbaut, neue Märkte erschließt oder Innovationen auf den Markt bringt, muss Arbeit variabel einsetzen können. Zeitarbeit leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Künftig soll es eine Höchstüberlassungsgrenze von 18 Monaten beim Einsatz der Zeitarbeiter geben. Was passiert, wenn Projekte länger als 18 Monate dauern? Sind gerade bei jungen Unternehmen erste Erfolge noch nicht gefestigt, oder arbeitsintensive Projekte dauern länger als anderthalb Jahre, kann über eine langfristige Festanstellung nur schwer entschieden werden. Dann müssten gut eingearbeitete Zeitarbeiter zum Stichtag gehen, die bisher länger im Betrieb hätten bleiben können. Das hilft niemandem.

Griechische Weisheit stimmt auch für die Zukunft

Bewährte flexible Instrumente am Arbeitsmarkt werden also von heute auf morgen aus ideologischen Gründen und von einer Gleichmacherei getrieben, geplättet.

Die Philosophen der Antike waren weise und vorausblickend. Sie erkannten, dass es Unterschiede zwischen den Menschen je nach ihren Fähigkeiten gibt. Eine Gesellschaft und eine Wirtschaft kommen nur dann voran, wenn man sich den Stärken eines jeden Einzelnen bewusst ist und diese auch optimal einzusetzen vermag. Liebe Frau Nahles, lesen Sie doch einfach mal bei Platon rein.

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  • Autor

    Dr. Hubertus Porschen

    ist Bundesvorsitzender des Wirtschaftsverbands DIE JUNGEN UNTERNEHMER und CEO der iConsultants GmbH (www.iconsultants.eu).

  • Mordred

    “Spezialisierung ist fortschrittlich… ”

    insb. für das dort enthaltene Beispiel wüsste ich gerne, wie die neue Gesetzgebung dort KONKRET negativen Einfluss drauf nimmt. Wir haben diverse IT-Prozesse, u.a. auch Softwareentwicklung, outgesourced.

    “Gesetzesverschärfung ohne Notwendigkeit…”

    Unsere Auftragnehmer verdienen wahnsinniges Geld. So ihre Arbeit anzubieten ist ihr Geschäftsmodell. Könnte es sein, dass die Gesetzesänderungen vielmehr auf sog. Scheinwerkverträge im Niedriglohnbereich abzielen wie z.B. Regaleinräumer im Supermarkt etc.?

    “Starre Vorgaben helfen niemandem..”
    Also bitte. “Praxisfern” ist ja wohl vor allem Ihr Beispiel. Nach 9 Monaten ist equal pay angesagt. Des weiteren brauchen gerade junge Arbeitnehmer eine gewisse Planungssicherheit, um eine Familie zu gründen. Wenn ein Unternehmer nach spätestens 9 Monaten nicht nur das reguläre Gehalt, sondern immer noch zusätzlich den Verleiher bezahlen muss, sollte er sich schleunigst überlegen (weitere 9 Monate), ob er ökonomisch nicht irgendwas falsch macht. Btw. gibt es ja auch noch Arbeitsverträge, die projektmäßig befristet werden können.

  • “Das hilft niemandem.”
    Auf jedes gebrachte Beispiel gibt es genug Gegenbeispiele. Arbeitsrechte helfen vielen Menschen. Sie schafft Planbarkeit im Alltag. Ein Unternehmer ist motiviert seine Angestellten weiterzubilden, da eine langfristige Einstellung eine Art Investition dargestellt. Auch kann ich den ganzen Hype der Industrie 4.0 nicht verstehen. Letztenendes wird uns erklärt, dass sich alles grundsätzlich ändern wird. Das mag für manche Bereiche stimmen. Für viele Bereiche stimmt es nicht. Es ist ein Modebegriff mehr nicht.

  • Mordred

    Da ich mit Industrie 4.0 massiv zu tun habe, bin ich da vorbelastet. Aber anders als in dem Artikel hier dargestellt wird, ist dies ja nicht irgendein neues Produkt, was nur das vorhandene Arbeitsvolumen verändert oder gar erhöht. Ganz im Gegenteil: Was bedeutet es denn, wenn die Maschine selbstständig ans ERP-System meldet, dass die Teile ausgehen und das ERP-System daraufhin selbstständig den Bestellvorgang auslöst und beim Zulieferer nur noch einer den LKW beladen muss und einer die Charge zum Kunden bringt? Faktura etc. dann per sog. Enterprise Service Bus von SAP auch ohne Eingreifen von Personen.
    Industrie 4.0 wird Arbeitsplätze fressen. Ohne Ende.

  • Hallo Mordred, dass die Digitalisierung Berufsbilder, die nicht mehr in die Industrie 4.0 überführt werden können, verloren gehen, steht nach heutigem Stand außer Frage. Jedoch ist schon heute abzusehen, dass mindestens, wenn nicht soagr mehr Arbeitsplätze durch die Industrie 4.0 entstehen werden. (kun)

  • Linux Administrator

    Bedingungsloses Grundeinkommen einführen, dann brauchen wir die ganzen freiheitsfeindlichen Sozialstaatlichen regulierungen und Bevormundungen alla SPD nicht mehr. Schließlich wäre so auf eine freiheitliche art und weise für ein Sozialen Ausgleich gesorgt.

  • Mordred

    Hallo kun,
    wer sieht das denn heute ab und basierend auf was? Was für Jobs sollen das sein, die da entstehen werden?

  • Hallo Mordred, leider können wir anhand Ihres Posts nicht nachvollziehen, worauf Sie hinaus wollen. Jedoch ist schon heute klar, dass die Regulierung des Arbeitsmarktes durch Frau Nahles gravierende Folgen haben wird. In einigen Branchen, die bereits im Blog genannt wurden, werden Engpässe bei der Ausführung von Aufträgen entstehen. (kun)

  • JoWo

    Was hat die Arbeitsteilung mit Leiharbeit zu tun? GAR NICHTS! Leiharbeiter werden niedrig entlohnt – Spezialisierung würde aber genau das Gegenteil bedeuten – eine höhere Entlohnung. Die von Ihnen beschriebene hochqualifizierte Tätigkeit ist in der Zeitarbeit extem selten zu finden. Von den 960tsd Zeitarbeitern in 2015 übt jeder zweite ein Hilfstätigkeit aus. Die Leiharbeitsbranche hat eine hohe Dynamik bei den Einstellungen und Kündigungen mit einem überdurchschnittlichen Risiko schnell wieder arbeitslos zu werden.
    Zeitarbeit reduziert nicht die Stammbelegschaft, sie verdrängt diese! ich empfehle Ihnen einmal selbst in einer Zeitarbeitfirma zu arbeiten – Sie würden Ihre Meinung schnell ändern.

  • Robert Simon

    Leiharbeit muss differenzierter betrachtet werden. Es gibt in der Zeitarbeitsbranche auch höher qualifizierte, die über die temporäre Beschäftigung in Projekten mehr verdienen, als wenn diese in einem Unternehmen angestellt und ihr Qualifikation nur zum Teil ausspielen könnte (weil nicht so viele Projekte da sind). Häufig sind darunter auch Freelancer, die gar kein Interesse an einer Festanstellung haben.

    Geringqualifizierte Kräfte in der Zeitarbeit. Auch hier lohnt die Detailanalyse. Zunächst ist festzustellen, dass es in den tarifgebundenen Unternehmen die unterste bzw. untersten Lohngruppe(n) kaum mehr belegt werden und die Arbeitskräfte höher eingruppiert sind. Warum ist das so und welche Akteure stecken dahinter?

    Als Arbeitsloser ohne Qualifikation ist die Chance, einen Fuß in die Tür des Unternehmen zu bekommen, über Zeitarbeit ungleich höher. In Branchen, in denen ein Branchenzuschlagtarifvertrag durch die Zeitarbeit greift, ist der Kostenvorteil in aller Regel nach 6 Monaten, spätestens nach 9 Monaten weg.

    Es gibt aber auch Branchen, in denen Zeitarbeiter besser bezahlt werden, als die Stammbelegschaft (bei gleicher Qualifikation).

    Das Kostenargument für den Einsatz von Zeitarbeit ist nicht wirklich stark.

    Wenn ein Unternehmen Zeitarbeit richtig einsetzt, wird der Anteil 10-20 % nicht überschreiten, sonst wird es für die Arbeitsorganisation und Arbeitsatmosphäre (Überfremdung) schwierig.

    Gute Gründe für den Einsatz von Zeitarbeit ist das Auslagern der Rekrutierung an das Zeitarbeitsunternehmen (zuerst über Zeitarbeit, danach Übernahme) oder auch das Abfangen von Spitzen (denkt mal darüber nach, wie ein Onlinehändler das Weihnachtsgeschäft über Stammbelegschaft abwickeln sollte, die Grenzen durch das Arbeitszeitgesetz und das Teilzeit und Befristungsgesetz sind da schnell erreicht). Aber nciht zuletzt sind die Zeitarbeiter auch der Schutzwall für die Stammbelegschaft.

    Die Reform des AÜG und Werkverträge gehen in die falsche Richtung. Beides führt zu einer weiteren Bürokratisierung.

    Die aktuellen gesetzlichen Regelungen müssten nur konsequent umgesetzt und verfolgt werden.

    Man spricht immer wieder von einem prekären Arbeitsverhältnis. Fakt ist, dass nahezu jedes Zeitarbeitsverhältnis einem Tarifvertrag unterliegt, im Krankheits- Urlaubs- und Feiertagsfall genauso entlohnt wird wie jeder andere Arbeitnehmer auch. Ein Zeitarbeiter arbeitet nur nicht in den Räumen des Arbeitgebers so wie die allermeisten Handwerker auch. Was ist daran prekär?

    Ob sich Frau Nahles mal Gedanken gemacht hat, was mit dem qualifizierten Zeitarbeiter, der im Metallbereich 18 Monate arbeitet und dabei zum Schluss 17,42 € (EG4 Tariflohn 11,61 + 50 % Branchenzuschlag) die Stunde verdient hat und nicht im Kundenbetrieb übernommen wird, passiert? Wenn er Glück hat, findet sein Arbeitgeber (die Zeitarbeitsfirma) einen Anschlussauftrag und kann dann für 14 € deutlich über Tarif anfangen und hat “nur” 20 % Lohneinbuße (aber vielleicht spricht man in der Zeitarbeit deshalb von einem prekären Arbeitsverhältnis, weil nicht wenige Zeitarbeiter von Frau Nahles auf diese Weise in eine prekäre Lage gebracht werden…)