Eine punktuelle, hier und dort in den Marktzusammenhang eingreifende Wirtschaftspolitik führt, sobald sich diese Eingriffe summieren, zu einer Verwirrung des Ganzen. Alfred Müller-Armack, 1901 - 1978, deutscher Nationalökonom, Kultursoziologe

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Sprecht die Sprache derer, die Euch ausnehmen!

Buchkritik: John Lanchester: Die Sprache des Geldes – und warum wir sie nicht verstehen (sollen), Klett-Cotta, Stuttgart 2015

Das wichtigste Werkzeug der Ökonomie ist die Sprache – die Insider-Sprache. Doch leider versteht sie nicht jeder. Auch dem britischen Bestsellerautor und Wirtschaftsjournalisten John Lanchester erging es so – bis er die Nase voll von all dem Fachchinesisch und der Geheimniskrämerei der Finanzexperten hatte. Er begann die Sprache des Geldes zu lernen – und damit auch ein Gespür zu entwickeln für die wirkliche Bedeutung vieler Aussagen, aber auch für die Schurkereien auf den Finanzmärkten. Sein nun erschienenes „Geldlexikon“ ist eine Bereicherung für jeden.

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John Lanchester: Die Sprache des Geldes – und warum wir sie nicht verstehen (sollen), Klett-Cotta, Stuttgart 2015Fachsprache verwirrt den Laien und macht ihn immer ein wenig beduselt. So schwadroniert beispielsweise der Rhetoriker mit Begriffen wie „Hendiadyoin“, „Hyperbaton“ und „Oxymoron“ genauso herum wie der Klempner mit seinem „Röhrensiphon“, der „ABS-Pumpe“ oder dem „Orbitalschweißkopf“. Die Sprache des Geldes ist nicht weniger kompliziert. Und ohne Zweifel klafft zwischen denjenigen, die mit Fachvokabular wirtschaftliche Zusammenhänge erklären, und jenen, die nichts davon verstehen, eine gewaltige Lücke. Warum das vor allem dann der Fall ist, wenn‘s ums Geld geht, ist für John Lanchester offensichtlich: „Zum Teil wurde diese Kluft ganz bewusst durch Geheimnistuerei und Verschleierungstaktik [durch die Finanzexperten]vertieft. Aber den weit größeren Anteil hatte, wie ich glaube, das Gefühl, dass es so einfach viel leichter war. Und zwar für beide Seiten.“ Also auch für die Laien. Die Finanzleute hätten lange Zeit niemandem erklären müssen, was sie im Schilde führten. Im Gegenteil. „Sie durften ihre Regeln schreiben und haben nicht schlecht davon profitiert. Und wir anderen fanden es äußerst angenehm, uns nicht den Kopf über ökonomische Fragen zerbrechen zu müssen“, schreibt der Brite in seinem Buch.

Mit dieser Diskrepanz soll aber nun Schluss sein. Lanchester hat mit seinem Werk „Die Sprache des Geldes – und warum wir sie nicht verstehen (sollen)“ eine Art Geldlexikon mit den rund wichtigsten 300 Finanzbegriffen auf den Markt gebracht, das es in einer solchen amüsanten Lehrhaftigkeit und kritischen Unterhaltsamkeit bisher noch nicht gab.

Die Geheimnisse von Krüppel- und Kuhfladen-Konstruktionen

Warum wirkt auf viele gerade die Sprache des Geldes so abschreckend schwierig? Den Grund dafür sieht Lanchester in den vielen merkwürdigen Konstruktionen der Finanzbegriffe. Die Sprache des Geldes widerspreche unserer Intuition: So ist zum Beispiel eine „Konsumentenrente“ keine Rente, die Konsumenten bekommen. (Vielmehr bezeichnet sie den Unterschied zwischen dem Preis eines Produktes und dessen persönlichen Wert für den Konsumenten). Das „AAA“ meint weder die Baugröße von Batterien noch „Autos, Avus, Attraktionen“, die Vorgängermesse der heutigen Berliner Automobilausstellung. (AAA, auch AAA-Rating genannt, bedeutet die beste Bewertung für einen Schuldner und damit die beste Einstufung der Bonität). Ein „Konfidenzintervall“ ist keine Pause, in der Menschen ihr Vertrauen verloren haben. (Er meint den Wahrscheinlichkeitswert eines Ereignisses). Und die Zombiebank ist nicht das private Finanzhaus eines Grafengeschlechts aus Transsilvanien. (Sie bezeichnet eine politisch bedeutsame Bank ohne Wirtschaftlichkeit). Das scheinbar aus der Biotechnologie entnommene Wortungetüm „synthetische Vanilla-Mezzanine-RMBS-CDO“ (eine bestimmte Form eines Derivats, also eines Finanzprodukts, dessen Preis und Entwicklung vom Preis eines anderen Finanzproduktes, zum Beispiel einer Aktie, abhängt) oder stilistische Krüppelkonstruktionen wie „angebotsseitige Auswirkungen“ oder „Quantitative Easing“ (quantitative Lockerung, die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank) verwirren komplett und haben für interessierte Laien in etwa die gleiche Attraktivität wie Kuhfladen im Spinat. Auch erklärt sich für Aktienneulinge kaum, warum der Preis an der Börse gerade bei einem „Bullen“ rauf und bei einem „Bären“ runtergehen soll.

Kurzum: Die Sprache des Geldes besteht aus zahllosen konstruierten Begriffen, die man ohne nähere Erklärung nicht verstehen kann.

Das Phänomen der „Gegenteilisierung“

„Es ist eine harte Aufgabe herauszufinden, was die Finanzsprache wirklich meint“, sagt Lanchester. Neben der Bedeutung von Zinssätzen und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen für die Gesellschaft liegt ihm vor allem das Phänomen der „Gegenteilisierung“ am Herzen. Mit „Gegenteilisierung“ meint er die „Bedeutungsverschiebung“ von Begriffen. Das Wort „Hedgefonds“ sei dafür bezeichnet. „Hedge“ heißt auf Deutsch zunächst so viel wie „Hecke“ und meint ursprünglich die Absicherung von Wetten. Heute stünden hinter Hedgefonds jedoch sehr risikoreiche und oft sehr undurchsichtig hohe Wetten, die alles andere als abgesichert seien. 90 Prozent aller Hedgefonds, die jemals existiert haben, mussten bisher schließen oder sind Bankrott gegangen. Lanchester: „Gegenteilisierung kommt in der Welt des Geldes relativ häufig vor und ist auch einer der Gründe, warum die Finanzsprache für Außenstehende so rätselhaft klingt.“

Mit der Sprache des Geldes die Welt besser verstehen

Das Buch will wie ein Baukasten sein, der mit seinen Werkzeugen zu erkennen hilft, wo wir in der Welt des Geldes vorsichtig sein müssen und wo nicht. Nur, wollen wirklich alle genau verstehen, wie Geld funktioniert? Die wenigsten werden wohl auch kaum wissen, wie beispielsweise Autos oder Computer konstruiert sind. Fahren oder Bedienen können wir sie trotzdem. Für Lanchester jedoch reicht diese Einstellung beim Thema Geld definitiv nicht. Im Gegenteil. Sich mit Geld auszukennen oder nicht, zielt letztlich auf die Lebenshaltung, sich weiter fremdbestimmen zu lassen oder doch lieber eigenverantwortlich zu handeln: „Wir haben in der Finanzkrise die Erfahrung gemacht, dass wir diese Dinge nicht den Experten überlassen dürfen. Diese sind nur auf ihren eigenen Vorteil aus.“

Zweifellos muss man etwas dafür tun, um die Sprache des Geldes zu verstehen. Doch es lohnt sich. Lanchester: „Wenn man die Finanzsprache einmal erlernt hat, dann sieht die Welt gleich vollkommen anders aus.“

Fazit

Lanchester ist ein lehrreiches und humorvolles Werk gelungen, das großen Spaß macht, zu lesen. Eine Bereicherung für jeden.

  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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