Für eine freie Marktwirtschaft - auch mit dem Adjektiv sozial davor - gehört es sich, einen liberalisierten Arbeitsmarkt zu haben. Hans-Olaf Henkel, *1940, ehem. BDI-Präsident

11 Soziales

Renteneintritt muss zur Lebenserwartung passen

Der demographische Wandel stellt die Gesellschaft vor eine große Herausforderung. Um das Rentensystem langfristig zu sichern, hilft nur der steigenden Lebenserwartung Rechnung zu tragen. (mehr …)

Die Zahlen sind alarmierend: In den sechziger Jahren kamen noch fünf Beschäftigte für einen Rentner auf, heute sind es nur noch drei. Schon bald werden zwei Arbeitnehmer einen Rentner versorgen müssen.

Mit Geschenken an die alternde und mächtig werdende Wählergruppe der Babyboomer, verschärft die Regierung das Problem noch. Mit ihrem Rentenpaket hat die Koalition die Lebensarbeitszeit verkürzt und die Leistung für Rentner erhöht. Die Last für jüngere Generationen wurde so noch einmal schwerer. Sie selbst müssen wohl mit einer Mini-Rente leben und selbst genügend vorsorgen. 2040 könnte die gesetzliche Rente nur noch 40 Prozent des dann aktuellen Durchschnittsgehalts betragen.

Gleichzeitig wird die private Vorsorge wegen niedriger Zinsen immer schwieriger. Hohe Renditen können nur bei hohem Risiko erzielt werden. Das gilt auch für Mischformen, wie einen vorgeschlagenen „Deutschlandfonds“. Allerdings wären die Verwaltungskosten eines solchen Fonds vermutlich noch höher als bei einer rein privaten Vorsorge durch Finanzprofis.

Doch es gibt Lösungen. Weil wir alle viel länger leben, sollten wir auch alle länger arbeiten. Man könnte also das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung eines Jahrgangs knüpfen. Vermutlich wird sich die Lebenserwartung auch in den kommenden Dekaden weiterhin jeweils um ein Jahr erhöhen. Wenn wir jetzt mit einem Eintrittsalter von 66 Jahren starten, wären wir in zehn Jahren bei etwa 67 Jahren. 2050 würden die Menschen dann bis etwa 70 arbeiten.

Dafür müssen wir allerdings genügend Bildungsangebote schaffen: Ein Dachdecker kann mit 45 keine Ziegel mehr schleppen. Aber er kann sich weiterqualifizieren und beispielsweise die Planung und die Logistik organisieren – oder den Roboter auf dem Dach steuern. Immer wieder neue Dinge auszuprobieren und ein Leben lang zu lernen passt auch in den Lebensentwurf der jungen Leute von heute. Und ist auch tatsächlich besser als schon mit 65 nur noch zu Hause zu sitzen – und auf seine Rente zu warten.

Was die Deutschen über die Zukunft der Rente denken. -> Zur großen Deutschland-Umfrage

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  • Autor

    Prof. Dr. Thomas Straubhaar

    früherer Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

    Alle Beiträge

  • Axel Sänger

    Allererst müssen wir das Menschenbild korrigieren und untersuchen, was Arbeit ist, und was Sinn ist. Die Sinnfrage muss radikal aufgeworfen werden, es kann nicht sein, dass “Arbeitgeber” eine “Arbeitskraft” konsumieren, die das Ziel der eigenen arbeit nicht selbst definieren darf. Darin besteht der grundlegende Irrtum an der gesamten Diskussion der Lebensarbeitszeit, nämlich, dass es angeblich “Arbeitnehmer” geben soll, die nicht das Subjekt des Arbeitsmarktes sind. Wenn solche Menschen dann aus der Erwerbstätigkeit ausscheiden, dann beantworten sie die Frage nach einer längeren Lebensarbeitszeit gerne mit dem Verharren in den Altersrenten und Grundsicherungen, weil sie im gesamten Berufsleben nur erfahren haben, dass die “Arbeitgeber” nach ihrer “Arbeitskraft” trachten, wie der Metzger nach dem Fleisch des Schlachtviehs. Zur Abwechslung sollte ab einem gewissen Lebensalter der Arbeitsvertrag für die Menschen untersagt werden. Anstelle des Arbeitsvertrages sollte über einer gewissen Altersgrenze nur noch der Dienstvertrag resp. der Werkvertrag infrage kommen. allerdings muss es dann auch die Pflicht der Mitgliedschaft in eigenen Verbänden geben, die ihre Mitglieder darin unterstützen, dass ihre Vergütungen am Gegenstandswert der Arbeiten orientiert werden, die sie ausführen. Und man muss ihre Forderungen gerichtlich durchsetzbar machen, gegen wen auch immer. Solange dies so nicht gedacht und getan wird, bleibt alles Denken und Tun eine Farce, weil die Menschen nicht Subjekte ihres presönlichen Leistungsvermögens sind, also kein eigenes Ziel definieren und damit den Sinn ihrer Lebensarbeit nicht gegenüber Snderen wirksam abgrenzen und anerkannt finden können.

  • Axel Sänger

    Allererst müssen wir das Menschenbild korrigieren und untersuchen, was Arbeit ist, und was Sinn ist. Die Sinnfrage muss radikal aufgeworfen werden, es kann nicht sein, dass “Arbeitgeber” eine “Arbeitskraft” konsumieren, die das Ziel der eigenen arbeit nicht selbst definieren darf. Darin besteht der grundlegende Irrtum an der gesamten Diskussion der Lebensarbeitszeit, nämlich, dass es angeblich “Arbeitnehmer” geben soll, die nicht das Subjekt des Arbeitsmarktes sind. Wenn solche Menschen dann aus der Erwerbstätigkeit ausscheiden, dann beantworten sie die Frage nach einer längeren Lebensarbeitszeit gerne mit dem Verharren in den Altersrenten und Grundsicherungen, weil sie im gesamten Berufsleben nur erfahren haben, dass die “Arbeitgeber” nach ihrer “Arbeitskraft” trachten, wie der Metzger nach dem Fleisch des Schlachtviehs. Zur Abwechslung sollte ab einem gewissen Lebensalter der Arbeitsvertrag für die Menschen untersagt werden. Anstelle des Arbeitsvertrages sollte über einer gewissen Altersgrenze nur noch der Dienstvertrag resp. der Werkvertrag infrage kommen. allerdings muss es dann auch die Pflicht der Mitgliedschaft in eigenen Verbänden geben, die ihre Mitglieder darin unterstützen, dass ihre Vergütungen am Gegenstandswert der Arbeiten orientiert werden, die sie ausführen. Und man muss ihre Forderungen gerichtlich durchsetzbar machen, gegen wen auch immer. Solange dies so nicht gedacht und getan wird, bleibt alles Denken und Tun eine Farce, weil die Menschen nicht Subjekte ihres pesönlichen Leistungsvermögens sind, also kein eigenes Ziel definieren und damit den Sinn ihrer Lebensarbeit nicht gegenüber Anderen wirksam abgrenzen und anerkannt finden können.

  • “Die Zahlen sind alarmierend: In den sechziger Jahren kamen noch fünf
    Beschäftigte für einen Rentner auf, heute sind es nur noch drei. Schon
    bald werden zwei Arbeitnehmer einen Rentner versorgen müssen.”

    Gehen wir das mal durch. Zwischen den 60ern und heute gab es eine Änderung des Verhältnisses zwischen Beschäftigten und Rentnern in einem ähnlichen Maße wie sie es prognostizieren. Wieso ist das also ein Problem. In der gleichen Zeit sind die Renten gestiegen. D.h. weniger Beschäftigte konnten ohne Probleme mehr Rentner mit mehr Rente bezahlen.
    Weiterhin blenden sie einen wesentlichen Teil aus. Die Beschäftigten versorgen nicht nur die Rentner, sondern auch Arbeitslose, Kinder, usw. Diese Quote hat sich nicht so radikal geändert.
    Noch einen Punkt blenden sie aus. Als Professor beziehen sie gar keine Rente. Sie beziehen eine Pension. Warum zahlen sie eigentlich nicht in das Rentensystem ein?

    Ein letzter Punkt zum Rentenalter. Es an die prognostizierte Lebenserwartung zu koppeln ist Blödsinn. Welche nehmen sie bitte. Müssen Frauen dann länger arbeiten als Männer, Raucher etwas kürzer und Arme noch kürzer, während Reiche länger arbeiten? Sie strafen mit einem solchen System eben jene ab, die schon jetzt eher auf der Verliererseite stehen. Auch der Bildungsverweis ist fragwürdig. Bildung hilft, dass ist keine Frage. Wir alle sind deutlich besser gebildet als vor 60 Jahren. Bei der Einkommenstruktur sieht es wahrscheinlich nicht wesentlich anders aus. Das ist auch logisch. Wenn alle Menschen in diesem Land einen akademischen Abschluss hätten, dann würden die Bachelorabsolventen eben putzen und man müsste mindestens einen Doktor haben, um etwas konstruieren zu dürfen. Das liegt eigentlich auf der Hand. Der Vorteil die aktuelle Lohnverteilung auf mangelnde Bildung am unteren Ende zu schieben hat den Vorteil, dass man die Opfer die Schuld zuschiebt. Wenn Bildung alle Probleme lösst, warum werden Doktoranden fast überall schlecht bezahlt? Es gibt eine große Nachfrage nach Forschern. Das ist abgeblich unser wichtigstes Kapital in Deutschland.
    Fazit: So einfach mag die Welt eines Wirtschaftsprofessors sein. Er kümmert sich um die gesetzliche Rente, bei der er keine Anteile hat. Leider ist die Welt etwas komplexer als hier dargestellt.

  • steinweg

    Das Wort “Blödsinn” deutet auf völlig überlegene Intelligenz hin, bewundernswert.

  • steinweg

    So lange der Staat den Lohnabhängigen ausbeutet wie Sklaven, kann der grösste Teil kein vererbbares Vermögen ansammeln. Ganz im Gegensatz zum Kapitalhalter, wo vererbt wird. Einzige Gewinner sind Beamte, Richter verheiratet mit Staatsanwältin, Lehrer- Lehrerin etc. Selbst die Riester-Erträge der arbeitenden Menschen werden lustvoll abkassiert, Steuern auf versteuertes Geld erhoben. Der Staat wird versuchen müssen, sich am Kapital zu bereichern, das wird aber wehrhafter sein. So wird die Rente so oder so über die Steuer bezahlt.

  • Vielleicht ist es die falsche Wortwahl. Aber es ist etwa so, als würde sie die Wahl ihrer Kleidung in Hamburg vom Wetterbericht in München abhängig machen. Beides liegt in Deutschland. Vor allem sind es prognostizierte und keine absoluten Lebenserwartungen. Die Lebenserwartung eines 50 jährigen ist höher als die eines 20 jährigen. Welche nimmt man?

  • steinweg

    Es geht nicht um die Lebenserwartung der Kohorte, sondern um die individuelle. Und da ist die Vorstellung, dass Menschen eines Tages genauso lange RTLII sehen müssen, wie der Arbeitsprozess gedauert hat, wie von Dante ersonnen.

  • Die individuelle Lebenserwartung wirst du genau dann wissen, wenn du stirbst. D.h. die individuelle Lebenserwartung passt schon mal nicht. Vor allem heißt das, dass diejenigen die ungesund leben weniger lang arbeiten müssen?

  • Warum gibt es eigentlich keine Forderung von den Wirtschaftsprofessoren, den Kündigungsschutz für die Wirtschaftsprofessoren zu lockern. Deren These ist doch, dass der Wettbewerb zu einer besseren Lösung führen würde. Bei der Rente und allen gesetzlichen Sicherungssystemen sieht es ähnlich aus. Ich frage mich wie sich die Aussagen eines Herrn Straubhaar ändern würden, wenn er Bezieher der gesetzlichen Rente wäre, man ihn kündigen könnte und seinen jetzigen Vertrag durch eine Leiharbeitsprofessur bei halber Vergütung austauschen könnte.

  • Hallo Dan Chris, was würde sich verändern, wenn man Ihr Vorhaben in die Realität umsetzen würden? (kun)

  • Genau das ist die Frage. Mich wundert, dass mehr Wettbewerb von Professoren für alle außer sich selbst gefordert wird. Ich denke es setzt sich die beste Theorie durch. Momentan ist das definitiv nicht der Fall. Da kann ein Hans Werner Sinn 800 tausend Arbeitslose oder mehr durch die Einführung des Mindestlohns vorhersagen. Passiert ist nichts. Dieser Effekt ist nicht nachweisbar gewesen.
    Ein Straubhaar vernachlässigt die Produktivitätsentwicklung bei der Rente. Das Lebensalter scheint das einzige Kriterium zu sein. Nach dieser Logik, müssten in einigen afrikanischen Ländern die Menschen mit 50 Jahren in Rente gehen und das Rentensystem müsste perfekt funktionieren, da es so viele junge Menschen gibt.
    Stellt man es so dar, dann sieht man dass der einseitig Blick auf die Lebenserwartung absurd ist.
    Aktuell werden Arbeitslose zwangsverrentet.
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/jobcenter-hartz-iv-beziehern-droht-schnellere-zwangsverrentung-a-1092377.html

    Weiterhin sollen die Gesetze geändert werden, damit man länger arbeiten muss. Die lieben Professoren nennen es, damit man arbeiten “darf”. Nur man darf schon. Es ist halt unattraktiv. Anstatt Wissenschaft zu machen, wird Lobbyismus betrieben. In einem wissenschaftlichen Wettbewerbsumfeld, wo auch solche Aussagen zählen, müssten die Lobbyisten scheitern.