Bald müssen die Arbeitgeber streiken, um sich vor Ausbeutung durch maßlos gewordene Gewerkschaftsführer zu schützen, die wider besseres Wissen Arbeitnehmer zum "Tanz auf dem Vulkan" verführen! Joachim Bullermann, *1943, deutscher Verkaufs- und Managementtrainer, Marketingberater

12 Soziales

Eine Koppelung des Renteneintrittalters an die Lebenserwartung ist unerlässlich

Wir werden immer älter und kriegen immer länger Rente. Was gut für die Rentengeneration ist, stellt die Finanzierung der Rentenkasse vor große Schwierigkeiten. Das Renteneintrittsalter sollte daher an die Lebenserwartung gekoppelt werden.

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Norwegen tut es bereits, und viele andere europäische Staaten wie Dänemark, die Niederlande oder Italien haben es bereits für die Zukunft beschlossen – die Rede ist von der Koppelung des gesetzlichen Renteneintrittsalters an die Entwicklung der Lebenserwartung. Wie man bereits an den oben genannten Beispielen sehen kann, handelt es sich nicht um neoliberale Paradebeispiele, sondern vielmehr um Staaten, welche der selbsterklärte Sozialist Bernie Sanders als Vorbilder deklariert hat. In Deutschland wird in mancher Debatte aber so getan, als ob man mit einer weiteren Erhöhung des Renteneintrittsalters über 67 Jahre nach 2030 sämtliche sozialen Errungenschaften des Landes wegradieren würde. Dabei handelt es sich –das zeigen die vielen Beispiele (längst nicht alle habe ich genannt) europäischer Staaten – um einen logischen Schritt, gerade für einen sozialen Staat.

Deutschland hat sich bereits in der vergangenen Dekade zu einer mäßigen Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre bis zum Jahr 2030 durchgerungen. Bisher kam es zwar zu keinem Zurückrudern dieser Reform, allerdings ist sie immer noch Teil der Rentendebatte. Mit der Rente mit 63 wurde für eine bestimmte Zielgruppe die Erhöhung gewissermaßen sogar ausgesetzt. Das Thema birgt also immer noch politischen Sprengstoff. Der größte Vorwurf war immer, bei der Rente mit 67 handele es sich in Wahrheit um eine verdeckte Rentenkürzung. Der neutrale Betrachter kann da nur fragen: Wieso verdeckt? Natürlich ist es eine Rentenkürzung, denn wenn ich nun mit dem gleichen Alter (bspw. mit 65 Jahren) wie vor der Reform in Rente gehen möchte, muss ich Abschläge meiner monatlichen Rente in Kauf nehmen – 0,3 Prozent pro vorgezogenen Monat. Allerdings ist dies etwas zu kurz gerechnet, denn die Erhöhung des Renteneintrittsalters erfolgt ja nicht bei konstanter Lebenserwartung, sondern vollzieht sozusagen die Entwicklung der Lebenserwartung der letzten Dekaden nach. Gemäß den Generationensterbetafeln des Statistischen Bundesamtes hatte der (männliche) Geburtsjahrgang 1926 im Alter von 65 Jahren eine Restlebenserwartung von 16,2 Jahren.[1] Der Jahrgang 1946, der letzte Jahrgang der regulär mit 65 Jahren in Rente gehen darf, hat bei Renteneintritt eine Restlebenserwartung von bereits 18,8 Jahren, also mehr als 2,5 Jahre mehr als sein 20 Jahre älteres Pendant. Im Jahr 2031 wird nun bei aktueller Gesetzeslage in der Regel der Jahrgang 1964 mit 67 Jahren in den Ruhestand wechseln – und erfreut sich dabei immer noch einer Restlebenserwartung von 18,9 Jahren. Er hat also etwa die gleiche Rentenbezugsdauer wie der Jahrgang 1946 – die Rente mit 67 macht also nichts anderes als dass sie den Gewinn an Lebenserwartung einstreicht. Würden wir dies nicht tun, käme es jedes Jahr mit einem Zugewinn an Lebenserwartung zu einer versteckten Rentenerhöhung – mehr Monate in Rente bedeuten in Summe auch höhere Rentenzahlungen. Es ist also eine Frage der Semantik, ob die Rente mit 67 wirklich eine Kürzung darstellt – geboten ist sie volkwirtschaftlich aufgrund des demographischen Wandels allemal.

Akzeptiert man diese Logik – und weiß, dass wir nicht nur immer länger, sondern auch immer gesünder altern – gibt es keinen Grund mit der Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters aufzuhören. Und damit nicht jede Politikergeneration aufs Neue die gleichen Kämpfe schlagen muss, erscheint die Methode der anderen Staaten – eine Koppelung an die Entwicklung der Lebenserwartung – ein sehr eleganter Weg. Dabei stellt immer noch der Gesetzgeber die Weichen, in dem er bspw. vorgibt, welcher Anteil des Zugewinns an Lebenserwartung in die Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters einfließt. Oftmals wird dabei von der Faustformel 2:1 Arbeit zu Rente ausgegangen, wobei dies ganz klar ein politisches Werturteil darstellt und genauso gut 1:0 lauten könnte (besser nicht 0:1).Gerechtigkeitsformel

Unterstellt man die Zahlen der Generationensterbetafeln des Statistischen Bundesamtes und eben ein Verhältnis, dass ein Jahr Zugewinn an Lebenserwartung 8 Monate länger arbeiten und 4 Monate längere Rentenbezüge bedeutet (2:1), dann würde dies dazu führen, dass bspw. der Jahrgang 1982 erst mit 68 Jahren in den Ruhestand eintreten dürfte – mit einer wahrscheinlichen Rentenbezugsdauer/Restlebenserwartung von 19,6 Jahren. Er müsste also ein Jahr länger arbeiten als sein 1964 geborenes statistisches Pendant, aber kann wahrscheinlich auch mehr als ein halbes Jahr länger die Rente genießen. Der Jahrgang 2002, also 20 Jahre später, müsste wiederum noch ein Jahr länger arbeiten und mit 69 in den Ruhestand gehen – bekommt die Rente allerdings dann auch für durchschnittlich 20,3 Jahre.[2]

Eine solche Reform würde den Anspruch der nachhaltigen Finanzierung des gesetzlichen Rentensystems deutlich unterstreichen und wäre, wenn man sich die Zeiträume von bspw. 20 Jahren für eine Erhöhung um ein Jahr ansieht, sehr moderat und keineswegs radikal. Natürlich gibt es Jobs, welche bereits heute kaum mit 65 Jahren auszuüben und sich auch bei besserer Gesundheit nur schwer mit 69 Jahren vorzustellen sind. Die Antwort darauf ist aber kein Einfrieren des gesetzlichen Renteneintrittsalters oder teure Ausnahmeregelungen wie die Rente mit 63 für große Gruppen, sondern vielmehr eine Flexibilisierung des Renteneintritts (bspw. ab 60 Jahren, auch hier können die Skandinavier als Vorbild dienen) und gleichzeitigen branchenspezifischen Lösungen. So könnten Arbeitgeber, Betriebsräte und Gewerkschaften spezifische Umschulungsprogramme und/oder betriebliche Altersvorsorge aushandeln, welchem dem Problem vielmehr gerecht werden als ein „One size fits all“. Und da wir heute noch gar nicht wissen, welche Jobs der Jahrgang 2002 (die heute 14-jährigen) haben wird – Stichwort Digitalisierung – erscheinen solche flexiblen Lösungen sowieso das Gebot der Stunde.

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[1] Zur Vereinfachung beziehen sich im Fortlaufenden alle Zahlen auf Männer, bei Frauen gilt der Trend mit leichter Abweichung jedoch analog. Vgl. die Variante 2 der Generationensterbetafeln, Destatis (2011), Generationensterbetafeln für Deutschland, Wiesbaden.

[2] Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass bei einem Jahr höheren gesetzlichen Renteneintrittsalter die Restlebenserwartung der Männer mehr als ein halbes Jahr steigt, was der Faustformel 2:1 eigentlich widerspricht. Der Grund hierfür ist die höhere Dynamik der männlichen Lebenserwartung im Vergleich zu den Frauen und dass es in diesen Jahrgängen mehr Frauen gibt, welche dann wiederum die Entwicklung des gesetzlichen Renteneintrittsalter dominieren.

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  • Autor

    Prof. Dr. Christian Hagist

    ist Inhaber des Lehrstuhls Generationenübergreifende Wirtschaftspolitik an der Otto Beisheim School of Management Vallendar.

    Alle Beiträge

  • Kammerjäger

    Falsch.

    Richtig wäre es, wenn nur Menschen Leistungen aus der Rentenkasse beziehen, die auch eingezahlt haben. Und Einzahlen tut man nicht, in dem man die Renten seiner Eltern bezahlt (was im übrigen alle tun sollten), sondern nur in dem man Kinder großzieht, die später die eigene Rente zahlen.

    Das Problem der Rentenkasse sind die Unmengen an Trittbrettfahrern, die als Kinderlose Leistungen aus der Rentenkasse beziehen werden, oder jemals echte Einzahlungen gemacht zu haben.

  • Welche Lebenserwartung nimmt man denn? Wahrscheinlich ist es die Durchschnittliche. Das heißt diejenigen die einen körperlich anstrengenden Beruf haben und wenig verdienen verlieren doppelt. Sie müssten länger arbeiten und können es nicht. D.h. sie bekommen eine reale Rentenkürzung. Statistisch gesehen leben sie auch noch kürzer. Das entspricht ebenfalls einer Rentenkürzung.
    Es ist eine rein politisch / gesellschaftliche Entscheidung wann wir Menschen in den Ruhestand gehen lassen wollen. Eine ökonomische ist es sicher nicht. Unsere Wirtschaft wächst im Moment um 1-2%. Es sind nicht alle Menschen im Erwerbstätigenalter auch erwerbstätig oder arbeiten Vollzeit. D.h. es gibt keine Notwendigkeit mehr zu arbeiten. Wer nun fordert, dass man aus ökomomischen Gründen länger arbeiten soll, muss erklären warum.
    In meinen Augen wird diese Notwendigkeit herbeifantasiert, um der Verteilungsproblematik aus dem Weg zu gehen. Wir haben mehr als genug zu verteilen. Wir holen es uns bloß nicht bei denen die viel zu viel haben, was der Erbschaftssteuerwitz aktuell deutlich zeigt. Stattdessen erklären wir denen die wenig haben, dass sie zu gierig sind. Das wird dann von einem Stiftungsprofessor begründet. Man schlägt nicht die Hand die einen füttert.
    Wie objektiv ist wohl ein Forscher der vom Verband der Familienunternehmer gefördert wird?

  • steinweg

    Wer sich mit BWL befasst stösst auf die “Renten-Berechnung”. Renten müssen nämlich erwirtschaftet werden. Das Geld für die Pensionen der Beamten holt sich der Staat Ihrem Text entsprechend. Das hat als Grundlage den Ukas.

  • Da bin ich ganz bei dir. Die Rente muss erwirtschaftet werden. Ich sehe das aber relativ pragmatisch. Am Ende ist die Rente ein Einkommen von vielen. Wir haben ein volkswirtschaftliches Ergebnis X am Ende des Jahres und können es verteilen. Wie es verteilt wird, ist eine gesellschaftspolitische Frage.
    Das X wächst jedes Jahr. Warum soll es nicht möglich sein die Rente zu finanzieren? Vor allem ist die Rente nur ein Teil den die Erwerbstätigen finanzieren müssen. Arbeitslose und Kinder müssen ebenfalls finanziert werden. Eine Gruppe herauszunehmen ist unseriös. Wenn ein Arbeitsloser zum Rentner wird, ändert sich so viel? Wahrscheinlich nicht. Wenn man nur auf den Rentner schaut, dann kann man ein Drama daraus machen.

    Im Moment
    haben wir ein System wo die Eigentümer von Kapital relativ viel vom
    Kuchen X abbekommen. Ob das gerecht ist oder nicht, sei dahingestellt.
    Fakt ist, dass es eine gesellschaftspolitische Entscheidung war, es so
    zu machen. Der Rechtsrahmen zeigt dies. Somit kann man diese
    Verteilungsarchitektur auch ändern.
    Ob die Welt danach besser oder schlechter ist, weiß niemand. Fakt ist, dass es im Prinzip änderbar ist. Es ist kein Naturgesetz, dass jemand der Kapital hat, ein Anrecht besitzt Zinsen, Kapitaleinkünfte, etc. zu beziehen. Vor allem, weil er nicht das volle Risiko trägt, sondern immer nur ein Teil. Wenn Beispielsweise ein Atomkraftwerk explodiert werden die Aktionäre von Vattenfall sicher nicht alle Kosten tragen. Ein Großteil wird die Allgemeinheit schultern. Allein aus diesem Grund finde ich das System fragwürdig und denke es sollte geändert werden.

  • steinweg

    Als Jakob bei Laban war, auf Rahel wartend, kam er zu Wohlstand. Der Wohlstand kam aus den Schafen, die er nicht ass.

  • Das er die Schafe sein Eigentum nennen kann, ist ein gesellschaftlicher Konsens. Selbst wenn ein Schaf mein Eigentum ist, warum sind die Nachkommen auch mein Eigentum? Das ist rechtlich geregelt und eben kein Naturgesetz. Damit ist es änderbar.
    Ich sage nicht das Eigentum nicht sinnvoll ist. Aus Eigentum Einkommen zu schaffen ohne etwas dafür zu tun ist eine privatwirtschaftliche Umverteilung. Wenn jemand relativ reich ist, dann hat er /sie einen oder mehrer Vermögensverwalter. Diese sorgen für genug Rendite das die Person davon leben kann. Die einzige Leistung der Person besteht darin, dass sie eine Eigentumsurkunde besitzt. Die Erlöse werden von jemand anders erwirtschaftet.
    Diese Einkommen sind leistungslos. Im Gegensatz zur Rente oder Sozialhilfe würde man Menschen die diese Einkommen beziehen als Leistungsträger der Gesellschaft bezeichnen.

    Worauf ich hinaus will ist, in unserer Gesellschaft werden immer alle Güter irgendwie umverteilt. Das geschieht teilweise durch den Staat, teilweise durch unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Beide kann man ändern. Wie gesagt, ob eine Änderung notwendig ist und ob sie Besserung verspricht muss man diskutieren. Stattdessen geht es sofort um eine Neiddebatte, alt gegen jung, etc.

    Dabei muss die Frage lauten wie soll eine Verteilung des Wohlstands in unserer Gesellschaft aussehen und wie kann man sie erreichen.

  • steinweg

    Natürlich haben Sie recht. Der Prozess zu Gunsten der Kapitalhalter ist desaströs. Das anstehende Purgatorium sollte man bei Namen nennen, dann erschrickt man allerdings selber.

  • Kammerjäger

    Hier liegt ja genau das Problem, das man mit BWL Methoden glaubt, VWL Zusammenhänge betrachten zu können. Das führt zwangsweise zu falschen Schlüssen, weil sich de BWL mit offenen Systemen beschäftigt, und der Gegenstand der VWL geschlossene Systeme sind, in denen völlig andere Gesetze gelten als in offenen Systemen.

  • steinweg

    Und was entspricht dann dem Rentenbarwert ?

  • Kammerjäger

    Im Jahr 2034 wird man in Deutschland genau so viel konsumieren können, wie im Jahr 2034 produziert wird, minus dem Exportüberschuss. Das ist völlig unabhängig davon, ob wie ein umlagenbasiertes Rentensystem haben, irgendeine selbstfinanziertes Altersversorgung organisiert haben, oder überhaupt keine finanzielle Altersvorsorge betreiben. Davon, dass irgendjemand Geld spart oder nicht, oder wie hoch irgendwelche Rentenbarwerte von irgendwelchem Kapital sind, wird keine Produktion auf der Zeitachse von heute auf die Zukunft oder zurück verlagert. Das eine reine BWL-Illusion, das man auf diese Art Konsum in die Zukunft verschieben könnte, weil ein Einzlener das machen kann (Externaliserung in das offene), aber niemals Alle (geschlossenes System).

    Aus gleichem Grund: Wer heute spart, kann das auch nur tun, wenn sich jemand anderes verschuldet, weil die Summe aus beiden immer 0 ist (auch das ist der BWL nicht bewusst). Wer sagt, was “wir” mehr sparen müssen, muss auch immer sagen wer “die” sind, die sich dafür mehr verschulden sollen.

    Die BWL ist im Kern die Wissenschaft davon, wie ich reale Kosten externalisieren kann. In der VWL ist das nicht möglich, deshalb scheitert die Sichtweise der BWL stets bei volkswirtschaftlichen Fragestellungen.

    Wenn man die Situation der Renten verbessern will, muss man den Exportüberschuss reduzieren, weil dadurch der Kuchen, den man verteilen kann, größer wird.

  • “Wenn man die Situation der Renten verbessern will, muss man den
    Exportüberschuss reduzieren, weil dadurch der Kuchen, den man verteilen
    kann, größer wird.”
    Das wird nicht reichen. Man müsste generell über die Verteilung des Kuchens sprechen. Wenn die reduzierten Exportüberschüssen nicht zu Löhnen und damit Renten werden, dann hat man nichts gewonnen. Aber generell stimmt die Aussage. Wir diskutieren über Rentensysteme und müsste über die Verteilung unserer Wirtschaftstleitung reden.
    Es ist absurd anzunehmen wir müssten mehr Arbeiten, wenn das Arbeitsvolumen, trotz steigender Erwerbstätigenzahlen, seit Anfang der 1990er stagniert.

  • Erz815

    Laban und Jakob hatten ein offenes System. Es gab genug Land und genug Gras. Heute ist schon alles verteilt. Viele Innovationen sind nur eine geschickte Umverteilung von Einkünften. Selten, daß wirklich echt ein Mehrwert für alle entsteht.