Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

2 Bildung

Das deutsche Schulsystem braucht Wettbewerb

Damit alle Menschen die Möglichkeit und Fähigkeit erhalten, sich produktiv in unsere Gesellschaft einzubringen, müssen wir unser Schulsystem anders gestalten. Denn unter den derzeitigen Rahmenbedingungen gelingt es nicht, allen Kindern und Jugendlichen die besten Chancen zu geben, ihre Potenziale voll zu entwickeln.
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Wir können es uns nicht leisten zu ignorieren, welche immense Bedeutung die Bildung der Bevölkerung für ihren wirtschaftlichen Wohlstand hat. Eine solche Ignoranz würde den Wohlstand zukünftiger Generationen gefährden – mit weitreichenden Folgen für Armut, soziale Ausgrenzung und finanzielle Nachhaltigkeit der sozialen Sicherungssysteme. Deshalb ist die Frage eines wettbewerblichen Rahmens für das deutsche Schulsystem kein ideologisches Gedankenspiel, sondern von fundamentaler Bedeutung für unseren zukünftigen Wohlstand und den unserer Kinder.

Wettbewerb unter Schulen? Eine Seltenheit!

In unserem Bildungssystem gibt es unter den Schulen kaum fruchtbaren Wettbewerb darum, wie die Kinder und Jugendlichen ihre Kompetenzen bestmöglich entwickeln können. Allzu viel wird staatlich verordnet, ohne Orientierung an den tatsächlichen Ergebnissen.

Doch wie ließe sich mehr Wettbewerb erreichen? Dazu bedarf es eines Schulsystems, in dem sich der Staat auf die Rahmensetzung konzentriert. Er gibt die zu erreichenden Bildungsziele vor, überprüft ihr Erreichen mit vergleichbaren Zwischen- und Abschlussprüfungen in allen Schulen, übernimmt die grundsätzliche Schulaufsicht und stattet alle Schulen mit einer angemessen Finanzierung aus. Dazu setzt er einen rechtlichen Rahmen, in welchem die Eltern unter den Schulen wählen können, der die Schulen selbständig über Personal und Tagesgeschäft entscheiden lässt, und der alle Schulen unabhängig von ihrer staatlichen oder freien Trägerschaft entsprechend ihrer Schülerzahl gleich finanziert. Dabei dürfen die mit größeren Freiheiten ausgestatteten Schulen keine privaten Schulbeiträge annehmen und sich ihre Schülerschaft auch nicht herauspicken. Im Rahmen eines transparenten föderalen Systems treten die Bundesländer in einen Wettbewerb um die beste Bildungspolitik. Konkret hätte ein solcher Wettbewerbsrahmen für das deutsche Schulsystem die folgenden fünf Elemente:

  1. Vergleichbare Zwischen- und Abschlussprüfungen
  2. Wahlfreiheit zwischen und Selbständigkeit für öffentliche Schulen
  3. Wettbewerb durch Schulen in freier Trägerschaft
  4. Verringerte Gliederung des Schulsystems
  5. Wettbewerb der Bundesländer um die beste Politik

Leistungsorientierung und deutschlandweites Kernabitur

Bei der Frage nach Kontrolle oder Eigenständigkeit von Schulen geht es also nicht um ein Entweder-oder, sondern um beides: klare Leistungsorientierung durch externe Prüfungen und ein deutschlandweites Gemeinsames Kernabitur kombiniert mit stärkerer Autonomie für die Schulen und mehr Schulen in freier Trägerschaft. Schulische Selbständigkeit und externe Prüfungen gehören zusammen: Eine erfolgreiche Bildungspolitik legt Standards extern fest und überprüft sie extern, überlässt es aber den Schulen selbst, wie sie diese am besten erreichen können. Wenn die Eltern sich dann die beste Alternative für ihre Kinder aussuchen können, führt dies zu einem Wettbewerb der Schulen um die besten Konzepte und letztlich zu einem höheren Leistungsniveau – gerade auch für benachteiligte Kinder, die im jetzigen System keine Alternativen haben.

Wohlstandsgewinn von 28 Billionen Euro möglich

Wie groß könnte der Leistungszuwachs in einem solchen System sein, und wieviel an zusätzlichem wirtschaftlichem Wohlstand würde das langfristig bedeuten? Eine solche Frage ist natürlich nur sehr grob und mit vielen Unwägbarkeiten zu beantworten. Studien legen zum Beispiel nahe, dass jeder der folgenden Reformbestandteile mit einer Verbesserung der Bildungsleistungen in einer Größenordnung von mindestens 20 PISA-Punkten einhergeht:

– die Einführung externer Abschlussprüfungen

– die Ausweitung der Schulautonomie auf alle Schulen

– eine Ausweitung des Anteils von Schulen in freier Trägerschaft vom deutschen auf das niederländische Niveau

– und in den schwächsten Bundesländern die ursprüngliche Einführung der Transparenz der PISA-Ergebnisse der Bundesländer.

Wenn die Reformen das Niveau der Schülerleistungen in Deutschland insgesamt um etwa 50 Punkte anheben und damit in die PISA-Spitzengruppe bringen würden, dann könnte der langfristig zu erwartende Wohlstandsgewinn für die deutsche Volkswirtschaft sich in einer Größenordnung von 28 Billionen Euro bewegen.

Gute Bildung zahlt sich aus – für jeden Einzelnen

Trotz gut laufender Konjunktur beträgt die Arbeitslosigkeit in Deutschland bei Personen ohne Berufsbildungsabschluss rund 20 Prozent, bei solchen mit abgeschlossener Lehre rund 5 Prozent und bei Personen mit Hochschulabschluss 2,6 Prozent. In der modernen Wirtschaft ist weitverbreitete Arbeitslosigkeit vor allem ein Phänomen unter den Geringqualifizierten, sodass eine gute Bildung die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist. Auch unter denen, die eine Beschäftigung haben, führt bessere Bildung zu höherem Erfolg am Arbeitsmarkt. Im Durchschnitt geht jedes zusätzliche Jahr, das für einen Bildungsabschluss benötigt wird, am deutschen Arbeitsmarkt mit knapp 10 Prozent höheren Einkommen einher.

Gute und langfristige Bildungspolitik ist die beste Wirtschaftspolitik

Die empirische Forschung hat wiederholt gezeigt, dass es nicht in erster Linie darauf ankommt, mehr Ressourcen ins Schulsystem zu stecken. Weder im internationalen Vergleich noch innerhalb von Ländern gehen höhere Ausgaben, kleinere Schulklassen oder bessere Computerausstattung systematisch mit besseren Leistungen der Schüler in Lesen, Mathematik oder Naturwissenschaften einher. Aber gerade auf das Erlernte kommt es ja für den späteren Wohlstand an. Für die erlernten Kompetenzen spielt besonders der Ordnungsrahmen des Bildungssystems eine große Rolle. Denn die institutionellen Rahmenbedingungen bestimmen die Anreize, ob es sich für alle Beteiligten lohnt, sich für bessere Ergebnisse anzustrengen. Damit es in einem Schulsystem zu erfolgreicher Vermittlung von Kompetenzen kommt, müssen Schüler zum Lernen und Lehrer zum Lehren motiviert sein. Eines ist klar: Bei der wirtschaftlichen Bedeutung der Ausgestaltung des Schulsystems geht es nicht um Kleinigkeiten. Hinzu kommt die große Bedeutung besserer Bildungsleistungen für die Befähigung zu selbstverantwortlichem Handeln und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die bildungsökonomische Forschung zeigt, dass gute Bildungspolitik langfristig wohl die beste Wirtschaftspolitik ist: Mit Wissen, Kompetenzen und Fertigkeiten der Menschen wird das Fundament gelegt, das ihren individuellen Wohlstand und den der Gesellschaft insgesamt langfristig trägt.

Dieser Beitrag basiert auf der Studie “Ein wettbewerblicher Entwurf für das deutsche Schulsystem (Download der Studie), die im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt wurde.

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  • Autor

    Prof. Dr. Ludger Wößmann

    ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik am Münchner ifo Institut.

  • Kammerjäger

    “Mehr Wettbewerb” wird auf den Rücken derjenigen ausgetragen, die am wenigsten für die Misere können: Den Kindern. Demnächst habe wir dann Zustände wie in Asien, wo die 8-Jährigen Grundschüler bis Abends 22 Uhr ins Paukerschulen gedrillt werden. Hauptsache besser als die anderen.

    Was hier als “mehr Wettbewerb” verkauft wird ist nur eine Manifestierung
    des Status, das Kinder in ärmeren Bundesländern schlechtere Schulen, weniger Lehrmittel und schlechteres Personal vorgesetzt wird.

    Das deutsche Bildungssystem braucht nicht mehr Wettbewerb, sondern mehr Geld.

  • “Pisa um etwa 50 Punkte anheben…”

    Pisa sagt in meinen Augen wenig aus. Alle Ergebnisse werden wie bei einem Intelligenztest auf 100 gemittelt. Heißt also, wenn sich alle gleich stark verbessern ändert sich nichts. Wenn sich alle verschlechtern und ein Land weniger, dann steigt es auf. Die Abstände zwischen den Ländern liegen häufig innerhalb der Standardabweichung. 1-2 Punkte sind im Grunde statistisches Rauschen. Trotzdem wird darum ein großes Trara gemacht. Im besten Fall kann Pisa einen Trend abbilden. Bildungsqualität kann es nicht messen. Man optimiert am Ende auf die Tests. Es geht darum die Tests in gegebener Zeit zu können. Ist man zu langsam, kann aber die Tests, dann wäre das ein Hinderniss. Vieles wird auch überhaupt nicht getetet. Zusammenarbeit, kritisches Fragen, Kreativität, usw. gibt es nicht. Es ist eben nicht einfach und wahrscheinlich sogar unmöglich Bildung zu messen. Im besten Fall kann man die Aussage machen, dass A besser als B ist. Mehr aber auch nicht.