12 Arbeitsmarkt

Auf Kosten der Schwachen: Über die Wirkung des Mindestlohns

Neulich hat Gerd Maas in diesem Blog beschrieben, weshalb er dem Mindestlohn nichts abgewinnen kann. Die Argumente, die er anführt, wiegen schwer. Ein Mindestlohn ist weder sachgerecht noch fair, überdies greift er in unzulässiger Weise in die Freiheit ein. So überzeugend diese theoretischen Argumente sind, oft verhallen sie ungehört. Stattdessen werden die angeblichen sozialen Vorteile des Mindestlohns angeführt. Doch die scheinbaren Vorteile werden mit umso größeren Nachteilen an anderer Stelle erkauft. Das lässt sich nicht nur theoretisch zeigen. (mehr …)

Kürzlich bin ich auf ein ganz praktisches Beispiel für die Nachteile des Mindestlohns gestoßen. Wir waren verabredet, einen Nachmittag in der Wohnung einer Freundin herumzuwerkeln. Die Arbeit ging gut von der Hand, sodass wir spontan noch den einen oder anderen zusätzlichen Handgriff in Angriff nahmen. Unversehens war es Abend geworden und unsere Mägen hingen in den sprichwörtlichen Kniekehlen. Wegen des schönen Wetters haben wir den Pizzaservice nicht kommen lassen, sondern das nächstgelegene derartige Etablissement aufgesucht.

Was für eine Entdeckung! Hinter dem etwas seltsamen Namen Pizzatan verbirgt sich bestes Slowfood in Imbissgeschwindigkeit. Eine Caponata Siciliana zum Reinlegen, duftendes hausgemachtes Pesto, und sogar Dinkelpizza, die mehr als genießbar war. Der kleine Laden ist so geschmackvoll eingerichtet, dass man sein Essen viel lieber dort verzehren als mitnehmen möchte.

Inzwischen war es recht spät, wir waren die letzten Gäste und kamen mit der Inhaberin ins Gespräch. Neben dem Geheimnis ihrer Pizza (viel Sauerteig und wenig Hefe) erfuhren wir auch, dass sie beabsichtigt, ihren Laden zu schließen. Der Grund dafür: der Mindestlohn.

Das Konzept der Inhaberin – handwerkliche Küche, hausgemachte Saucen und Nudeln, sehr frische und hochwertige Zutaten – ist weder auf einen großen Umsatz noch auf schnelles Wachstum angelegt. Der Laden wirft nicht genug ab, um Angestellte oder Aushilfen zum Mindestlohn beschäftigen zu können. So bleibt nur die Variante, alles selbst zu schultern, was auf lange Sicht für die Inhaberin keine Perspektive ist.

Statt also Jobs für Geringqualifizierte, Aushilfstätigkeiten oder Gelegenheiten zum Wiedereinstieg ins Arbeitsleben anbieten zu können, wird der Laden vermutlich schließen. Für Arbeitssuchende bedeutet das: das Mindestlohngesetz führt dazu, dass sie statt wenig zu verdienen jedenfalls an dieser Stelle gar nichts verdienen können. Und weil die Hoffnung auf eine besser bezahlte Tätigkeit wohl nur für die wenigsten von ihnen in Erfüllung gehen dürfte, steht die Mehrheit von ihnen mit dem Mindestlohn schlechter da als ohne.

Um die Küche des kleinen Pizzaladens ist es schade. Ein vergleichbares Pesto ist schwer zu finden, und wo gibt es sonst Thunfischpizza mit Balsamico-Zwiebeln? Doch wenn tatsächlich ein Gutteil meiner Lebenszufriedenheit von diesen Produkten abhinge, dann bliebe mir immer noch die Alternative, sie selbst herzustellen. Das mag einige ungenießbare Versuche erfordern oder weniger bequem sein. Verglichen mit der Herausforderung, ohne einen Job auszukommen beziehungsweise sich selbst einen schaffen zu müssen – zumal dann, wenn man gering qualifiziert ist, oder chronisch krank, oder aus anderen Gründen nur eingeschränkt arbeiten will oder kann – ist das ein Kinderspiel.

Doch genau diese Situation, ohne Job auskommen zu müssen, sofern man nicht zufällig ein besonderes Talent dafür hat, sich einen Job zu „backen“, erzeugt der Mindestlohn. Es gibt weniger Jobs, und zwar ausgerechnet von denen Jobs, die bislang insbesondere jenen offenstanden, die nicht zu den besonders Gefragten am Arbeitsmarkt zählen. Im Klartext bedeutet das, dass der Mindestlohn einige Stärkere (das sind die, die nun etwas mehr verdienen) auf Kosten vieler Schwächerer (das sind alle, die nun keinen Job mehr haben beziehungsweise finden) besser stellt. Man kann das kurz und knapp unsozial nennen. Obendrein zu behaupten, dass der Mindestlohn im Interesse der nun dauerhaft Arbeits- und Perspektivlosen ist, ist aber nicht nur falsch und unsozial, es ist perfide.

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  • Autor

    Dr. Dagmar Schulze Heuling

    ist Politikwissenschaftlerin. Sie forscht und lehrt an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

  • Sehr viele Worte für folgende Erkenntnisse:
    – Der Pizzaladen hat kein Geschäftsmodell
    – Wer gering qualifiziert oder krank ist verdient keine 8,50 €
    Wow.

  • Hardy

    Wenn der Pizzaladen wirklich so gut ist, wie es die Autorin hier genußvoll beschreibt (mir läuft beim Lesen das Wasser im Mund zusammen), dann könnte er auch die Preise erhöhen und vom Mehrerlös den Angestellten den Mindestlohn (oder mehr!) zahlen.

    Der Mindestlohn führt zu einem Monatseinkommen, das nur sehr, sehr knapp über der Hartz-IV-Grenze liegt. Er ist nicht zu hoch, sondern eher zu niedrig. Er ist ein “Minimum”. Deswegen heißt er auch MINDEST-Lohn. Und nicht: Normallohn.

  • Ach so ein Unsinn! Höhere Preise…Dagmar schreibt für die INSM. Die will niedrige Preise für sich und was mit den anderen Leuten ist: fuck off! Denn solange sie auf der Sonnenseite ist, ist das der Markt und der ist schließlich Gott.

  • Haben sie ihren Doktor in einer Verlosung gewonnen? Wie man wissenschaftlich arbeitet repräsentieren sie hier auf keinen Fall. Ich war gerade in Seattle. Der Mindestlohn lag über 15 Dollar pro Stunde. Der gesetzliche Mindestlohn der USA liegt irgendwo bei 7.5 Dollar. Seattle ist eine sehr wohlhabende Stadt, mit viele kleinen Restaurants. Offensichtlich ist der Lohn ein kleiner Punkt von vielen. Sie machen Werbung dafür, dass die arme Betreiberin, weil sie eine Unternehmerin ist, das Recht hat andere Auszubeuten. Das ist ihre Forderung, wenn sie jammern, dass niemand aufgrund der Kosten eingestellt werden kann. Nur ist das, dass Problem der Unternehmerin. Wenn sie unter den Rahmenbedingungen nicht wirtschaftlich arbeiten kann, dann hat sie Pech. Man kann auch nicht sagen, Umweltgesetze sind doof, weil zu teuer.

  • steinweg

    Neben dem Klagen zum Mindestlohn hätte sich ein Klagen zu den Miet-Kosten und den Energie-Kosten angeboten. Man kann dem Pizza-Laden zu einem sizilianischen Consigliore raten. Ein Mädel von der Uni überblickt das nicht.

  • Hubert Daubmeier

    Wer keine Argumente hat greift zur Beleidigung. Muss nicht sein

  • Hubert Daubmeier

    Die Beleidigung muss absolut nicht sein

  • Es muss sein. Ich bin Wissenschaftler. Was die Ökonomen verbreiten ist Meinung und sollte als solche gekennzeichnet sein. Sie ist gegen den Mindestlohn und erzählt eine Geschichte. So etwas gehört nicht unterhalb ihres Doktortitels auf einem Ökonomenblog publiziert. Jeder der wenig Ahnung hat denkt, dass so seriöse Wissenschaft aussieht. Nur, wenn ich Gesellschaftspolitik analysiere werde ich immer Verlierer und Gewinner finden. Als Wissenschaftlterin sollte sie beide Seiten objektiv analysieren und darstellen. Das wird nicht gemacht. Das halte ich für gefährlich, weil diejenigen die sauber arbeiten und publizieren dank solcher Meinungsartikel in Veruf geraten.

  • Hubert Daubmeier

    Da steht an unzähligen Stellen “Blog”. Was soll da noch groß gekennzeichnet werden? Ein Blog ist eine Meinung. Keine wissenschaftliche Abhandlung. Und schon gar kein Grund für persönliche Beleidigung.

  • Axel Sänger

    Es gibt eine absolute Untergrenze des Lohns, wenn die Kosten staatlicher Transferleistungen berücksichtigt werden. Außerdem füllen sich Rentenkassen nur schwerlich von nichts.Der Arbeitsmarkt alter Prägung ist ohne Weltkriege – auf die wir alle lieber verzichten – ein Auslaufmodell. Außerdem gibt kein Zurück hinter die vorgestellten Schranken der Moderne. Akzeptieren wir lieber, dass der “kapitalistische” Marktgedanke einige Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Sowjetsozialismus auch seinen Zenit endgültig überschritten hat. Beides waren nur unterschiedliche Verteilsysteme des Marx’schen “Mehrwerts”. Dass die Industrielle Revolution nicht ewig andauern kann, sollte der menschlichen Vernunft nicht verschlossen bleiben, wenn die Vernunft – wie bei Kant- nicht als ein Begriff angesehen wird, dessen Bedeutung im breiten gesellschaftlichen Einvernehmen erkannt werden muss. Nein, Kant hat die Vernunft als ein Prinzip gesetzt, das davon, und also von jeder Erkenntnis unabhängig ist. Herr Kant hat sich damit wohl einer speziellen Begünstigung der Industriellen Revolution “schuldig” gemacht. War er etwa bestechlich, oder warum will das heute alles pardu nicht mehr so funktionieren, wie er es sich gedacht hat?

  • steinweg

    Die Kneipen-Szene mit ihren Sonderheiten ist nun wirklich kein Bereich, der für wirtschaftliche Betrachtungen dieser Art passt.

  • “Haben sie ihren Doktor in einer Verlosung gewonnen?”
    Ist keine Beleidigung, sondern eine Frage. Die muss ich mir genau dann gefallen lassen, wenn ich folgende durch Behauptungen aufstelle

    “Doch die scheinbaren Vorteile werden mit umso größeren Nachteilen an
    anderer Stelle erkauft. Das lässt sich nicht nur theoretisch zeigen.”

    Aktuelle wissenschaftliche Forschungen zeigen eben keinen negatven Effekt. Der Sachverständigenrat musste zurückrudern und kleinlaut irgendwelche Sekundäreffekte hinzuinterpretieren, damit er den Stellenzuwachs erklären konnte. Diese Effekte waren bei der Prognose im Vorfeld bekannt.

    Wenn ich meinen Doktortitel, den Nachweis, dass ich wissenschaftliche Arbeiten und publizieren kann, bei einer öffentlichen Publikation welcher Art auch immer zeige, dann sollten die Thesen die ich publiziere gewissen Standards unterliegen.
    Wie will man sonst die wissenschaftliche Erkenntnis, welche durch den Titel sugerriert wird (ja auch auf einem Blog), und die Meinung der Autorin unterscheiden?