Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung kann auf die Dauer nur dann bestehen, wenn und solange auch im sozialen Leben der Nation ein Höchstmass an Freiheit an privater Initiative und Selbstvorsorge gewährleistet ist. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

5 4 Fragen an...

Otmar Issing: “Deutschland zehrt immer noch von der Schröderschen Agenda 2010”

Die Botschafter der INSM verbreiten mit ihrem ehrenamtlichen Engagement die Botschaft der Sozialen Marktwirtschaft. In der Serie “Vier Fragen an…” beantworten die Botschafter Fragen rund um die Marktwirtschaft. In diesem Post: Otmar Issing. (mehr …)

INSM_Botschafter-Kacheln_Teaser_4

1) Herr Issing, warum setzen Sie sich für die Soziale Marktwirtschaft ein?

Die Soziale Marktwirtschaft hat sich als Erfolgsmodell erwiesen. Soweit die Politik diesem Kozept gefolgt ist, hat sie den Deutschen Wohlstand, sozialen Frieden und gesellschaftliche Stabilität gebracht. Das kann man den Bürgern nicht oft genug vor Augen halten. Nach der Wiedervereinigung ist diese Aufgabe noch dringlicher geworden. Schließlich haben unsere Landsleute im Osten die erfolgreichsten Jahre nicht selbst direkt miterleben können.

2) In welcher Verfassung befindet sich aktuell die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland?

Problematisch ist vor allem die Richtung, die die Wirtschaftspolitik seit einigen Jahren eingeschlagen hat. Deutschland zehrt immer noch von der Schröderschen Agenda 2010. Ihre Umsetzung hat den Arbeitsmarkt flexibler gemacht, ein wesentlich Grund für die niedrige Arbeitslosigkeit. Mit einer völlig fehlgeleiteten Renten“Reform“, einer gesamtwirtschaftlich verheerenden Energiepolitik und dem flächendeckenden Mindestlohn wurde ein Weg eingeschlagen, den der Sachverständigenrat zu Recht als rückwärtsgerichtete Wirtschaftspolitik charakterisiert hat. Zu allem Überfluss werden diese Maßnahmen auch noch als Ausdruck der Sozialen Marktwirtschaft „verkauft“. Selbst Vertreter der extremen Linken bekennen sich als Anhänger, ohne dass dies als Ironie verstanden wird. Der Niedergang ordnungspolitischen Denkens in Deutschland könnte nicht deutlicher dokumentiert werden.

INSM Botschafter-Kacheln Ottmar Issing
3) Wenn Sie den Ordnungsrahmen der Sozialen Marktwirtschaft ändern könnten: Was würden Sie konkret tun?

Nicht Änderung ist vordringlich, sonder Vermittlung des Kerns der Botschaft. Es gilt zuerst und vor allem, die totale begriffliche und inhaltliche Verwirrung zu bekämpfen. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Dazu gehört auch, die jungen Leute in moderner Weise anzusprechen.

4) Welche drei Bücher über die Soziale Marktwirtschaft empfehlen Sie?

Es lohnt sich noch immer, in die Veröffentlichungen Ludwig Erhards hineinzusehen.
Hier sind zwei Sammelbände mit zahlreichen interessanten Beiträgen:

Alle Beiträge “4 Fragen an…” lesen

Keinen Ökonomen-Blog-Post mehr verpassen? Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter, abonnieren Sie unseren RSS-Feed oder unseren Newsletter.

  • Autor

    Prof. Dr. Otmar Issing

    ist Präsident des Center for Financial Studies und ehemaliger Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB). Außerdem ist er Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).

    Alle Beiträge

  • Eine interessante Interpretation des Begriffs sozial. Arbeitnehmerrechte wurden abgebaut.
    “Umsetzung hat den Arbeitsmarkt flexibler gemacht”
    Versucht man dann etwas zu ändern, dann wird das als Rückschritt interpretiert.
    “flächendeckenden Mindestlohn wurde ein Weg eingeschlagen, den der
    Sachverständigenrat zu Recht als rückwärtsgerichtete Wirtschaftspolitik
    charakterisiert hat.”
    Soviel zur sozialen Marktwirtschaft. Was ist denn bitte ein Rückschritt an einem Mindestlohn. Vor allem hatte der Sachverständigenrat keine wirklichen Argumente, wie eines der Mitglieder Bosbach im Gegengutachten darstellt.

  • hartz99

    Ja mit Hartz 4 wurde die Lohnarbei entwertet Leih und Zeitarbeit und Prekäre Beschäftigungs Formen, unsichere Einkommen Situationen, Verschuldung und Suiziden,Essens Tafel gegründet, Menschen sammeln Pfand, und Containern Essbares aus dem Mülleimer,kleinere Besitzer haben ihre Geschäfte geschlossen, Ladensterben, die Hartz 4 Agenda war ein Anschlag auf alle Lohnabhängige Menschen, und viele KMU.

  • Matthias

    Herr Issing meint genau Leute wie Sie, wenn er Sachen sagt wie “Zu allem Überfluss werden diese Maßnahmen auch noch als Ausdruck der Sozialen Marktwirtschaft „verkauft“.” oder “Es gilt zuerst und vor allem, die totale begriffliche und inhaltliche Verwirrung zu bekämpfen.”.
    Soziale Marktwirtschaft heißt und hieß schon immer Ordnungspolitik nach der Freiburger Schule. Bitte ersteinmal eingehend mit der einschlägigen, wissenschaftlichen Literatur beschäftigen, bevor man lospalavert.
    Nichts ist sozial daran, freiwillig agierenden Arbeitnehmern und Arbeitgebern die Lohnfindung durch Preisuntergrenzen (Mindestlohn) wilkürlich zu diktieren.

  • “Nichts ist sozial daran, freiwillig agierenden Arbeitnehmern und
    Arbeitgebern die Lohnfindung durch Preisuntergrenzen (Mindestlohn)
    wilkürlich zu diktieren.”
    Nach dieser Logik ist jedes Gesetz was irgendeinen Arbeitschutz generiert unsozial. Man hätte ja die freie Wahl. Ein schönes Modell, leider passt die Wirklichkeit nicht. Der Mindestlohn ist nicht perfekt. Er schadet nicht und lässt die Löhne der unteren Einkommen steigen.

  • Michael Apel

    Auch sie werden noch begreifen, dass der Arbeitsmarkt kein Kartoffelmarkt ist. Aber die Beweise in Portugal, Spanien und Griechenland reichen offenbar noch nicht. Erst zufrieden, wenn auch noch 30% Arbeitslosigkeit in Frankreich und Italien herrscht….Das Deutsche Lohndumping hat nur “funktioniert”, weil wir zufälligerweise in einer Währungsunion waren und die anderen Eurostaaten nieder konkurriert haben. Oder warum sind nicht die anderen 180 Staaten pleite und die Verlierer unseres Wettkampfs der Nationen sitzen merkwürdigerweise NUR in der Eurozone?!