Die moderne Gesellschaft mit marktwirtschaftlicher Ordnung ist ein Positivsummenspiel, was Eigennutzstreben rechtfertigt. Karl Homann, *19. April 1943, deutscher Ökonom

15 FinanzmarktSteuern und Finanzen

Mit Negativzinsen aus der Rezession

Verlauf des Konjunkturzinses und des Zinses für Unternehmenskredite.Die Banken horten das Geld, den Unternehmen fehlen Kredite. ÖkonomenBlog-Autor Ulrich van Suntum weist den Weg aus der Kreditklemme: Die Unternehmenskredite werden an das aktuelle BIP-Wachstum und den langfristigen Realzins gekoppelt. In der Krise erhalten Unternehmen sogar einen Negativzins.

Die aktuelle Krise gibt Anlass darüber nachzudenken, ob keynesianische Ausgabenprogramme in großem Stil wirklich die beste Therapie sind. Die tatsächlichen Multiplikatoreffekte sind mit aktuell geschätzten Werten zwischen 0 und 1,8 viel geringer, als die Theorie erwartet. Das bedeutet, dass mit jedem Euro, den der Staat zusätzlich verausgabt, das Bruttoinlandsprodukt um maximal 1,8 Euro steigt, möglicherweise aber eben auch gar nicht. Gleichzeitig entstehen immense Kosten, die uns noch jahrzehntelang belasten werden.

(mehr …)

Das Kernproblem in der Rezession ist der Teufelskreis aus sinkender Nachfrage, daraus folgenden Pleiten von an sich gesunden Unternehmen und daraus wieder folgenden Nachfrageausfällen. Liquidität ist zwar vorhanden, aber leider nur bei den Banken. Die wiederum parken das Geld bei den Zentralbanken, weil sie Angst haben, Kredite an die Wirtschaft oder auch nur an Ihresgleichen zu geben. Paradoxe Folge: Obwohl die Zentralbankzinsen historisch niedrig sind, bleiben Unternehmenskredite teuer und sind sogar schwerer zu erhalten als in normalen Zeiten. Dies verstärkt die ohnehin vorhandene Investitionszurückhaltung der Unternehmen und damit wiederum die Rezession.
Einige Zentralbanken sind inzwischen bereits dazu übergegangen, direkt Kredite an die private Wirtschaft zu vergeben. Der Ankauf von Unternehmensanleihen an den Kapitalmärkten hilft jedoch gerade dem Mittelstand nur wenig. Was wir brauchen, ist vielmehr ein Programm „Keynesianismus 2.0“, das Elemente der Fiskal- und Geldpolitik miteinander verbindet. Die Idee ist, die Unternehmen von dem Illiquiditätsrisiko wegen unzureichender Gesamtnachfrage zu entlasten, ohne ihnen damit aber das normale unternehmerische Risiko abzunehmen. Dies könnte durch spezielle Konjunkturkredite erfolgen, deren Zinssatz an das Wirtschaftswachstum gekoppelt ist.

Konkret sollte der Zins für diese Unternehmenskredite, den wir Konjunkturzins nennen wollen, der Summe aus dem nominalen BIP-Wachstum des jeweiligen Jahres und dem langfristigen Realzins (3,4%) entsprechen. Im Aufschwungjahr 2006 hätte er durchschnittlich etwa 6,9 % betragen, während der normale Zins für Unternehmenskredite 2006 durchschnittlich 4,7% betrug (siehe Chart). In wirtschaftlichen Schwächezeiten wie etwa 2002/2003 läge der Konjunkturzins dagegen unter den normalen Kreditkonditionen für Unternehmen, so wie es konjunkturell auch sinnvoll ist.

In der aktuellen Krise  würde den kreditnehmenden Unternehmen sogar ein Negativzins von derzeit etwa 2% ausgezahlt werden, statt sie wie derzeit mit 6% und mehr zu belasten. Nimmt beispielsweise ein Unternehmer einen Konjunkturkredit von einer Million € auf, so muss er in einer schweren Rezession erst einmal weder Zins noch Tilgung zahlen. Vielmehr erhält er bei einem Negativzins von 2% am Ende des Jahres sogar noch 20.000 Euro, die er sich entweder bar auszahlen lassen oder als Tilgung anrechnen lassen kann. Erst wenn die Wirtschaft wieder normal wächst, stellt sich bei einer solchen Regel automatisch auch wieder eine normale Verzinsung ein.

Anträge auf entsprechende Konjunkturkredite wären von den Unternehmen an ihre Hausbank zu stellen, die auch das Kreditrisiko zu übernehmen hat.  Auf diese Weise wäre die normale Bonitätsprüfung ihrer Investitionen gewährleistet. Das unternehmerische (Mikro-)Risiko bleibt also voll bei den Unternehmen bzw. den sie finanzierenden Banken. Nur das Makrorisiko, allein wegen der gesamtwirtschaftlichen Krise illiquide zu werden, wird für die Unternehmen verringert. Insbesondere können sie dadurch Investitionen durchführen, die sie sonst wegen der Krise erst einmal aufgeschoben hätten, was wiederum der Konjunktur zugutekommt.

Damit die Banken dabei auch mitziehen, müsste die Zentralbank ihnen eine  entsprechend günstige Refinanzierung für entsprechende Unternehmenskredite anbieten. Wenn die dadurch erzeugte Kreditmarge hoch genug ist, werden die Banken auch wieder bereit sein, Risiken bei der Vergabe von Unternehmenskrediten einzugehen. In der aktuellen Lage wären dazu sogar deutlich negative Zinsen für  entsprechende Zentralbankkredite nötig. Das verringert zwar künftige Zentralbankgewinne und belastet damit indirekt auch die öffentlichen Haushalte. Es ist aber ungleich billiger als schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme, und mit einsetzender wirtschaftlicher Erholung steigt der Konjunkturzins ja automatisch wieder an. Wenn die Kredite für beispielsweise 5 Jahre vergeben werden, kann die Zentralbank somit im Konjunkturaufschwung einen Teil der Kosten wieder hereinholen.

Vor allem aber setzt der Plan bei den Ursachen der Krise an, statt – wie der herkömmliche Keynesianismus  – nur die Symptome zu bekämpfen. Statt dass der Staat künstliche Nachfrage mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen schafft, geht der Aufschwung von den Unternehmen selbst aus, die jetzt weniger Angst vor Illiquidität in der Krise haben müssen. Das ist wesentlich effizienter, als Schulen bunt anzustreichen oder krampfhaft nach anderen öffentlichen Projekten zu suchen, die wenig Nutzen, aber hohe Kosten und Zinslasten mit sich bringen.

  • Autor

    Prof. Dr. Ulrich van Suntum

    ist geschäftsführender Direktor des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Münster (CAVM) und stellvertretender Bundesvorsitzender der Partei Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa).

    Alle Beiträge

  • chriwi
  • Pingback: Grey Newstipps vom 29.7.2009 | Exit Recession()

  • “INSM-ÖkonomBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
    Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum
    und Beschäftigung? Experten geben Antworten – diskutieren Sie mit!”

    Vorweg:
    Ich nehme an einer Mailing-Liste teil, die von Leuten betrieben
    wird, die sich der von Gesell begründeten Freiwirtschaftsschule
    zuordnen. Aus diesem Umfeld ist auch die ursprüngliche
    Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft gegründet worden.
    In der ASM kam es anfänglich zu einer fruchtbaren Zusammen
    zwischen den Ordoliberalen und den Freiwirten. Der ursprüngliche
    Ansatz der ASM wurde schnell zerstört durch zuströmende
    Mitglieder, die Soziale Marktwirtschaft sagten, aber
    Kapitalismus meinten.

    Die Antwort auf die Frage, welche Reformen unser Land braucht,
    kann aus den Gründungsprotokollen der ASM abgeleitet werdem:
    Eine Geld- und Bodenreform. Die zweite Frage ist falsch formuliert,
    weil es in einer endlichen Welt kein unendliches Wachstum geben kann.
    Es müßte also lauten: Wie erreichen wir eine Vollbeschäftigung
    auch bei einem Null-Wachstum?

    Anselm Rapp,ein Teilnehmer der NWO-Liste (NWO steht für das
    Hauptwerk von Gesell: Natürliche Wirtschaftsordnung)
    machte mit einem Link darauf aufmerksam, dass Prof. Dr. Ulrich
    van Suntum vermutlich der erste deutsche Ökonom ist der mit
    dem Begriff Negativzins arbeitet.

    Prof. van Suntum ist dafür zu loben, daß er nach den Professoren
    Buiter und Mankiw sich trotz der zu erwartenden Kritik ohne
    weitere Absicherungen mit Begriff Negativzins auseinandersetzt
    und in in seinem Bedeutungsinhalt eingegrenzt und somit wilden
    Spekulationen zu diesem Begriff im Netz entgegen wirkt.

    Die Einleitungszeile „Die Banken horten Geld, den Unternehmen
    fehlen Kredite.“ ist im ersten Teil eine Aufklärung und im zweiten
    Teil ein Tatbestand, der schon hier im ÖkononomenBlog
    bestritten wird. Jahrzehntelang wurde auch bestritten, daß es beim
    Geld überhaupt ein Problem Hortung gibt, obwohl die schleichende
    Inflation bewußt betrieben wurde, um diese zu vermeiden.

    (Die HAZ meldet am 20. 7. 09: „Auch heute noch sind insgesamt
    13.7 Milliarden D-Mark in Münzen und Scheinen im Umlauf.“
    Der Begriff „Umlauf“ wäre hier dorch „Horte“ zu ersetzen.)

    Es ist schon über hundert Jahre her, daß Silvio Gesell die Probleme
    zwischen Hortung, Preisniveaustabilität und Konjunktur beschrieben
    hat. Irving Fisher und John Maynard Keynes Keynes haben diese
    Zusammenhänge bestätigt. Gesell stieß mit seiner sanft wirkenden
    Korrekturmaßnahme, die er für das Geld vorschlug und die sicherstellen
    sollte, daß das Einkommen auch wieder zur Nachfrage wird auf
    Unverständnis – besonders bei den Brotgelehrten – und damit auf
    politischen Widerstand. Keynes hat deshalb einen anderen Weg
    gesucht, der dann unter dem dem Begriff deficit spending bekannt
    geworden ist. Der Sozialdemokratismus hat sich – nach Abnabelung
    vom Marxismus – dann auf diese Variante des deficit spending gestürzt,
    die den Nachfrageausfall über den Staatshaushalt ausgleichen soll.
    Dieser Weg führte bekanntlich in die Staatsverschuldung, weil sich
    Entschuldungen in guter Konjunkturlage politisch nur schwer durch-
    setzen lassen.

    Den „Keynesianismus 2.0“, den Prof. van Sutum vorstellt, greift
    nun nicht über den Staatshaushalt ein, sondern über die Zentralbank.
    Das Argument, daß auf diesem Weg, daß Geld dahin kommt, wo es
    in sinnvolle Investitionen fließt, klingt logisch, aber übersieht , daß das
    das Geld in den Horten, das zum Nachfrageausfall führt, sich ja nicht
    aufgelöst hat, sondern weiter im passiven Verkehr ist und mit inflatio-
    närer Wirkung aktiv werden kann. Neulich bekam ich einen Ausriß
    aus der Wirtschaftswoche Nr. 9 vom 26. 2. 1971 in Hände, wo auch
    schon das Problem diskutiert wurde. Karl Walker benannte die Unter-
    schied zwischen Keynes und Gesell in der Sache wie folgt:
    …„Dieser liegt hier darin, daß Gesell den in den gehorteten Geldern
    steckenden legitimen Anspruch auf Güter um der Erhaltung der
    Kaufkraft des Geldes willen respektierte und nur darauf bedacht war,
    dieses Geld (mit Durchhaltekosten für die Hortung) wieder in den
    Umlauf zu zwingen.“ …

    Die Frage ist, warum sich die Wirtschaftswissenschaftler der
    Klärung dieser wichtigen Fragen verweigern.

    Nun antwortet chriwi am 29.7. 09 auf den Beitrag von van Suntum
    mit einem Beitrag von Prof. Michel Hüther unter dem Titel:
    „Kreditmarkt klemmt nicht“, auch seien die verschlechterten Konditionen
    im Vergleich zu 2003, als die gesamtwirtschaftliche Lage besser war
    als die momentane, eher günstiger.

    Prof. van Sutum und Prof. Hüther werden ja nicht irgendetwas schreiben,
    ohne nachzudenken und ihre Aussagen auf Schlüssigkeit hin zu über-
    prüfen. Die Frage ist hier doch, wie wir durch die Überprüfung von
    Widersprüchen zu neuen Erkenntnissen kommen. Ein Punkt in dem
    erforderlichen Fragenkatalog ist dann schon: Wie genau und vergleichbar
    sind statistische Aussagen. Und die Ergebnisse müssen auch mit den
    Konkursen und den Arbeitslosenzahlen in Verbindung gebracht werden.
    Heute (30.Juli 2009) wurde im DLF vermeldet:

    „Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Weise, hat die Wirtschaftskrise
    und die Sommerpause für den Anstieg der Arbeitslosenzahlen im Juli
    verantwortlich gemacht.

    Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Juli drei
    Millionen 462.000 Menschen erwerbslos gemeldet. Das sind 52.000
    mehr als im Juni. Die Arbeitslosenquote stieg auf 8,2 Prozent.“

    Natürlich sind niedrigere Kreditkosten für eine Unternehmen von
    Vorteil, aber in einer Situation der besseren Beschäftigung können
    höhere Kreditkosten leichter verkraftet werden als niedrigere
    Kreditkosten in einer Situation mit ungewissen Absatzmöglichkeiten.

    Gestern forderte ein Sprecher eines Wirtschaftsverbandes, daß endlich
    aufgehört werden sollte, von der Krise zu reden. Die Konjunktur sei
    zur Hälfte Psychologie. Unter heutigen Bedingungen stimmt das.
    Wird eine Krise erwartet oder es wird erwartet, daß die Krise andauert,
    dann verhalten sich die Wirtschaftsteilnehmer alle vorsichtig – Liquiditätsvor-
    sorge ist dann die Mutter der Porzellankiste. Zögern alle ihre Zahlungs-
    verpflichtungen, Bestellungen und Aufträge auch nur ein bißchen hinaus,
    schon ist die Krise da oder dauert an. Es kann durchaus sein, daß ein
    Gutteil der heutigen Kredite auf Kosten der Rentabilität nur der
    Liquiditätsvorsorge dienen. (Es wird ja vermeldet, daß dieses Verhalten
    bei den Endverbrauchern noch nicht zu beobachten ist. Das ist erfreulich,
    denn wenn sich hier auch noch eine Hortung aus Angst breit macht, dann
    haben wir die wirklich große Krise.)

    Gesells Ansatz war, die Konjunkturschwankungen durch ein fließendes
    Geld zu verhindern, so daß die Märkte immer geräumt werden und
    Vollbeschäftigung möglich wird.

    Tristan Abromeit
    http://www.tristan-abromeit.de

  • Von Prof. Dr. Ulrich van Suntum reduziert Keynes sehr deutlich. Keynes besteht überhaupt nicht nur aus dem Deficit Spending. Ausserdem geht Keynes den Dingen durchaus an die Wurzel! Als Keynesianer würde ich es besser finden, wenn Von Prof. Dr. Ulrich van Suntum den Namen Keynes bei seine Ausführungen einfach weglassen würde.

  • “Wundertüte” erinnert mich an meine Kindheit, in der man für einen Groschen oder zwei – das waren damals noch Pfennige in der Währungseinheit Reichsmark – eine solche bekam und in der für unsere Kinderaugen tatsächlsich Interessantes vorhanden war. Das Interessante vermisse ich in der obigen Wundertüte vom 1. August.. Wo leben wir eigentlich, daß man auf ernsthafte Vorträge und Einwände mit verdeckten Namen antworten muß? Wer zu feige ist, offen einen Widerspruch anzumelden, sollte besser schweigen.

    Bevor ich diese Seite geöffnet habe, habe ich in dem “Sprung aus dem Teufelskreis – Sozialethische Wirtschaftstheorie, Band 1, von Johannes Heinrichs gelesen. Heinrichs wirft hier Gesell vor, er hätte Marx nicht gründlich genug gelesen. Nun, Marxisten kann man vorwerfen, sie hätten Gesell nicht nur nicht gründlich, sondern überhaupt nicht gelesen. Gesellianer,
    die etwas mehr in die Materie eingedrungen sind, haben durchaus Keynes gelesen (weniger Marx) und auch Franz Oppenheimer, dem Lieblingslehrer von Ludwig Erhard.

    Zwischen Oppenheimer und Gesell gab es Widersprüche und Übereinstimmungen, so wie zwischen Gesell und Keynes. Wie in anderen Wissenschaften gibt es auch in der Ökonomie Forscher und Lehrer, die aus der großen Zahl der Personen als Wegmarkierungen oder Orientierungspunkte herausragen. Es ist aber nicht die Aufgabe der Nachgeborenen sich eine dieser Größen auszusuchen, um zu versuchen deren Lehren 1 : 1 umzusetzen. Die nachgeborenen Ökonomen dürfen aber darauf hinweisen, wenn ihr Vorbild falsch interpretiert wird oder gar unverdienter Weise in die Vergessenheit geschoben wurde. Dies alles darf sie aber nicht daran hindern, selber das bereits in der Vergangenheit Gesagte zu prüfen und über neue Lösungen – auch quer zu alten Streitfronten – nachzudenken.

    Ich durfte nach bestandener Aufnahmeprüfung 1964/66 an der Akademie für Wirtschaft und Politik studieren. Als ich zu erkennen gab, daß ich Gesells Natürliche Wirtschaftsordnung gelesen hatte, war ich unten durch, wie man so sagt. Mein studentischer Status war wesentlich schlechter, als jener eines bekennenden Kommunisten. Der einzige Dozent, der zu erkennen gab, daß er bei Gesell viel über Geld und Kredit gelernt hätte, war der Keynesianer Prof. Hummel. Ich war kein glänzender Student, als aber die Augen einiger Dozenten leuchteten nachdem der Keynesianer Karl Schiller in Bonn zum Minister ernannt worden war, wußte ich (mehr instinktiv als wissend), daß dieser Glanz in den Augen der Triumphierenden bald erlöschen würde.

    Keynes war bestimmt besser als die Keynesianer, wie Marx besser war als die Marxisten. Vielleicht wird man Ähnliches von den Gesellianern sagen, wenn Gesell endlich zum Zuge gekommen ist.

    Vielleicht ist der Keynesianismus auch nur gut für Kriegszeiten. In “John Maynard Keynes – Revolutionär des Kapitalismus”, 1966, von Robert Lekachman ist zu lesen:
    “Mit dem Tag des Sieges über Japan, dem 2. 9. 1945, endete der erste Krieg, der nach Keynesianischen Grundsätzen geführt wurde. Beweise für diese Behauptung sind im Überfluß vorhanden.” (S.203)

    Was ich den hauptamtlichen Ökonomen in der Forschung, in der Lehre und in Gutachtergremien vorwerfe, ist, daß Sie trotz umfangreicher Finanzmittel und zahlreichen Hilfspersonal so wenig die ökonomischen Probleme geklärt haben.
    Ihre Studenten, die heute Minister, Abgeordnete oder Ministerialbeamten sind, haben sie doch mehr verdummt als aufgeklärt. Es gibt ja durchaus Ökonomen, die der Ökonomie den Status der Wissenschaftlichkeit nicht zubilligen. Stellenweise mutet der Streit der Schulen (in einem wirklichen Wettbewerb befruchtend) wie Streit von Priesterseminaren unterschiedlicher Konfessionen an und zwar zu Zeiten, als Oekomene noch kein gängiges Wort war.

    Da aber ökonomische Wahrheiten vor allem an die Titel und die Zahl der Veröffentlichungen der Autoren gemessen wird, braucht man gottlob meine Äußerungen als Schmalspurökonom, der nach dem Studium sein Brot als Klinkenputzer und Eisenpflechter verdienen mußte, ja nicht ernst zu nehmen.

    Tristan Abromeit
    http://www.tristen-abromeit.de

  • Beate Bockting

    Erst einmal finde ich es bemerkenswert, dass Prof. van Suntum den Mut aufbringt, solche unkonventionellen Vorschläge zu machen. Mutige, querdenkende Ökonomen werden in der nächsten Zeit dringend gebraucht.

    Dennoch habe ich auch Kritik an Prof. van Suntum. Er schreibt:

    “Vor allem aber setzt der Plan bei den Ursachen der Krise an, statt – wie der herkömmliche Keynesianismus – nur die Symptome zu bekämpfen. Statt dass der Staat künstliche Nachfrage mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen schafft, geht der Aufschwung von den Unternehmen selbst aus, die jetzt weniger Angst vor Illiquidität in der Krise haben müssen. Das ist wesentlich effizienter, als Schulen bunt anzustreichen oder krampfhaft nach anderen öffentlichen Projekten zu suchen, die wenig Nutzen, aber hohe Kosten und Zinslasten mit sich bringen.”

    Ich glaube nicht, dass Prof. van Suntum schon zu den tieferen Ursachen der Krise vorgedrungen ist. Tatsache ist doch, dass NICHT zu wenig Geld da ist, sondern der Umlauf nicht funktioniert. Die Lösung ist also nicht so sehr in neuen Kreditprogrammen zu suchen (die dann steigende Inflationsgefahren mit sich bringen), sondern in der besseren Verteilung des Geldes und dem stetigen Umlauf desselben. Dann brauchen wir auch keine “künstliche Nachfrage”, die die Staatsverschuldung weiter erhöht.

    Also sollten Ökonomen sich mit der freiwirtschaftlichen Idee beschäftigen (Dank an Tristan Abromeit in diesem Blog!), dem vorhandenen Geld durch eine Umlaufsicherung “Beine zu machen” (www.INWO.de, http://www.geldreform.de etc.). Sie sollten sich mit Tauschringen und Barterunternehmen befassen, wo seit Jahren VERRECHNET wird. Das sind zukunftsweisende Ideen. Wie schon Einstein wusste: Wir können die Probleme nicht mit den Denkmustern lösen, die zu Ihnen geführt haben.

  • Gutenberg hat mit seinem Wirtschaftsministerium mal wieder tolle Arbeit bewiesen. Die Rezession ist vorbei!!! Olé olé!!! Jetzt ist dann wieder alles normal, wie vor den zahlreichen Krisen. Die letzten Jahre (vor 2007) hatten wir einen Aufschwung, der seines Gleichen gesucht hat – trotzdem wurden Menschen entlassen um später wieder in Zeitarbeitsfirmen für den ehemaligen Arbeitgeber arbeiten zu können (natürlich mit weniger Geld in den Taschen). Ich finde die Gesellschaft braucht so eine Krise, um endlich aufzuwachen und sich nicht alles von der Regierung und den Lobbyisten diktieren zu lassen. Wann werden wir endlich wach?
    Ich hoffe nicht allzu spät…

  • Sebastian

    Herr Professor van Suntum’s Vorschlägen entbehren ökonomischer Theorie – anzuerkennen ist jedoch sein “über den Tellerrand gucken” im Bezug auf die derzeit gelehrt Makroökonomie.
    Dennoch weist der Artikel einige Ungereimtheiten auf:

    “Die tatsächlichen Multiplikatoreffekte sind mit aktuell geschätzten Werten zwischen 0 und 1,8 viel geringer, als die Theorie erwartet.”

    Dieses Zitat ist in der Tat überraschend. Ökonomen, die nicht blinde Anhänger der Keynesschen Lehre sind, haben länst eingestanden, dass der Multiplikatoreffekt nicht einmal theoretisch nachgewiesen werden kann – wie soll er dann in der Realität größer Null sein.

    Keynes’ Y = C + I ist eine Identität, die keine Aussage über Kausalität erlaubt.
    Beispiel: I könnte man trennen in In (Nettoinvestitionen) und A (Abschreibungen). Die Identität hätte dann die Form:
    Y = C + In + A

    Folgt man den nun Vertretern des Multiplikatormodells (Prof. v. Suntum scheint dazu zu gehören), dann ließe sich Wachstum herstellen, je schneller unsere Maschinen untauglich werden, an Wert verlieren und abgeschrieben werden müssen. Denn wenn A stiege, dann könnte Y ja aufwärts gehen. Dies ist eine reductio ad absurdo, denn Wachstum ließe sich durch das Kaputtmachen von Kapital erzeugen, niemand müsste mehr arbeiten, man müsse nur reichlich Hämmer verteilen, um den Kapitalstock der Gesellschaft zu vernichten.
    Das Problem, so gestehen viele Ökonomen mittlerweile ein, liegt darin, dass das “=”-Zeichen keine Kausalität(!) ausrückt.

    Bei Y = C + I bedeutet dies, das ein Anstieg von I (oder als staatliches Subsitut für die wegbrechende Investitionsbereitschaft ein G) nicht zwingend das Y der linken Seite erhöhen muss. Es könnte ja auch sein, dass Y konstant bliebe und stattdessen C sinkt(!!!), wenn I künstlich stimuliert wird. Makroökonomen verwechseln leider allzuoft Idetität und Kausalität, weshalb der Vorwurf vieler Mathematiker berechtigt scheint, die Ökonomen würden das Rechenwerkzeug, das sie verwenden, nicht verstehen.

    Verständlich, dass viele Ökonomen dann zu dem wenig marktwirtschaftlichen Schluss kommen, Wachstum sei erzielbar, wenn man nur genügend frisches Kreditgeld druckt und genügend Nachfrage durch Deficit-spending schaft. Wie Münchhausen: mit dem eigenen Schopf in der Hand aus dem Sumpf…

    Das führt uns zum Kernthema des Textes: negative Zinsen könnten dauerhaftes Wachstum ohne die von Hayek beschriebenen fehlinvestitionen beschren.
    Das wirft die Frage auf, warum denn im Aufschwung nicht ebenfalls so verfahren werden sollte? Warum nicht immer negative Zinsen? WEnn diese negativen Zinsen die Wirtschaft stimulieren, ohne(!) dabei Fehlinvestitionen hervorzurufen, wozu dann noch warten. Auf lange Sicht sind wir doch tot, also besser jetzt schon den Wohlstand von Übermorgen haben – also runter mit den Zinsen: minus 10 Prozent für Jedermann, dann kaufen und investieren wir und schwubs sind wir im Nirvana angelangt.

  • Piet

    Ich denke, dass negative Zinsen nur als vorübergehende Maßnahme gedacht sind. In normalen Zeiten würden sie sicher eine zu große Kreditnachfrage und damit Inflation hervorrufen. In der Rezession ist das nicht zu befürchten, weil da ja alle ihr Geld festhalten.

    Der Vorschlag sieht ja auch vor, den Zins an die Wachstumsrate zu koppeln.

    Zu Sebastians Kritik: Man nimmt ja auch nicht als gesunder Mensch jeden Tag Antbiotika, nur weil sie im Falle einer bakteriellen Erkrankung helfen. Mit den Negativzinsen ist das vermutlich genauso.

    Das mit den mathematischen Fehlscjhlüssen der Keynesianer sehe ich zwar ähnlich. Aber davon steht in dem Beitrag ja auch gar nichts drin. Schön übrigens, dass hier maleine richtige Diskussion zustandekommt.

  • Sebastian

    Sehr geehrter “Piet”

    Ich finde es ebenfalls schön,dass eine Diskussion entstanden ist. Zwar widerholt Prof. van Suntum die absurden Rechentricks der Keynsianer nicht, dennoch fusst seine Argumentation ebenso wie die gesamte Nachfragepolitik heutiger Prägung auf eben diesen keynsianischen Unsinn. Leider unterstützt ein so begabter Professor wie van Suntum die absurden Ideen der Keynsianer und Gesellianer.

  • Bert

    @ Piet:

    “Das mit den mathematischen Fehlschlüssen der Keynesianer sehe ich zwar ähnlich. Aber davon steht in dem Beitrag ja auch gar nichts drin. ”

    Wirklich nicht? Und wieso wundert sich Herr Professor van Suntum dann darüber, dass die Multiplikatoren sehr viel geringer seien, “als die Theorie erwarten lässt” ? Wieso sollte er diesen Punkt ansprechen, wenn er ein ernst zu nehmender Ökonom wäre? Die Mulitplikatoren-Modell sind absurd und wurden bereits vor Jahrzehnten formal-logisch widerlegt. Meine Befürchtung ist die, dass Prof. van Suntum seit seinem Studium (zu Hochzeiten des Keynesianismus) recht wenig ökonomische Debatten verfolgt hat und den keynsianisch/monetaristischen Quatsch glaubt. Dass einem nicht auffällt, wie absurd die Multiplikator-Thesen sind, ist akademisch unverzeihlich -… und für uns Bürger desaströs!

  • Ulrich

    Bert,

    das mit der formaltheoretischen Widerlegung der Multiplikatormodelle interessiert mich. Wo kann man das nachlesen? Bisher dominieren sie jedenfalls noch die ökonomischen Lehrbücher.

    Übrigens: Es gibt inzwischen auch eine formaltheoretische Darstellung des van-Suntum-Vorschlags unter Forschung/Diskussionspapiere auf der website http://www.cawm.de.

  • Gérard Bökenkamp

    Die keynsianische Konjunkturpolitik hat ja schon in den siebziger Jahren nicht funktioniert und zwar nachweislich. Es lässt sich nämlich zeigen, dass ein Großteil der vom Staat zur Verfügung gestellten Mittel erst abgerufen wurden, als die Konjunktur sich schon wieder erholt hatte. Diese Mittel trugen dann u. a. in der Bauwirtschaft zu einer Überhitzung bei. Konjunkturpolitik – so sie denn ihren Zweck erfüllen soll- setzt voraus, dass die Politik weiß, an welcher Stelle das Geld am zweckdienlichsten eingesetzt werden kann. Es setzt voraus, dass das Geld zielgenau und zum richtigen Zeitpunkt dem Wirtschaftskreislauf beigegeben wird. Das setzt wiederum voraus, dass der Staat unmittelbar und ohne Verzögerung seine Instrumente einsetzen kann und dass die politischen Verantwortlichen wissen, in welcher Phase der Krise sich die Wirtschaft befindet. Da muss man feststellen, dass allein der Föderalismus und die großen bürokratischen Hürden einen direkten Einsatz der Mittel sehr erschweren. Außerdem ist es offensichtlich, dass sich die Ökonomen in der Regel nicht darüber einig sind, wo das Geld am effizientesten zum Einsatz kommen kann und in welcher Phase der Krise sich die Wirtschaft befindet. Das Studium der Wirtschaftsberichterstattung zeigt, dass ein Konsens über diese Fragen nur ausnahmsweise besteht. Die Konjunkturpolitik wird wiederum von Politikern beschlossen, die selbst in den meisten Fällen über keine wissenschaftlich fundierte Meinung verfügen, sondern sich auf den Rat der Ökonomen verlassen, den sie in der Regel selbst nicht beurteilen können. Das heißt, es ist eine reine Glückssache, ob die von der Politik beschlossene Konjunkturpolitik tatsächlich zu den gewünschten Erfolgen führt. Sicher sind nur die Kosten – Der Nutzen aber ist fraglich. Selbst im Nachhinein kann sich die Wissenschaft in der Regel nicht darauf verständigen, was die beschlossenen Maßnahmen eigentlich gebracht haben. Staatliche Konjunkturpolitik ist also ein finanzpolitisch riskantes Ratespiel mit den Steuergeldern der Bürger als Einsatz.

  • Es ist zu begrüßen, wenn Fachleute, d. h. in Sachen Wirtschafts- und Finanzkrise die Wirtschaftswissenschaftler, sich auch mal in die Hütten des Volkes begeben und dort ihre Ideen in publikumsgemäßer Sprache verkünden.

    Noch begrüßenswerter ist es, wenn einer originelle Ideen hat; die sind ja nicht unbedingt Massenware in der Diskussion über die aktuelle Weltwirtschaftskrise.

    Ein ‘atmender’ Realzins, der automatisch mit den Konjunkturdaten schwankt, ist eine solche Idee, auch wenn man den Mechanismus für die Zeit der Krise als “Zinssubvention” beschreiben müsste.

    Freilich setzt, wer sich unter’s Volk begibt, dem Risiko aus, sich mit dem Pöbel intellektuell herumprügeln zu müssen. Denn das Volk hat zwar wenig Ahnung, stellt aber zum Ausgleich dreiste Ansprüche.

    Ich z. B., als einer aus jener Laienschar, sähe es immer recht gern, wenn der Text eines Autors erkennen lässt, dass er seine Leser nicht a priori für intellektuell unterbelichtet hält. Wenn wir auch keine Produktionsfunktionen berechnen können: für die Analyse der Binnenlogik eines Textes reicht es so dann und wann denn doch noch hin.

    Und von welcher Beschaffenheit ist die logische Struktur von van Suntums Argument?
    1) Problem der Rezession ist sinkende Nachfrage (mit selbstverstärkender Wirkung im Laufe der Zeit)
    2) Die Nachfrage lässt sich dadurch steigern, dass negative Realzinsen die Unternehmen zu Investitionen anregen.
    3) Statt dass der Staat künstliche Nachfrage schafft, geht der Aufschwung dann von den Unternehmen aus, wobei man ergänzen darf: “auf natürliche Weise”, denn anders würde Suntums Seitenhieb auf die “künstliche” keynesianische Nachfragestimulation keinen Sinn machen.

    Warum ich mich bei einer solchen “Logik” auf den Arm genommen fühle, sollte unmittelbar einleuchten: welches Unternehmen investiert denn, wenn die Nachfrage momentan ohnehin nur, sagen wir, 75% der Kapazitäten abdeckt?
    Und wieso wäre die Nachfrage seitens der Unternehmen etwas natürliches, diejenige seitens der Konsumenten dagegen künstlich? Ist es denn nicht der Sinn der Wirtschaft, für die Menschen zu produzieren?
    Wäre es da nicht eine Maßnahme, zinssubventionierte Kredite an die Konsumenten zu vergeben? Wenn die mehr kaufen, werden auch die Unternehmen mehr investieren.

    Wahrscheinlich steht bei Prof. Suntum irgend eine angebotsorientierte Vorstellung im Hintergrund, bei der ein Mehr an Produktion in einem geheimnisvollen Automatismus zugleich die Nachfrage steigert.
    Das ist schon an sich fragwürdig; in der Krise wird der Unsinn offenkundig. Wie wäre es denn überhaupt zur Krise gekommen, wenn doch die Industrie einfach nur mehr produzieren (und die Banken – als Dienstleistungsunternehmen – vielleicht bei der CDS-Produktion einen Zahn zulegen) müssten und automatisch Abnehmer fänden?

    Diese nahe liegende Fragen sähen wir schon gern durchdacht und erörtert, und außerdem eine andere, die – zumal für einen Volkswirt – gleichfalls nicht gänzlich fern liegen sollte:
    Wer hindert eigentlich die Unternehmen daran, bei der IKB einen (temporär) zinssubventionierten Kredit aufzunehmen, und ihn dann Gewinn bringend in griechische Staatsanleihen zu reinvestieren? Bauen wir da eine Behörde auf, wir neuen Marktwirtschaftler, um das zu kontrollieren?

    Summa summarum: jedenfalls in der hier vorgelegten Form erscheint der Vorschlag von Prof. Suntum wenig durchdacht. Mit flachen gedanklichen Kielen segeln wir gewiss nicht aus der Krise – eher kentern wir endgültig.

  • Jede “Kritik” an der Natürlichen Wirtschaftsordnung reflektiert nur die Vorurteile und Denkfehler des “Kritikers”. Die Alles entscheidende Frage lautet: Welcher kollektive Wahnsinn hielt die halbwegs zivilisierte Menschheit bis heute davon ab, die ideale Makroökonomie zu verwirklichen? Antwort: Die Religion (künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten), ohne die ein Überleben – von einem zwangsläufigen Krieg bis zum nächsten – in einer noch fehlerhaften (kapitalistischen) Makroökonomie gar nicht möglich wäre:

    http://www.deweles.de/files/apokalypse.pdf