Geld erwerben, erfordert Klugheit; Geld bewahren, erfordert eine gewisse Weisheit, und Geld schön auszugeben, ist eine Kunst. Berthold Auerbach, (eigentlich: Moses Baruch Auerbacher), 1812-1882, dt. Schriftsteller, Philosoph

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Die 200 Gesichter des globalen Kapitalismus

Sie dominiert die Weltwirtschaft: Eine Gruppe der zweihundert mächtigsten Vermögensverwalter und Unternehmer spielt mit der Welt nach ihren eigenen Regeln – und setzt sie auch durch. Kein Wunder: Schlappe knappe fünfzig Billionen Dollar schieben Kapitaleigner und Macher des Neokapitalismus‘ auf den Märkten hin und her und bewegen damit ganze Volkswirtschaften. Die meisten dieser Tycoone sind unbekannt. Dieses Buch verleiht ihnen ein Gesicht und sorgt für mehr Transparenz im bedrohlichen Geflecht der Strippenzieher.

Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt – die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus, Knaus-Verlag, München 2016

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Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt – die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus, Knaus-Verlag, München 2016Es ist eine gewaltige Fleißarbeit, die Hans-Jürgen Jakobs, ehemaliger Chefredakteur des Handelsblatts, und sein 50-köpfiges Autorenteam vollbracht haben. Auf gut 680 Seiten beschreiben sie – auch mit Hilfe zahlloser Infografiken –, wer die zentralen Felder der Weltwirtschaft dominiert und welche Geldmassen sie über den Globus schieben: 47 Billionen US-Dollar sind es, mit denen die zweihundert 200 mächtigsten Vermögensverwalter, Fondsmanager, Scheichs, Oligarchen und Familien zurzeit spekulieren und in Unternehmen, Märkte, Länder und Volkswirtschaften investieren. Natürlich sind einige bekannte dabei, wie Blackrock mit Larry Fink an der Spitze,  Blackstone mit Stephen Allan Schwarzman oder Scheich Abdullah bin Mohammed bin Saud Al-Thani, die Zentralgestalt am katarischen Hof. Aber auch weniger – zumindest weltweit – bekannte Namen gehören in die Reihe, darunter David Rubenstein, Steve Koltes, Carlos Slim Helú oder Nobuyuki Hirano. Auch zahllose – im internationalen Vergleich eher – „kleinere“ Unternehmen aus Deutschland sind Teil der ausführlichen Porträtkette, zum Beispiel Henkel, Adidas oder die Deutsche Bank. Kurzum: Das Buch stellt die „Herren des Geldes und damit die wirklich wichtigen dieser Welt“ vor, also Figuren, „von deren Klugheit und Umsicht, Launen und Idiosynkrasien, womöglich auch Angst oder Gier, das Wohlergehen oder auch das Schlechtergehen von so vielen abhängt“.

Steckbrief für jeden Mächtigen

Die zwei- bis fünfseitigen Porträts sind pointiert geschrieben und enden jeweils mit einem Steckbrief: Dort werden die Firmen und Gesellschaften auf die Kriterien „Nachhaltigkeit“, „Unbestechlichkeit“, „Steuerehrlichkeit“, „Humanität“ und „Transparenz“ geprüft: Die volle Punktzahl in allen Kategorien (und damit die Note 1) erringt kein einziger Kandidat. In punkto Steuerehrlichkeit und Unbestechlichkeit erhalten manche nur mit Mühe einen von fünf möglichen Punkten. Auf den ersten 320 Seiten klassifizieren die Autoren zunächst die Akteure des globalen Geldspiels: Wie ist ihr Kapital organisiert? Wer sind die Schlüsselfiguren bei Vermögensverwaltern, Pensionsfonds, Staatsfonds, Private-Equity-Firmen, Hedgefonds, Banken und Versicherungen. Welche Strategien verfolgen die jeweiligen Beteiligten? Im zweiten Teil geht es darum, wer sein Kapital wie verwendet. Wie wirkten sich die Investments in den einzelnen Märkten aus? Wer beherrscht welche Länder? Wie ist die Beziehung zu den Aktionären?

Es wird schnell klar: Die Welt gehört denjenigen, die mit dem Geld der anderen arbeiten und so eine eigene Kunstwelt schaffen. Mit diesem Geld der anderen – das können Rücklagen der Reichen, Vorsorgegelder der Alten, Steuergelder der Bürger oder auch andere Staatsanleihen sein – machen die Blackrocks dieser Welt ihr Glück. Jakobs warnt: „Die neue Illusion, dass dies uns am Ende alle reicher machen wird, ist in Wahrheit die neue Gefahr, dass die Welt schon bald in eine neue Weltwirtschaftskrise gerät.“ Genug Anzeichen für einen neuen Crash gebe es bereits: „Im Schattenbankensektor haben sich enorme Risiken gebildet.“

Die Macht der Pools of Capital

Jakobs These, dass der wahre Krieg heute weniger auf den Schlachtfeldern, als vielmehr in den globalen Datenbanken und Finanznetzen stattfindet, mag übertrieben klingen. Doch zweifellos ist da etwas dran: Historisch gesehen waren es bei den alten Persern, Griechen und Römern stets die militärischer Eroberer, die die Macht an sich rissen. Und auch in der westlichen Welt galt es bis noch zum Ende des 20. Jahrhunderts, dass derjenige die absolute Überlegenheit für sich beanspruchen konnte, der in der Lage war, militärisch hochzurüsten. Jakobs sieht heute die „wahre Macht“ bei den Kapitalsammelstellen, den „Pools of Capital“, der Vermögensberater, Unternehmens- und Fondschefs. Ihr „Krieg“ kennt keine Pistolen oder Maschinengewehre, sondern das „Veto“ oder die „Gegenstimme“ auf Hauptversammlungen, den „Verkauf von Aktienpaketen“ oder „unliebsame Äußerungen in der Öffentlichkeit mit Kampagneneffekt“. Jakobs: „Am Ende hat eben der die Macht, der über Geld disponiert.“

Die Politik muss die Bürger viel stärker aufklären

Ob wir alle früh oder später in diesem neuen Strom des Weltkapitalismus‘ zerrieben werden, lassen die Autoren offen. Jedenfalls sind die vielen aktuellen radikalen Bewegungen wie der Brexit und der politische Rechtsruck in einigen Ländern der westlichen Welt durchaus eine Folge dieser Machtverschiebung: Viele haben das Gefühl, dass ihnen die Welt eben nicht mehr gehört – und entwickeln daraus einen irrsinnigen Nationalismus. Die Politik ist hier gefordert, gegenzusteuern. „Die Antwort der Menschen muss eine Politik sein, die den neuen Weltverhältnisse gilt und die nicht den Rückzug ins eigene Land oder ins private Idyll preist“, fordert Jakobs.

Gerade im Wahljahr 2017 sind in Deutschland die Politiker aufgerufen, sich viel stärker dieser Problematik bewusst zu werden und darüber – auch im Wahlkampf – mit Bürgern, Aktionären und Groß-Investoren zu sprechen, allein schon, um zu vermeiden, dass das elende Spiel aus Angst und Gier, das wir nur zu gut aus der Finanzkrise 2008/2009 kennen, nicht noch einmal von vorn beginnt. Jakobs Tipp: „Hoffnungslos ist das nicht, es kommt auf unsere Haltung an.“

Fazit

Dem Autorenteam um Hans-Jürgen Jakobs ist mit diesem Buch eine beindruckende Analyse geglückt – mit teils beängstigenden Ergebnissen. Wer er schafft, sich durch Konvolut von gut geschrieben und informativen Porträts und Analysen zu lesen, erhält mehr als nur eine Ahnung davon, welchen gewaltigen Einfluss die scheinbar so stillen Finanz-Mogule wie Fink & Co heute besitzen. Dieses Buch ist notwendig, denn es sorgt für mehr Transparenz im hoch komplexen Geflecht der weltweiten Geldströme und finanziellen Abhängigkeiten und sollte alle fünf Jahre neu aufgelegt werden.

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  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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