Während der Staat auf die Aufsicht und eventuelle Gestaltung der Formen beschränkt bleiben soll, in denen der Wirtschaftsprozess abläuft, muß im Rahmen der Märkte, auch der Arbeitsmärkte, Freiheit bestehen. Walter Eucken, 1891 1950, deutscher Ökonom

13 Soziales

Armutsbericht: Der scheinbare Skandal ist ein Erfolg

Eine Zahl geistert durch Deutschland: 40 Prozent der Deutschen seien vom Wohlstand abgekoppelt, weil sie 2015 real weniger verdient haben als Mitte der 90er Jahre. So steht es aktuell im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. „Das demonstriert“, schreibt etwa Alexander Hagelüken in der Süddeutschen Zeitung, „wie unfair der Erfolg im Boomland Deutschland verteilt wird.“ Dabei führt die Zahl nachweislich in die Irre. Eine Widerlegung in drei Schritten.
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Neulich schrieb Alexander Hagelüken in einem Essay für die Süddeutsche (SZ) zur Lage der Mittelschicht: „Laut dem neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung verdienen die unteren 40 Prozent der Deutschen heute real weniger als Mitte der 90er Jahre. 40 Prozent: Da kann es sich nicht nur um jene gesellschaftlichen Gruppen handeln, bei denen Geld stets knapp ist. Da muss es sich um weite Teile der Mittelschicht handeln.“ Zurückzuführen sein dürfte diese Aussage des SZ-Autors auf eine Grafik (siehe unten), die das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) vor kurzem veröffentlich hat und deren vermeintlich dramatischer Befund sich nun Stück für Stück durch die Medienlandschaft frisst.

Leider hat Hagelüken die Beschriftung der Grafik nicht genau genug gelesen. Denn sie bildet keineswegs die Einkommenssituation aller Deutschen ab, sondern lediglich die der Arbeitnehmer.

Tatsächlich zeigt die Grafik des BMAS Folgendes: Die Bruttostundenlöhne der abhängig Beschäftigten in den unteren vier Lohnzehnteln waren im Jahr 2015 real niedriger als im Jahr 1997 – und zwar um vier bis sieben Prozent –, während sich die oberen vier Zehntel der Bezieher von Lohn- und Gehaltseinkommen spürbar verbessert haben. Es ist also weder die Rede von Kindern noch von Rentnern noch von Selbstständigen – und auch nicht von Arbeitslosen. Und das ist der entscheidende Punkt:

Was bei Hagelüken so skandalös klingt und auch dem BMAS als Zeichen dafür gilt, dass der Niedriglohnsektor zu groß sei, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines Erfolgs. Genauer untersucht hat das Professor Gabriel Felbermayr vom Münchener ifo Institut. Zwar hat Felbermayr nicht exakt die gleichen Jahre verglichen wie das Nahles-Ministerium, sondern geschaut, was zwischen 1997 und 2013 passiert ist. Doch seine Befunde erklären und entdramatisieren auch die Veröffentlichung des BMAS:

1. Die Ungleichheit unter den Lohneinkommensbeziehern verringert sich seit etwa 2011 wieder, wie Felbermayr anhand verschiedener Indikatoren nachweisen konnte, so etwa auf Basis des Gini-Koeffizienten der Arbeitseinkommen. Einer Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zufolge, die sich recht gut mit den Zahlen des BMAS vergleichen lässt, ist das durchschnittliche Bruttoerwerbseinkommen des untersten Zehntels der Vollzeitbeschäftigten schon von 2009 bis 2013 um 6,6 Prozent gestiegen – und damit stärker als bei allen anderen Arbeitnehmern. Eine weiter zurückreichende Gegenüberstellung lässt sich zumindest nicht mehr in Klein-Fritzchen-Manier interpretieren, weil sie zu viele Entwicklungen und Verschiebungen ausblendet. Die vielleicht wichtigste Feststellung in diesem Zusammenhang: Zum untersten Lohnzehntel gehören heute andere Menschen als vor zehn oder gar zwanzig Jahren. Denn:

2. Deutschland hat seit den Hartz-Reformen im Jahr 2005 mehr als vier Millionen Arbeitnehmer dazugewonnen und die Zahl der Arbeitslosen um über zwei Millionen verringert. Das bedeutet: Es beziehen vier Millionen Menschen hierzulande ein Arbeitseinkommen, die zuvor nichts verdient und vom Staat oder anderen Unterstützern wie zum Beispiel Ehepartnern gelebt haben. Gegenüber 1995 oder 1997 verzeichnet Deutschland sogar gut fünf Millionen Arbeitnehmer mehr. Viele dieser Neu-Beschäftigten sind geringqualifiziert und verdienen ihrem Qualifikationsstand entsprechend kleine Einkommen.

„Die Sache ist eindeutig: Die Ungleichheit der Bruttoerwerbseinkommen ist gesunken.”

Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist die Arbeitslosenquote der Geringqualifizierten ohne Abitur und Berufsabschluss von 2005 bis 2015 in Ostdeutschland von 50 auf 32 Prozent zurückgegangen und in Westdeutschland von 24 auf 19 Prozent. Diese Menschen stellen heute das unterste Zehntel der Einkommensbezieher – und haben einen großen Teil ihrer Vorgänger in höhere Zehntel verdrängt. Für sich genommen ist die Arbeitsmarktintegration der Geringqualifizierten ein gigantischer Erfolg – sie hat aber auch zu gigantischen Verschiebungen unter den Beschäftigten geführt. Wer Gleich und Gleich gegenüberstellen will, darf nicht die Arbeitnehmer von gestern mit denen von heute vergleichen, sondern muss sich die gesamte Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter anschauen, die eben auch Arbeitslose und andere Nicht-Erwerbstätige mit null Arbeitseinkommen einschließt.

Die Sache ist dann eindeutig – die Ungleichheit der Bruttoerwerbseinkommen ist nachweislich gesunken: Das klassische statistische Maß für Ungleichheit, der sogenannte Gini-Koeffizient, hat sich bezogen auf alle in Deutschland lebenden Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 2005 und 2013 von 0,59 auf 0,56 verringert.

Grundsätzlich kann der Gini-Koeffizient Werte zwischen 0 und 1 annehmen. Dabei bedeutet 1, dass einer alles hat, und 0, dass alle gleich viel haben. Die Bruttoerwerbseinkommen sind heute also gleichmäßiger unter den Erwerbsfähigen verteilt als 2005.

3. So komisch es klingen mag: Dass heute mehr Frauen und mehr Ältere arbeiten als Mitte der Neunziger, hat bezogen auf Bruttostundenlöhne in der Gruppe der Arbeitnehmer ebenfalls zu einer größeren Ungleichheit geführt. So ist der Anteil der Frauen an allen Vollzeitbeschäftigten von 31 Prozent im Jahr 1997 auf 38 Prozent 2013 geklettert. Weil Frauen durchschnittlich weniger verdienen als Männer und unter ihnen obendrein auch noch die größeren Einkommensunterschiede herrschen als unter Männern, steigt mit zunehmender Frauenerwerbstätigkeit auch das allgemeine Lohngefälle, wie ifo-Ökonom Felbermayr festgestellt hat.

Zu erklären sind die Geschlechterunterschiede zum einen mit dem Berufswahlverhalten: Frauen gehen seltener als Männer in die gut bezahlten technischen Berufe, sondern überdurchschnittlich oft in Sozial- und Gesundheitsberufe mit ihrem niedrigeren Gehaltsniveau. Zum anderen unterbrechen längere berufliche Auszeiten wie eine Babypause sowohl den Karriere- als auch den Gehaltspfad vieler Arbeitnehmerinnen. Das betrifft aber nicht alle und vergrößert so auch die Diskrepanzen unter erwerbstätigen Frauen. Ähnliches lässt sich auch über den Effekt des steigenden Anteils älterer Arbeitnehmer sagen: Zählten noch 1997 lediglich 23 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland zu den 50- bis 65-Jährigen, sind es heute 34 Prozent. Da die Einkommensunterschiede nach einem langen Berufsweg aber viel höher sind als zu Beginn des Arbeitslebens, führt die zunehmende Erwerbstätigkeit Älterer ebenfalls zu einem Anstieg der Lohnungleichheit.

Was lernen wir daraus? So geläufig wie vielen an der Thematik interessierten Laien das Hantieren mit Einkommenszehnteln, Gini-Koeffizienten und allerlei anderen Verteilungsindikatoren als Beweis für die zunehmende Ungleichheit inzwischen erscheinen mag, einfache Wahrheiten halten diese Statistiken selten parat. Und manchmal ist es eben auch genau andersherum, als der erste Eindruck glauben macht.

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  • Autor

    Hubertus Pellengahr

    ist Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

    Alle Beiträge

  • Alexander Hagelüken

    Zunächst einmal ehrt es den Zeitungsautor, wenn sich eine
    Initiative wie die INSM bemüßigt fühlt, auf einen Essay zu reagieren – ein
    Zeichen, dass die klassischen Medien vielleicht doch nicht dem Untergang
    geweiht sind, wie mancher vorschnell behauptet. Dem Autor sei aber doch selbst eine
    Replik gestattet, wenn ihm „Klein-Fritzchen-Manier“ (interessantes Wort aus
    untergegangenen Zeiten) und anderes vorgeworfen wird.

    Die zitierte Stelle im Essay mit den 40 Prozent jener, die
    real weniger verdienen als vor zwanzig Jahren, bezieht sich, aus dem Kontext erkennbar,
    in erster Linie auf Arbeitnehmer. Und Hubertus Pellengahr bezweifelt es auch
    gar nicht: Die unteren 40 Prozent Arbeitnehmer verdienen weniger als vor 20
    Jahren. Das soll ein Erfolg sein? Nie und nimmer, selbst wenn man
    berücksichtigt, dass sich die Zusammensetzung der Arbeitnehmer verändert hat.
    Während die deutsche Wirtschaft in diesem Zeitraum stark wuchs, ist von diesem Boom
    bei einem guten Teil jener, die heute arbeiten, offenbar wenig angekommen. Dabei
    bleibt es.

    Was in dem Beitrag verniedlichend zur Stagnation der unteren
    Einkommen angeführt wird, ist in Wahrheit ein Zeichen dafür, dass die soziale
    Marktwirtschaft in Deutschland, die große Errungenschaft, weniger sozial
    geworden ist. „Viele Neu-Beschäftigte sind geringqualifziert und verdienen (..)
    entsprechend kleine Einkommen“: – das soll ein Erfolg sein? Arbeitsplätze sind
    gut, aber faire Bezahlung dieser Arbeitsplätze ist noch besser. Etwa durch den
    Mindestlohn, der nicht auf maßgebliche Initiative der INSM Realität wurde, um
    es vorsichtig auszudrücken.

    Was den behaupteten
    Rückgang der Ungleichheit angeht: Wer nicht ausgerechnet den Zeitpunkt ab 2005
    wählt, also die Jahre des Booms ab Arbeitsmarkt, kommt zu anderen Ergebnissen.
    Demnach sind die verfügbaren Haushaltseinkommen zwischen Arm, Mitte und Reich gemäß Gini-Koeffizient ab der Jahrtausendwende bis 2005 deutlich ungleicher geworden (Anstieg von 0,25 auf 0,29) – und seitdem, bis zu den letztverfügbaren Zahlen dieser
    Studie 2012, stagniert die Ungleichheit auf dem höheren Niveau. Die
    Ungleichheit steigt stark, geht trotz Boom am Arbeitsmarkt dann nicht wieder
    zurück – kaum ein Erfolg. (Quelle: DIW Wochenbericht 25/2015, Einkommensungleichheit
    und Armutsrisiko).

    Ja, die Löhne sind in den
    vergangenen paar Jahren nach langer
    Durststrecke wieder ordentlich gestiegen. Aber das kann nicht verdecken, das
    die Früchte des deutschen Booms auf längere Sicht gesehen unfair verteilt wurden.

    Und dann
    noch was: Wie verniedlichend (und bar der gebotenen politischen Konsequenzen) hier
    die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern dargestellt werden, das ist schon – atemberaubend. Alexander Hagelüken

  • “durchschnittliche Bruttoerwerbseinkommen des untersten Zehntels der
    Vollzeitbeschäftigten schon von 2009 bis 2013 um 6,6 Prozent gestiegen”
    Das sind unter 2% Bruttoerwerbseinkommenszuwachs pro Jahr. Das ist dann laut Autor der Bereich, welcher am meisten gestiegen ist. Allein da müsste man sich schämen.

    “Jahr 2005 mehr als vier Millionen Arbeitnehmer dazugewonnen und die Zahl der Arbeitslosen um über zwei Millionen verringert”
    Diese Leute arbeiten komplett in Teilzeit.
    http://doku.iab.de/grauepap/2014/tab-az13.pdf
    Die Zahl der Vollzeitstellen stagniert zwischen 2003-2013. Im Jahr 1993 waren es sogar 3 Millionen mehr.

    “Was lernen wir daraus? So geläufig wie vielen an der Thematik
    interessierten Laien das Hantieren mit Einkommenszehnteln,
    Gini-Koeffizienten und allerlei anderen Verteilungsindikatoren als
    Beweis für die zunehmende Ungleichheit inzwischen erscheinen mag,
    einfache Wahrheiten halten diese Statistiken selten parat. Und manchmal
    ist es eben auch genau andersherum, als der erste Eindruck glauben
    macht.”
    Vollkommen richtig. Sie zeigen, dass man bei der richtigen Wahl der Startzeitpunkte, unter Vernachlässigung bestimmter Aspekte (mehr Menschen in Teilzeit, Aufstockung, Streichen von älteren Menschen aus den Statistiken, schwaches Lohnwachstum) eine gescheiterte Reform als Erfolg verkaufen kann.

    Interessant ist nämlich auch, dass trotz gesunkener Arbeitslosigkeit, dass Armutsrisiko steigt.

  • Thomas Bahlinger

    Darf ich mal eine Frage stellen? Sie bemerken durchaus nachvollziehbar, dass die landläufige Interpretation der Arbeitsministeriums-Grafik korrigiert werden muss, versuchen dann aber die These “Ungleichheit nicht gestiegen, sondern gesunken” mit einer Zeitreihe (2005-2013) zu untermauern, die deutlich von der Zeitspanne der ursprünglichen Grafik (1995-2015) abweicht. Wie hat sich denn die Ungleichheit von 1995 bis 2015 verändert (Gini-Koeffizient)?

  • Alfred Garloff

    Die Behauptung von Herrn Hagelüken in der Süddeutschen Zeitung lässt sich (unglücklicher Weise) aber ganz gut belegen. Das sieht man zwar nicht an der Grafik, die Herr Pellengahr zeigt, sehr wohl aber in Abbildung 5 (S.76) in Grabka/Goebel (2017)(s.u.). Die untersten 40% der Einkommensbezieher (Netto-äquivalenzeinkommen) haben ein geringeres Einkommen als 1999 und ein etwa gleich hohes (oder etwas höheres) Einkommen wie 1991 oder 1995. Dahingegen haben die Einkommen der oberen 60% seit 1999 um knapp 10%, seit 1991 um gut 15% zugenommen.

    Grabka, Markus; Goebel, Jan (2017),in: DIW- Wochenbericht, 4/2017, S. 71 – 82. http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.550894.de/17-4-1.pdf

  • Hallo Thomas Bahlinger,
    die Abweichung beträgt zwei Jahre, also nicht wirklich groß. 1995 lag der Gini-Koeffizient übrigens bei bei 0,435. (Hir)

  • Hallo Dan Chris,
    da das Armutsrisiko relativ ist, kann selbst bei steigenden Lebensverhältnissen, das Armutsrisiko steigen, obwohl es keinem schlechter geht. (hir)

  • Ronald Schmidt

    Nur mal so ganz nebenbei, “was zwischen 1997 und 2013 passiert ist” Ist nicht wirklich aktuell, oder? In Zahlen herumstochern und für die Ausplünderung der unteren Einkommensgruppen diskutieren ist doch nun wirklich das Allerletzte. Im Moment sieht es so aus, das die unteren Einkommen sich kaum noch von der Staatlichen Stütze unterscheiden. Das ist das Erfolgsmodell der aktuellen Regierung.

  • Michael Hörl

    meines Serachtens wird noch viel mehr getrickst. Die Realeinkommen können gar nicht sinken, denn die Gewerkschaft setzt sich nicht an den Tisch, wenn nicht die Inflation abgegolten wird. Sieht so aus, als wären die Zahlen hier nicht um die Teilzeitquote bereinigt worden….

  • Alfred Garloff

    Und noch eine Anmerkung für den detailverliebten Leser. Statt auf die oben zitierte Studie von Felbermayr zu verweisen, hätte man ebenso gut auf eine Studie von Möller, Direktor des IAB verweisen können (Joachim Möller (2016): Lohnungleichheit. Gibt es eine Trendwende?, Hyperlink unten). Möller findet auf Basis derselben Daten (!) für denselben Zeitraum, dass die Lohnungleichheit für Männer (Ost und West) und westdeutsche Frauen nicht weiter steigt (aber auch nicht sinkt). Lediglich für ostdeutsche Frauen gibt es tatsächlich ein Trendwende. Die Erklärung für die unterschiedlichen Ergebnisse auf Basis derselben Daten sind die Autoren bisher schuldig geblieben. Ich persönlich würde dazu neigen, den Ergebnissen von Möller mehr Vertrauen entgegen zu bringen.

    http://doku.iab.de/discussionpapers/2016/dp0916.pdf

  • Thomas Bahlinger

    Warum beträgt die Abweichung 2 Jahre, wenn
    – Ausgangsbeitrag (Ministeriumsgrafik) 1995-2015
    – Ihr Beitrag 2005-2013 ??
    Die Abweichung im Beginnzeitpunkt beträgt 10 Jahre. Jetzt bringen wir es einfach mal auf den Punkt: 1995-2013 Veränderung 0,435 auf 0,56, also Ungleichheit erhöht und zwar deutlich, wobei die Ungleichheit sich vor der Finanzkrise stark erhöht und danach (oder dadurch) wieder ein klein wenig verringert hat. Insgesamt hat sie sich aber erhöht.

    Ich bin ja ein glühender Verfechter der sozialen Marktwirtschaft, aber eben gerade darum fest davon überzeugt, dass die richtigen Schlussfolgerungen aus den richtig dargestellten Fakten gezogen werden müssen. Und wenn die Arbeitsminiseriumsgrafik zeigt, dass diejenigen, die sich krummlegen und aufgrund geringer Qualifikation am Ende der Lohnskala stehen, heute weniger haben als vielleicht andere, die sich vor 20 Jahren krummgelegt haben, dann ist das LEISTUNGSFEINDLICH und insofern GEGEN die Marktwirtschaft. Und zwar unabhängig davon, warum heute Leute arbeiten, die vielleicht damals noch nicht produktiv waren. Wir sollten versuchen, die richtigen Anreize zu geben.

    Also, wer für die Marktwirtschaft ist, erkennt, wo Probleme liegen oder sich andeuten und steuert gegen. Viel Erfolg bei Ihrer Initiative!

  • Das ist also die NEUE soziale Marktwirtschaft.

    Wenn man es rein Monetär betrachtet mag diese Aussage stimmen. Mehr Ungleichheit sorgt für sozialen Stress und sinkender Lebenserwartung und zwar von allen Menschen dieser Gesellschaft.

  • Hallo Thomas Bahlinger,
    unserer Meinung nach sind die Probleme offensichtlich: es muss mehr in Bildung investiert werden. Eine gute Bildung und Ausbildung sichert ein Auskommen in Gegenwart und Zukunft. Hier muss nach wie vor insbesondere daran gearbeitet werden, die Zahl der Schul- und Ausbildungsabbrecher zu minimieren. (hir9

  • “Eine gute Bildung und Ausbildung sichert ein Auskommen in Gegenwart und Zukunft.”
    Das ist ein modernes Märchen. Ein gutes Auskommen bekommt man, wenn man besser gebildet oder qualifiziert ist als der Rest. D.h. es ist mal wieder eine relative Größe. An der Einkommensverteilung ändert das nichts. Wenn alle Leute promovierte Ingenieure wären, dann würden die Spezialisten in bestimmten Bereichen viel verdienen, eine breite Masse wenig und einige gar nichts.
    Der Fokus der INSM auf Bildung hat den Charme, dass man die Schuld auf die Einzelperson abwälzen kann. Sie ist nicht gut gebildet und daher kann man nichts an der Situation ändern.
    Bildung ist wichtig, kritische und aufgeklärte Menschen sind eine Bereicherung für uns alle. Nur wird man die Verteilungsproblematik dadurch nicht lösen. Das geht nur durch Politik. Die Fragen die man stellen muss, sind
    – Warum würfen einige wenige Menschen Milliarden leistungslos Gewinne einstecken?
    – Warum dürfen Menschen beliebig viel Erben in einer Leistungsgesellschaft?
    – Ist es eine gute Idee, dass reiche Menschen über Stiftungen die Meinungsbildung in einer Demokratie beeinflussen können?