Jeder sollte wissen: Je kleiner die Schritte, desto mehr Schritte muss er machen. Horst Köhler, *1943, Bundespräsident AD

4 Bildung

Deutschland braucht eine Bildungsoffensive!

Um Herausforderungen wie den demografischen Wandel oder die Digitalisierung zu bewältigen, braucht Deutschland eine Bildungsoffensive. Gute Bildung ist nicht kostenlos, doch wenn jährlich zusätzliche zwölf Milliarden Euro, kombiniert mit wettbewerblichen Rahmenbedingungen, zielgerichtet eingesetzt würden, könnten deutliche Verbesserungen erreicht werden.

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Bildung war schon immer ein Wahlkampfthema. Auch bei dieser Bundestagswahl versuchen die Parteien, mit dem Thema Bildung die Wähler zu überzeugen. Lobenswert ist, dass nahezu alle Parteien das Problem der in Deutschland weiterhin nur unzureichend vorhandenen Aufstiegsmobilität für sich erkannt haben. Erfreulich ist auch, dass sich im Zeitraum 2004 bis 2013 große Anstrengungen zur Verbesserung der Bildung und damit der Chancengerechtigkeit unternommen wurden. Diese Dynamik hat allerdings in den vergangenen Jahren deutlich an Fahrt verloren – das zeigt unser jährlich durchgeführter Bildungsmonitor. Gerade angesichts der zukünftigen Herausforderungen wie der Digitalisierung, der Integration von Migranten oder dem demografischen Wandel kann sich Deutschland keinen Stillstand in der Bildung leisten. Notwendig wäre vielmehr eine neue Bildungsoffensive, die auf folgende Punkte abzielt:

  1. Die Durchlässigkeit muss weiter erhöht werden: Trotz Verbesserungen ist in Deutschland der Bildungsstand weiterhin eng mit dem sozialen Umfeld verknüpft. Um diesen Zusammenhang abzubauen, kommt der frühkindlichen Bildung eine wichtige Rolle zu. Für weitere Fortschritte ist es besonders wichtig, die Qualität der frühkindlichen Bildung zu stärken und Rahmenbedingungen für eine bessere Schulqualität zu setzen. Entscheidend ist außerdem, inwieweit die Integration von Flüchtlingen gelingt.
  2. Flüchtlingsintegration verbessern: Um vor allem Flüchtlinge zu qualifizieren, sind zusätzliche Maßnahmen in den Bereichen, Kita, Schule, Berufsvorbereitung und -ausbildung sowie Hochschule notwendig. Das bedeutet Mehrausgaben von 3,5 Milliarden. Der Nutzen dieser Anstrengungen dürfte mittelfristig die Kosten aber überkompensieren.
  3. Kita-Qualität stärken und zusätzliche Plätze schaffen: Der Ausbau von 100.000 zusätzlichen Kita-Plätzen wurde bereits beschlossen. Doch das reicht nicht! Weitere 100.000 sollten noch dazu kommen. Dazu sollte die Qualität der Kitas verbessert werden, indem beispielsweise der Betreuungsschlüssel verkleinert wird. Für diese Maßnahmen wären zusätzlich jährlich fünf Milliarden Euro notwendig.
  4. Schulfrieden schaffen: Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre ist richtig. Eine Rückabwicklung auf G9 würde mit hohen Kosten einhergehen. Statt einer weitere Bildungszeitdiskussion sollte darüber nachgedacht werden, wie die Schulqualität weiter verbessert werden kann. Auch bzgl. der Schulformen sollte Schulfrieden geschaffen werden, damit keine Kraft in Strukturdebatten verloren geht.
  5. Qualität für Digitalisierung in Schulen sichern: Mit fünf Milliarden Euro will die Bundesregierung die digitale Infrastruktur an Schulen in den kommenden Jahren stärken. Gut so! Entscheidend wird aber sein, dass digitale Medien im Unterricht als Lehrmittel richtig eingesetzt werden. Dazu müssen Konzepte noch erarbeitet und Lehrer entsprechend qualifiziert werden.
  6. Rahmenbedingungen für gute Schulen schaffen: Gute Bildungspolitik heißt nicht immer nur mehr Geld. Auf Anreize kommt es an. Wettbewerb unter den Schulen würde die Schulqualität deutlich verbessern. Dazu braucht es vergleichbare Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten und im Gegenzug mehr Autonomie für die Schulen, um Impulse für einen Qualitätswettbewerb setzen zu können.
  7. Berufsorientierung stärken: Schon heute sind die Lohnprämien von beruflich qualifizierten Personen in technischen Berufen etwa so hoch wie die Lohnprämien von Akademikern in einer Reihe von Fachrichtungen. Wichtig ist daher eine Stärkung der Berufsorientierung an allen Schulformen der Sekundarstufe, um auch über Einkommens- und Karriereperspektiven der beruflichen Bildungswege zu informieren. Aufstiegsfortbildung und duale Studiengänge sind dabei wichtige Bildungswege. Viele Initiativen von Politik und Wirtschaft haben geholfen, zusätzliche junge Menschen für ein Studium in den MINT-Fächern zu gewinnen. Diese Anstrengungen sind auszubauen durch die Stärkung des Technikunterrichts und von MINT-Profilen der Schulen. Daneben gilt es, die hohen Studienabbruchquoten deutlich zu senken und Personen, die das Studium ohne Abschluss beenden, Alternativwege aufzuzeigen.
  8. Kapazitäten für Zuwanderung über das Bildungssystem schaffen: Die Zuwanderung über das Bildungssystem stellt den Königsweg der Zuwanderung dar. Die Hälfte der Absolventen bleibt in Deutschland, sie sind zu einem hohen Anteil erwerbstätig und arbeiten häufig als Experten in Engpassberufen. Deshalb sollten zusätzliche Hochschulkapazitäten für 100.000 ausländische Studenten geschaffen werden. Die Kosten hierfür beliefen sich auf 800 Millionen Euro.
  9. Arbeitsplatzbezogene Grundbildung stärken: Lesen und Schreiben ist die Grundvoraussetzung für eine gesellschaftliche Teilhabe. Die von Bund und Ländern ausgerufene Dekade der Alphabetisierung bietet große Chancen, die Lese- und Schreibfähigkeiten von Erwachsenen zu verbessern. Die Digitalisierung der Wirtschaft wird zwar nicht zu einem Wegfall einfacher Arbeit führen, aber die Anforderungen an kommunikative Kompetenzen deutlich erhöhen. Hierzu ist auch eine Stärkung arbeitsplatzbezogener Grundbildung dringend nötig, um die Potenziale der Geringqualifizierten zu stärken und ihre Chancen am Arbeitsmarkt zu verbessern.
  10. Bildungsfinanzierung vom Kopf auf die Füße stellen: Aus bildungsökonomischer Sicht sollte der Anteil der öffentlichen Bildungsfinanzierung in den frühen Stufen des Bildungssystems höher sein als in marktnahen späteren Stufen. Denn neben dem individuellen Nutzen profitiert von frühkindlicher Bildung auch die Gesellschaft sehr stark. Zum einen wird durch frühkindliche Bildung die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung stabilisiert, zum anderen erhöht sich die Durchlässigkeit. Darüber hinaus wird durch die frühe Kompetenzvermittlung die spätere – und teure – Nachqualifizierung ebenso reduziert wie die Wahrscheinlichkeit, dass Schüler Klassen wiederholen müssen oder die Schule abbrechen. Dies hat positive Auswirkungen auf das Berufsleben, den Arbeitsmarkt und die sozialen Sicherungssysteme.

Es geht bei der Bildungsoffensive nicht darum, Ausgaben für Bildung pauschal zu erhöhen. Mehr Geld führt nicht automatisch zu höherer Bildungsqualität. Wichtig ist, durch eine Mischung aus Anreizen und zielgenauen Investitionen in Integration, frühkindliche Förderung, Ganztagsschulen und Hochschulkapazitäten die Qualität zu stärken. Für diese Agenda wäre eine Ausweitung der Bildungsausgaben um jährlich zwölf Milliarden Euro notwendig. Geld, das gut angelegt wäre und am Ende allen zugutekäme.

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  • Autor

    Prof. Dr. Axel Plünnecke

    ist stellvertretender Leiter des Wissenschaftsbereichs Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik und Leiter des Kompetenzfelds Humankapital und Innovationen beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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  • steinweg

    Es ist bewundernswert einfach und gleichzeitig politisch völlig korrekt. Dann kann es keinen Zweifel geben.

  • 1. Bildung /= Ausbildung
    Neben viel richtigem, typische Floskeln, wenig konkretes und wenig belegtes.
    Beispiel: “Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre ist richtig.” Mehr als eine Meinung ist das wohl nicht. Die Frage ist nicht, ob 8 oder 9 Jahre. Die Frage ist, wie man die Zeit sinnvoll nutzt.

    “Arbeitsplatzbezogene Grundbildung stärken” Was soll das bitte sein? Eine Person Mitte 40 die geringqualifiziert ist, hätte welche digitale Grundbildung in der Schule erfahren müssen, damit sie es heute nicht ist? Die Technologie gab es noch nicht einmal. Es ist nicht zu erwarten, dass sich das ändert. Die Anforderungen verändern sich so schnell, sodass eine breite nicht arbeitsplatzbezogene Bildung notwendig ist. Diese ermöglicht das schnelle Begreifen von neuen Techniken.

    MINT Fokussierung: Einen wirklichen Mangel haben wir im Pflegebereich. MINT Fachkräfte sind lokal Mangeware. Meine Erfahrung mit Studenten ist allerdings die folgende. Sie finden nach ca. 6-12 Monaten einen Beruf, meist befristet, meist Leiharbeit, meist schlecht bezahlt. Sollte bei diesem angeblich großen Bedarf eigentlich nicht sein? Statt den MINT Schweinezyklus weiter zu fördern, sollte man die vorhandenen Interessen und Talente fördern. Witzig in diesem Zusammenhang ist, dass Ökonomen die Förderung von MINT fordern. D.h. sie fordern explizit nicht die Förderung (da scheinbar nicht notwendig) ihrer eigenen Disziplin.

  • Hallo Dan Chris,

    zu Punkt 1: “Statt einer weitere Bildungszeitdiskussion sollte darüber nachgedacht werden, wie die Schulqualität weiter verbessert werden kann.” Das impliziert ja, dass man sich darüber Gedanken machen sollte, wie die Zeit genutzt wird.

    zu Punkt 2: Natürlich gab es damals die Technologie nicht und man konnte sie in der Schule nicht darauf vorbereiten. Deshalb ist es aber umso wichtiger, dass Arbeitnehmer weiter qualifiziert werden, damit sie nicht den Anschluss verlieren.

    zu Punkt 3: Richtig ist, dass es keinen flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland gibt. Es existieren aber branchenspezifische und regionale Engpässe, die der Wirtschaft zu schaffen machen. So fehlten laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Oktober 2015 in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen über 173.000 Fachkräfte. Der durch diesen Engpass verursachte Wertschöpfungsverlust wird auf jährlich mindestens 29,5 Milliarden Euro geschätzt. Wachsende Engpässe stellt die Bundesagentur für Arbeit außerdem in Gesundheits- und Pflegeberufen fest. Hier sind etwa 30.000 Stellen unbesetzt.

    Die Zahl der Befristungen ist beim Berufseinstieg meistens etwas höher. Angesichts der Tatsache, dass ihre Arbeitsverträge aber auch besonders häufig entfristet werden, ist der Anteil von 17,2 Prozent bei den 25- bis 34-Jährigen nicht übermäßig hoch. In der Gruppe der 35- bis 44-Jährigen arbeiten nur noch 7,4 Prozent mit befristeten Verträgen. (Hir)

  • “Das impliziert ja, dass man sich darüber Gedanken machen sollte, wie die
    Zeit genutzt wird”

    Das ist richtig. Es ergibt sich aber nicht automatisch, dass 12 Jahre Schule besser oder schlechter sind als 13.

    “Deshalb ist es aber umso wichtiger, dass Arbeitnehmer weiter qualifiziert werden, damit sie nicht den Anschluss verlieren.”

    Auch richtig. Hat mit der Grundschule aber nichts zutun. Das hat etwas mit begrufsbegleitender Qualifikation zu tun.

    “naturwissenschaftlich-technischen Berufen über 173.000 Fachkräfte”

    In den Löhnen spiegelt sich das nicht wieder. Auch nicht auf den Berufsmessen. Hinzu kommt, dass man Ökonomen vielleicht pauschal zusammenfassen kann. Die Spezialisierung innerhalb der MINT Fächer ist extrem. Nur weil jemand Informatik studiert hat, kann er nicht automatisch bei die Sicherheitsarchitektur von Unternehmen entwerfen und betreuen.

    “ist der Anteil von 17,2 Prozent bei den 25- bis 34-Jährigen”
    Das sich dieser Anteil seit 20 Jahren deutlich erhöht hat, ignorieren sie aber.

    Der Witz ist, dass man die Arbeitsmarktprobleme nicht durch eine breite Erhöhung der Bildung lösen wird. Wir sind besser gebildet als je zuvor. Dennoch stagnieren die Löhne und die Arbeitsbelastung nimmt zu. In Italien geben Akademiker ihre Promotion nicht mit an, weil sie als überqualifiziert gelten.