Wenn ich ein Dienstmädchen einstelle, das im Jahr 2000 Franken kostet, geht das Bruttosozialprodukt hinauf - heirate ich dann das Mädchen, kommt es wieder herunter. Nello Celio, 1914-1995, schweizerischer Bundespräsident

- Buchkritik

Wie hast Du’s mit der Armut, Europa?

Was ist Armut? Wie ist sie messbar? Wer ist wirklich arm? Schon immer begleitet die Armutsdebatte Europas Geschichte. Und seit jeher scheint es für alle ein lästiges Thema zu sein. Auch heute tun wir uns immer noch schwer, Armut zu definieren und ihre Existenz wirklich anzuerkennen.

Philipp Lepenies: Armut – Ursachen, Formen, Auswege, C.H. Beck, München 2017

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Manche mögen es schon wieder vergessen haben. Doch zurzeit leben wir in der Dekade der Strategie „Europa 2020“. Dass sie unter Europas Bürgern kaum bekannt ist, mag an der schwierigen bis kaum vorhandenen Wahrnehmung europäischer Politik liegen – und damit auch am Desinteresse der Bürger. Die 2020-Strategie wurde im Jahr 2010 vom europäischen Rat mit dem Ziel verabschiedet, „intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum“ mit einer besseren Koordinierung der nationalen und europäischen Wirtschaft zu erreichen. Angesichts der Schuldenkrise und hoher Arbeitslosigkeit in vielen europäischen Staaten klingt das zwar wie Hohn. Doch zumindest was die Armut angeht, ist die Strategie ein Erfolg: Bis 2020 soll die Zahl der armutsgefährdeten Menschen in den 27 Mitgliedsländern um 20 Millionen sinken. 2010 waren etwa 120 Millionen Bürger von Armut und Ausgrenzung betroffen – genauer gesagt: 27 Prozent aller europäischen Kinder, 20,5 Prozent aller Europäer über 65 Jahre, neun Prozent aller Europäer ohne Arbeit. Glaubt man der aktuellen EU-Statistik, leben zurzeit etwa 80 Millionen Bürger in oder an der Schwelle zur Armut. Ziel also frühzeitig mehr als erreicht. Oder?

Wahrscheinlich nicht. Denn die Schwierigkeit ist es, zu definieren, was Armut überhaupt ist – und damit, welche Armut die aktuelle EU-Statistik überhaupt meint. Sprechen wir von Armut, wenn jemand sein Leben nicht mehr finanziell meistern kann? Oder wenn er auf Unterstützung zur Sicherung seines Lebensunterhalts angewiesen ist? Oder etwas ganz anderes? Wenn man sich der Definition des Begriffs Armut nähern will, sollte man erst die Geschichte der Armut und des Umgangs mit Armut verstehen, meint Philipp Lepenies. In seinem nun erschienenen Buch „Armut – Ursachen, Formen, Auswege“ geht der Politikwissenschaftler auf rund 120 Seiten dem „Phänomen Armut“ auf den Grund und bietet damit einen längst notwendigen Zugang zur heutigen Armutsdebatte – frei von Ressentiments.

Armut – ein Gefühl der Bedrohung für Wohlhabende?

Drei Dinge haben Lepenies zufolge unsere heutige Vorstellung von Armut beeinflusst: erstens das seit der Aufklärung gemachte Versprechen, dass es ein Leben ohne Armut geben soll, zweitens die Vorstellung, dass Armut messbar ist und zahlenmäßig erfasst werden kann und es damit drittens eine evidenzbasierte Grundlage für politische Entscheidungen in der Armutsbekämpfung gibt. So weit, so schwierig. Denn „Armut kann man erst richtig begreifen, wenn man die jeweilige Reaktion der Nicht-Armen auf Armut beleuchtet“, erklärt der Autor. Armut bewirke von Seiten der Wohlhabenden Rechtfertigungen des eigenen Status quo, Bestrafung, Verachtung, ein Gefühl der Bedrohung, der Ohnmacht bis zum Konsens, dass Armut bekämpft werden muss oder die Armen in den Rest der Gesellschaft integriert werden sollen.

In informativer und komprimierter Form eröffnet der Autor seinen Lesern die verschiedenen inhaltlichen Bedeutungen des Begriffs Armut seit 2000 Jahren – von der Verschuldung der Menschen im Römerreich über das Christentum und die Religion der Armen bis zu den Bettlern im Mittelalter und zur Kriminalisierung der Armut zu Beginn der Neuzeit. Auch modernere Armutsvorstellungen wie die des englischen Sozialforschers Peter Townsend oder des indischen Ökonom Amartya Sen deutet und kommentiert Lepenies und erinnert noch einmal an die Begeisterung der Europa-Politiker für ihre Entdeckung eines neuen Begriffs für Armut Anfang der 1990er Jahre: soziale Ausgrenzung. Für den Autor kein Grund zum Jubeln: „Die Diskussion über soziale Ausgrenzung marginalisierte den Armutsdiskurs in Europa und wurde zum dominanten Konzept“, schreibt Lepenies. „Armut“ wurde nun zusehends als altmodische Begrifflichkeit eines materiellen Elends gesehen, das man in Europa nicht mehr als vorhanden ansah, sondern eher als Randphänomen interpretierte. „Soziale Ausgrenzung hatte im Gegensatz zu Armut den Charakter des Transitiven, eines Zustandes, der durch geeignete Maßnahmen verbessert werden konnte.“

Die neun Kriterien der Armutsgefährdung

Heute werden Armutsgefährdung und Armutsrisikoquote als die Hauptindikatoren für Armut in Europa gesehen. Ein Risiko für Armut ist demnach dann gegeben, „wenn das bedarfsgewichtete Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens eines Landes beträgt“. Was kompliziert klingt, meint vor allem: Das Maß zeigt an, wie viele Menschen von Armut gefährdet sind, aber nicht, wie viele  wirklich arm sind. Und für alle, die wirklich wissen wollen, ab wann es bedrohlich wird – eine tatsächliche Gefährdung liegt vor, wenn mindestens vier von den folgenden neun Kriterien zutreffen:

  1. seine Miete und Rechnungen nicht bezahlen können;
  2. die Wohnung nicht heizen können;
  3. unerwartete Ausgaben nicht aus eigenen Mitteln zahlen können;
  4. nicht jeden zweiten Tag aus finanziellen Gründen Fisch, Fleisch oder eine vergleichbare vegetarische Mahlzeit zu sich nehmen können;
  5. nicht jährlich eine Woche Urlaub woanders verbringen können;
  6. sich kein Auto leisten können;
  7. sich keine Waschmaschine leisten können;
  8. sich kein TV leisten können;
  9. sich kein Telefon oder Handy leisten können.

Fazit

Lepenies’ Abhandlung bietet in ihrer erfrischenden Kürze einen hochinteressanten Einblick in das Thema Armut. Dem Autor gelingt es, die jeweiligen politischen Ereignisse und Reaktionen auf die Armutsdebatte geschickt in seine Analysen einzubinden. Das Buch bietet damit eine solide Grundlage für die dringend weiterzuführende Debatte.

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  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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