Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

3 Soziales

Gerechtigkeit wird in Chancen gemessen

Deutschland steht im Wahljahr 2017 gut da: Die Wirtschaft wächst, der Arbeitsmarkt befindet sich in einer sehr guten Verfassung, und die Zahl der Erwerbstätigen liegt bei mehr als 44 Millionen, Tendenz steigend. Dennoch: Die Furcht vor Armut und einer Teilung der Gesellschaft scheint allgegenwärtig. Dabei ist die Faktenlage ziemlich eindeutig. (mehr …)

Regelmäßig kocht in Wahlkampfzeiten die Debatte um eine Mittelschicht hoch, die sich, trotz Rekordbeschäftigung und durch die Bank positiver Wirtschaftsaussichten, scheinbar stetig verkleinert. Würde jetzt nichts unternommen, drohe die Spaltung der Gesellschaft.

Tatsächlich ist es so, dass unser progressives Steuersystem deutlich mehr umverteilt als anderswo. Während die Ungleichheit der Bruttoeinkommen hierzulande international im Mittelfeld liegt, ist die Ungleichheit der Nettoeinkommen so gering wie in kaum einem anderen Land.

Genauso steht Deutschland in puncto Armut vergleichsweise gut da. Selbst nach der eher fragwürdigen gängigen Definition von Armut, wonach als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Durchschnittseinkommens zur Verfügung stehen hat, schneidet die Bundesrepublik gut ab und liegt mit einer Quote von 16,7 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Da dieser Armutsbegriff aber eher ein Verteilungsmaß darstellt, als echte Armut zu messen, lohnt sich ein Blick auf den Anteil der Menschen, die erhebliche materielle Entbehrungen hinnehmen müssen und von neun grundlegenden Ausgaben – wie zum Beispiel das Heizen oder ein Telefon –  sich mindestens vier nicht leisten können. Dies trifft in Deutschland nur auf 3,9 Prozent der Bevölkerung zu und ist seit 2008 stabil. Im EU-Schnitt ist der Anteil doppelt so hoch.

Die Debatte darüber, wie man durch mehr Umverteilung mehr Gerechtigkeit schaffen kann, verstellt aber den Blick auf die gerechteste Lösung des Problems: Bildung. Bildungspolitik ist die beste Sozialpolitik. Die Armut ist bei Arbeitslosen neun Mal so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Auch Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss sind in besonderem Maße, nämlich drei Mal so stark, von Armut betroffen.

Bereits auf dem Dresdner Bildungsgipfel 2008 haben Bund und Länder gemeinsam beschlossen, die Bildungsausgaben bis 2015 auf sieben Prozent des BIP zu steigern. Dieses Ziel wurde auch im Jahr 2016 noch nicht erreicht. Deutschland braucht eine Bildungsagenda – mit Investitionen in frühkindliche Bildung, Integration, Ausbau von Ganztagsschulen und besseren Hochschulen. Gute Bildung für alle schafft Chancen für alle: Das ist Soziale Marktwirtschaft und soziale Gerechtigkeit.

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  • Autor

    Hubertus Pellengahr

    ist Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

    Alle Beiträge

  • “schneidet die Bundesrepublik gut ab und liegt mit einer Quote von 16,7 Prozent unter dem EU-Durchschnitt.”
    Deutschland schneidet besser als der EU Schnitt ab. Aber eine Frage habe ich dennoch. Warum steigt die Armutsquote trotz wachsender Wirtschaftskraft und sinkender Arbeitslosenzahlen? Wir haben offensichtlich ein Problem. D.h. die Spaltung findet sehr wohl statt. Eine Spaltung kann man eben nicht durch eine Momentaufnahme, sondern nur in der Entwicklung feststellen. Menschen brauchen eine Perspektive. Diese zeigt ganz
    offensichtlich nach unten.

    Grafik 1 und 2
    https://www.armutskongress.de/fileadmin/files/Dokumente/AK_Dokumente/armutsbericht-2017.pdf

  • Hallo Dan Chris,
    von Armut bedroht ist in Deutschland laut Statistischem Bundesamt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens aller Deutschen hat – bei Einpersonenhaushalten sind das rund 900 Euro im Monat, bei einer vierköpfigen Familie 1.900 Euro. 2014 betraf dies laut Statistischem Bundesamt (Mikrozensus) 15,4 Prozent der Bevölkerung.

    Armut ist hier jedoch relativ. Es geht mehr um Einkommensverteilung als um tatsächliche Entbehrung. Wenn etwa die Einkommen aller Deutschen steigen und damit auch das mittlere Nettoeinkommen, gelten Menschen mit weniger als 60 Prozent immer noch als armutsgefährdet, obwohl auch sie mehr Geld haben. Um die materielle Entbehrung mitabzubilden, rechnet die EU zusätzlich mit einem Sozialindikator. 2014 waren in Deutschland demnach 20,6 Prozent von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

    Mehr zu Armut in Deutschland finden Sie hier: http://www.insm.de/insm/Themen/Soziales/argueliner-10-fakten-zur-Armut.html

  • Mein Punkt ist die Entwicklung dieser Quote. Deutschland geht es diesbezüglich schlechter als vor 20 Jahren.

    “Wenn etwa die Einkommen aller Deutschen steigen und damit auch das
    mittlere Nettoeinkommen, gelten Menschen mit weniger als 60 Prozent
    immer noch als armutsgefährdet, obwohl auch sie mehr Geld haben.”
    Tolle Aussage. Sie hat Null Inhalt. Die Armutsquote ist gestiegen. Egal wieviel Feinheit sie rein stecken. Die Behauptung ist, die Schere zwischen Arm und Reich und damit die Gerechtigkeit geht nicht auseinander. Das stimmt einfach nicht.
    Der Vergleich mit dem Ausland ist irrelevant. Wie bereits geschrieben, wollen Menschen eine positive Perspektive auf ihre Zukunft haben. Die gibt es für große Teile der Bevölkerung nicht. Dort herrscht Armut vor und keine Chance sich daraus zu befreien. Ich empfehle den Autoren einfach mal in Krisenbezirke zu gehen. Dort gibt es weniger Ärzte, weniger Infrastruktur, etc.
    Ich empfehle den Autoren mal die Sterbetafeln anzusehen. Nachweislich sterben arme Menschen deutlich früher. D.h. der Indikator der relativen Armut ist sehr wohl aussagekräftig und er entwickelt sich schlecht in einem reichen Land wie Deutschland.