Man darf niemandem einen Vorwurf machen, der seinen gerechten Anteil am Wirtschaftswachstum einfordert. Wolfgang Huber, *1942, Evang. Bischof, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche.

5 Soziales

Buchbesprechung: Rente mit 70 – Ein Schwarzbuch

Die Diskussion um die gesetzliche Rentenversicherung wird zunehmend von der Sorge um vermehrte Altersarmut geleitet. Es mangelt nicht an Horrorszenarien, eher an Lösungsvorschlägen. „Rente mit 70 – Ein Schwarzbuch“, herausgegeben von Annelie Buntenbach, Markus Hofmann und Ingo Schäfer, unterstreicht den Befund. Anders als der Titel glauben machen möchte, setzt sich das Buch nicht mit einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit auseinander, in mehr als 40 Portraits geht es um das Thema Arbeit. Ein Etikettenschwindel.

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Schon das Vorwort der Herausgeber lässt ahnen, wohin die Lesereise führt. Es gleicht einer Abrechnung mit der Idee einer verlängerten Lebensarbeitszeit: Am Ende stehe „ein höheres Rentenalter, bei niedrigerem Rentenniveau und groteskerweise dennoch höheren Beiträgen“. Statt sich mit den demografischen Herausforderungen zu beschäftigen und alternative Lösungen anzubieten, werden den Befürwortern einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit unlautere Absichten unterstellt. Axel Börsch-Supan, anerkannter Rentenexperte, hat kürzlich eine Dynamisierung der Regelaltersgrenze nach einer Zwei-zu-eins-Regel vorgeschlagen: Steigt die Lebenserwartung um weitere drei Monate, soll die Lebensarbeitszeit um zwei Monate, die Rentenbezugszeit um den übrigen Monat verlängert werden. Die DGB-Vertreter lehnen solche Vorschläge rundweg ab, sind sie doch von den „Gewinninteressen der Unternehmen und der Wirtschaft“ geleitet. Dieser Ton setzt sich fort: „Rente ist keine einfache Mathematik!“, rufen sie den Professoren zu. Gleichwohl präsentiert Frau Buntenbach in ihrer Funktion als alternierende Vorsitzende des Bundesvorstandes der Deutschen Rentenversicherung Bund alle zwei Jahre die Rentenformeln und -finanzen. Ein bisschen Mathe gehört also schon dazu.

Die Debatte um eine Rente mit 70 ist mit dem Vorwort schon geschlossen. Danach berichten die mehr als 40 Porträtierten aus ihrem Arbeitsumfeld. Die Intention ist klar: Es werden Arbeitswelten skizziert, die so hart sind, dass eine Rente mit 70 einer Überforderung gleichkommt. Der Ansatz ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Zunächst ist es schwierig, Einzelschicksale zur Argumentationsgrundlage zu machen – in einem System mit 20 Millionen Rentnern und 36 Millionen Beitragszahlern. 13 Millionen Kinder, die künftige Renten finanzieren, gehören der Ehrlichkeit halber dazu. Es hätte zumindest einer kritischen Würdigung und Einordnung der persönlich gefärbten Argumente in die Rentendebatte bedurft. So gut wie alle Befragten sind Gewerkschaftsfunktionäre und/oder Betriebsräte. Das thematische Spektrum bleibt entsprechend homogen. Einzelhandel und Gastronomie werden kritisiert. Befristungen werden beanstandet, Zeitarbeit abgelehnt und Soloselbstständigkeit problematisiert. Beschrieben werden atypische Beschäftigungsformen und Unternehmensorganisationen mit mobilen Produktionsstätten, Tochterunternehmen und regional verstreuten Betriebsstätten. Alles wichtige arbeitsmarktpolitische Themen. Die Demografie und ihre Folgen für die Rentenversicherung bleiben außen vor.

Harry Schäfer, 56, ist Paketzusteller – „Ein Knochenjob“. Er läuft die zehn Kilometer in 45:30 Minuten. Es kommt vor, dass er „sogar manchmal noch auf Ältere trifft, die an ihm vorbeiziehen“. Den Leser von heute lässt die Bemerkung ungerührt, und doch steckt ein wesentlicher Kern in ihr. Vor fünfzig Jahren hätte sie großes Erstaunen ausgelöst: undenkbar zu einer Zeit, in der man im Schnitt 2,8 Kinder bekam und etwa zehn Jahre lang Rente bezog. Heute sind es nur halb so viele Kinder und eine etwa doppelt so lange Rentenbezugsdauer. Wir leben immer länger und altern fitter. Davon profitieren ganz sicher nicht alle, aber immer mehr. Doch diesen Aspekt beleuchtet das Buch nicht. Vertan wurde die Chance, die Alterung der Gesellschaft genauer unter die Lupe zu nehmen und kritisch zu diskutieren. Spannend wäre gewesen, was jüngere Arbeitnehmer von der Rente erwarten, was sie für ein angemessenes Rentenniveau halten und wie sie sich leistbare Beiträge vorstellen. Denn am Ende sind alle politischen Überlegungen zum Rentensystem auf drei Kennzahlen zurückzuführen: die Höhe des Beitragssatzes, des Rentenniveaus und des Renteneintrittsalters. Welchen Mix halten die Autoren und Befragten für vertretbar? Man erfährt es nicht.

„Rente mit 70 – ein Schwarzbuch“ überfrachtet die Rentendebatte. Es entsteht der Eindruck, die gesetzliche Rente müsse und könne alle Lebensrisiken auffangen. An diesem Anspruch wird sie scheitern, denn die gesetzliche Rente ist der Spiegel der Erwerbsbiografie. Kaum einer der Porträtierten spricht über eine Erhöhung der Lebensarbeitszeit. Längeres Arbeiten wird pauschal abgelehnt. Die Erklärung: Der Altersschnitt der Interviewpartner liegt weit über 50. Die meisten von ihnen sind gar nicht betroffen von einer Rente mit 70.

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  • Autor

    Thomas Köster

    ist Koordinator Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik bei der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V..

    Alle Beiträge

  • “Denn am Ende sind alle politischen Überlegungen zum Rentensystem auf
    drei Kennzahlen zurückzuführen: die Höhe des Beitragssatzes, des
    Rentenniveaus und des Renteneintrittsalter.”
    Genau hier liegt die INSM falsch. Es fehlt ganz wesentlich, ob wir die gesetzliche Rente über Löhne finanzieren wollen, ob man versicherungsfremde Leistungen nicht auslagern sollte, ob man die Subventionierung der privaten Vorsorge aussetzen sollte, usw.
    Komischerweise steht auch immer nur die gesetzliche Rente im Fokus. Die private Rente, die Pensionen und anderen Spezialkassen (Ärzte, Juristen, etc.) werden von der INSM und anderen Lobbyorganisationen nicht bedacht. Warum auch, wenn man die gesetzliche Rente kaputtmachen kann, um den Interessen der privaten Vorsorgeunternehmen zu dienen.

    Letztenendes ist es eine Verteilungsfrage. Hier wird es bechrieben und dennoch nicht verstanden

    “in einem System mit 20 Mio. Rentnern und 36 Mio. Beitragszahlern. 13 Mio. Kinder, die künftige Renten finanzieren”
    Wer finanziert doch gleich die Kinder? Wer finanziert die Nichterwerbstätigen? Wer finanziert die Bezieher leistungsloser Einkommen (Zinsen, Renditen, etc.)? Richtig es sind die gleichen, welche die Rente finanzieren. Wenn also Arbeitlose Rentner werden, dann ändert sich an der Belastung nichts. Dieser Punkt wird ausgeblendet, weil das tolle betriebswirtschaftliche Bild zusammenbricht. In einer Volkswirtschaft geht es nur darum, ob sie leistungsfähig genug ist, um Leistungen zu generieren.
    Wenn dieser Punkt erfüllt ist, geht es nur noch darum, ob man es machen möchte und wie man die Belastung verteilt.

    Fun Fact
    In eben jenem INSM Blog wurde versprochen, dass die private Vorsorge alle Probleme beheben wird. Nie habe ich eine Revision dieser Behauptung gelesen. Empirisch ist sie widerlegt.

  • Hallo Dan Chris,

    was schlagen Sie denn als alternative Finanzierungsquelle für die Rente vor? Wenn sie über Steuern finanziert wird, steht man wieder vor dem gleichen Problem: die Steuereinnahmen müssen steigen, wenn weniger Steuern durch den demografischen Wandel eingezahlt werden. (Hir)

  • Warum werden zwingend weniger Steuern durch den demografischen Wandel eingezahlt?
    Es gibt im Grunde zwei Szenarien.
    1. Szenario: Die Erwerbstätigen erwirtschaften zu wenig und können den Rest der Bevölkerung nicht versorgen. In diesem Fall kann man kein Rentensystem finanzieren, egal wie. Weder privat noch staatlich.
    2. Szenario: Die Erwerbstätigen erwirtschaften genug und können den Rest versorgen. Dann ist es eine Verteilungsfrage. Die Finanzierung ist dann ebenfalls egal und muss politisch und gesellschaftlich entschieden werden.

    Die INSM und alle Verbreiter der Angst vor dem demographischen Wandel, nehmen Szenario 1 an. Warum eigentlich? Die Produktivität steigt. Das Verhältnis der Erwerbstätigen zu Rentnern hat sich in den letzten 200 Jahren deutlich stärker verändert, als es das in den nächsten 30 Jahren tun wird. Die Renten sind sogar gestiegen. D.h. ich würde gerne mal ein plausibles Argument von der INSM hören, warum in 30 Jahren die Erwerbstätigen nicht den Rest der Bevölkerung versorgen können sollten.

    Gibt es plötzlich keine Produktivitätszuwächse mehr? Bei 1% durchschnittlichem Produktivitätszuwachs gibt es 30% mehr zu verteilen. Alternativ könnten wir 30% an Erwerbstätigen reduzieren bei gleichem Lebenstandard. Wir könnten aber auch heute investieren, um die Produktivität weiter zu steigern. Bei 2% haben wir schon 80% mehr zu verteilen.

    Man sieht also sehr einfach, dass die Demographie nicht das Problem ist, sondern nur die Produktivität.

    Ein letzter Punkt soll das verdeutlichen. Folgt man der Logik der INSM, welche alles auf die Alterstruktur der Gesellschaft festlegt, dann sollten in der Sahelzone gute Renten gezahlt werden. Fast keine Alten und viele Junge.
    Klar die Jungen sind oft arbeitslos und es gibt keine hochproduktiven Unternehmen, aber die reine demographische Betrachtung der INSM tangiert das ja nicht.

  • Hallo Dan Chris,
    die Produktivität steigt nicht zwangsläufig: http://www.insm.de/insm/Presse/Pressemeldungen/IW-Studie-Produktivitaetsluecke-Demografie.html. Die entscheidende Frage ist, wie Sie bereits gesagt haben, eine Verteilungsfrage: im Moment sieht es aber eher danach aus, dass von Jung zu Alt umverteilt wird. (Hir)

  • “die Produktivität steigt nicht zwangsläufig”
    Natürlich nicht. Nur momentan ist das eben nicht unser Problem und wie es in der Zukunft aussieht ist spekulativ. Momentan liegt das Gesamtarbeitsvolumen bei dem Wert von 1990. Im Schnitt arbeiten also alle Erwerbstätigen unter 30 Stunden je Woche. Allein wenn man diesen Durchschnittswert auf 31 Stunden erhöht, bei Konstanz des Bedarfs, hat man fehlende Produktivitätswächse kompensiert.

    “wie Sie bereits gesagt haben, eine Verteilungsfrage: im Moment sieht es aber eher danach aus, dass von Jung zu Alt umverteilt wird.”
    Das ist aber nicht der Punkt der von der INSM kritisiert wird. Es wird kritisiert, dass sich die Rente aufgrund der Alterung nicht finanzierbar sei. Hier stimmen sie zu, dass dem nicht so ist.