An der Börse sind 2 und 2 niemals 4, sondern 5 minus 1. Peer Steinbrück, *1947, dt. Politiker

10 Umwelt

Schlechtes Zeugnis für die ‚Klimakanzlerin‘

Aktuelle Studien zeigen die Schwächen der deutschen Energiewende auf. Um Wege aus der Sackgasse zu finden, müssen wir Denkverbote aufgeben und von anderen Ländern lernen.

(mehr …)

Seit 2012 analysiert die Unternehmensberatung McKinsey im Halbjahresrhythmus den Status der deutschen Energiewende. Die aktuellen Daten sind ernüchternd. Bei neun von 14 Kennzahlen aus den Bereichen Klima- und Umweltschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit erteilt die Beratungsgesellschaft der Regierung eine schlechte Note. Auch die bundeseigene Deutsche Energieagentur (Dena) zeigt sich in einer aktuellen Studie besorgt. Die Energiewende verursacht bislang vor allem explodierende Kosten. Zum Klimaschutz trägt sie kaum bei.

Um neben konventionellen Energiequellen wirtschaftlich bestehen zu können, müssen die „Erneuerbaren“ in Milliardenhöhe subventioniert werden.

Die hohen Kosten sollten niemanden überraschen. Um neben konventionellen Energiequellen wirtschaftlich bestehen zu können, müssen die „Erneuerbaren“ in Milliardenhöhe subventioniert werden. Hinzu kommen die Folgen der Volatilität von Wind- und Solarenergie. Die Kosten für netzstabilisierende Eingriffe haben sich laut der aktuellen McKinsey-Analyse seit 2014 verdoppelt. Die Zeche zahlen die privaten und gewerblichen Nutzer über die EEG-Umlage (nur fünf Prozent der deutschen Industrieunternehmen sind von der Umlage befreit).

Es ist nicht gelungen, die Strompreise für Privathaushalte zu stabilisieren. Deutschland hat bereits die zweithöchsten Strompreise in Europa. Während die Stromkosten im europäischen Ausland sinken, sind sie in Deutschland in den letzten Monaten noch einmal um 1,4 Prozent gestiegen. „Der Preisabstand zum europäischen Durchschnitt hat sich […] seit Beginn der Index-Erhebung nahezu verdoppelt“, schreibt das Autorenteam von McKinsey.

Auch das Versprechen der Bundesregierung, die Industriestrompreise nicht über 8,5 Cent pro Kilowattstunde steigen zu lassen, wurde nicht eingehalten. Der Wert liegt heute bei 13,4 Cent. Auf die hohe Belastung hatte vor einigen Wochen bereits der Deutsche Industrie- und Handelskammer Tag (DIHK) hingewiesen. Für den DIHK-Präsidenten Eric Schweitzer ist die Energiewende ein „echter Standortnachteil“. Jedes zwanzigste Mitgliedsunternehmen habe bereits aufgrund der Energiewende die Produktion in Deutschland eingeschränkt.

Das zentrale Ziel der Energiewende, den CO2-Ausstoß zu senken, wird verfehlt. Seit 2009 stagnieren die Emissionen bei circa 900 Millionen Tonnen pro Jahr. Das Ziel der Politik, den deutschen CO2-Ausstoß bis 2020 auf 750 Millionen Tonnen zu reduzieren, halten die Autoren von McKinsey für unrealistisch. Entwarnung gibt der Bericht lediglich bei der Versorgungssicherheit. Bislang habe es nur wenige Stromausfälle gegeben. Die gesicherte Reservemarge im Kraftwerkspark sei weiterhin hoch.

Um zu verstehen, warum die Energiewende kaum Fortschritte bei den CO2-Emissionen bringen kann, muss man sich mit den Eigenschaften des Stromnetzes und der Energiequellen Wind und Sonne beschäftigen. In einem stabilen Stromnetz müssen Energiezufuhr und Energieentnahme genau aufeinander abgestimmt sein. Ohne Kraftwerke, die innerhalb von Minuten die Balance zwischen Angebot und Nachfrage anpassen, gäbe es permanent Blackouts.

Die Windkraft kann die Netzstabilität nicht gewährleisten. Sie ist nicht nur volatil, sondern auch hochgradig korreliert. Wenn im Norden Deutschlands kein Wind weht, ist das meist auch im Süden der Fall (selbst innerhalb Europas kommen flächendeckende Flauten vor). Egal wie viele Windräder man aufstellt, die gesicherte Leistung ist gleich null. Am 13. März 2014 fiel die Windstromerzeugung in Deutschland zum Beispiel auf 0,1 Prozent (!) der installierten Nennleistung. Dasselbe gilt für Solarzellen. Wolken bedecken große Flächen, und nachts scheint die Sonne nirgendwo.

Fortgeschrittene Speichertechnologien lassen auf sich warten. Daher können bislang nur konventionelle Kraftwerke (fossile oder Kernenergie) eine stabile Versorgung gewährleisten. Windräder und Solarzellen haben bisher kein einziges konventionelles Kraftwerk wirklich „ersetzt“. Fossile Kraftwerke bilden weiterhin die Basis unserer Stromversorgung. Ihre Gesamtkapazität beträgt heute 90 Gigawatt, genau wie zu Beginn der 1990er-Jahre. Um die Schwankungen der Erneuerbaren auszugleichen, müssen die konventionellen Kraftwerke ständig rauf- und runtergeregelt werden, werden also ineffizient betrieben. Seit dem schweren Reaktorunfall im japanischen Fukushima 2011 wurden zudem neun Gigawatt CO2-arme Kernenergie vom Netz genommen. Kein Wunder also, dass die Emissionen nicht sinken.

Dass die Energiewende in der jetzigen Form scheitern würde, stand von Anfang an fest. Die Probleme werden immer offensichtlicher. Trotzdem bleibt die Energiewende das liebste Kind von Politik und Medien. Sie wird als alternativlos präsentiert und als großartiges Gemeinschaftsprojekt und Modell für den Rest der Welt moralisch überhöht (was sie real nicht ist: Laut einer Umfrage des Weltenergierates in 42 Ländern sieht das Ausland die Energiewende durchweg skeptisch und will sie nicht kopieren). Um die Energiewende ist eine regelrechte Schweigespirale entstanden. Kritiker werden moralisch abgewertet. Sie werden nicht selten mit Labels wie „rechtspopulistisch“, „neoliberal“, „rückständig“ oder „Klimaleugner“ etikettiert, anstatt auf ihre Argumente einzugehen.

Auf internationaler Ebene setzt man auf einen überheblich belehrenden Öko-Nationalismus. Obwohl Deutschland in Sachen Klimaschutz überhaupt nichts vorweisen kann, jettet Bundeskanzlerin Angela Merkel um die Welt und inszeniert sich als Weltretterin und politisch-moralischer Gegenpol zum amerikanischen Präsidenten (und bekannten ‚Klimaskeptiker‘) Donald Trump.

Es muss erlaubt sein zu fragen, ob Privatverbraucher und Unternehmen nicht letztlich umsonst belastet werden.

Deutschland braucht dringend eine sachliche Diskussion über die Energiewende. Es muss erlaubt sein zu fragen, ob Privatverbraucher und Unternehmen nicht letztlich umsonst belastet werden. Auch die Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt sollten debattiert werden. Neben der Deutschen Wildtier Stiftung gibt es kaum Stimmen, die auf die massive Zerstörung von Naturflächen für Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen, Leitungstrassen und Zufahrtstraßen aufmerksam machen.

Es gibt viele gute Gründe, die Warnungen der Klimaforschung ernst zu nehmen und unsere CO2-Emissionen zu reduzieren. Um hier erfolgreich zu sein, muss Deutschland jedoch schleunigst Denkverbote aufgeben und bereit sein, von anderen Ländern zu lernen. Im Vergleich zu Deutschland produziert etwa unser Nachbar Frankreich pro Kilowattstunde erzeugter Elektrizität nur circa ein Zehntel (!) des CO2-Ausstoßes. Warum? Die Franzosen setzen seit den 1970er-Jahren vor allem auf die weitestgehend emissionsfreie Kernenergie.

In vielen Teilen der Welt bricht ohnehin ein neues Atomzeitalter an. Aktuell befinden sich weltweit 51 neue Atomkraftwerke im Bau. Die neuen Reaktoren werden sicherer, kompakter und effizienter sein und bestehenden Atommüll als Brennstoff nutzen können. Deutschland sollte offen bleiben für diese Entwicklungen. Die Zukunft der Energieversorgung ist nicht so eindimensional, wie die Anhänger der Erneuerbaren behaupten. Aktuell ist die Energiewende kaum mehr als eine symbolische Wohlfühlaktion, die Bürgern, Wirtschaft und der Umwelt schadet.

Dieser Beitrag ist zuerst im Magazin Novo erschienen.

Keinen Ökonomen-Blog-Post mehr verpassen? Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter, und abonnieren Sie unseren WhatsApp-Nachrichtenkanal oder unseren RSS-Feed.

 

 

  • Autor

    Kolja Zydatiss

    ist Redakteur und Social Media Manager beim Magazin Novo. Der studierte Psychologe lebt in Berlin.

    Alle Beiträge

  • “In vielen Teilen der Welt bricht ohnehin ein neues Atomzeitalter an.”
    Es wird kein neues Zeitalter anbrechen. Atomkraft ist halt teuer. Vom Autor werden die hohen Strompreise kritisiert und Atomkraft als positiv dargestellt. In Großbritannien ist der Preis pro kWh für das neue Atomkraftwerk auf einen höheren Preis festegelegt worden, als im Moment durch Windenergieanalagen realsierbar ist. D.h. wenn Atomkraft so toll ist, warum braucht man diese Garantie?
    Weiterhin kann Atomkraft die Probleme nicht lösen, da es uns schlicht an Brennstoff mangelt. Man verschiebt also die Ölprobleme in die Zukunft. Das Problem des Mülls bleibt ebenso bestehen. Denn die Reaktorbestandteile strahlen auch. Die Rückbaukosten sind nicht im Ansatz abschätzbar. Diese Technologie übrehaupt noch als Alternative zu sehen, halte ich für absurd. Zumindest ist es absurd, wenn man sagt die erneuerbaren Energien wären zu teuer.

    Weiterhin sind 51 neue Kraftwerke nicht gerade viel. In der gleichen Zeit werden auch viele abgeschaltet. Interessanter wäre also die Frage wieviel mehr Strom produziert wird. Ich tippe mal, dass es kaum bis gar keinen Zuwachs geben wird.

  • Hallo Dan Chris,

    ob es zwangsläufig wieder auf Atomkraft hinauslaufen soll, ist natürlich fraglich. Es geht uns vor allem darum, dass bei der Energiewende endlich wieder mehr Technologieoffenheit zum Tragen kommt. (Hir)

  • steinweg

    Werter Dan Chris, in diesem Wissensbereich müssen Sie noch etwas hinzulernen, Nachbeten reicht nicht.

  • “Technologieoffenheit”
    Keine Frage. Es sollte aber auch eine Technologiefolgenabschätzung durchgeführt werden. Das passiert oft genug nicht. Wenn man mit offenen Karten spielt, dann ist Atomkraft im Grunde keine praktikable Technologie, da sie teuer und träge ist. Gas hingegen ist eine relativ praktikable Technologie, da Gas auch als Speichermedium verwendet werden kann.
    So oder so, muss der Staat ein wenig Steuern, da egal welche Technologie verwendet wird, ein Pfad für Jahrzehnte eingeschlagen wird.

  • Etwas genauer bitte.
    Egal welches Kernkraftwerk ich baue, es strahlt hinterher (Fusion genauso).
    Teile dieser Kraftwerke müssen durch Ermüdungserscheinungen regelmäßig ausgetauscht werden (Müll).
    Die Kraftwerke müssen irgendwann rückgebaut werden (Müll + Kosten).
    Daher meine Frage, wie hoch sind die Rückbaukosten + wo lagern wir den Müll. Die Kraftwerke die Brennelemente weiterverwenden können, sind nicht in der Lage Beton zu nutzen. Daher bleibt eine riesige Menge Müll schlicht und einfach übrig.
    Der Brennstoff ist weiterhin endlich. Als wirkliche Alternative funktioniert es also nicht. Weiterhin ist der Abbau und der Rückbau der Abbaustätten ein großes Problem. Deutschland hat da Erfahrungen mit der Wismut GmbH.

    Das kann man alles wollen, sollte es aber bitte am Anfang berücksichtigen.

    Windkraft hat natürlich auch seine Probleme. Die Blätter nutzen Epoxidharze. Die werden aus Öl hergestellt und werden am Ende in der Regel verbrannt. Auch nicht gerade sauber. Solarzellen brauchen in Regel seltene Erden. Wasserkraft beeinflusst die Flusssysteme. Solarthermie ist noch nicht ausgereift.

    Alles hat seine Vor- und Nachteile. Die Frage ist, was der beste Kompromiss ist. Und ja ich habe mich damit beschäftigt und sehe das nicht dogmatisch. Es gibt Doktorarbeiten die Szenarien rechnen und auch ohne Atomkraft (Fusion + Spaltung) kommt man ohne Probleme aus. Mit beidem sieht der Mix anders aus. So oder so wird es Geld kosten. Das einseitige einprüggeln auf WEAs und Solar ist absurd.

  • Hallo Dan Chris,

    es geht auch nicht darum, dass auf Solar und Windkraft eingeprügelt werden soll, ganz im Gegenteil. Die Anlagen sollten jedoch dort gebaut werden, wo sie am meisten Ertrag bringen, und nicht weil sie eine hohe Subventionierung bekommen.

  • steinweg

    Wegen der von Ihnen aufgeführten Fakten nutzt auch niemand weltweit die Kernenergie. Das Wort Wieder-Aufarbeitung ist nur in Deutschland taboo. Die Wind-Mühlen leiden nicht unter Epoxy, sondern sie leiden unter der dritten Potenz. Die schränkt ihre Wirksamkeit ein. Solarthermie leidet wie PV unter der Tatsache, dass die Sonne nur an wenigen Punkten der Erde 24 h scheint. Bei Wismut leidet man unter Radon. CH4 als Speichermaterial zu erhoffen ?

  • “Das Wort Wieder-Aufarbeitung ist nur in Deutschland taboo.”
    Lesen sie überhaupt meinen Beitrag? Wie soll denn bitte Beton wiederaufbereitet werden. Wie soll das mit Staub passieren. In Tschernobyl war es günstiger ein Gebäude über ein Gebäude zu packen, anstatt es wiederaufzubereiten. Offensichtlich ist es nicht so einfach.

    “sondern sie leiden unter der dritten Potenz.”
    Sie beziehen sich sicher auf die Masse der Rotorblätter. Die steigt aber nur theoretisch mit der dritten Potenz. Real liegt man darunter. Daher sind WEAs auch schon mit 90-100m Rotorblattlänge in Planung und mit knapp 80m als Prototyp existent.

    “unter Epoxy”

    Sie leiden darunter, wie Atomkraftwerke unter der Strahlung der Reaktorbauteile leiden. Es ist eben Müll. Wenn man hundertausende Rotorblätter am Ende ihrer Lebensdauer rückbauen muss, dann ist Müll eben ein Problem. Genau wie bei Atomkraftwerken wird das oft vergessen, da man die gesamte Lebensdauer betrachten muss, um eine Technologie zu bewerten.

    “Solarthermie leidet wie PV unter der Tatsache, dass die Sonne nur an wenigen Punkten der Erde 24 h scheint.”
    Tatsächlich ist das sogar weniger kritisch. Solarthermie, welche Salze schmilzt kann bis zu drei Tagen genug Wärme speichern, um eine Turbine anzutreiben. Diese Technologie ist allerdings noch nicht praxistauglich. Ob sie es jemals wird, wird man sehen.

    So oder so, bei Atomkraft würde ich gerne sehen, dass jemand eine realistische Kostenplanung aufstellt. Man wird schnell erkennen das es sich nicht lohnt. Das Risiko für uns Bürger ist riesig. Damit meine ich allerdings das finanzielle. Theoretisch müssten die Konzerne die Rückbaukosten finanzieren und Rücklagen bilden. Wie gut das klappt sieht man aktuell. Die Kosten sind nicht absehbar (und irgendwann muss man Rückbauen) und es wird dann gejammert und mit Arbeitsplätzen argumentiert. Die Verantwortung trägt eigentlich auch niemand mehr, weil in 30 Jahren diese Leute vielleicht schon nicht mehr leben.

  • steinweg

    Vergessen Sie bitte nicht, dass die Turbine am Ende der Solarthermie jede Menge Kühlwasser braucht, der Wirkungsgrad ergibt sich aus der Temperatur-Differenz. Die Salz-Sache ist komplizierter. Die angesprochene dritte Potenz spielt bei dem Anblasen der Flügel der WK-Anlagen eine elementare Rolle. Wie man in der Ukraine Euro-Geld erbeutet, hat keinen wissenschaftlichen Hintergrund.

  • “Die angesprochene dritte Potenz spielt bei dem Anblasen der Flügel der WK-Anlagen eine elementare Rolle”
    Die Limitierung der Größe einer Anlage ist durch die Konstruktionsmöglichkeiten und Materialien begrenzt. Ich bin mir da ziemlich sicher, da ich in verschiedensten Forschungsprojekten diesbezüglich tätig bin.

    Der Punkt ist, dass die Entscheidung eigentlich aufgrund einer Folgenabschätzung durchgeführt werden sollte. Das Problem ist, dass man bei all diesen Dingen vortrefflich Annahmen treffen kann. Daher ist es beliebig schwierig, bis unmöglich eine objektive Entscheidung zu treffen. Kosten sind dabei kein wirklicher Weg. Die aktuellen Kosten für Kraftwerke beinhalten eben nicht den Rückbau, Umwelt- und Gesundheitskosten. Gerade die Umweltkosten, müssen festegelegt werden. Im Falle von CO2 Zertifikaten ist der Preis sehr niedrig. Der Uranabbau findet in Ländern statt die solche Kosten nicht einpreisen. Im Falle der Windenergie kennt man viele Einflüsse noch gar nicht.

    Es ist schwierig und bleibt spannend.

    Im Übrigen

    “Das Wort Wieder-Aufarbeitung ist nur in Deutschland” vorhanden und man kam wohl zum Schluss, dass es zu teuer und frisches Uran preiswerter ist.