Wieso soll jemand mit Geld überschüttet werden, der auf ganzer Linie versagt hat? Angela Merkel, *1954, erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland

7 Soziales

Wenn die Preise sinken: Wer gewinnt, wer verliert bei Handelsliberalisierungen?

Beispiel Mexiko: Die Handelsliberalisierung hat dort zu einem starken Anstieg von ausländischen Supermarktketten geführt. Ist das gut für das Land? Eine Gewinn- und Verlustrechnung von Maximilian Müller.

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„Eigentlich wären wir alle Verlierer“, so lässt sich die gefühlte öffentliche Meinung gegenüber Freihandelsabkommen zusammenfassen. Freihandelsabkommen hatten im letzten Jahrzehnt einen schweren Stand, verflucht und verteufelt wurden sie, Protestmärsche gegen sie erfreuten sich großen Zulaufs. In der öffentlichen Wahrnehmung scheint der Punkt erreicht zu sein, an dem mehr Globalisierung nur noch Unheil, jedoch keine Verbesserungen mehr mit sich bringt. Diese Sichtweise verstärkt den Trend zur Abschottung im Gegensatz zur weiteren Öffnung, eine politische Realität, die nicht ohne Folgen geblieben ist – Brexit und US-Politik sind warnende Beispiele.

Wie könnte also eine etwas differenziertere Sicht auf die Vor- und Nachteile des Handels und der Globalisierung aussehen? Es ist nicht zu leugnen, dass verstärkte globale Konkurrenz zu sinkenden Gehältern und Verlust an Arbeitsplätzen führen kann und teilweise auch führt. Auf der anderen Seite senkt der verstärkte Wettbewerb oft auch Preise für Konsumenten und erhöht die Auswahl an Produkten. Vor allem wenn man  schon einmal abseits der üblichen Touristenrouten in den ländlicheren und ärmeren Gegenden der Welt unterwegs war, ist man häufig erstaunt, wie groß die Auswahl im eigenen Supermarkt ist.

In unserer Wahrnehmung ist dagegen der drohende Verlust von Arbeitsplätzen oft weitaus präsenter als der potenzielle Vorteil verringerter Preise und erhöhter Vielfalt – schließlich sind vom drohenden Jobverlust mehr oder wenige Menschen äußerst stark betroffen und verschaffen sich dementsprechend Gehör – und das auch zu Recht. Doch wer macht sich für niedrigere Preise, mehr Qualität und erhöhte Vielfalt stark? Diesen sehr verstreuten und weniger konkreten Vorteilen fehlen die Fürsprecher, fehlt die Lobby. Wäre es da nicht fantastisch, wenn man die Vor- und Nachteile einer Handelsliberalisierung quantifizieren könnte?

Genau dies machen Atkin, Faber und Gonzalez-Navarro in ihrer Forschungsarbeit über die Auswirkungen der Liberalisierung von ausländischen Direktinvestitionen auf den Einzelhandel in Mexiko. Der Einzelhandel ist für viele Schwellen- und Entwicklungsländer von großer Bedeutung, da er in der Regel rund 15 Prozent der Beschäftigung und des Bruttoinlandsproduktes dieser Länder ausmacht sowie um die 50 Prozent der durchschnittlichen Haushaltsausgaben. In Mexiko sind durch die Liberalisierung internationale Supermarktketten nach und nach in die verschiedenen Gegenden des Landes expandiert, sodass die Zahl ausländischer Supermärkte von 365 im Jahr 2002 auf 1335 im Jahr 2014 angestiegen ist, sich über zwölf Jahre also fast vervierfacht hat.

Wer sich Sorgen um den einheimischen Einzelhandel und seine Beschäftigten macht, liegt vollkommen richtig. Jeder 25. einheimische Laden musste aufgrund der erhöhten Konkurrenz schließen – mit negativen Auswirkungen auf die durchschnittlichen Marktpreise, die aufgrund dieses Effekts um 0,7 Prozent gestiegen sind. Zusätzlich wurden die einheimischen Läden durch geringere Gewinne getroffen, ihre Angestellten durch niedrigere Einkommen und erhöhte Arbeitslosigkeit. Während dies für die Betroffenen schmerzvoll ist, macht dies für den Durchschnittshaushalt allerdings lediglich einen Wohlstandsverlust von 0,4 Prozent aus.

Auf der anderen Seite profitierten alle Haushalte von geringeren Lebenshaltungskosten durch die Expansion ausländischer Anbieter: Bestehende Supermärkte senkten ihre Preise um vier Prozent, Preise in neuen, ausländischen Läden waren für identische Produkte um zwölf Prozent günstiger und sie führten im Durchschnitt fünfmal so viele Produkte wie einheimische Läden. Auf diese Weise erreichten ausländische Supermärkte innerhalb nur weniger Jahre, dass ein Drittel der durchschnittlichen Haushaltsausgaben auf sie entfielen. Da diese positiven Effekte eine weitaus größere Bevölkerungsgruppe erreicht als die negativen Effekte, stehen unter dem Strich für diese Handelsliberalisierung Wohlstandsgewinne in Höhe von sechs Prozent des anfänglichen Haushaltseinkommens, größtenteils erreicht durch die niedrigeren Preise.

Da reichere Haushalte näher an den neuen Supermärkten wohnen, eher ein Auto besitzen und mehr Wert auf die Produktvielfalt und sonstigen Angebote der Neuankömmlinge legen, profitieren sie um 50 Prozent mehr als ärmere Haushalte. So ersetzen sie bis zu 50 Prozent ihrer Ausgaben im Einzelhandel durch Einkäufe bei ausländischen Anbietern, während ärmere Haushalte dies nur für 15 Prozent ihrer Ausgaben tun. Zwar profitieren reichere Haushalte mehr durch die Ankunft ausländischer Anbieter als ärmere, wie die Autoren der Studie betonen, doch alle Einkommensschichten sind bessergestellt als vorher.

All diese Auswirkungen sollten wir bedenken, wenn wir über den Ab- oder Aufbau von Handelsbarrieren entscheiden. Allzu oft scheinen wir die Folgen zu ignorieren, die zwar weniger drastisch wirken, dafür aber jeden von uns betreffen und so durch die schiere Masse an Betroffenen – positiv oder negativ – einen großen Unterschied für unseren gesellschaftlichen Wohlstand bedeuten. Dies bedeutet nicht, dass die stark betroffene Minderheit (etwa durch potenzielle Einkommenseinbußen oder Jobverluste) ignoriert werden darf oder soll. Allerdings würde es uns und vielen Ländern helfen, Vor- und Nachteile von Handelserleichterungen und -barrieren nüchterner abzuwägen und nicht immer denen zu folgen, die am lautesten schreien oder am meisten tweeten.

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  • Autor

    Maximilian Müller

    promoviert in Volkswirtschaftslehre an der University of California, Berkeley mit Schwerpunkten in Verhaltensökonomie, Entwicklungsökonomie und Wirtschaftsgeschichte.

    Alle Beiträge

  • jwujwu

    Sollten nicht auch Veränderungen im Steueraufkommen berücksichtigt werden?

    Folgendes Problem: Der Kunde kauft die Ware, die er als das beste Angebot einschätzt. Bei international frei gehandelten Waren sieht er der Ware bestimmte Aspekte jedoch nicht an, nämlich wie viel von dem Warenpreis ihm irgendwann indirekt in Form von durch Steuern finanzierten staatlichen Leistungen und ähnlichen Dingen wieder zurück zugutekommt.

    Beispiel: Ich habe die Wahl zwischen zwei oberflächlich gleichwertigen Produkten. Eines kostet 100€ und wurde im Inland gefertigt. Das andere kostet 90€ und wurde im Ausland gefertigt.

    Der Kauf des 100€ Produktes bedeutet jedoch z.B. 30€ an Mehreinnahmen an Lohnsteuer, Gewerbesteuer etc. für meinen eigenen Staat, welche beim Kauf des importierten 90€ Produktes wegfallen.
    Der Verlust für mein Land im Vergleich zum Kauf des inländisch produzierten Produktes ist damit grösser, als mein persönlicher Gewinn durch den Kauf des importierten Produktes.

    Ich selbst bekomme das nicht direkt zu spüren, aber wenn *alle* das importierte Produkt je einmal statt dem inländisch produzierten Produkt kaufen, dann erleidet jeder im Schnitt einen Verlust von 30€ durch reduzierte staatliche Leistungen, oder durch eine Steuererhöhung von 30€ pro Kopf um den Steueraufkommensverlust auszugleichen.

    Dadurch, dass also das inländische Produkt einen nicht unmittelbar sichtbaren Vorteil hat, der bei dem importierten Produkt nicht vorhanden ist, wird die Entscheidung, welches Produkt denn das beste Angebot sei, potenziell in die Irre geführt und führt zu suboptimalen Ergebnissen.
    Es mag zwar für ihn persönlich das kurzfristig beste sein, das importierte Produkt zu kaufen, aber für seine Gesellschaft insgesamt wäre die andere Entscheidung besser gewesen, und letzteres mag je nach genauer Situation überwiegen.

    Ein Zoll in Höhe der Steuereinnahmen bei inländischer Produktion des Produktes würde diese Verzerrung korrigieren und eine tatsächliche Vergleichbarkeit der Produkte herstellen.
    So wäre das Steueraufkommen von der Wahl des Produktes unberührt und die unmittelbar sichtbaren Produkteigenschaften genügen für eine vollinformierte Kaufentscheidung des Konsumenten, bei der seine eigenen Interessen auch den Interessen seiner Gesellschaft entsprechen.

    Bei zollfrei gehandelten Waren laufen seine eigenen Interessen aktuell den Interessen seiner Gesellschaft zuwider.

  • Ich kann die Antwort nur unterstützen. Sie verdeutlicht, dass die Komplexität des Problems um einiges höher ist, als im Text dargestellt. Auch dort wird nur geschaut wie der alte Einzelhandel und der neue Einzelhandel zueinander stehen.
    Die Frage der Zulieferer fehlt vollständig. Die Frage des Mülls (Supermärkte produzieren mehr Müll als die alten Tante Emma Läden) gibt es nicht. Wie sieht es mit den Steuern aus. Ausländische Konzerne zahlen eventuell kaum Steuern. Die Betrachtung muss ganzheitlich getätigt werden. Der Doktorand ist ein Freihandelsfreund. Daher bekommt er sein Ergebnis im Text. Wenn man das Ganze kritischer sieht bekommt man einfach das gegenteilige Ergebnis. Objektiv kann man keine Aussage treffen, da es keine Zielfunktion gibt.
    Wenn die Zielfunktion lautet die Lebensqualität der ärmsten Menschen zu steigern, dann scheitert das Beispiel. Wenn es um den Durchschnitt geht, dann sieht es wieder anders aus.

  • jwujwu

    Solche Effekte sehen wir schon heute, in Form von “Landflucht”.

    Man kauft nicht mehr im Eisenwarenladen nebenan ein, sondern bestellt seine Schrauben bei Amazon. Nur dummerweise kann dann der Besitzer des Einzelwarenladens sich dann auch den Besuch in der örtlichen Pizzeria nicht mehr so oft leisten, und so weiter.

    Als Folge davon stirbt in den ganzen kleinen Dörfern der Einzelhandel, diese werden zu Schlafstädten, in denen als lokale Wirtschaft maximal noch ortsgebundene Dienstleistungen (Gastro, Friseur etc) übrigbleiben. Alles was in Pakete verpackt und verschickt werden kann wird woanders in wenigen Produktionszentren (bei den Grossstädten) produziert.

    Das ist verkraftbar, solange eine entsprechende Mobilität der Arbeitnehmer besteht, dann zu den Städten zu ziehen, wenn es auch zumindest unschön sein mag, weil dann ganze Landstriche veröden.
    International klappt es jedoch nicht. Völliger Freihandel setzt auch international völlige Migrationsfreiheit für die Arbeitnehmer voraus, denn es wird ganze Länder geben, die genauso veröden wie dies mit bestimmten ländlichen Gegenden z.B. in Brandenburg geschieht. Diese dürfte man dann nicht dort einsperren sondern müsste ihnen die Migration erlauben.

    Ob es dem Wohlbefinden der Menschen dienlich ist, von ihnen zu erwarten, in ganz andere Länder zu ziehen und ihr soziales Umfeld zurückzulassen, ist eher fraglich. Hier kann es durchaus die bessere Wahl sein, auf etwas Produktivitätsmaximierung zu verzichten und stattdessen die lokale Wirtschaft am Leben zu erhalten, um den Migrationsdruck zu reduzieren – innerhalb eines Landes, und erst recht international.

  • Um solchen Diskurs zu führen, müssten Ökonomen und Politiker erst einmal anfangen zu definieren, was ist unsere Zielstellung. Ökonomen, habe ich den Anschein, wollen Effizienz um der Effizienz willen. Das ist aber Blödsinn. Das Ziel sollte Wohlstand sein und zwar für die Mehrheit der Bevölkerung.
    Wenn man diese Ziele definiert, ein Maß definiert wie man Wohlstand messen kann, einen Messzeitraum definiert, dann kann man einen Diskurs, eine Politik, eine Prüfung der Politik durchführen.
    Das wird alles nicht gemacht. Stattdessen geht es nur um Dogmen. Herr Hüther vom gestrigen Beitrag illustriert das wunderschön.

  • Hallo Dan Chris,

    das Ziel sollte Wohlstand für alle sein ;) Das kann man und muss man sogar über steigende Effizienz erreichen. (Hir)

  • Ein wichtiger Punkt dabei ist aber die Verteilung des Wohlstands. Sowohl die Zielstellung als auch die Verteilung sind oft genug nicht Ziel der Ökonomen. Da geht es nur um Freihandel, um des Freihandels willens. Da wird dann argumentiert es sei alles ganz toll. Wenn dem so wäre, könnte man es messen und wirklich aufzeigen. Oft genug gelingt das für breite Gruppen der Bevölkerung nicht, weil es eben nicht so einfach ist. Effizienz ist toll, wenn es mit einer enormen Arbeitsverdichtung und/oder Lohnsenkung einhergeht, dann ist es vielleicht nicht mehr so gut.

  • Bernd Dorsch

    Behauptet der Autor dieses Artikels ernsthaft, dass die Befürworter einer Handelsliberalisierung keine Lobby haben?