Nur mit Respekt sowohl vor dem freien Markt und dem freien Unternehmertum als auch vor dem staatlichen Gebot des sozialen Ausgleichs lässt sich erfolgreich Wirtschaftspolitik betreiben. Otto Graf Lambsdorff, (1926 - 2009), deutscher Politiker, Bundesminister für Wirtschaft, Bundesvorsitzender der FDP

17 Ordnungspolitik

Kreative Zerstörung statt Nachhaltigkeit

Deutschland gibt sich gerne innovativ. Mit echtem Fortschritt haben Energie-, Verkehrs- und Agrarwende jedoch wenig zu tun. /// Im letzten Teil der Serie „Innovation und Disrupion“ behandelt Thilo Spahl die fehlenden Innovationen in der Agrar- und Energiewirtschaft.

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Gesellschaftlicher, technologischer und wirtschaftlicher Fortschritt hängen eng zusammen. Je umfassender die Naturbeherrschung durch Technik, je produktiver die Wirtschaft, desto besser das Leben der Menschen. Unser Wohlstand ist auf Fortschritt und Wachstum angewiesen. Aber der Motor läuft schon ziemlich lange nicht mehr rund.

„In Europa grassiert eine chronische Wachstumsmüdigkeit. Nach dem Nachkriegsboom hat das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern seit 1960 stetig abgenommen. Im Euro-Raum kaschiert die EZB mit immer neuen Hilfspaketen ein Problem, das sie mit ihrem billigen Geld eigentlich kaum beeinflussen kann – die schwächelnde Produktivität der Realwirtschaft“, schreibt der Ökonom Phil Mullan. Er spricht von einer „Langen Depression“. Sie ist gekennzeichnet durch Stagnation und Phasen geringen Wachstums, durch zu viel Stabilität und zu wenig Erneuerung, zu viel Nachhaltigkeit und zu wenig Disruption. Zu viele Unternehmen und Arbeitsplätze werden „gerettet“, zu wenige neue werden geschaffen. Die entscheidende Frage ist: Wie gelangen wir wieder zu höherer Produktivität? Die Antwort lautet: durch Bereitschaft zu kreativer Zerstörung.

Damit die Produktivität steigt, müssen entweder neue Wirtschaftssegmente und Produkte entstehen, die die alten ergänzen oder ersetzen. Oder es müssen neue Produktionsmethoden entwickelt werden, die die alten obsolet, weil ineffizient, werden lassen. Immer wenn es solche technologischen Durchbrüche gibt, gehen einerseits viele alte Jobs verloren, andererseits entstehen viele neue Jobs.

Notwendig ist sowohl unternehmerisches als auch staatliches Handeln. Mullan schreibt: „Ungeachtet dessen, was die Befürworter des freien Marktes behaupten, wird das Marktsystem nicht zwangsläufig zu Innovationen und guten Arbeitsplätzen führen, wenn es von den Zwängen der Vergangenheit befreit wird. „Der Markt“ ist keine unabhängige Kraft. Ohne Menschen und die Beziehungen zwischen ihnen ist er bedeutungslos. Die Schaffung einer produktiveren und gesünderen Wirtschaft ist immer ein aktiver, kollaborativer, von Menschen geleiteter Prozess.“[i]

Wirtschaftswachstum zu fördern ist eine politische Aufgabe. Der Staat muss von der Stabilitätspolitik abrücken und eine Wachstumspolitik verfolgen. Er muss von der Pro-Business-Orientierung, die bestehende Unternehmen in vielfältiger Weise stützt und schützt, zu einer Pro-Innovationspolitik übergehen. Leider haben Wirtschaft und Staat heute eines gemeinsam: Fixierung auf Risiko, die gestiegene Furcht vor neuen Technologien und das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Und sie sind in diesem Überlebensmodus eng miteinander verbunden.

Der Staat wird beides tun müssen, sagt Mullan: mehr und weniger zugleich. Der Staat muss aufhören, die Zombiewirtschaft zu fördern. Er muss aufhören, den Unternehmen Anreize zu geben, sich mit Imagepflege in Gestalt von Nachhaltigkeitsberichten und dergleichen statt Produktivitätssteigerung zu beschäftigen. Er muss aufhören, sie mit bürokratischen Regulierungen einerseits zu behindern und ihnen andererseits Ausreden dafür zu bieten, dass sie kein dynamisches Wachstum realisieren und glauben, ein Recht auf Subventionen zu haben. Er muss Forschung und Entwicklung massiv fördern, dabei aber wegkommen von der Einengung der Forschung entlang der engen Bahnen der Nachhaltigkeitsrhetorik. Er muss Innovationstätigkeit anfeuern und kreative Zerstörung zulassen.

Große Transformation

Wie steht es um die deutsche Innovationspolitik? Tatsächlich können wir gerade in Deutschland eine ganze Reihe von Projekten beobachten, die eine große Transformation versprechen. Leider stellen sie keine Vorbilder dar. Hier läuft einiges grundsätzlich schief. In Deutschland ist gern von der Wende die Rede: Energiewende, Verkehrswende, Agrarwende. Der Begriff „Wende“ impliziert, dass man die Richtung grundsätzlich ändert. Die geforderten Veränderungen wären durchaus disruptiv. Sie würden das Umkrempeln großer Industriezweige bedeuten. Sie würden auch unser Leben verändern. Aber sie würden nicht dem Muster folgen, das bisher Disruption bedeutete. Sie würden nicht durch ein überragendes, neuartiges Produkt ausgelöst, das das vorhandene obsolet bzw. chancenlos macht. Und sie würden nicht durch neue Produktionstechnologie ausgelöst, die viel effizienter ist als die alte und diese in die Schrottpresse der Geschichte schickt.

In aller Deutlichkeit zeigt sich das Problem bei der Energiewende. Das Produkt ist dasselbe geblieben: Strom. Daran kann man ja nichts ändern. Man kann dem Strom zwar alle möglichen Namen geben: grünstrom easy, heim plus premium, SimplyGreen Ökostrom oder Berlin E-Mobil Natur Privatstrom. Man kann sich alle möglichen Tarife ausdenken. Am Ende wird immer die Bewegung von Elektronen durch einen Draht geliefert. Durchbrüche kann es hier nur bei der Erzeugung geben. Die entscheidende Frage für jemanden, der den Markt erschüttern will, ist also: Wie kann ich durch neue Technologien die Produktivität erheblich steigern? Genau das passiert aber bei der Energiewende bekanntlich nicht. Die neuen Erzeugungsmethoden, größtenteils Wind und Solar, sind nach wie vor erheblich ineffizienter als die konventionellen, Kohle, Gas und Atom.

„Wir beobachten hier also eine Disruption mit umgekehrtem Vorzeichen.“

Die enormen Subventionen der neuen Energiewirtschaft sind nicht besser als der alte Kohlepfennig, nur viel teurer. Auch hier geht es darum, ein Produktionssystem am Leben zu erhalten, das ohne massive und dauerhafte Unterstützung nicht lebensfähig wäre. Der Staat versucht mit den Mitteln der Stabilitätspolitik – Risikovermeidung, Subventionierung und Volkserziehung –, Innovationspolitik zu machen.

Wir beobachten hier also eine Disruption mit umgekehrtem Vorzeichen. Weg von effizienten Technologien, hin zu weniger effizienten. Möglich ist so etwas nur durch staatliche Abnahme- und Preisgarantien. In diesem Fall durch die Umlage der Mehrkosten auf alle Stromkunden, unabhängig davon, ob sie Ökostrom nachfragen und als Ökostrom deklarierten Strom kaufen oder ob sie ein konventionelles „Stromprodukt“ kaufen.

Es wird immer darauf hingewiesen, wie stark die Preise für Solar- und Windstrom schon gefallen sind, ja suggeriert, sie befänden sich praktisch im freien Fall, kurz davor, den Boden zu erreichen und sich in nichts aufzulösen. Tatsächlich haben wir eine Phase der schnellen Kostenreduktion gesehen. Das ist erfreulich, darf aber keineswegs so verstanden werden, dass wir nun auf bestem Wege seien, „sauberen Strom“ ebenso billig anbieten zu können wie den ungeliebten Kohlestrom. Entscheidend sind nämlich die Kosten des Gesamtsystems. Sie sorgen dafür, dass der Preis für den Verbraucher dennoch munter weiter nach oben gegangen ist.

Da das neue System ineffizient ist, entstehen durchaus Arbeitsplätze, sie werden aber teuer erkauft: Aufstellen, Instandhaltung und Wartung von Millionen kleiner Anlagen, extensiver Ausbau des Stromnetzes zum Anschluss all dieser Anlagen und zur Verteilung des unplanbar erzeugten Stroms, Digitalisierung des ganzen Systems, um die Ineffizienz zu lindern und es einigermaßen stabil zu halten, Marketing und Werbung, da das Einheitsprodukt Strom virtuell in verschiedene Geschmacksrichtungen aufgeteilt und beworben wird, Handel mit Grünstromzertifikaten und anderes mehr.

Die Finanzierung des Systems erfolgt zum übergroßen Teil durch Steuern und Umlagen. Von jedem Euro, den ich meinem Stromanbieter überweise, verwendet dieser nur 22 Cent für Beschaffung und Vertrieb des Stroms. 24 Prozent gehen für Netzentgelte drauf und 54 Prozent für Steuern, Abgaben und Umlagen.

Natürlich gibt es innerhalb des Systems ständig kleine Verbesserungen, die die Kostenexplosion bremsen. Aber das sind eben nicht die großen, disruptiven Technologiesprünge, die dafür sorgen, dass das alte, weniger effiziente aufgegeben werden muss. Das wäre ja aus Sicht der deutschen Politik auch fatal. Denn das „Alte“ ist ja in diesem Fall gar nicht so alt, sondern nur ineffizient.

Mit großen Anstrengungen und immensen Kosten ein ineffizientes System zu etablieren ist ein Fehler, unter dem man sehr lange zu leiden hat. Denn je mehr Geld und Überzeugung in ein Projekt fließen, desto geringer die Bereitschaft, es zu revidieren. Wie soll man sich als Politiker von einem System distanzieren, das man über viele Jahre als großes Menschheitsprojekt beworben hat und in das Hunderte von Milliarden geflossen sind?

Wenig Hoffnung für die Energiewirtschaft

Im Energiesektor ist Deutschland daher verbrannt. Technologische Durchbrüche sind hier nicht zu erwarten. Statt massiv in die Erforschung und Entwicklung neuer effizienter und sauberer Reaktortypen zu investieren, fließen Riesenbeträge in das Füttern des falschen Pferdes. Die Erneuerbaren haben als moderater Teil des Energiemixes ihre Berechtigung. Heute kommen allerdings in Deutschland trotz massiver Subventionierung gerade einmal 3,1 Prozent des Primärenergieverbrauchs aus Wind und Solarenergie. Weltweit sind es maximal ein bis zwei Prozent. Wir sollten aufhören, uns hier etwas vorzumachen. Wind und Sonne haben nicht das Potenzial, die globale Energieerzeugung zu revolutionieren. Wir können gleichzeitig aber auch nicht darauf setzen, alte Kohle- und Kernkrafttechnologie mit inkrementellen Verbesserungen immer weiter zu nutzen. Wir brauchen massive Anstrengungen in Forschung und Entwicklung, um bei allen Energieträgern fundamentale technologische Durchbrüche zu erzielen. Am sichtbarsten sind vielversprechende Ansätze derzeit bei der Kernenergie. Aber die Tatsache, dass sich hier vor allem unterfinanzierte Start-ups und Universitäten tummeln, zeigt in erschreckender Deutlichkeit das Fehlen staatlichen Engagements bzw. staatlicher Rahmenbedingungen zur Förderung privaten Engagements im großen Stil. Auch bei der Kohle muss die bloße Tatsache, dass noch für Jahrhunderte genug dieses nützlichen Energieträgers im Boden lagert, Anlass sein, mit neuartigen Technologien dafür sorgen, dass Kohlestrom nicht nur billig, sondern auch sauber ist. Ein interessanter Ansatz ist zum Beispiel eine neue Verbrennungstechnologie (Allam Cycle), die bei Gas und Kohle zum Einsatz kommen kann und CO2-freie Erzeugung ohne nennenswerte Zusatzkosten erlauben könnte.

Der ganze Klimaschutzzirkus von Kyoto bis Paris ist dagegen nichts anderes als Untätigkeit auf hohem Niveau. Man beteuert gegenseitig, wie entschlossen man ist, Treibhausgase zu reduzieren, formuliert munter Ziele für 2030, 2040, 2050, klopft sich auf die Schulter, schimpft über Trump – und unternimmt nichts, um zu wirklichen Durchbrüchen zu kommen.

Mullan skizziert das Szenario einer Bedrohung in Gestalt eines großen Asteroiden, dessen Kurs bekannt ist und von dem man daher weiß, dass er in 50 Jahren die Erde treffen wird. (Fiktiv daran sind nur die 50 Jahre. Dass sich immer wieder solche großen „Impacts“ mit global katastrophalen Folgen ereignen, ist bekannt.) Ein solcher Asteroid würde höchste Handlungsnotwendigkeit bedeuten. Wir müssten, mit einer echten Deadline versehen, die Technologien entwickeln und erproben, die erforderlich sind, den Himmelskörper vor der Kollision von seinem Kurs abzubringen. Es wäre aber sehr wahrscheinlich machbar.

„Es fließt wahrscheinlich mehr Geld in Werbung für den Klimaschutz als in die Entwicklung leistungsfähiger Technologien.“

Was ist beim Klimawandel anders? Gewarnt wird zwar auch hier vor einer Katastrophe, unklar sind jedoch Zeitpunkt und Ausmaß. Das mag die Mobilisierung erschweren. Entscheidend ist aber die generelle Skepsis gegenüber technologischen Großprojekten und die bornierte Hoffnung, die Sache ließe sich vielleicht noch hinbiegen, wenn wir an allen Ecken und Enden ein bisschen Energie sparen und uns oft genug hypothetisch vorrechnen, der Weltenergiebedarf könne in 30 Jahren um 50 Prozent gesenkt und zu 100 Prozent aus Erneuerbaren gedeckt werden.

So fließt wahrscheinlich mehr Geld in Werbung für den Klimaschutz als in die Entwicklung leistungsfähiger Technologien. Man pflegt den Mythos, es reiche, wenn jeder von uns im Alltag Klimagutes tut. Die erste Hälfte der Absolution erhält man mit dem Wechsel zum Ökostromtarif, die zweite mit dem Erwerb eines Elektroautos. Mit ordentlich Geld belohnt wird zudem, wer Windräder oder Solarpaneele aufstellt.

Was lernen wir daraus? Der Geist der Nachhaltigkeit bringt keine technologischen Durchbrüche hervor. Politisch korrekter Konsum kann keine Wachstumspolitik ersetzen. Der Umbau der deutschen Energiewirtschaft ist ein zutiefst konservatives Projekt. Massive Anstrengungen zur Entwicklung der Technologie für eine unbegrenzte, sichere, saubere, klimaverträgliche und billige Energieversorgung wären erforderlich, und das Ziel ist auch keineswegs unrealistisch, solange man die nukleare Option nicht ausschließt. Das Gegenteil ist zu beobachten. Aus opportunistischer Risikoscheu wird die Produktivität abgesenkt. Das alte System wird nicht durch ein neues besseres ersetzt, sondern es wird durch die Beimischung von Millionen ineffizienter Kleinkraftwerke geschwächt und verteuert. Statt kreativer Zerstörung erlebt die Energiewirtschaft perspektivlose Subventionierung.

Was bringt die „Verkehrswende“?

Etwas interessanter stellt sich zunächst die Situation beim Verkehr dar. Hier scheinen große Veränderungen in Gang zu kommen. In den letzten Jahren hat das Thema Elektromobilität erhebliche Prominenz erlangt. Das erste Elektroauto des Franzosen Gustave Trouvé fuhr zwar schon 1881 und damit fünf Jahre früher als Gottlieb Daimlers Benz-Patent-Motorwagen, ist also nicht gerade brandneu. Der Elektroantrieb hat aber durchaus erhebliche Vorteile, und die meisten Autofahrer wären wohl gerne bereit, ihren Benziner oder Diesel durch ein Elektroauto zu ersetzen, wenn endlich die Nachteile eliminiert wären. Es besteht kein Zweifel daran, dass sich die globale Autoindustrie in kurzer Zeit radikal verändern würde, wenn erst einmal der dafür notwendige technologische Durchbruch erzielt wäre. Wir bräuchten nur eines: die billige, schnellladefähige Batterie.[ii]

Es gibt heute eine Reihe schicker Elektroautos. Sie sind leider alle viel, viel teurer (und unpraktischer) als vergleichbare Wagen mit Verbrennungsmotor und damit nicht massenmarktfähig. Lithiumionenbatterien konnten zwar im Preis gedrückt werden. Es ist bei ihnen aber kein grundsätzlicher Durchbruch zu erwarten. Es mag manchen ermutigen, wenn etwa der Tesla-Mitgründer Martin Eberhard sagt: „In fünf bis zehn Jahren werden wir so weit sein, dass Elektroautos günstiger sind als Benziner. Das wird das Ende des Benzinmotors sein.“ Man wird allerdings stutzig, wenn er im selben Interview eine gesetzliche Quote für Elektroautos fordert. Wozu sollte die dann noch gut sein? Und wozu bräuchten wir dann 2030 oder 2040 ein Verbot von Verbrennungsmotoren, wie es von einigen Ländern inzwischen angekündigt und in Deutschland auch gefordert wurde? Wird also wirklich in fünf bis zehn Jahren der große Durchbruch kommen, auf den wir seit fast 140 Jahren warten? Zweifel sind angebracht.

Das Elektroauto wird zwar alle paar Jahre wieder als Zukunftstechnologie präsentiert. Von einem großen Plan irgendeines Staates zur Entwicklung der notwenigen Technologie ist allerdings nichts zu sehen. Und von der Umsetzung eines solchen Plans erst recht nicht. Das kann verschiedene Gründe haben. Entweder man ist so zuversichtlich, dass Tesla-Chef Elon Musk und mit ihm die aufgescheuchte Autoindustrie das jetzt schon irgendwie machen werden. Oder man glaubt selber nicht daran, traut sich aber auch nicht, auf ein anderes Pferd zu setzen. So steht zu befürchten, dass es nach der Art der Energiewende laufen wird. Man verordnet politisch eine neue Technologie, die mit der alten nicht mithalten kann und nicht freiwillig gekauft wird. Damit sie dennoch zumindest einen gewissen Marktanteil erhält, arbeitet man mit Kaufanreizen, was bisher in Deutschland keinen großen Effekt zeigt und in wenigen anderen Ländern, insbesondere Norwegen, auch nur, wenn die Prämien und sonstigen Subventionen exorbitant sind. Oder man verordnet eine Quote: Werden die Hersteller gezwungen, 20 Prozent Elektroautos zu verkaufen, senken sie den Preis so weit, bis die Quote erreicht wird. Die Verluste, die sie dabei machen würden, gleichen sie aus, indem sie die Kosten auf die anderen Autos umlegen. Sie werden also auf alle Autofahrer verteilt. Genau wie bei der Energiewende. Ökostrom wäre ja auch kaum verkäuflich, wenn der Ökostromkunde die Zusatzkosten alleine tragen müsste.

Offenbar gibt es eine große Bereitschaft, dieses mutlose Rumgeirre, bei dem alles andere als klar ist, ob es am Ende irgendwie gutgehen wird, als politische Großtat zu feiern. In einem Grundsatzpapier des Thinktanks „Agora Energiewende“ lesen wir: „Mit dem politischen Ziel, den Energie- und Verkehrssektor zu dekarbonisieren, ist eine Innovationsrevolution in der Automobilindustrie verbunden: Das Ende des Verbrennungsmotors als Kernelement des automobilen Antriebsstranges zeichnet sich ab.“[iii]

„Das Auto ist eine Innovation gegenüber dem Pferd. Ein modernes Fahrzeug hingegen bietet noch immer dieselbe Kernfunktion wie ein Oldtimer.“

So käme es zwar zu großen Veränderungen und einem gewissen Maß an Erneuerung im Bereich der Automobilindustrie und insbesondere bei den Zulieferern. Mit technologischen Durchbrüchen und Produktivitätssteigerung hat diese Art von „Disruption“ allerdings wenig zu tun. Peter Heller geht an anderer Stelle in dieser Ausgabe von Novo sogar so weit, in der Elektromobilität überhaupt keine Innovation zu sehen, wenn er schreibt: „Das Auto ist eine Innovation gegenüber dem Pferd. Ein modernes Fahrzeug hingegen bietet noch immer dieselbe Kernfunktion wie ein Oldtimer. Elektromobilität ist nicht nur keine Innovation, weil sie seit mehr als einhundert Jahren regelmäßig am Markt scheitert, sondern vor allem deswegen, weil ein Batteriefahrzeug aus der Nutzerperspektive auch keine anderen Möglichkeiten eröffnet als ein Verbrenner.“

Das Gleiche gilt für die zwei weiteren großen Themen, die die Autoindustrie beschäftigen: die informationstechnische Vernetzung (connectivity) und das autonome Fahren. Sie machen das Autofahren sicherer und angenehmer und sie schaffen durchaus eine Vielzahl neuer Produkte und Industriezweige und damit auch Arbeitsplätze rund ums Auto. Insofern sind sie positiv und tragen zur Erneuerung der Wirtschaft bei. Sie ändern jedoch nichts daran, dass wir nach wie vor in unseren privaten PKW steigen, um irgendwo hinzufahren.

Echte technologische Durchbrüche, die das Verkehrssystem maßgeblich verändern würden, wären dagegen zum Beispiel das Erobern des unteren Luftraums für den Individualverkehr (fliegende Autos), die Verlagerung des urbanen Warentransports in den Untergrund (CargoCap), Hochgeschwindigkeitsverbindungen am Boden (Hyperloop) oder Höchstgeschwindigkeitsinterkontinentalverkehr (Scramjet).

Bauernhofidylle statt Innovation

Auch bei der Agrarwende zeigt sich dasselbe Muster. Ein absichtliches Absenken des technologischen Niveaus geht mit dem Anheben des ideologischen einher. Durch Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz und Gentechnik werden Erträge künstlich gesenkt, Kosten künstlich angehoben und auf weitere Fortschritte und neuartige Produkte verzichtet. Auch hier ist das bereits im aktuellen, bescheidenen Ausmaß nur mit Subventionen möglich – trotz der Bereitschaft der Kunden, für vermeintlichen gesundheitlichen oder ökologischen Zusatznutzen (und reale Distinktionsgewinne, wenn man sie denn für erstrebenswert hält und das soziale Umfeld es hergibt) einen Preisaufschlag zu akzeptieren. Die Verklärung und Überhöhung sogenannter bäuerlicher Landwirtschaft bildet ein recht robustes Bollwerk gegen Innovation – von Disruption ganz zu schweigen.

Der Text ist zuerst in der aktuellen Printausgabe des Magazins Novo erschienen. Alle weiteren Teile der Serie finden Sie hier.

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[i] Phil Mullan: „Creative Destruction. How to start an economic renaissance“, Policy Press 2017, S.167.

[ii] Und in der Folge den Aufbau einer Ladeinfrastruktur. Der Verzicht auf Verbrennungsmotoren würde es allerdings erfordern, die Stromerzeugung deutlich zu erhöhen. Dieses Erfordernis steht im Widerspruch zu den Zielen der Energiewende, die von einer erheblichen Reduzierung der Stromerzeugung ausgeht, da schon der heutige Bedarf mit Wind und Sonne nicht realistisch abgedeckt werden kann.

[iii] Christian Hochfeld et al.: „Mit der Verkehrswende die Qualität von morgen sichern“ (Kurzfassung), Agora Verkehrswende, September 2017. (https://www.agora-verkehrswende.de/veroeffentlichungen/mit-der-verkehrswende-die-mobilitaet-von-morgen-sichern-kurzfassung/)

 

  • Autor

    Thilo Spahl

    ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Novo-Redakteur.

    Alle Beiträge

  • Cooper8

    Der so genannte Wachstums- und Stabilitätspakt der EU/Eurozone ist ein schwer wiegender Verstoß gegen die Funktionsweise der Marktwirtschaft.
    Er verhindert wirtschaftliches Wachstum und sorgt damit für Instabilität.
    Die Salden der Sektoren (private Haushalte, Unternehmen, Staat) einer Marktwirtschaft addieren sich in einer betrachteten Periode immer zu null auf.
    Sparen private Haushalte und Unternehmen gleichzeitig, wie das seit Jahren in Deutschland der Fall ist, dann muss der Staat sich neu verschulden, um den Nachfrageausfall zu kompensieren.
    Die Verschuldung übernimmt das Ausland seit Jahren für dieses Land, weil sich das Ausland spiegelbildlich zu den Exportüberschüssen immer weiter verschuldet.
    Der Staat muss kontinuierlich in seinen Kapitalstock (Bildung, Infrastruktur, Grundlagenforschung) investieren, um eine ausreichende und angemessene Basis für die zukünftige Entwicklung zu ermöglichen.
    Seit Jahren erodiert aber der Kapitalstock des Staates in Deutschland.
    Die wirtschaftlichen Schäden durch zu niedriges gegenwärtiges und zukünftiges Wachstum ist um ein Vielfaches höher, als die Beträge die angeblich eingespart werden sollen.
    In Wahrheit ist die europäische Sparpolitik irrational und selbst zerstörerisch.
    Die zu niedrige Lohnentwicklung in diesem Land und in der EU/Eurozone hat zu einem starken Anstieg der Ungleichheit bei der Einkommens- und Vermögensverteilung geführt.
    Empirisch kann eindeutig nachgewiesen werden, dass zwischen der wirtschaftlichen Dynamik und dem wirtschaftlichen Wachstum ein ganz enger Zusammenhang zu der realen Lohnentwicklung besteht.
    Die Eurozone steckt in einer selbst gemachten schweren Krise, die nur dann überwunden werden kann, wenn die Wirtschafts- und Finanzpolitik grundlegend neu ausgerichtet wird.
    Dabei müssen große öffentliche Investitionen in die staatlichen Kapitalstöcke genauso getätigt werden, wie ein regelmäßiger Anstieg der realen Löhne.
    Solange das in der EU/Eurozone nicht verstanden wird, braucht man sich über Innovationen in diesem Teil der Welt gar nicht mehr zu unterhalten.
    Die EU/Eurozone verspielen seit Jahren ihre Zukunft und der Rest der Welt schüttelt verwundert den Kopf vor diesem ganzen Irrsinn.

  • “Die neuen Erzeugungsmethoden, größtenteils Wind und Solar, sind nach wie
    vor erheblich ineffizienter als die konventionellen, Kohle, Gas und
    Atom.”
    Woran machen sie Effizienz fest? Die Stromentstehungskosten für Onshore Windenergie ist im Bereich von Kohlstrom. Auch die Solaranlage sind nicht weit weg.

    http://www.forschungsradar.de/fileadmin/content/bilder/Vergleichsgrafiken/Stromgestehungskosten_okt2014/AEE_Dossier_Studienvergleich_Stromgestehungskosten_sep14.pdf

    Auch sonst strotzt der Beitrag nur so von Halbwahrheiten und Pauschalaussagen. Beispiel der so innovative Hyperloop. Die Technik ist Alt. In der Schweiz wurde das Konzept beerdigt, weil es zu unwirtschaftlich war. Auch das Konzept in den USA muss erst einmal zeigen, dass es wirtschaftlich funktionieren kann (ein Punkt den der Autor bei der Energiewende anprangert).

    Agrar

    Man verzichtet auch Giftstoffe auf den Äckern, weil sie Probleme machen. Das Insekten-, Bienen- und Vogelsterben ist sehr disruptiv.

    Generell lässt sich zu diesem Beitrag sagen, dass er nicht definiert was Innovation sein soll und sich ständig widerspricht. Die Automobilindustrie ist per se nicht innovativ und disruptiv, weil sie nur bestehendes besser macht. Aber im Agarbereich sind neue Pestizide, die das gleiche machen wie die alten Pestizide, plötzlich innovativ? Klimaschutz ist Quatsch, weil auf magische Weise wird sich das Problem lösen? Alleine der Anfangssatz
    als Pauschalaussage ist Blödsinn.

    “Gesellschaftlicher, technologischer und wirtschaftlicher Fortschritt hängen eng zusammen. Je umfassender die Naturbeherrschung durch Technik, je produktiver die Wirtschaft, desto besser das Leben der Menschen.”

    Diese Aussage ignoriert vollständig die Folgen der Technik. Die Flüchtlinge aus der Subsahara die Aufgrund der Folgen des Klimawandes fliehen wissen das sehr genau. Auch die Inseln die Pazifik verschwinden und Staaten verschwinden lassen, sind eine Folge der Technik und bringen diesen Menschen inwiefern ein besseres Leben?
    Auch die Verteilung des Wohlstands ist scheinbar irrelevant.

    Was der Autor letztenendes fordert ist, dass wir Menschen stumpf der Technologie und deren Verbreitern vertrauen und nichts weiter machen. Nach der Logik hätten wir heute immer noch hochverschmutzte Flüsse und keinerlei Luftreinigung in irgendeinem Auto oder einer Fabrik. Das alle behindert doch nur den Fortschritt. Wenn man nicht nur Pauschalaussagen trifft, sondern differenziert an das Thema gehen würde, wüsste man das. Allerdings neigen neoliberale Menschen zu Vereinfachungen und Pauschalisierungen, weil ihr Weltbild sonst nicht im Ansatz haltbar wäre. Vor allem weil man hierdurch auf Staat und Gutmenschen schimpfen kann.

  • Hallo Dan Chris,
    Menschen sollen nicht stumpf der Technologie folgen, sie sollten sie aber auch nicht pauschal ablehnen. (HIr)

  • Cooper8

    Es ist die Aufgabe des Staates/ der Politik den Bürgern ein plausibles und konsistentes Konzept vorzulegen, wohin die gesellschaftliche und die technologische Entwicklung führen sollen. Wenn über die zukünftige Entwicklung ein gesellschaftlicher Konsens gefunden worden ist, dann muss darüber im Rahmen von demokratischen Wahlen abgestimmt werden.
    Insbesondere muss der Staat dafür sorgen, dass wir ein Beschäftigungsniveau haben, das nahe an einer Vollbeschäftigung aller erwerbsfähigen Arbeitnehmer liegt.
    Wenn die Menschen eine planbare und gesicherte Zukunft vor sich haben, dann wird auch der technologische Wandel innerhalb einer Gesellschaft von den meisten Bürgern akzeptiert werden.
    Wenn die Politiker immer nur von einer Globalisierung nach dem TINA Prinzip (There is no Alternative) reden, die in der westlichen Welt zu einer immer größeren Verarmung der Menschen und Zukunftsängsten führt, dann wird die Globalisierung (siehe Brexit) und der technologische Wandel von immer mehr Menschen abgelehnt.

  • Rainer Fassnacht

    Es ist NICHT die Aufgabe des Staates ein “plausibles und konsistentes Konzept” vorzulegen. Das ist Planwirtschaft oder wie es bei Hayek steht “Anmaßung von Wissen”. Die Marktwirtschaft ist jenes Konzept, das im Zusammenspiel der Individuen die Lösung findet, die kein Experte und kein Politiker finden kann.

  • Cooper8

    Das sehen Sie vollkommen falsch.
    Eine Planwirtschaft liegt dann vor, wenn der Staat den Unternehmen vorschreibt, welche Waren sie in einer bestimmten Menge und in welchem Zeitraum produzieren sollen.
    Ich spreche hier von einer demokratisch legitimierten Entwicklung einer Gesellschaft/Marktwirtschaft vor dem Hintergrund eines technologischen Wandels.
    Selbstverständlich muss der Staat/die Politik zunächst darüber eine Vorstellung entwickeln, in welche Richtung diese Entwicklung vollzogen werden soll.
    Schließlich muss der Staat durch Grundlagenforschung und ein entsprechendes Bildungsangebot die Basis für eine solche Entwicklung genauso schaffen wie durch adäquate Investitionen in die Infrastruktur.
    Herr Hayek ging mit seinem Glauben an die automatische Effizienz der Märkte, die angeblich immer zu einem Optimum von Angebot und Nachfrage kommen sollen, von einem fiktiven Gleichgewichtsmodell aus, das die Realität der Marktwirtschaft gerade nicht erklärt.
    Herr Keynes hatte die klassische/neoklassische Lehre der Ökonomen bereits vor rund 100 Jahren theoretisch widerlegt.
    Herrn Hayek haben wir insbesondere mit seinem Glaubensbruder Herrn Friedman von der Uni in Chicago die Liberalisierung der Finanz-und Kapitalmärkte zu verdanken, die u.a. zu der Globalen Finanzkrise im Jahr 2007 geführt haben.
    Mit den Erkenntnissen von Herrn Hayek kann man die reale Welt der Marktwirtschaft ganz bestimmt nicht erklären.

  • Rainer Fassnacht

    Zu Ihrem ersten Punkt, der Definition von Planwirtschaft: Im engeren
    Sinne haben Sie recht. Wir haben zwar starke staatliche Eingriffe, die
    in ihrer Wirkung fast wie Mengen- oder Preisvorgaben wirken, aber der
    Begriff Interventionismus wäre sicher der bessere.

    Zum zeiten Punkt muss ich widersprechen. Meines Erachtens ist eher Keynes widerlegt als Hayek. Wären die Annahmen von Keynes korrekt, hätten die steuernden Markteingriffe die Entwicklung jeweils entsprechend vorangebracht und die Staatverschuldung wäre jeweils nur vorübergehend.

    Die Realität sieht aber anders aus. Die Korrelation zwischen staatlichen Investitionen und Marktentwicklung ist eher schwach und die Staatsverschuldung nimmt weitgehend ungebrochen zu.

  • Cooper8

    Herr Keynes ist ganz bestimmt nicht theoretisch widerlegt worden, weil seine Lehre auf der zwingenden Logik der gesamtwirtschaftlichen Buchhaltung basiert.
    Herr Hayek gehört zu den Vertretern der klassischen/neoklassischen Lehre der Ökonomen.
    Diese Lehre wurde bis heute bereits mehrfach widerlegt. Bei Interesse kann ich selbstverständlich gerne entsprechende Quellen nennen.
    Die staatlichen Schulden nehmen in der westlichen Welt insbesondere deshalb seit langer Zeit zu, weil neoklassische Ökonomen dafür gesorgt haben, dass die Funktionsweise der Marktwirtschaft geschädigt worden ist und zu einem dysfunktionalen System verwandelt worden ist.
    Wenn die Nachfrage der privaten Haushalte und der Unternehmen aus welchen Gründen auch immer unter der Produktion (Waren und Dienstleistungen) einer betrachteten Periode liegt, dann muss der Staat immer wieder für einen entsprechenden Ausgleich sorgen, damit das BIP nicht sinkt.
    In Zeiten einer Rezession sparen/entschulden sich immer die privaten Haushalte und die Unternehmen gleichzeitig, weshalb der Staat sich dann immer neu verschulden muss, um die fehlende Nachfrage auszugleichen.
    Genau das hat Herr Keynes aus den rein logischen Gründen der gesamtwirtschaftlichen Buchhaltung auch vollkommen richtig erkannt.
    Herr Keynes war auch der erste Ökonom, der gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge erkannt und daraus die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hat.
    Der Weg der Neoklassiker von der Mikroebene auf die Makroebene zu schließen, führt zu regelmäßigen grundlegenden Fehleinschätzungen.

  • Rainer Fassnacht

    Unsere Diskussion ist ein schönes Beispiel dafür, dass die alte Kontroverse zwischen Keynes und Hayek noch immer aktuell ist. Natürlich kann ich Ihnen für die theoretische Begründung der Position von Hayek und anderen Vertretern der österreichischen Schule ebenfalls gern Quellen nennen.
    Vermutlich ist unsere unterschiedliche Sichtweise aber nicht in der mangelnden Kenntnis der anderen “Schule” begründet.
    Meines Erachtens wird der Kernunterschied durch die Beantwortung der folgenden Frage deutlich:

    Kann Politik Heute die richtige Entscheidung für ein unbekanntes Morgen treffen? Oder anders ausgedrückt, ist die Wirtschaft (und mehr noch die Gesellschaft) eine plan- und steuerbare Maschine, die bei einem bestimmten Input einen bestimmten Output liefert, oder ist sie so unvorhersehbar, dass nur ein freier Markt als “Entdeckungsverfahren” die richtigen Lösungen finden kann?
    Dies beantworten wir – und die Herren Keynes und Hayek – unterschiedlich.

  • “Kann Politik Heute die richtige Entscheidung für ein unbekanntes Morgen treffen?”
    Die Frage ist insofern falsch gestellt, da sie ein “Richtig” also eine Art Wahrheit vorraussetzt. Genau hier kritisiere ich beispielsweise, solche Leute wie von Hayek. Ihm ging es um die Freiheit der Wirtschaft als Selbstzweck. Der Rest wird sich ergeben (sehr vereinfacht). Wenn man Zielgrößen definiert, dann sind diese durch politische Maßnahmen sehr wohl erreichbar. Dafür gibt es genug Beispiele. Ob diese Ziele richtig oder falsch sind, sollten in einem öffentlichen und demokratischen Diskurs entschieden werden. Das ist vollkommen unabhängig von Keynes und von Hayek.

    Das eine Steuerung in gewissem Rahmen sehr wohl möglich ist zeigt die Vergangenheit. Wir Deutschen haben in einem totalitären Regime gelebt. Durch gezielte Politik (politische Bildung, passendes Regelwerk in Form des Grundgesetzes, soziale Absicherung, etc.) hat man die Gesellschaft gesteuert und die Akzeptanz dieses Systems gefördert. Durch Umweltgesetze und Richtwerte hat sich die Umweltverschmutzung deutlich reduziert. Umwelt ist ein Mainstreamthema geworden, obwohl es in den 60er praktisch keine Rolle spielte.

    “dass nur ein freier Markt als “Entdeckungsverfahren” die richtigen Lösungen finden kann?”
    Auch das ist eine starke Annahme. Sie setzt voraus, dass es so etwas wie eine Markt (im Modellbild der Liberalen) und dazu noch einen freien gibt. Das sehe ich nicht. Die Idee, dass sich im Wettbewerb die beste Idee durchsetzt, ist ebenfalls durch die Realität widerlegbar. Sie ignoriert, dass es Macht- und Informationsungleichheiten gibt. Wenn es diese gibt und offensichtliche starke Marktakteuere (um in dieser Beschreibung zu bleiben) mehr Entscheidungsgewalt haben, als schwache, dann findet eine Steuerung sehr wohl statt. Nur eben durch große Konzerne und nicht durch Staaten.

  • Cooper8

    Selbstverständlich kann ich ihre Frage beantworten:
    Seit dem 2. Weltkrieg hat es zwei vollkommen unterschiedliche Phasen gegeben.
    Die erste Phase war die Zeit der Jahre 1948 bis 1973. Das war die stabilste Zeit, die die Marktwirtschaft jemals erlebt hat.
    Damals haben Arbeitnehmer überall in der westlichen Welt regelmäßige reale Lohnsteigerungen erhalten, in dem ihnen gesamtwirtschaftlich der Fortschritt in der Produktivität neben der Zielinflation ausbezahlt worden ist.
    Die Staaten haben durch klare Rahmenbedingungen dafür gesorgt, dass sich die Marktwirtschaft stabil entwickeln konnte.
    Aus sehr gutem Grund waren damals auch insbesondere die Banken und die Finanz- und Kapitalmärkte stark reguliert.
    In dieser Zeit war der Zeitgeist der Ökonomik geprägt durch die Lehre von Keynes.
    Ab den 70 er Jahren haben dann sukzessive die neoklassischen Ökonomen das Sagen in der westlichen Welt übernommen.
    Kern der neoklassischen Lehre ist das Gleichgewichtsmodell, das auf die Überlegungen von Walras und Ricardo zurück geht. Demnach sollen immer alle Märkte automatisch zu einem markträumenden Optimum von Angebot und Nachfrage streben, wobei der Preis der entscheidende Faktor sein soll.
    In der neoklassische Arbeitsmarkttheorie wird deshalb behauptet, dass man Arbeitslosigkeit durch Lohnsenkungen bekämpfen kann.
    Das ist aber grundlegend falsch und das Gegenteil ist richtig.
    Seit 2010 hat die Troika im Mittelmeerraum die Anwendung der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie erzwungen und dadurch die Löhne zum Teil deutlich gesenkt.
    Logischerweise ist in Folge dieser falschen Politik die Arbeitslosigkeit in den betroffenen Ländern stark angestiegen.
    Neoklassische Ökonomen behaupten immer, dass ein Anstieg der staatlichen Schulden zu einem deutlichen Anstieg der Inflation führt.
    Theoretisch ist das falsch und empirisch kann das auch nicht belegt werden (siehe z.B. Japan).
    Da die Eurozone auf der neoklassischen Lehre der Ökonomen aufgebaut worden ist, hat man die Höhe der staatlichen Schulden im Vertrag von Maastricht willkürlich und vollkommen unsinnig begrenzt.
    Seit dem Jahr 2009 wird deshalb in der Eurozone eine rigorose Sparpolitik nicht nur betrieben, sondern durch den institutionellen Rahmen erzwungen.
    Vergleicht man die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone seit der Globalen Finanzkrise mit der Entwicklung der USA, dann ist die Entwicklung der Eurozone ein völliges Desaster, weil es im Gegensatz zu den USA kein großes öffentliches Konjunkturprogramm gegeben hat.
    Das BIP der Eurozone liegt heute nur minimal über dem Wert des Jahres 2007 und die Höhe der Arbeitslosigkeit ist schlicht völlig inakzeptabel.
    Die falsche Wirtschafts- und Finanzpolitik hat in der Eurozone bis heute einen drei stelligen Schaden im Billionen Euro Bereich angerichtet.
    Herr Hayek hat mit seinem Glauben an die Effizienz der Märkte einen Beitrag dafür geleistet, dass die Banken und die Finanz-und Kapitalmärkte ab den 1980 er Jahren stark dereguliert worden sind.
    Die junk bond Krise, die Pleite der Dot.com Industrie, die sub prime Krise in den USA, mit der Pleite der Lehman Bank und weiteren mehreren hundert Banken in den USA, mit der anschließenden Folge der Globalen Finanzkrise sind eine direkte Folge der grundlegend falschen Sichtweise von Herrn Hayek und seinen ganzen anderen neoklassischen Glaubensbrüdern.
    In Wahrheit hat Herr Hayek die Voraussetzung für riesige Schäden, die wilde und vor allem hemmungslose Gier und einen enormen Anstieg der Ungleichheit bei der Einkommens- und Vermögensverteilung geschaffen.

  • Rainer Fassnacht

    Sie halten die Frage “Kann Politik Heute die richtige Entscheidung für ein unbekanntes Morgen treffen?” für falsch. Es lohnt sich trotzdem diese Frage ernsthaft zu bedenken, denn sie trifft den Kern des Problems.
    Natürlich wirken staatliche Eingriffe – aber woher nehmen Sie die Sicherheit, dass diese immer klug (passend zu später eintretenden Entwicklungen) sind?
    Die politische Entscheidung gegen die Kernkraft könnten sich unter Klimagesichtspunkten später als falsch herausstellen (trotz guter Argumente die man für diesen Schritt anführen kann).

    Zum Abschluss noch ein Wort zu ihrer Annahme das die Österreicher lediglich Staatsmacht durch Konzernmacht ersetzen würden. In der Marktwirtschaft haben die Verbraucher die Macht – selbst Facebook wäre ohne jeden Einfluss, wenn sich die Nutzer eine andere Plattformen wählen.

    Mir ist Bildung, Information und Transparenz – mit der Möglichkeit selbst zu entscheiden – lieber, als wenn Experten und Politiker für mich entscheiden. Wünsche ein schönes Wochenende!

  • “Sie halten die Frage “Kann Politik Heute die richtige Entscheidung für ein unbekanntes Morgen treffen?” für falsch”
    Ich halte die Frage für falsch gestellt, da sie nicht beantwortbar ist. Was ist denn die richtige Entscheidung?

    “Die politische Entscheidung gegen die Kernkraft könnten sich unter Klimagesichtspunkten später als falsch herausstellen”
    Das ist richtig. Nur trifft das ebenso für den “Markt” zu. Der Markt trifft keine richtigen Entscheidungen. Der “Markt” hat als Zielgröße die Maximierung von Gewinnen. Ob dann so etwas wie Umweltschutz rausfällt oder nicht ist Ungewiss. Das der “Markt” beim Klimaschutz versagt ist offensichtlich. Es verschwinden Inselstaaten von dieser Welt.

    Daher ist es eben wichtig, dass man sich überprüfbare Zielgrößen setzt und die Maßnahmen gegen diese prüft. Beispiele wo dies nicht geschieht gibt es haufenweise. Die EU Wirtschaftspolitik in Griechenland scheitert offensichtlich. Trotzdem wird sie weiter verfolgt (Ziel: Stärkung der griechischen Wirtschaft ist verfehlt).
    Die deutsche Spar- und Lohnpolitik sorgt für eine gesteigerte Ungleichverteilung im eigenen Land und einem riesigen Exportüberschuss (Ziel Wohlstand für die Bevölkerung ist verfehlt).

    Ausweitung der staatlichen Überwachung (Ziel die Verhinderung von Anschlägen ist verfehlt, da viele der Täter bereits überwacht wurden).

    “Zum Abschluss noch ein Wort zu ihrer Annahme das die Österreicher lediglich Staatsmacht durch Konzernmacht ersetzen würden”

    Das meinte ich nicht. Österreicher und viele andere Ökonomen ignorieren, dass private Machtkonzentrationen ähnlich problematisch sind wie die des Staates und kontrolliert, oder klein gehalten werden sollten. Es wird eben das existierende Ungleichgewicht in weiten Teilen ignoriert. Solche Aussagen

    “selbst Facebook wäre ohne jeden Einfluss, wenn sich die Nutzer eine andere Plattformen wählen.”

    sind im Kern richtig, entsprechen aber nicht der Realität. Wechseln sie den Anbieter, tun das ihre Freunde noch lange nicht. Sie sind an die Plattform gebunden. Da diese Plattform in den Medien durch kostenlose Werbung präsent ist und andere Plattformen sind es nicht, fällt die Aufmerksamkeit wieder Facebook zu. Wenn dann ein Konkurrent aufsteigt, dann wird dieser gekauft. Das ist die Realität und die führt dazu das eben nicht das ideale Marktmodell gültig wäre.

    Mich erstaunt immer wieder der Glaube an den Markt. Wenn man sich die Annahmen anschaut, die erfüllt sein müssen damit “der Markt gibt die idealen Ergebnisse” herauskommt, kann man die Gläubigen nicht ernst nehmen.

  • steinweg

    Sei es die Energie-Erzeugung, sei es die Wärme-Kraft-Maschine, man braucht für die Thermodynamik keine Politiker sondern Ingenieure. Elektro-Chemie wird auch nicht politisch geregelt, sondern da gibt es Naturgesetze. Wenn man den Artikel zum Allam Cycle liest, kann man wegen Sinnlosigkeit verzweifeln.

  • Rainer Fassnacht

    Sie erstaunt der Glaube an den Markt. Mich erstaunt der Glaube daran, dass politische Entscheidungen besser seien als Marktergebnisse (trotzdem nehme ich jene Menschen welche diese Position vertreten weiterhin ernst).

    Der Verlauf der Diskussion bestätigt das bereits oben gesagte, die alte Kontroverse zwischen Keynes und Hayek bleibt aktuell. Ich klinke mich nun aus diesem Diskussionsstrang aus und bedanke mich für den Austausch.

  • “Mich erstaunt der Glaube daran, dass politische Entscheidungen besser seien als Marktergebnisse”
    Genau das ist der Denkfehler. Ich behaupte nicht, dass alle politischen Entscheidungen, immer, besser sein müssen. Dabei ist immer noch zu klären, was “besser” bedeutet. Ich behaupte, dass politische Entscheidungen besser sein können (wieder nicht müssen), bzw. zu Ergebnissen führen die für eine Gesellschaft vorteilhaft sind.

    Ein Glaube an den Markt ist es genau deshalb, weil sich die Behauptung, der freie Markt bringt bessere Ergebnisse, nicht widerlegen lässt. Wenn die Erwartungen nicht dem eintretenden Ereignis entsprechen, dann war der Markt eben nicht frei genug (ohne je zu definieren, was dafür getan werden müsste) oder irgendetwas anderes ist Schuld.
    Ein Beispiel, welches dieses Glaubenskonstrukt illustriert. Der Mindestlohn wurde eingeführt. Alle neoliberalen deutschen Ökonomen sagten den Wegfall von Arbeitsplätzen vorher. Dieser Wegfall kam nicht. Daher wechselte man die Argumentation und behauptet einfach es seien weniger neue Arbeitesplätze entstanden. Der Vorteil am Wechsel dieser Argumentation ist, dass sie niemand widerlegen kann.

    Wenn der Markt also kein Glaube ist, dann müsste die Behauptung er bringe immer die besseren Ergebnisse falzifizierbar sein. Dazu muss eine messbare Größe festlegbar sein, eine Erwartung getätigt werden und diese dann überprüft werden. Das sehe ich bei keinem marktliberalen Ökomomen.

    Ein letzter Punkt. Auch staatliche Ideen unterliegen einem Wettbewerb und entstehen nicht aus dem Nichts. Nur ist dieser Wettbewerb nicht nur der Ökonomie untergeordnet, sondern
    beinhaltet auch Umwelt, soziales, etc.

  • Cooper8

    Sie wollen einfach nicht zur Kenntnis nehmen, dass die klassische/neoklassische Lehre der Ökonomen theoretisch bereits mehrfach widerlegt worden ist.
    Empirisch lässt sich in allen entwickelten Volkswirtschaften über lange Zeiträume eindeutig belegen, dass völlig freie Märkte eben nicht effizient sind, sondern im Gegenteil zu großen Schäden und Fehlallokationen führen.
    Es braucht einen starken Staat und eine steuernde Wirtschaftspolitik, damit eine Marktwirtschaft langfristig stabil wachsen kann.