Unternehmer wird man nicht in fünfzig oder fünfhundert Wochen. Um Unternehmer zu werden, braucht es eine Nacht, neun Monate und vierzig bis fünfzig Jahre Erfahrung. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

5 Ökonomik

Mehr Wohlstand durch wissenschaftliche Politikberatung

Die wissenschaftliche Politikberatung kann helfen, unser Leben zu verbessern. Aber welche Voraussetzungen müssen Wissenschaftler, Bürger und Politiker dafür mitbringen?

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Dieser Policy Brief entstand auf Grundlage des ECONWATCH-Meetings „10 Jahre
ECONWATCH – Den Diebstahl des Wohlstands verhindern“ mit Prof. Dr. Christoph M. Schmidt (Präsident des RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Vorsitzender der Wirtschaftsweisen) und Prof. Dr. Joachim Weimann (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Das Video wurde im Vorfeld der Veranstaltung aufgenommen.

Wissenschaftliche Politikberatung kann zu einer besseren Wirtschaftspolitik und mehr Wohlstand beitragen, indem sie Politik und Öffentlichkeit über die zu erwartenden Wirkungen wirtschafts- und sozialpolitischer Entscheidungen informiert. Politische Entscheidungen weichen oft deutlich von wissenschaftlichen Empfehlungen ab, da sich zum Beispiel mächtige Interessengruppen zu Lasten der Allgemeinheit durchsetzen oder an sich erstrebenswerte Ziele, wie die Bekämpfung von Armut oder mehr Konsum und Partizipationsmöglichkeiten, mit ungeeigneten Instrumenten verfolgt werden. Der Einfluss wissenschaftlicher Politikberatung ist begrenzt, da politische und ökonomische Rationalität oft auseinanderfallen.

Damit wissenschaftliche Politikberatung ihre Wirkung entfalten kann, muss sie qualitativ hochwertige, evidenzbasierte Forschung produzieren und ihre Forschungsergebnisse einfach und verständlich gegenüber ihren Empfängern – Politik und Öffentlichkeit – vertreten. Zudem ist es erforderlich, dass die Empfänger in der Lage sind, diese Botschaften aufzunehmen. Dies setzt eine zumindest gewisse ökonomische Allgemeinbildung voraus. Im öffentlichen Diskurs kommt den Medien in der Demokratie eine besondere Rolle zu. Eine solide ökonomische Bildung ist daher gerade für Journalisten zentral, um sozial- und wirtschaftspolitische Vorschläge und wissenschaftliche Forschungsergebnisse richtig einordnen und vermitteln zu können.

Wissenschaftliche Politikberatung spielt in einer komplexer werdenden Welt mit nahezu unbegrenzten Kommunikations- und Publikationsmöglichkeiten eine zunehmend wichtige Rolle. Indem Politikberatung aufzeigt, wie sich mögliche Reformen auf Wachstum und Wohlstand auswirken und welche Verteilungswirkungen zu erwarten sind, kann sie zu einer rationalen Wirtschaftspolitik beitragen. Ihr kommen dabei drei wesentliche Funktionen zu: Sie sollte

  1. Transparenz schaffen, indem sie Politikvorschläge analysiert, ihre positiven undnegativen Wirkungen inklusive möglicher Neben- und Folgewirkungen herausarbeitet
    und so eine Grundlage für politische Entscheidungen bietet. Dazu gehört, durch systematische Wirkungskontrollen Transparenz im tatsächlichen Erfolg wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu schaffen.
  2. Verantwortlichkeiten und Interessen offenlegen, um im gesamtgesellschaftlichen Interesse liegende Vorschläge von solchen abzugrenzen, die zwar unter dem Deckmantel des Gemeinwohls vorgebracht werden, jedoch letztlich nur partikularen Interessen dienen.
  3. Wissenschaftliche Politikberatung sollte Konflikte zwischen und auch innerhalb wirtschafts-, sozial- oder umweltpolitischen Zielen aufzeigen. Auf so einer Informationsbasis kann Politik dann entscheiden, welche Ziele mit welchen Instrumenten verfolgt werden sollen – und die Öffentlichkeit kann besser beurteilen, ob die Politik die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

Gute wissenschaftliche Politikberatung setzt detaillierte Kenntnisse der jeweiligen Institutionen und Systeme, wie etwa der Arbeitsmarkt- oder Sozialgesetzgebung eines Landes, sowie gute Methodenkompetenz voraus. Wichtige Aufgabe wissenschaftlicher Politikberater ist es, mithilfe ökonometrischer Methoden Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge nachzuweisen. Um die besten Lösungen zu finden, kommt
es darauf an, dass in der Wissenschaft ein Wettbewerb der Methoden, Ideen und Argumente herrscht und Forschungsergebnisse kritisch diskutiert werden.

Wissenschaftliche Politikberater müssen sich aber auch das notwendige Gehör verschaffen, um ihre Erkenntnisse zu vermitteln. Neben der Politik sind die Wählerinnen und Wähler erste Adressaten wissenschaftlicher Politikberatung. Denn nur eine aufgeklärte Öffentlichkeit ist in der Lage, fundierte (Wahl-)Entscheidungen zu treffen und Politiker dazu zu drängen, notwendige Reformen umzusetzen. Wissenschaftler müssen daher ihre Erkenntnisse in verständlicher Sprache formulieren und über die Medien verbreiten. Hierzu ist eine ausreichende Medienkompetenz erforderlich.

Damit wissenschaftliche Politikberatung ihre Wirkung entfalten kann, ist ein gutes
ökonomisches Grundverständnis auf Seiten der Beratungsadressaten notwendig. Dies
gilt für die breite Öffentlichkeit genauso wie für politische Entscheidungsträger und Journalisten. Hier besteht Verbesserungspotenzial. Neben einer besseren ökonomischen Ausbildung von Journalisten sollte die Vermittlung ökonomischer Zusammenhänge auch in der schulischen Bildung einen festen Platz haben.

Während es die Aufgabe von Politik ist, im Auftrag der Wählerinnen und Wähler darüber zu entscheiden, welche wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen umgesetzt werden sollen, um die gewünschten Ziele zu erreichen, ist es Aufgabe der wissenschaftlichen Politikberatung, eine fundierte Grundlage für diese Entscheidungen zu schaffen. Auch wenn Politik vielfach Partikularinteressen zu Lasten der Allgemeinheit nachgibt, kurzfristige Lösungen nachhaltigen Konzepten vorzieht und auf wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen setzt, die nicht geeignet sind, die angestrebten Ziele zu erreichen, kann wissenschaftliche Politikberatung auf eine bessere Wirtschaftspolitik hinwirken. Dazu ist insbesondere eine konsequente Aufklärung der Wählerinnen und Wähler notwendig.

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  • Autor

    Dr. Susanne Cassel und Dr. Tobias Thomas

    sind Vorsitzende bei Econwatch, einer gemeinnützigen und unabhängigen Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, verständlich und wissenschaftlich fundiert über Wirtschaftspolitik zu informieren und Reformmöglichkeiten aufzuzeigen.

    Alle Beiträge

  • Cooper8

    Die öffentliche Meinung und die Hochschulen dieses Landes werden (fast ausschließlich) im Bereich der ökonomischen Themen geprägt durch die neoklassische Lehre.
    Diese dogmatische Lehre ist aber theoretisch widerlegt.
    Die ganze Eurokrise ist auch ein empirisch Beweis dafür, dass man mit dieser Lehre nur große Schäden anrichten kann.
    Die Troika erzwingt seit 2010 die Anwendung dieser Lehre im Mittelmeerraum.
    Auch die Agenda 2010 Politik entspricht der neoklassischen Lehre der Ökonomen.
    Diese Politik hat dem Binnenmarkt enormen Schaden zugefügt und der Kollateralschaden ist die Eurokrise.
    Es ist ein politischer Skandal in diesem Land, dass immer noch keine sachlich fundierte Debatte zu diesem Thema entstanden ist.
    Wenn es in einer Gesellschaft zu einem solchen politischen Versagen kommt, müssten sich die Medien diesem Thema annehmen und der Wahrheit auf den Grund gehen.
    Das geschieht aber nicht, weil auch die Medien immer weiter unreflektiert den Neoliberalismus beschönigen, anstatt ihn zu kritisieren.
    Neoklassische Ökonomen können den Politikern keine vernünftigen Ratschläge erteilen, weil sie selber mit der Lösung der aktuellen Probleme restlos überfordert sind.

  • “Neoklassische Ökonomen können den Politikern keine vernünftigen
    Ratschläge erteilen, weil sie selber mit der Lösung der aktuellen
    Probleme restlos überfordert sind.”
    Die Selbstwahrnehmung ist eine Andere. Aus Sicht der Ökonomen sind die Politiker überfordert und setzen die von den Ökonomen vorgeschlagenen Lösungen halt nicht richtig um. Da man als Ökonom keinerlei messbaren Wert angibt, andem sich ableiten ließe, ob eine Reform gut genug umgesetzt ist oder nicht, sind Neoklassiker immer fein raus. Nicht ihre Theorie ist falsch. Die Anderen sind Schuld, da sie diese Theorie nicht richtig umsetzen. Diese Argumentation sieht man immer und immer wieder.

  • Cooper8

    Die neoklassische Lehre wurde mehrfach theoretisch widerlegt.
    Die Troika erzwingt seit 2010 im Mittelmeerraum die Umsetzung der Vorschläge der neoklassischen Ökonomen. Die Einkommen wurden zum Teil drastisch reduziert, die Arbeitsmärkte wurden liberalisiert, die Staaten wurden zum Sparen gezwungen und Staaten mussten Vermögenswerte zu Schleuderpreisen veräußern.
    In jedem Jahr wurde von neoklassischen Ökonomen prognostiziert, dass die BIP Zahlen deutlich steigen werden und die Arbeitslosigkeit überall signifikant sinken wird.
    Eingetreten ist genau das Gegenteil. Somit ist auch empirisch eindeutig belegt, dass man mit der neoklassischen Lehre nur sehr große Schäden anrichten kann.
    Selbst beim IWF, der ebenfalls streng auf die neoklassische Lehre ausgerichtet ist, gibt es ja inzwischen zumindest eine gewisse Nachdenklichkeit, ob die Maßnahmen im Mittelmeerraum wirklich sinnvoll waren.
    Immerhin hat der IWF sich deshalb aus den ganzen “Rettungsmaßnahmen” in Europa zurück gezogen.
    Theoretisch war jedem Ökonomen, der bei klarem Verstand ist, immer klar, dass diese Maßnahmen niemals funktionieren konnten und somit in doppelter Hinsicht kontraproduktiv sein mussten.
    In Zeiten einer Rezession sparen/entschulden sich immer die privaten Haushalte und die Unternehmen gleichzeitig. Die Logik der gesamtwirtschaftlichen Buchhaltung ist dann, dass ein Staat nicht auch noch sparen kann.
    Im Fall Griechenland hatte der IWF z.B. zunächst angenommen, dass der volkswirtschaftliche Multiplikator der Sparmaßnahmen nur 0,5 betragen soll. Tatsächlich lag er aber regelmäßig bei 3-4. Je mehr der griechische Staat seit 2010 gespart hat, je mehr wurde die Wirtschaft des Landes geschädigt.
    Man kann Arbeitslosigkeit nur mit Lohnerhöhungen wirksam bekämpfen.
    Die neoklassische Lehre ist eine Ideologie und hat mit einer korrekten Wissenschaft nichts zu tun.
    Das Problem in der EU/Eurozone ist heute, dass man sich geirrt und Schäden im Billionen Euro Bereich verursacht hat.
    Kein Politiker wird freiwillig zugeben, dass er einen Fehler gemacht hat.
    Außerhalb unsere Region sind die Zusammenhänge doch längst verstanden und insbesondere Deutschland wird für seine falsche Politik permanent international kritisiert.
    In Deutschland wird weiterhin das Mantra des Sparens glorifiziert. Gesamtwirtschaftlich ergibt das keinen Sinn, weil gar keine Ersparnisse gebildet werden können.
    Jeder Sparer braucht einen Schuldner, damit das BIP durch seinen Nachfrageausfall nicht sinkt.
    Relevant für die Zukunft eines Landes sind in erster Linie die Investitionen der Unternehmen und des Staates.
    Beide Sektoren sparen aber seit Jahren in diesem Land, weshalb das zukünftige Wachstum niedriger sein wird, als es eigentlich möglich gewesen wäre.
    Eine rationale und verantwortungsvolle Politik müsste heute dafür sorgen, dass der Staat sich die nächsten Jahre kräftig neu verschuldet und investiert.
    Es gibt aber keinen aktiven Politiker in diesem Land, der die Zusammenhänge auch nur ansatzweise begreift.
    Neoklassische Ökonomen sind mit der aktuellen Situation ebenfalls komplett überfordert. Außer ihre endlose Forderung nach immer mehr Strukturreformen und das Sparen der Staaten zum falschen Zeitpunkt haben sie nichts zu bieten.

  • Kammerjäger

    “Damit wissenschaftliche Politikberatung ihre Wirkung entfalten kann,
    muss sie qualitativ hochwertige, evidenzbasierte Forschung produzieren”

    Dieser Satz is völlig richtig und beschreibt das Kernproblem. Im volkswirtschaftlichen Bereich ist die Qualität der Forschung miserabel. Über die Jahrzehnte hat die VWL von dem gewünschten Ergebnis rückwärts Modelle entwickelt, die einen bestimmte Politik unterstützen sollen. Die Modelle bestehen aber weder einen Test gegen die Realität, noch sind sie in sich widerspruchsfrei. Die fehlende Widerspruchsfreiheit der Modell beweist aber schon alleine ihre Falschheit (Näheres kann man in den Arbeiten zur Formalen Logik von Gödel nachlesen).

    Von einer modelltheoretischen Perspektive aus betrachtet scheitern die gängigen Modelle der VWL daran, das sie sich mit offenen Systemen beschäftigen, die Volkswirtschaft als Sujet der Betrachtung aber ein geschlossenes System ist. Damit ist das Scheitern der VWL bereits in der der Mikroökonomie fest eingebaut.

    In der jetzigen Verfassung sollten die VWL-Institute besser in die theologischen Fakultäten eingegliedert werden. Den Professoren würde ich allerdings empfehlen, sich bei den Kollegen der Mathematik das Sonnenschein-Mantel-Debreau Theorem und bei den Psychologen einmal das Dunning-Kruger Syndrom erklären zu lassen.

  • Cooper8

    Ich teile ihre Meinung über den Zustand der VWL hinsichtlich der Fraktion der neoklassischen Ökonomen.
    Die haben in Deutschland das Sagen und besetzen alle relevanten Stellen.
    Jenseits dieser Lehre gibt es aber einen guten Fundus an korrekten wissenschaftlichen
    Arbeiten, mit dem sich heute rund um ökonomische Fragen gut arbeiten lässt.