Politisch surreal
Bemerkenswerter Auftritt bei Anne Will: Die ehemalige Vorsitzende der Grünen, Jutta Ditfurth, hielt es für wichtig, über ein Alternativmodell zum „Kapitalismus“ nachzudenken. Warum es ihr in über 25jähriger politischer Arbeit bisher nicht gelungen ist, hierzu einen konkreten Vorschlag zu machen, bleibt unklar. Die Erklärung könnte aber sein: Weil es zum Ordnungsmodell der Sozialen Marktwirtschaft keinen überzeugenden Gegenentwurf gibt. Und weil die Wohlstandsexplosion nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ohne offene und freie Märkte niemals hätte erwirtschaftet werden können. Talksendungen, wie die am vergangenen Sonntag, leben aber nicht von Erfolgsgeschichten, sondern von Horrorszenarien und Schwarzmalerei. So präsentierte Frau Ditfurth das gesamte Interieur des politischen Surrealismus: In unserer Wirtschaftsordnung würden die Menschen „gedemütigt, niedergeknechtet und ausgebeutet“. Scheinwelt statt Realismus. In Wahrheit haben vom Wirtschaftswachstum der vergangenen 60 Jahre alle profitiert: Vor allem durch gestiegene Löhne und gestiegene Kaufkraft, gesunkene Wochenarbeitszeit und gestiegene Urlaubsansprüche. In den sechs Jahrzehnten Sozialer Marktwirtschaft ist die Arbeit vielfältiger geworden, weniger schweißtreibend, sicherer und sogar gesünder. Kein Wunder, dass 89,2 Prozent der Deutschen mit ihren Arbeitsbedingungen zufrieden oder sehr zufrieden sind. Ausbeutung sieht anders aus.
Zur Grafik: Die geleistete Jahresarbeitszeit der Arbeitnehmer in Stunden ist in Deutschland drastisch zurückgegangen: War Mitte der fünfziger Jahre noch die volle 6-Tage-Woche bei zwei Wochen Urlaub tariflicher Standard, ist heute der Urlaubsanspruch auf sechs Wochen gestiegen und das Wochensoll auf gut 37 Stunden gesunken. Die tatsächliche Jahresarbeitszeit je Beschäftigten ist sogar seit 1950 um 1.000 Stunden gesunken, auch weil nun jeder Dritte Teilzeit arbeitet. Quelle: Statistisches Bundesamt, IAB, Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Leider habe ich die Sendung nicht gesehen. Trotzdem interessiert mich, aus welcher Studie, Sie die hohe Zufriedenheit der Deutschen mit ihren Arbeitsbedinungen entnehmen.
Die Studie des Bundesarbeitsministeriums Ende 2007 ist weniger positiv:
»Die Erkenntnisse zur Arbeitszufriedenheit in den Unternehmen seien zunächst positiv erschienen, heißt es in der Auswertung: Drei von vier Beschäftigten (77 Prozent) hätten angegeben, mit ihrer Arbeit im Großen und Ganzen zufrieden zu sein. Allerdings habe der Anteil derer, die „völlig“ oder „sehr“ zufrieden sind, nur bei gut einem Drittel (37 Prozent) gelegen.«
http://www.faz.net/s/RubE481DAB3A8B64F8D9188F8FE0AB87BCF/Doc~E8A583A07C24F4DAB8D696E65A9B393CE~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Habe die Sendung damals mit Will/Ditfurth auch nicht gesehen, aber möchte nur allgemein zum Thema “Arbeitsunzufriedenheit” anmerken: die hat doch nichts mit dem ach-so-bösen kapitalistischen System zu tun, als vielmehr mit Fragen nach Kommunikation, Unternehmenskultur, Betriebsklima und Wertschätzung der eigenen Arbeit. Steigender Stress muss nicht automatisch Unzufriedenheit bedeuten. Hier sind die Führungskräfte gefragt (und keine Systemkritiker vom Typ Ditfurth oder Lafontaine). Darauf weist ja auch der link von Herrn Thaler hin, wobei insb. der Anfang des FAZ-Artikels vom 27.12.2007 hier nochmal ausdrücklich zitiert werden soll:
“Eine neue Studie des Bundesarbeitsministeriums zeigt: In deutschen Unternehmen steigt der Stress und sinkt die Zufriedenheit. Doch das Management hat es in der Hand, lautet die Schlussfolgerung: Mehr Orientierung an Bedürfnissen der Mitarbeiter würde den Unternehmenserfolg beflügeln. Den größten Einfluss auf das Engagement hätten etwa die Schaffung von Teamgeist, das Erleben von Zugehörigkeit, Wertschätzung und gezeigtes Interesse an der Person.”