Leben in der Sozialstaatsfalle
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Regelsätzen der Kinder im Hartz IV-Bezug hat eine Diskussion befeuert, die in Deutschland immer nach dem gleichen Muster läuft: Wer bietet mehr! So war das übrigens auch bei der Hartz IV-Reform im Jahr 2004. Um knapp 10 Milliarden Euro jährlich explodierten gesamtstaatlich die Kosten nach der Reform. Ein Gesetzespaket, das in diesem Land noch heute als Synonym für sozialen Kahlschlag empfunden wird, entpuppte sich als massive Ausgabensteigerung für den Staat.
Weil wir bei Hartz IV-Leistungen immer nur den Regelsatz beleuchten, „von dem doch niemand leben kann“, verkennen wir ein Kernproblem unseres Gemeinwesens. Wer arbeitet, muss von seinem Einkommen neben Krankenversicherungsbeiträgen und Steuern, seine Miete und seine Heizkosten erwirtschaften – und seine Kinder finanzieren. Vergleicht man die Einkommensverhältnisse bei diesen Familien mit einer vergleichbaren Familiengröße im Hartz IV-Bezug, stellen sich viele Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation, die jeden Tag zur Arbeit gehen, kaum besser – mit steigender Kinderzahl sogar schlechter – als die Bezieher von Sozialleistungen. Die Warmmiete trägt der Staat und die Krankenversicherung natürlich auch.
Unsere Gesellschaft beruht auf Erwerbsarbeit. Wir müssen alles tun, damit möglichst alle Menschen lernen, dass gute Bildung, persönliche Einsatzbereitschaft, aber auch soziale Kompetenz, die Mixtur bilden, aus der sich ein erfülltes Leben speist. Deshalb ist die Finanzierung von sozialer Infrastruktur – qualifizierte Kinderbetreuungseinrichtungen und Bildungsstätten – viel wichtiger als höhere Geldleistungen, die häufig genug nicht bei den Kindern der Unterschicht ankommen. Sozialstaat heißt Hilfe zur Selbsthilfe, heißt Subsidiarität. Nur wer sich selbst engagiert, wird materiell über mehr verfügen können als über das absolute Existenzminimum. Ansonsten gehen wir in der Sozialstaatsfalle unter, weil immer mehr Menschen systematisch zur Passivität erzogen werden.
Wolfgang Franz, Vorsitzender des Sachverständigenrates, präsentierte diese Woche in der Wirtschaftswoche ein neues Sozialhilfemodell: Wer selbst arbeitet, bekommt netto mehr heraus. Ohne Arbeit sinkt dafür der Regelsatz um 30 Prozent.


Werter Herr Metzger bitte belegen sie ihre Annahme, dass Hartz 4 ein Problem der schlecht ausgebildeten sei.
Ihrem Vorschlag zum Ausbau der “Kinderbetreuungseinrichtungen und Bildungsstätten” stimme ich voll und ganz zu. Wie soll das aber gehen, wenn im Gegenzug Steuern gesenkt werden? Auch stelle ich mir die Frage wie sie ihre letzten zwei Sätze bergünden wollen. Gibt es da irgendwelche Statistiken, oder denken sie sich so was wie ihre Kollegen aus und begründen dies mit Modellen (wie bei der Schwarzarbeit einen Artikel zuvor)?
Zur Dekadenz: Wenn Berufseinsteiger die Hälfte ihres Lohns abgeben müssen, ist das Frustration pur. Krasser: wir leben in einer “moralisch verrotteten Gesellschaft” voller Ansprüche gegenüber dem Staat, voller Neid gegenüber unserem Nachbarn und voller Ablehnung von Eigenverantwortung. Etatismus totale. Koste es (die ander.en), was es wolle. Sozialstaat ja. Aber bitte auch eine Renaissance der Freiheit.
Die Forderung der FDP bezüglich Hartz IV kann ich nur voll unterstützen und die Äußerung des Herrn Westerwelle spricht mir aus dem Herzen. Ich möchte ihm Mut machen, bitte nicht einzuknicken!
Erst 2009 habe ich wieder bei einem Einstellungsgespräch erlebt, dass keine Vollzeitbeschäftigung gewünscht wurde, weil soziale Unterstützung + Minijob für die Bewerberin anziehender war.
Ich selbst bin wegen Mutterschaft auf Teilzeitbeschäftigung budgetiert (Entscheidung der früheren CDU-FDP-Regierung).
Ich habe einen Überschuss von jährlich Euro 50-60.000. Der Überschuß wird vollkommen aufgefressen von Steuern und nicht abschaffbarer Fixkosten (Wohnung, Energiekosten,PKV, PKW,Unterhalt auswärtig Studierender, usw.) Es bleibt allein für mich ca. ein Betrag von Hartz IV. Ich hatte letztes Jahr Tageszeitung und Fernsehen abgemeldet. Urlaubsreisen kann ich mir in der Regel nicht leisten. Wenn ich Rückzahlungen für überschrittenes Budget mitrechne, habe ich weniger als Hartz IV. Ich fühle mich als sehr engagierte Zahnärztin von diesem Sozialstaat ausgenommen und meine Leistung mit Füssen getreten.
Mit freundlichem Gruß Dr. Gerlind Hofmann
Es gibt genug Statistiken die belegen, dass es einen Facharbeitermangel in Deutschland gibt und deswegen im Ausland sucht. Aber gleichzeitig gibt es doch so viele Arbeitslose. Deswegen, was spricht gegen eine umverteilung der Staatsausgabenauf von Soziales zu Bildung, denn das Geld was an die Eltern ausgezahlt wird, kommt nicht bei den Kindern an, und das kann ich aus erfahrung sagen. Daduch wird doch ganz klar der Reiz geschaffen gar nicht erst arbeiten zu gehen was verständlich ist, wenn man sich den Vergleich zu dem Verdienst einer ausgebildeter Person sieht.
Unterstützung vom Staat sollte nur eine Grundversorgung sein, und nicht auch noch Freizeitspass. Das Geld sollte dann in Bildungsstätten investiert werden, damit die Schulen oder Kindergärten Kultur mit allen Kindern erleben können.
Lieber Herr Metzger.
mit Interesse habe ich Ihren politischen Werdegang begleitet und wundere mich sehr über Ihren verzweifelten “Sozialstaatsfalle” Artikel. Als wüssten Sie es nicht besser ….
Z.B.: sind nachfolgende Fehlentscheidungen viel schwerwiegender als der natürlich mangelnde Qualifikationsstand einiger HARTZ IV – Bezieher.
Hier erwarte ich z.B. kräftigere Wortmeldungen von POLITNIKS.
Bei einer Sondersitzung am vergangenen Sonntag hatte die FDP-Parteispitze beschlossen, auf eine schnellere Umsetzung der im schwarz-gelben Koalitionsvertrag vereinbarten “Reformen” zu drängen.
Mindestens von allen FDP Ministern, die bei ihrer Amtseinführung u.a. den Eid auf die Verfassung abgelegt und Schaden vom Deutschen Volk abzuwenden geschworen haben, ist diese Haltung der FDP-Partei zu kritisieren und/oder sie haben ihre Ämter sofort niederzulegen.
Der Bankenrettungsschirm und die Konjunkturmaßnahmen der Bundesregierungen haben die Schulden der öffentlichen Hand auf Rekordhöhe gesteigert. Wegen der Wirtschaftskrise erwarten allein Deutschlands Städte und Gemeinden in diesem Jahr ein Rekorddefizit von zwölf Milliarden Euro.
Seit Beginn der rot-grünen Koalition hat die öffentliche Hand durch Steuersenkungen vor allem für Unternehmen und Wohlhabende 50 Milliarden Euro weniger eingenommen. Kämen die von Schwarz-Gelb geplanten Steuersenkungen in Höhe von 20 Milliarden tatsächlich, würden sich die Ausfälle durch Steuersenkungen auf insgesamt 70 Milliarden Euro summieren.
In dieser Situation Steuern – etwa für das Hotelgewerbe – zu senken und dazu als Panikreaktion auf sinkende Umfragewerte noch weitere Steuersenkungen zu versprechen, ist grob fahrlässig.
Diese Haltung der FDP muss den entschiedenen Wiederstand aller Demokraten hervorrufen.
Weg mit solchen Politikern. Spätestens die NRW-Wahlen geben dem Volk / den Wählern die Möglichkeit dieser Partei jegliche Einflussnahmen zu untersagen.
@ mendorf:
exakt das ist der Punkt. Das soziale Netz soll vor Armut schützen, sprich das Existenzminimun und das Überleben sichern. Ökonomisch zwar schlecht – aber dennoch richtig, da via Gesellschaftsvertrag hinter dem Rawlschen “Schleier der Ungewissheit” beschlossen. Die Forderung nach Wohlstandssicherung durch den Sozialstaat ist unangebracht, teuer und riskant. Ich bin kein Freund von Herrn Westerwelle, aber die Forderungen nach mehr Sozialstaat ist eine Forderung nach mehr Sozialismus – da hat er sogar recht.
Frage an Oswald Metzger:
Nehmen wir mal an alle INSM Annahmen über den Menschen wie er so tickt stimmen. Wir haben also >=2 Personen Haushalte in H4, die es sich mit ca. 1.439,00 gemütlich machen. Laut BA ca. 1,2 Millionen Haushalte. Die machen den lieben Tag nix anderes als Kohlehydrate in sich reinstopfen, Bier saufen und Talkshows schauen (Metzger) oder noch schlimmer Pornos (Stern).
Dann stellt sich mir eigentlich die Frage, welche Trotteln leben eigentlich in den 3,8 Millionen >=2 Personen Haushalten, die ein verfügbares Netto-Einkommen von < 1.500 haben (Destatis). Jeder Rational Agent müsste sofort die Seite wechseln, denn die Incentives für die Arbeitsaufnahme stimmen nicht mehr.
Zusammenfassung: Diese ganze H4 Diskussion ist Schwachsinn. Denn die Grundannahme der INSM Apostel stimmt nicht. Wenn es am Lohnabstand liegen sollte, dann müssten wir viel mehr H4 Haushalte haben. Haben wir aber nicht.
PS: Ich fand den Oswald eigentlich ganz gut wie er noch unter G firmiert hat, das C tut ihm gar nicht gut. Liegt aber an den Grünen. Das Rotationsprinzip und W-Quote. Wo bleibt da die Meritokratie?
Daß nur schlecht Ausgebildete in der Hartz IV-Falle landen, stimmt so nicht;
und daß “Eigeninitiative” aus dem Schlamassel heraushilft, stimmt auch nicht. Wie sollte es auch, da die Arbeitsplatzlücke eher größer als kleiner wird?
http://www.jjahnke.net/index.html
Informationsportal Globalisierung – Standort Deutschland – Neoliberalismus – Falsche Rezepte, Joachim Jahnke
Hartz IV war eine Fehlkonstruktion von Anfang an und der Niedriglohnbereich ebenso, Mindestlöhne könnten dem wenigstens etwas abhelfen und für das vielfach geforderte Lohnabstandsgebot sorgen.
@ Mendorf
Wollen sie dem Berufseinsteiger seine Krankenversicherung wegnehmen?
Wollen sie dem Berufseinsteiger die Infrastruktur (Straßen, Gehwege etc. wegnehmen). Wenn der Berufseinsteiger nicht aus reichem Elternhaus kommt und eben nicht auf einer Privatschule war, wollen sie ihm die Schulbildung wegnehmen.
…
Übrigens ein Berufseinsteiger als “Praktikant”oder Dumpinglöhner, der aufstocken muß hat mit Sicherheit keine 50% Abzüge. Es sollen immer mehr werden!
Ich kann solche Taschenspielertricks nicht mehr hören.
Die “spätrömische Dekadenz” übrigens war die Völlerei etc. ganz oben!
Wenn an einem durch Produktivitätsteigerung und wachsendes BIP gößer werdenden Kuchen von 10 Dezilen von arm bis reich, nur noch das reichste Dezil profitiert hat und alle anderen 9 Dezile jeweils verloren haben, dan kann man von einer “moralisch verrotteten Gesellschaft” sprechen.
Mit einem immer größer werdenden Kuchen müßte man immer weniger Menschen (laut Demographie) in der Breite besser versorgen können.
Wenn Unternehmer einem Arbeitnehmer keinen Lohn mehr zahlen können von dem er leben kann, und den Rest auf den Staat abwälzen, dann ist das für mich mangelnde Eigenverantwortung!
Sozialneid gibt es von unten und von oben. Wenn jemand nur den Sozialneid von unten erwähnt und den von oben wegläßt, weiß man für wen er spricht!
Arbeitslosigkeit hat übrigens makroökonomische Hintergründe.
Die beste Stillegungsprämie ist die, die nicht gezahlt werden muß.
Soziastaatdemontage und Lohnsenkungen und eine falsche Partizipation am Kuchen sind keine Lösung. Autos kaufen keine Autos!
@ Chriwi
Es geht ja wohl nicht um die aus volkswirtschaflicher Sicht nicht so dramatischen 10 Milliarden Euro (Man betrachte einmal die Dimension vom Haushalt!). Es geht darum, daß wenn man daß ALG-II erhöht die Menschen feststellen wieviele mehr mittlerweile von den Löhnen nur knapp darüber liegen. Die Zahl der Berechtigten explodiert dann. Das Ausmaß der Dumpinglohnrekordrepublik wird dann zu deutlich sichbar.
Erstaunlich ist es, daß man hier immer nur Betriebswirtschaft als Volkswirtschaft verkauft bekommt. Die ALG-II_Bezieher haben eine hohe Konsumquote und aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das Geld nicht weg. Selbst Gelder, die dabei ins Ausland fließen holen wir über unsere exzessiven Überschuß in der Aussenhandelsbilanz eben auch wieder zurück. Mir fehlt hier völlig eine echte makroökonomische Betrachtung.
@mendorf
Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Sie antworten mit ihrer Meinung nicht mit belegen. Was das die Wissenschaft ist die sie hier vermeintlich propagieren, dann finde ich das mehr als erbärmlich.
@Keynesianer ” von den Löhnen nur knapp darüber liegen.”
liegt das nicht an den niedrigen Löhnen? Wo wir wieder bei Herrn Metzger wären
“die Hälfte ihres Lohns abgeben müssen,”
Wo ist ihre beschwerde, dass Unternehmen ein Vielfaches des Arbeitswertes einbehalten? Wie sonst sind die steigenden Unternehmensgewinne der letzten Jahre zu erklären. Sie haben schon recht das wir in einer verotteten Gesellschaft leben. Eigenverantwortung, Eigenverantwortung, Eigenverantwortung. Können sie sich vorstellen, dass einige die gar nicht in diesem Umfang haben wollen?
Ihre Argumente Herr Oswald erinnern mehr an einen Priester denn einen Ökonomen.