Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

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Bereit für grüne Wende

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Es scheint, als könne die deutsche Industrie unberührt von den anhaltenden Schwächen des Finanzsektors einen eindrucksvollen Expansionskurs fahren. Die im angelsächsischen Raum gepflegte Bewertung der Industrie als „Old Economy“ hat sich nun ihr Gegenteil verkehrt. Deutschland mit seinem vergleichsweise großen Industriesektor hat die Krise viel besser gemeistert als beispielsweise die USA. Während in Deutschland ein Fachkräftemangel droht, drücken in den USA gegenteilige Sorgen. Wie zu Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist hier wieder „beschäftigungsloses Wachstum“ (Jobless Growth) das Thema.

Besonders imposant ist die Entwicklung bei den Automobilherstellern. Die in der Vergangenheit so gescholtenen deutschen Konzerne stehen vor allem im Premiumbereich vor einem Rekordabsatz. Vor knapp zwei Jahren schienen hier die Lichter auszugehen. Die Sorge, dass der Aufschwung ausbleibt, hat sich zu der Sorge verändert, dass der Aufschwung nicht ökologisch, nicht grün genug wird. Doch der Rückblick auf die letzten vier Jahrzehnte macht eigentlich Hoffnung. Die Zeichen der Zeit sind von den Unternehmen immer erkannt worden. Chancen für gute Geschäfte mit mehr Effizienz und geringerem Ressourcenverbrauch wird sich ein guter Unternehmer auch jetzt nicht entgehen lassen.

  • Autor

    Prof. Dr. Michael Hüther

    ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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  • Mal sehen wie es auf dem Binnenmarkt aussieht -1.1% an Einzelhandelsumsätzen

    http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/einzelhandelsumsaetze-schlechte-nachrichten-aus-dem-deutschen-handel;2508791

    1.4% BIP Wachstum (das nach dem Einbruch)
    http://www.fr-online.de/wirtschaft/regierung-korrigiert-sich-nach-unten/-/1472780/3185948/-/index.html

    Die Kaufkraft sinkt seit Jahren und es wird nicht besser durch ein negatives Bruttolohnwachstum 2009.

    http://www.focus.de/finanzen/news/lohnentwicklung_aid_265064.html

    Nur der Export wächst. Da die Automobilindustrie dazugehört ist klar, dass diese Zahlen super aussehen. Wir Exportieren also wieder fleißig in die Welt und bauen unseren Stand als Gläubiger weiter aus. Am Ende werden Währungen abgewertet (wir verlieren) oder wir müssen innerhalb der EU Hilfsfonds einrichten (wir verlieren). Das nennt man nachhaltiges Wachstum.

    Wie sieht es am Arbeitsmarkt aus (Entwicklung von sozialversicherungspflichtigen Jobs)? Wie sieht es bei den Ausbildungsplätzen aus? Wie sieht es bei der Lohnentwicklung aus? Wie sieht es mit der Investitionbereitschaft (Staat, privat, Wirtschaft) aus. Das sind Zahlen die Zeigen ob es voran geht oder auch nicht. Ein paar gestiegene Umsatzzahlen sagen gar nichts. Im Inland brechen die Zahlen ein und im Ausland werden die Verkaufszahlen durch Konjunkturpacket künstlich gehoben.

  • Bernhard Hamilton

    Die Deutschen verdienen wieder Geld mit ihren Produkten auf dem Weltmarkt. Es gibt Innovationskraft hierzulande und große Nachfrage danach weltweit. Wie hoch wäre die Arbeitslosigkeit ohne den Export?
    Das Lohnniveau in der Industrie lässt sich nicht anders verdienen als mit hochspezialisierten Produkten. OPEL Bochum kalkuliert mit ca. 34€ je Arbeitsstunde, das OPEL-Werk in Gliwice mit ca. 9€. Mit diesen relativ hohen deutschen Lohnsätzen, die im Export (noch) verdient werden, können die Einkommen im Dienstleistungsbereich nicht mithalten. Ganz abgesehen davon, dass in einer alternden, schrumpfenden Gesellschaft die Produktivität sinkt.
    Da kann man noch so viele teure Konjunkturpakete schnüren, irgendwann ist der Staat überschuldet wie Griechenland, Spanien, Japan – und trotzdem steigt die Arbeitslosigkeit.
    Dass die Arbeitslosigkeit ist durch Konjunktur-Pakete langfristig beeinflussbar ist, ist eine Märchengeschichte – es gibt keine Beispiele dafür, dass das wirklich funktioniert.
    Im Crash von 1929 versuchten auch Hoover und Roosevelt (mit seinem „New Deal“) die Nachfrage durch forcierte Staatsausgaben so hoch wie möglich zu halten. Die Arbeitnehmer, deren Arbeitsplätze nicht wegfielen, kamen so ganz gut durch die „Große Depression“. Auch wenn die Löhne fielen, letztlich fielen die Preise schneller und die Insider zogen sogar noch einen Gewinn aus der Krise. Die Krise wurde durch die unzureichende Flexibilität der Löhne und den vielen Eingriffen/ Programmen des Staates verlängert – das sehen viele Historiker (Rothbard, Shlaes, Higgs etc.) so.
    Lesenswert: Amity Shlaes – Der vergessene Mann: Eine neue Sicht auf den New Deal und die Verlierer von Konjunkturprogrammen, ab Nov 2010 bestellbar.
    Allen „Deals“ zum Trotz, in den USA herrschte 1938 – 6 Jahre nachdem Roosevelt Präsident geworden war, ca. 9 Jahre nach dem Beginn der Krise – immer noch eine Arbeitslosigkeit von fast 18% – eine „Depression in der Depression“. Auch wenn er häufig gelobt wird, Roosevelt tat wenig, was der Krise effektiv entgegenwirkte, die meisten seiner Maßnahmen unterliefen die fragile Stabilisierung weiter. Deutschland ging ebenso vor, aber weder die Programme zur Aufrüstung noch die Arbeitsbeschaffung noch die Arisierungen schufen einen selbsttragenden Aufschwung – so dass 1939 die Gefahr eines massiven wirtschaftlichen Rückschlags wuchs.
    Dann würde ich sagen – ein Glück, dass der Export derzeit wieder wächst.

  • Michael Klein

    @Bernhard Hamilton:
    “Dann würde ich sagen – ein Glück, dass der Export derzeit wieder wächst”

    quite true :)

    Zu Konjunkturpaketen: Der gute und sorgende Staat, der mit seiner Allwissenheit in den Markt interveniert, nur Gutes bewirkt und ansonsten dafuer sorgt, dass Arbeitslosigkeit verschwindet, (soziale) Gerechtigkeit herrscht, jeder bekommt, was ihm gebuert und ganz wichtig: Marktversagen beseitigt wird, ist der Gott, der nach der Saekularisierung an die Stelle getreten ist, die die katholische Kirche freigelassen hat. Konjunkturpakete sind so etwas wie der Katechismus des “neuen” Gottes.

  • @Bernhard Hamilton + Michael Klein

    Was kann man mit den Exportüberschüssen denn machen? Man kann sie nehmen und auf den Finanzmärkten anlegen, man kann sie Ländern wie Griechenland leihen damit sie noch mehr Importieren, man kann damit Importieren. Auf Dauer kann eine rein exportorientierte Wirtschaft nicht funktionieren. Mindestens ein Staat muss sich verschulden. Denn die Im- Exportbilanz ist Null auf die Welt bezogen. Die Konjunkturprogramme anderer Länder fördern unsere Exportbilanz. Das wir besonders Innovativ sind hat damit nichts zu tun. Eher das wir besonders billig sind.

    Wenn schon Roosevelt vorgebracht wird kann man sich die Vorhitler Wirtschaftspolitk mit Steuersenkungen, Senkung der Sozialabgaben etc. ansehen. Die Wirtschaft schrumpfte weiter. Bei Roosevelt scheiden sich die Geister.

    “Der Erfolg des New Deal lässt sich nur schwer abschätzen, da schon 1937 unter Roosevelt selbst die Staatsausgaben wieder zurückgeführt wurden und der New Deal ab 1941 durch die Kriegswirtschaft abgelöst wurde.”

    Das trifft es wahrscheinlich am ehesten. Das Programm von Reagan (Steuern runter, Rüstungsausgaben rauf) wird weniger kritisch hinterfragt.

  • Hier ein Beispiel für ein Antikonjunkturprogramm
    http://www.focus.de/finanzen/news/staatsverschuldung/griechenland-sparprogramm-sorgt-fuer-pleitewelle_aid_539482.html?drucken=1

    Geht es in die eine Richtung, geht es auch in die Andere.

  • Bernhard Hamilton

    Hitlers Programm und FDR`s „New Deal“ hatten bei genauerem Hinsehen überraschend viele Gemeinsamkeiten. Beide brachten den Staat als Hauptproblemlöser wieder nach vorne. In den USA, wo die Freiheit ein viel stärkeres Fundament besaß als im obrigkeitsgläubigen Deutschland, führte das zu heftigen Auseinandersetzungen. Denn trotz des immer weiter kumulierenden Staatsdefizits waren die USA nach mehr als 8 (!) Jahren „New Deal“ immer noch nicht aus der Krise. Hätten die Vereinigten Staaten nicht in den in Europa und Asien schon heißen Krieg eingreifen müssen, wäre Roosevelt 1942 von seinem republikanischen Gegenkandidaten Wendell Willkie abgelöst worden, denn viele Amerikaner waren von dem ausbleibenden Erfolg zunehmend enttäuscht. Wenn so viel Geld ausgeben wird, dann sollte irgendwann auch Erfolg eintreten – oder man muss sich der Einsicht stellen, diese Politik ist falsch.
    Schivelbusch, Wolfgang: Entfernte Verwandtschaft. Faschismus, Nationalismus, New Deal 1933-1939, München 2005.
    Das NS-Deutschland verbesserte zwar die Situation der Deutschen, das ging einerseits massiv zu Lasten der „Steuerbourgeoisie“ und der Juden. Andererseits schienen sich Wirtschaft und Beschäftigung in Deutschland zu erholen, aber nicht weil Hitler die „richtigen“ Instrumente nutzte, sondern weil er – wie Roosevelt – das Land in eine extreme Verschuldung stürzte. Irgendwann ist jedoch jede Umverteilung zu Ende (nicht nur in der DDR oder in Griechenland), im Laufe des Jahres 1939, nach der Entlassung von Hjalmar Schacht, war das Reich von der Zahlungsfähigkeit bedroht, was scharfe Einschnitte und eine erneute Krise nach sich gezogen hätte. Als sich das Beschäftigungs-, Sozial- und Rüstungsprogramm zugunsten der „Volksgenossen“ inländisch nicht mehr finanzieren ließen, begann der Krieg, wohl auch um die Mittel zur Beruhigung der Deutschen nun im Ausland zusammen zu rauben.
    Aly, Götz, Hitlers Volksstaat, Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt aM 2005.
    Ohne den Krieg hätten in Deutschland wie USA enorme Leistungseinschnitte gedroht, hohe Inflationsraten, und – nicht ausgeschlossen – ein Verlust des Mandats für die Amtsinhaber. Sogar die obrigkeitsgläubigen Deutschen hätten erkannt, dass das NS-Regime nicht in der Lage war, nachhaltige Problemlösungen zu finden.
    Ludwig Erhard – wie auch Harry S. Truman in den USA – hat jedoch eine gute Lösung gegen viele Widerstände umgesetzt, und sie war einfach und wirkungsvoll – mehr Freiheit und Eigenverantwortung.
    Aber allen Fakten zum Trotz – die Staatsgläubigkeit bleibt den Deutschen unverändert erhalten.

  • “nicht nur in der DDR”

    Staatsverschuldung DDR 1989 15% des BIP (im schlechtesten gerechneten Fall 54%)
    Staatsverschuldung BRD 2008 63% des BIP

    Die Staatsverschuldung sagt also erst mal sehr wenig aus. Denn Deutschland liegt momentan noch nicht am Boden.

    http://geschichts-blog.blogspot.com/2010/08/die-mar-vom-wirtschaftswunder.html