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Mindestlohn mit Risiken und Nebenwirkungen

Am 01. August hat das Kabinett für rund 600.000 Beschäftigte in der Pflegebranche einen gesetzlichen Mindestlohn beschlossen. Doch nach wie vor gilt: Mindestlöhne sind langfristig Gift fürs Wachstum. Denn ein Arbeitgeber, der vom Staat vorgeschrieben bekommt, höhere Löhne zu zahlen, steht vor Mehrkosten, die meistens durch weniger Neueinstellungen oder Entlassungen gelöst werden. Die Folge: Die Arbeitslosigkeit steigt. Da der Mindestlohn im vorliegenden Fall mit 8,50 Euro im Westen und 7,50 Euro im Osten vergleichsweise gering ausfällt, hält sich zum Glück auch der Schaden in Grenzen.

Es gibt aber noch weitere Gegenargumente: Die Monopolkommission weist in ihrem Hauptgutachten auf die wettbewerbsbeschränkenden Auswirkungen von branchenspezifischen Mindestlöhnen hin. Große Unternehmen sind in der Regel produktiver als kleine und können deswegen oft mehr als einen gesetzlichen vorgeschriebenen Lohn zahlen. Für weniger produktive stellt ein Mindestlohn aber eine erhebliche Mehrbelastung dar und sind so im Wettbewerb benachteiligt. Hinzu kommt: Ein Mindestlohn erschwert Marktzutritte potentieller Wettbewerber. Und darunter leiden am Ende vor allem die Verbraucher.

18 Kommentare zu “Mindestlohn mit Risiken und Nebenwirkungen”

  1. “Doch nach wie vor gilt: Mindestlöhne sind langfristig Gift für Wachstum.”
    Warum? Die Löhne sind auch gleich Kaufkraft. Somit reduziert sich der negative Einfluss. Des Weiteren können die Jobs gerade im Pflegebereich nicht abwandern. Wieso soll es dann zu Arbeitslosigkeit kommen. Die Zahl der Kranken und Pflegebedürftigen bleibt doch gleich. Die Kosten werden höher. Da aber 600000 Menschen nun mehr in die Sozialkassen zahlen kann es durchaus sein, dass die Mehrkosten kompensiert werden.

    Einige Fakten die vernachlässigt werden sind die folgenden. Wenn die Löhne steigen lohnt es sich die Arbeitnehmer weiter zu qualifizieren. Sie sind teurer und somit muss man die Produktivität steigern. Auch das Argument mit der Blockade der potentiellen Wettbewerber ist in meinen Augen scheinheilig. Große Ketten wie Schlecker, Lidl, Aldie, etc. zahlen auch niedrigste Löhne und das obwohl sie bessere Einkaufskonditionen haben als die Kleinanbieter. Was vermindert wird durch einen Mindestlohn sind Lohndrückerei und die Unterwanderung der Löhne durch die Anstellung von Ausländern. Wenn Ausländer hier arbeiten, dann sollen sie den deutschen Lohn kriegen. Schließlich arbeiten sie auch in Deutschland und haben hierfür viel in Kauf genommen. Auch der Leiharbeit wird ein wenig der Wind aus den Segeln genommen. Gleiche Arbeit soll auch mehr oder weniger gleich entlohnt werden. Als Professor versteht man so etwas nicht, da wird man wie seine Kollegen vergütet. Stellen sie sich mal dem Wettbewerb Herr Haucap.

  2. Michael Klein sagt:

    @chriwi
    Justus Haucap hat Recht. Wenn es etwas zum Mindestlohn gibt, das zwischenzeitlich so etwas wie geteiltes Wissen ist, dann, dass er die Arbeitslosigkeit erhoeht UND die Qualitaet von Leistungen reduziert. Letzteres sollte eigentlich Grund genug fuer eine Regierung sein, gerade im Pflegebereich keinen Mindestlohn einzufuehren. Ein Effekt des MIndeslohns, der gut belegt ist, besteht uebrigens darin, dass Loehne, die UEBER dem bisherigen Mindestlohn lagen, auf das Niveau des Mindestlohns abgesenkt werden. Soviel zum Thema Lohndrueckerei.

    Eine sehr gute Zusammenstellung der Forschung, die die negativen Konsequenzen des ML belegt, findet sich hier:

    http://old.mindestlohn.de/material/studien_und_dokumente/trendwende/
    neumark_wascher_minimum_wages.pdf

  3. Karl-Heinz sagt:

    “Doch nach wie vor gilt: Mindestlöhne sind langfristig Gift für Wachstum. ”

    Da lacht sich aber ein Niederländer schlapp.
    Wachstum Deutschland: 2006 3,2% , 2007 2,5% , 2008 1,3%
    Wachstum Niederlande: 2006 3,4% , 2007 3,6% , 2008 2,0%

    Politikwissenschaftler Daniel Oesch Universität Genf:
    “Trotz Mindestlohn lag die Arbeitslosigkeit von Geringqualifizierten in den Niederlanden im Jahre 2007 bei 4% , in Deutschland bei etwa 18%.”

  4. Bernhard Hamilton sagt:

    “Wenn die Löhne steigen lohnt es sich die Arbeitnehmer weiter zu qualifizieren. Sie sind teurer und somit muss man die Produktivität steigern.” – Das klingt so gut, hallo Schlaraffenland.
    „Löhne sind Kaufkraft.“ Im Bereich der Mindestlohnbezieher kann wohl nicht viel gespart werden. Dass aus höherem Konsum neue Arbeitsplätze entstehen, ist eine offene Frage.
    Jobs entstehen aus Gewinnerwartungen, und je höher die Lohnkosten sind, und in Deutschland sind ja auch noch die Steuern/ Abgaben und die Energie ziemlich teuer, desto geringer ist die Chance, mit diesem Kostenvorlauf noch einen nachhaltigen Einnahmenüberschuß zu erwirtschaften. Mindestlöhne fördern gerade im Bereich der Niedrigqualifizierten zuallererst die Arbeitslosigkeit.
    Wie schön wäre es, einfach durch hohe Mindestlöhnen die Einkommen der Arbeitnehmer steigen zu lassen. Nicht nur das es mehr als fragwürdig ist, ob der Staat in die Tarifautonomie eingreifen darf. Denn wenn er das „Recht“ besäße, Mindestlöhne vorzuschreiben, wie wollte man ihm dann das das Recht streitig machen, zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit auch Höchstlöhne zu bestimmen – ade Tarifautonomie, ade Grundgesetz.
    Egal, was man sich wünschen mag, im Hier und Jetzt lässt sich die Produktivität von Menschen nicht so einfach steigern.

  5. Jährlich steigt die Inflation in Deutschland um die 3-4 Prozent jedoch sinken die EInkünfte der Beschäftigten kontinuierlich. Weiterhin sind die Nebenkosten in allen anderen Bereichen gestiegen. Wenn die Wirtschaft es nicht schafft die Tarife den aktuellen Entwicklungen anzupassen braucht es den gesetzlichen Eingriff, in Form des Mindestlohnes. Gucken Sie sich mal in das Schwarzbuch der Wirtschaft, wo die vielen erfolgreichen Unternehmen produzieren lassen und zu welchen Konditionen. Viele Grüße an den FDP-Wähler Hr. Haucap!

  6. “Jobs entstehen aus Gewinnerwartungen”

    Das ist ja richtig. In Deutschland stagniert seit Jahren der Binnenkonsum. Das heißt, dass Investitionen in diesem Bereich nichts bringen. Dort sind aber die Lohnerhöhungen = Kaufkraft. Bei der Exportwirtschaft sieht das anders aus. Das höhere Löhne = höhere Arbeitslosigkeit bedeutet ist Unsinn. Es gibt genug Länder in denen es funktioniert. Der deutsche Weg Niedriglöhne zu subventionieren ist im übrigen ein Eingriff in die Tarifautonomie.

  7. Volker Z. sagt:

    Mindestlöhne brauchen wir auch nicht!

    Es reicht wenn wir wie in Dänemark einen 100% gewerkschaftliche Organisationgrad haben mit ordentlichen Tarifen!

    In Dänemark gibt es kein working poor ( Erwerbsarmut), weil die Gesellschaft dort ein miteinander statt ein gegeneinander pflegt.

  8. Ein paar Anmerkungen zu @Karl-Heinz zunächst.
    Er bringt Niederlande ins Spiel, über deren gute Wirtschaftsentwicklung ich letzte Woche schon schrieb. Er will im Grunde belegen, dass Mindestlöhne (ML) nicht beschäftigungsschädlich sind. Das macht er mit einem Argument, das einen solche Schluss nicht zulässt. Es ist logisch nachvollziehbar und empirisch nachgewiesen, dass ML auf Kosten von Arbeitsplätzen gehen. Die gute Entwicklung der Niederlande – im Kuba-Thread vom 3.8. konkreter angesprochen – vollzog sich nicht wegen, sondern trotz ML. Bestünde man darauf den niederländischen Mindestlohn eine besondere Relevanz zuzusprechen, kann sie nur negativ sein: die Arbeitslosigkeit stieg mit der Einführung von ML in 1969 von 1% auf fast 10% in den 80ern. Zumindest heute lässt sich mit ML in NL wenig erklären. Nur wenige niederländische Arbeiter – jdf. unter Vollzeit – arbeiten zu Mindestlöhnen (2-4%), in Frankreich sind es über 15%. In Frankreich sind die Auswirkungen von ML um ein Vielfaches deutlicher zu sehen. Die Jugendarbeitslosigkeit in NL ist 7%, in Deutschland um die 10% und in Frankeich um die 23%. In Frankreich gilt der Mindestlohn ab 18 Jahre, in NL erst ab 23, darunter gestaffelt mit großen Abschlägen.

  9. Zu Mindestlöhnen in der Pflegebranche. Selbst die FDP lockert hier ja ihre allgemeine Ablehnung von ML, wegen der “besonderen Strukturen”. Neo-/Ordoliberale wie Walter Eucken schlossen ML nicht aus. Ein Mindestlohn lässt sich bei einem sog. Monopson (einem Nachfragemonopol, also einem übermächtigen Arbeitgeber, der keine oder wenig Konkurrenz hat) begründen. Unsere unternehmerfeindliche Politik schafft und zementiert konsequent monopsonistische Zustände – siehe auch Post oder Energie. Ein Eingriff führt zwingend zum nächsten. Das Dilemma ist dann da, wenn Zustände so unerträglich scheinen oder sind, dass man glaubt zum Schutz von Arbeitnehmern eingreifen zu müssen. Unsere Arbeitslosigkeit ist hausgemacht, das Ungleichgewicht versetzt Arbeitgeber in eine bessere Position – Lohndrückerei wird wahrscheinlicher. Wie Ludwig von Mises schon richtig bemerkte, irgendwann landet man durch Interventionismus im Sozialismus. Lokale Anbieter wie hauptsächlich in der Gastronomie, tendieren eher zum (natürlichen) Monopson als flexiblere Branchen – man kann weder die Gaststätte und die Kunden verlagern – ähnlich im Pflegebereich. Mindestlöhne sind u.U. dann auch nicht schädlich, man zwingt Unternehmer zu höheren Löhnen. Übertreibt man es aber mit Eingriffen und der Lohnhöhe, entstehen schon gar keine Monopsone. Was Prof. Haucap erwähnte und mir eigentlich auch das Wichtigste ist: die Marktzutrittsbarrieren. Jedes Unternehmen startet bei Null, muss sich behaupten und Marktanteile erobern. Erst dann können höhere Löhne gezahlt werden. Lassen wir keine Entwicklung zu, bringen wir Menschen nicht in Arbeit.

    Es herrscht wieder mal ein Dilemma. Der allgemeine Grundsatz, dass ML arbeitsplatzschädlich sind, gilt nach wie vor. Es gibt dennoch Gründe für und gegen ML in der Pflegebranche. Es geht noch nicht mal um Schutz vor angeblichem “Lohndumping” durch deutsche “Billigunternehmen”, es geht um Protektionismus – Schutz vor ausländischer Konkurrenz / EU-Freizügigkeit. Ähnliches Schema wie etwa bei den Agrarsubventionen, die die Entwicklungsländer zugunsten der einheimischen Anbieter abhängen sollen. Merkwürdigerweise regt sich die Mehrheit der Bürger dann über die Zustände in den Entwicklungsländern auf. Man schiebt die Schuld auf “die Globalisierung” und “den Kapitalismus” und merkt nicht, dass Protektionismus und Geklüngel erst ermöglichender Staatseinfluss die Ursache des Übels ist. Wer hat den Post-Mindestlohn gefordert? Die Deutsche Post. Mit welchen Auswirkungen? Konkurrenten wurden beseitigt oder klein gehalten. Ist es heute ein Zufall, dass der Arbeitgeberverband Pflege Mindestlöhne fordert? Dass er es nicht abwarten konnte quasi als erste Amtshandlung Tarifabschlüsse herbeizuführen? Es wäre interessant zu erfahren mit welchen Löhnen die organisierten Pflegeunternehmen selbst mal angefangen hatten. Jetzt, da man Marktanteile und Mindestumsätze hat, ist es leicht von neuen Konkurrenten Mindestlöhne zu fordern. Dass man mit einem flächendeckenden Mindestlohn die ausländische Konkurrenz im Auge hatte, wird nicht verschwiegen. 2011 beginnt die Arbeitnehmerfreizügigkeit für acht osteuropäische Staaten. Diese Konkurrenz rechtzeitig fernzuhalten, pardon, einen fairen Wettbewerb zu garantieren, war Ziel von Wirtschaft und Politik. Das ist verständlich und auch nicht gleich zu verurteilen. Man will Arbeitsplätze für die Landsleute schützen. Solch ein Eingriff ist weder richtig noch falsch. Es kommt auf die Perspektive an. Aus staatsbürgerlicher Sicht ist ein solcher Eingriff mit diesem Zweck legitim. Aus globaler ordnungspolitischer Sicht ist er aber eine Katastrophe und dauerhaft wohlstandsschädlich – für uns alle.

  10. Ich persönlich halte Mindestlöhne für kontraproduktiv.

    Unsere tatsächlichen Löhne und Gehälter (Brutto + AG-Anteil-SV) sind die höchsten in Europa (lt. OECD).

    Das Problem sind doch die SV-Abgaben (nicht die Steuern), vorallem für niedrige Einkommen. Es kann in meinen Augen nicht sein, dass ein mittleres Einkommen relativ schnell eine Abgabenlast zwsichen 50 – 60 % erreicht.

    Wenn man überlegt, dass Kapital/Boden weit weniger belastet sind, zum Großteil bei Millionären sogar je nach Anlage unter 20%, ist dies doch extrem ungerecht. Jetzt kann man natürlich argumentieren: “aber absolut bestrachtet”. Nur ist es wirklich so und haben diese Menschen dieses Vermögen durch Leistung erworben, hätten sie es ohne die Anderen?

    Eine echte Entsolidarisierung möchte glaube ich niemand, da die Folgekosten weit höher sind als eine angemessene Umverteilung, die sogar je nach Ernsthaftigkeit des Bürokratie-, Subventionsabbaus etc. und der entsprechenden Liberalisiersung des Arbeitsmarktes auch gern 50% – 60 % des BIP betragen kann.

    Zurzeit habe ich das Gefühl, dass viel zu viel Kapital verzweifelt eine sinnvolle Anlageform sucht und diese logischerweise nicht finden kann und es wird eine Spekulationsblase nach der Anderen geben, die dann wieder die Armen und Mittleren mit immer weniger Chancen/Abgaben etc. bezahlen müssen.

    Ich weiß nicht, soziale Marktwirtschaft ist glaube ich etwas anders.

  11. @Volker Z.

    Da stimme ich ihnen vollkommen zu.

  12. Karl-Heinz sagt:

    @ Tobias Fuentes

    “Bestünde man darauf den niederländischen Mindestlohn eine besondere Relevanz zuzusprechen, kann sie nur negativ sein: die Arbeitslosigkeit stieg mit der Einführung von ML in 1969 von 1% auf fast 10% in den 80ern. Zumindest heute lässt sich mit ML in NL wenig erklären. Nur wenige niederländische Arbeiter – jdf. unter Vollzeit – arbeiten zu Mindestlöhnen (2-4%),”

    Den Anstieg der Arbeitslosigkeit in den Niederlanden mit der Einführung des ML zu begründen halte ich für falsch.
    In Deutschland stieg nänlich die Arbeitslosigkeit in der Zeit von 1969 – 1983 von 0,9 auf 9,1 %, also fast gleich.
    Woran lag die Steigerung in Deutschland ?

    Richtig ist , dass heute sehr wenige Niederlländer auf Basis ML beschäftigt sind.
    Wie sagte der niederländische Arbeitgeber eines Sohnes von mir:
    “Wenn ich nur den ML zahlen würde bekäme ich keine guten Mitarbeiter.”
    Oder anders gesagt , es findet dort trotz Arbeitslosigkeit kein Lohndumping statt.
    Ist halt so ähnlich wie in Dänemark.

  13. @Tobias Fuentes
    Ich würde gerne die empirischen Belege sehen, dass Mindestlöhne schädlich sind für den Arbeitsmarkt. Es ist im Übrigen erstaunlich, dass Arbeit der Heilsbringer sein soll. Sklaven haben auch gearbeitet und dennoch waren sie weder glücklich, noch frei. Wenn Unternehmen unter anderem im Pflegebereich ihre Arbeitskräfte entlassen und über Leiharbeitsfirmen wieder einstellen, dann wollen sie einfach mehr Gewinn machen. Schaut man sich die Unternehmensgewinne der letzten 10 Jahre an, dann sieht man das sie steitig gestiegen sind (außer in der Krise). Dennoch wurden die Löhne mit der Begründung der Wettbewerbsfähigkeit gesenkt. Netto stagnieren die Löhne seit 2001, brutto sind sie 2009 gesunken. Im Gegenzug subventioniert man über Kombilöhne das Einkommen. Somit bezahlt der Staat die Arbeit und der Unternehmer kassiert bei minimalem Risiko den Gewinn. Ein Mindestlohn würde solchem Unsinn einen Riegel vorschieben. Arbeit muss auch so entlohnt werden, dass Menschen davon leben können. Wettbewerb existiert zwar, aber nicht in allen Bereich. Wenn alle Discounter die Löhne senken, kann nicht einer die Löhne erhöhen in der Hoffnung das mehr Kunden kommen. Das ist unrealistisch. Das heißt es herrscht eine Art Gruppenzwang. Dieser Zwang führte auch in die Finanzkrise. Es gab viele Warner, aber alle mussten mitmachen um ihre Zahlen zu erfüllen. Der Markt ist eben nicht so effektiv. Seine Zielgröße ist die Maximierung des Gewinns und nicht des Nutzens der beteiligten Personen.

  14. @chriwi
    Die empirischen Belege sind vorhanden, es reicht zunächst schon ein Blick in wikipedia unter internationale Befunde. Erstens, ich habe bisher keinen überzeugenden gegenteiligen Nachweis gefunden. Es ist leicht zu behaupten, dass ML keine nennenswerten negativen und vielmehr ggf. sogar positive Effekte hätten, wenn man gezielt monopsonistische Bereiche untersucht oder das Beschäftigungsniveau in solchen Ländern heranzieht, die einen (tlw. so geringen) ML haben, dass er nicht ins Gewicht fällt. Wenn ML-Befürworter in der Diskussion konkreter werden müssen, entlarven sie sich selbst. Wagenknecht und Lafontaine etwa preschen da gern vor. Lafontaine nannte jüngst Frankreich und Luxemburg. Nun, Frankreich zu bringen, wider besseren Wissens um die katastrophalen Zustände, ist dreist. Und der Kleinststaat und Finanzplatz Luxemburg mit 0,5 Mio Einwohnern, von denen überhaupt nur 0,19 Mio – gerade die Hälfte der Arbeitsfähigen – im Inland arbeiten, eignet sich augenscheinlich nicht als Beweis. Es bleibt nichts übrig von Lafontaines Begründung – absolut nichts. Und ich glaub Wagenknecht war es, die den Zusammenhang zwischen ML und der hohen franz. Jugendarbeitslosigkeit mit der Behauptung bestritt, in FRA gelte der ML gar nicht für Jugendliche. Oder es wird argumentiert, da es bei Ausbildungsverhältnissen keinen ML gäbe, bestünde gar kein Zusammenhang mit Jugendarbeitslosigkeit. Das ist das Argumentationsniveau der ML-Fanatiker.

    Zweitens, was deinem Wunschdenken über Mindestlöhne zugrunde liegt, ist wie immer die Utopie der Kaufkraft-Irrlehre. Man könnte den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Man hat sehr gerne Großunternehmen im Blick, die ihren Börsenkurs durch Gewinnsteigerungen infolge Arbeitsplatzabbau verbessern. Die Realität ist auch hier wieder eine andere. Das Gros der Arbeitsplätze gibt es nicht durch Konzerne. Und die Löhne von Großunternehmen sind schon am wenigsten niedriglohnverdächtig. (Und die Behauptung etwa, dass wir unseren Exporterfolg Lohndumping verdanken würden, ist einfach nur lächerlich.) Die Situation bei den Unternehmen, die von Mindestlöhnen am meisten betroffen wären, ist nicht rosig. Hier ist nichts mit Gewinnsteigerungen. Es gehen derzeit von ihnen – in absolten Zahlen – genauso viele Unternehmen insolvent (33.000) wie es Single-Aufstocker in Vollzeit (die eigentliche “Working Poor”) überhaupt gibt. Die Zahl derjenigen Arbeitnehmer, die von insolventen Unternehmen in Arbeitslosigkeit landen, dürfte über der Zahl sämtlicher! Aufstocker in Vollzeit liegen. Das wäre schon dann der Fall, wenn jedes insolvente Unternehmen im Schnitt 8 Arbeitnehmer hätte – ich glaube diese Hürde ist leicht und längst übersprungen, man schaue mal zu Karstadt. Wenn man überhaupt eingreifen wollte … dann plädierte ich für staatlich garantierte Mindestumsätze für Unternehmen. Das wäre hilfreich und günstiger als ML. Nun, ordnungspolitisch wäre das genauso fatal und so utopisch, dass natürlich nur die Linke darauf einsteigt – mit ihren Forderungen Opel und Karstadt zu retten.

    Es bleibt dabei, auch ein Laie kann ohne weiteres die hohe Arbeitslosigkeit in den Ländern, die einen hohen ML haben und in denen er relevant ist, erkennen. Das Gros der Aufstocker (80%) betrifft Teilzeit mit ihren verschiedenen Facetten, hauptsächlich Minijobs – Jobs, die nicht zum Lebensunterhalt gedacht sind und die es für 10 Euro schlicht nicht geben würde. As simple as that. Dass immer mehr auf solche Jobs angewiesen sind, ist ein anderes, das eigentliche Problem – das grundsätzliche Dilemma in Deutschland. Unser Problem ist Beschäftigung, 5 Mio Arbeitslose, und nicht Lohndumping. Ein Problem, das man mit einem ML noch verschärfen würde. Milton Friedman würde zutreffend sagen: The government solution to a problem is usually as bad as the problem.

  15. Kammerjäger sagt:

    Glaubt hier im Blog wirklich jemand, dass irgendwer in Deutschland auf ein gereinigtes Hotelzimmer verzichten würde, weil das einen Euro teurer wäre. als heute? Was ist also die “Wertschöpfung” dieser Tätigkeit?

    Organisationen verhalten sich entsprechend den Incentives man ihnen gibt. Wenn bestimmte Löhne über eine Mindestlohnregelung (oder wie früher über Flächentarifverträge) für alle Unternehmen gleich wären, dann wäre diese ähnlich wie zum Beispiel Kapital- oder Energiekosten oder Mieten von außen vorgegebene Größen. Im Wettbewerb bestehen würden die Unternehmen, die unter diesen gleichen Bedingungen für alle ihre Produkte am effizientesten herstellen.

    Was wir ohne Mindestlöhne haben, ist die Situation, die sich eigentlich niemand wünschen kann: Im Wettbewerb gewinnt derjenige, der sein Mitarbeiter am schlechtesten bezahlt, und gleichzeitig die minimalen Kosten einer Arbeitskraft (=Lebenshaltungskosten) vom Staat subventionieren lässt.

    Wir müssten natürlich akzeptieren, dass bestimmte Arbeit, wenn sie denn diese “Wertschöpfung” nicht erreicht, dann eben auch nicht mehr gemacht wird. Oder wir würden lernen, dass eine gereinigte Straße eben einen bestimmten Betrag kostet, oder wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, diesen Betrag zu bezahlen, man eben auf Straßenreinigung verzichten muss.

  16. @ Fuentes

    Arbeitslosigkeit ist ein Segen. Erwerbsarbeit und damit die Umverteilung unseres Volkseinkommens ist doch unser eigentliches Problem. Daher ist die ganze Mindestlohndiskussion ein reines Placebo, es löst kein einziges Problem und schafft evtl. Neue.

    Oder können sie mir sagen, wie ein Bergmann, ein Steuerberater etc. etc. eine wirklich produktive Leistung, geschweige denn eine gesellschaftlich sinnvolle Leistung erbringen wollen oder sie jemals erbracht haben? Alle existieren nur durch überflüssige Gesetzte, Subventionen etc..

    50 – 60 % aller derzeit Erwerbstätigen kann man doch, wenn man es wirklich wollte, freisetzten. Das wäre ein sinnvolles Ziel für unsere Zukunft , jede Art von überflüssiger Arbeit zu eliminieren und dann überlegen wie man eine echte Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft für die Menschen erschafft.

    Es gibt ein schönes Zitat, was unseren derzeitigen Zustand gut beschreibt:

    „Schauen sie sich um. Alles läuft verkehrt, alles ist verdreht. Ärzte zerstören die Gesundheit, Anwälte zerstören das Gesetz, Universitäten zerstören Wissen, Regierungen zerstören Freiheit, die großen Medien zerstören Informationen und die Religionen zerstören Spiritualität.”

  17. @Tobias Fuentes
    Sicherlich ist die Höhe des Mindestlohns entscheidend. Wenn jedem 100Euro/Stunde bezahlt werden, dann würde es Probleme geben. Es geht aber um 8-10 Euro. Die sind auch im europäischem Vergleich nicht sehr hoch.

    Das Großunternehmen besser bezahlen ist richtig, zeigt aber auch wie kurzsichtig sie sind. Großunternehmen bezahlen Reinigungsfirmen, Zulieferer, Leiharbeitsfirmen, etc. Das alles drückt ihre Kosten, wenn sie diese Leistungen möglichst günstig einkaufen können.

    “die es für 10 Euro schlicht nicht geben würde.”
    Wo würde denn die Arbeit plötzlich hinwandern? Meinen sie, dass sich Unternehmen auf einmal selbst bewachen, das sich Lebensmittel selbst verkaufen, das sich Haare selber schneiden, etc. Die Arbeit ist da und soll gefälligst auch bezahlt werden. Ihr Argument der Teilzeitstellen ist auch keines. Denn eine Großteil der Menschen würde deutlich mehr arbeiten wollen. Ettliche haben mehrer Minijobs.

    “Unser Problem ist Beschäftigung, 5 Mio Arbeitslose, und nicht Lohndumping. ”
    Ja und nein. Unser Problem ist vernünftig bezahlte Beschäftigung. Denn wenn es nur die Beschäftigung wäre, dann könnten wir ja die Sklavenarbeit wieder einführen.

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Der Autor:

Prof. Dr. Justus Haucap

Direktor des Duesseldorf Institute for Competition Economics (DICE) sowie Vorsitzender der Monopolkommission.

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