Diejenigen, die mit Blick auf die Finanzkrise voreilig von Licht am Ende des Tunnels gesprochen haben, müssen nun feststellen, dass das in Wirklichkeit der entgegenkommende Zug war. Peer Steinbrück, *1947, dt. Politiker

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Arbeit bleibt teuer

Trotz der geringen Lohnsteigerungen in den letzten Jahren gehört Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Arbeitskosten im produzierenden Gewerbe.

Kaum setzte der Aufschwung in Deutschland ein, da wurden im In- aber auch Ausland Forderungen nach Lohnsteigerungen in Deutschland laut. Zu den prominentesten ausländischen Befürwortern dürfte die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde gehören. Wiederholt hatte sie den Deutschen gegenüber den Vorwurf erhoben, sie würden sich durch Lohnzurückhaltung auf den internationalen Märkten einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Zwar stimmt es, dass die Löhne in Deutschland so langsam gestiegen sind wie nirgendwo sonst in Europa. Unerwähnt bleibt aber: Westdeutschland hat selbst nach den geringen Lohnsteigerungen in den letzten Jahren unter den großen Volkswirtschaften in der Industrie das weltweit höchste Kostenniveau.

Werden auch die kleinen Volkswirtschaften berücksichtigt, liegt die westdeutsche Industrie mit 36,05 Euro je Stunde für Löhne und Personalzusatzkosten im internationalen Vergleich immer noch auf dem vierten Platz. Auch im Heimatland von Frau Lagarde liegen die Arbeitskosten um acht Prozent unter den Westdeutschen. Andere westliche Staaten wie die USA, Japan und das Vereinigte Königreich haben sogar Kostenvorteile von nahezu 40 Prozent. Ganz zu schweigen von China. Mit Arbeitskosten von 2,25 Euro pro Stunde produziert der Exportweltmeister um fast 94 Prozent günstiger als Deutschland. Fakt ist: Durch den Tritt auf die Lohnbremse hat Deutschland noch nicht einmal die Sünden der Vergangenheit, die vor allem in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre begangen wurden, wettgemacht. Aber auch wer nur auf die jüngere Vergangenheit schaut, sollte einen Wechsel von der Bremse auf das Gaspedal noch einmal überdenken. Denn in der Wirtschaftskrise haben die Unternehmen versucht, ihre Belegschaft soweit wie möglich zu halten. Trotz Arbeitszeitverkürzung brach daher die Produktivität kräftig ein. Folge: Noch immer sind die Lohnstückkosten 10 Prozent höher als Anfang 2008.

  • Autor

    Christoph Schröder

    ist Senior Researcher beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

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  • Surp

    ändern sie das System und man kann theoretisch auch in Deutschland für 2,25 Euro die Stunden gehen, da man durch Arbeit immer mehr hat.

    Aber irgendwie wollen wir uns ja lieber zu Tode verwalten und Weltuntergangsstimmung verbreiten.

  • Arbeit bleibt in Deutschland zu billig, sonst hätten wir ja nicht diese grußeligen Exportüberschüsse, also Verschuldungsüberschüsse des Auslands, die wir nun als Steuerzahler “retten” dürfen. Steuerzahler haften für Ihre Horter und Ökonomen – wie lange noch?

    Wie kann man bei solchen Exportüberschüssen und solchen Finanzzahlen so einen Artikel schreiben? In diesem Land verdienen die Unternehmen seit Jahren so viel, dass Sie keinen Nettokreditbedarf mehr haben. Jeder Euro private Ersparnis ist deshalb saldenmechanisch entweder Staatsschulden oder Exportüberschüsse(ausländische Staatsschulden).

    Herr Schröder – jeder kleine Unternehmer schaut in die Buchhaltung, eh er sich zur Lage seines Betriebs äußert. Wann schaun Deutschlands INSM Ökonomen mal in die Buchhaltung statt ins Lehrbuch Ihrer Konfession?

    http://www.bundesbank.de/download/statistik/stat_sonder/statso4.pdf#page=17

  • Markus

    @ Surp

    Die Epoche des vorindustriellen Feudalismus muß doch eine schöne Zeit gewesen sein! Dahin kämen wir wieder hin, wenn “Arbeit billig wie Dreck” gemacht und gesellschaftlicher und ökonomischer Rückschritt als Fortschritt verkauft wird.

  • Surp

    @ Markus

    Das einzige was man braucht ist Kaufkraft, oder?

  • Bernhard Hamilton

    OPEL Bochum kalkuliert die Mannstunde mit 34€, OPEL Gliwice (Polen) mit 9€.
    Allgemein sind solche exorbitanten Löhne teuer, wenn auch (meist) gerechtfertigt, durch die hohe Produktivität einer auf dem Weltmarkt konkurrenzfähigen Industrie.

    Wer glauben möchte, dass die Polen/ Tschechen/ Koreaner/ Chinesen etc. seien weniger fleissig als die Deutschen, der solte sich das Beispiel NOKIA Bochum ansehen.
    Denn sind die Industrielöhne zu hoch, und Deutschland liegt dabei in der Weltspitze, dann werden überteure Industriearbeitsplätze verlagert, zu Standorten mit günstigeren Arbeitkosten und weniger üppigen Vorschriften (siehe den Beitrag von Wolfgang Clement).

    Das ist dann weder “gesellschaftlicher” noch “ökonomischer” Fortschritt, sondern Rückfall in die Steinzeit des Sozialismus.

  • Surp

    @ Markus

    um sie einwenig zu provozieren, wir haben jetzt schon genug Arbeitsplätze, wo der Arbeitenden eigentlich Geld zur Arbeit mitbringen müsste, damit er arbeiten darf.

    Bin mal gespannt, ob Sie verstehen, was ich meine^^.

  • Markus

    @ Surp

    Na, Sie sind ja ein Witzbold ;-)

    Wie wäre es mal mit richtig interpretierten Wirtschaftsfacts?

    http://www.jjahnke.net/index.html
    Informationsportal Globalisierung – Standort Deutschland – Neoliberalismus – Falsche Rezepte, Joachim Jahnke

  • Surp

    einfach mal selbst anfangen zu denken.

    Sie haben das Wort Dreck benutzt ich will es mal auf den Punkt bringen 60% unserer derzeitigen Erwerbsarbeit ist Dreck, da sie komplett überflüssig ist und ausschließlich Ressourcen verschwendet.

    Sie verstehen glaube ich nicht annähernd was ich denke.

  • Herr Schörder zum Einen sind die Lohnstückkosten interessant, zum anderen sind scheinbar die Löhne nur ein Teilaspekt. Wenn sie die zentrale Rolle spielen würden, dann müsste der Osten Deutschlands blühen.

  • Bernhard Hamilton

    Die Lohnkosten in Ost-Deutschland sind unbestreitbar günstiger als im Westen – tatsächlich ein Ansiedlungsvorteil.

    Aber da sind immer noch die braun-roten Altlasten des Sozialismus und, der völlig überdrehte deutsche Regulationsstaat.
    Mal abgesehen davon, dass die fähigen Köpfe, z.B. die Ingenieure, schnell dort wegziehen, weil sie an anderer Stelle meistens mehr verdienen.

    Eine Industrieansiedlung lässt sich nicht erzwingen, was im Zuge der Wiedervereinigung verschwunden ist, lässt sich mit noch soviel Geld nicht mehr zurückbringen.
    Das Leichengift der beiden Weltkriege, von National-Sozialismus und SED-Diktatur haftet wie Mehltau an der bundesdeutschen Gesellschaft.
    Zusammen mit der Überalterung des Ostens sind das keine guten Bedingungen für Neu-Ansiedlungen.

  • Markus

    @ Surp

    Also versuchen wir es mal mit dem “Selberdenken”.

    Wenn ich es richtig verstehe, sind Sie für Arbeitszeitverkürzung? –

    Einverstanden! Das würde dann ja Arbeit sichern und weitere schaffen.

  • Surp

    @ Markus

    funktioniert leider nicht, vorallem, da wir immer stärker in Projekten etc. arbeiten. Es hat ja nichtmal bei VW am Band funktioniert.

    Daher muss man sich einfach von dem Gedanken unserer derzeitigen Erwerbsarbeit trennen (die Gründe habe ich ja oft beschrieben). Es wird neue Arbeit enstehen, da die Menschen Kaufkraft besitzen, aber viele unserer dezeitigen Dienstleistungen, aber auch andere Arbeiten, da Unternehmen weniger für ihre Verwaltung ausgeben (Bürogebäude, Computer, Firmenwagen usw.) etc., werden nicht mehr existieren und das wäre sehr gut.