Die Disziplin der Marktwirtschaft gründet sich auf knappes Geld, funktionsfähigen Wettbewerb, rechtsstaatliche Regeln, verlässliche Behörden und Gerichte. Vereinfacht gesagt: Milton Friedman + Kartellamt + Konkursrecht. Gerhard Fels, *1939, ehem. Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

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Plädoyer für Wachstum

Paque

Rezension: Karl-Heinz Paqué: Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus, München 2010

Kritik am Wirtschaftswachstum ist nichts Neues. Neu ist aber, dass die Diskussion über die Notwendigkeit von Wachstum nicht mehr ein Phänomen des Feuilletons oder gesellschaftlicher Randgruppen darstellt. Längst zweifeln breite Teile der Bevölkerung, Politik und Wirtschaft, ob Wachstum die Lösung oder nicht vielmehr die Ursache für gegenwärtige und zukünftige Probleme ist. Bezeichnenderweise sinkt gleichzeitig die Zuversicht am gesellschaftlichen Fortschritt. In der Regel herrscht dabei eine eindimensionale Vorstellung darüber, was Wachstum ist: Eine fortwährende quantitative Steigerung – die Gier nach immer mehr. Zur Recht kritisiert der Autor „diese Vorstellung als grob irreführend. Tatsächlich verbindet sich mit dem Wachstum eine stete Veränderung der Produktionspalette und der Qualität der Erzeugnisse“.

Unerwähnt bleibt in der Regel auch, dass Wachstum aus Freiheit resultiert. Der unternehmerischen Freiheit selbst zu entscheiden, welche Produkte auf welchem Wege hergestellt und am Markt angeboten werden. Soll diese Freiheit tatsächlich staatlich beschnitten werden? Der Motor des Wachstums ist Wissen, transformiert in technischen Fortschritt. Insofern erscheint dem Autor die Forderung nach Verzicht auf Wachstum recht merkwürdig: „Sie bedeutet nämlich den Verzicht auf die Umsetzung von neuem Wissen in eine qualitativ bessere und vielfältigere Produktwelt, und zwar privatwirtschaftlich und gemeinnützig.“ Nicht alle werden mit einer staatlichen Wachstumsbeschränkung einverstanden sein. Wer einen Ausstieg aus dem Wachstumspfad fordert sollte sich deshalb der absehbaren Konsequenzen bewusst sein: „Eine drohende Massenabwanderung von Leistungsträgern“.

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Jenseits dieser grundsätzlichen Überlegungen geht Paqué aber insbesondere der Frage von potentiellen Wachstumsgrenzen und -gefahren nach. Seit der Finanzkrise ist die Ansicht weit verbreitet, dass ein von grenzenlosem Wachstum beseeltes Spekulantentum eine unvorstellbare Kapitalvernichtung zu verantworten habe. Stimmt nicht, entgegnet der Autor: „Der Konkurs sorgt allein für eine Abwertung des Kapitalbestands und im Regelfall für einen Wechsel des Eigentümers“. Und die Geschichte gibt ihm Recht: Nachdem der Boom beim Eisenbahnbau ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Gründerkrach einen harschen Absturz erlitt, führte dies keineswegs zu einer Vernichtung der Eisenbahnnetze. Gleiches gilt für die Dotcom-Krise an der Wende zum 21. Jahrhundert: Schließlich blieb das Internet auch nach dem Crash bestehen.

Als Geburtsstunde des „modernen“ Wachstumsskeptizismus gilt allgemein die Veröffentlichung der Studie „Die Grenzen des Wachstum“ vom Club of Rome. Letztlich hat sich die zentrale These vom nahenden Ende des globalen Wachstums infolge von Ressourcenknappheit als falsch erwiesen. Völlig unterschätzt wurde von den Autoren der Studie das Potential des technischen Fortschritts: „Das Ausmaß beziehungsweise die Geschwindigkeit dieser Innovationen wurde stets so niedrig angenommen, dass sie die Wirkung des Verbrauchs auf die Ressourcenknappheit nicht auffangen konnte“.

Die Befürchtung, der Menschheit könnten die Energieressourcen ausgehen, hat sich nun umgekehrt in die Befürchtung, der stetig wachsende Energieverbrauch müsste zwangsläufig in einer klimatischen Katastrophe münden. Wie schon bei der These von der Ressourcenknappheit wird aber auch hier sehr statisch argumentiert. Fast unberücksichtigt bleibt beispielsweise, dass mit zunehmender Problemlage die Forschung in diesem Bereich intensiviert wird oder die Möglichkeit eines Wertewandels in den Entwicklungs- und Schwellenländern in Richtung mehr ökologischen Bewusstseins. Ein Wandel der in Europa auch erst nach Erreichen eines gewissen Wohlstandsniveaus eingesetzt hat. Am Ende seines Buches mahnt Paqué die Wachstumskritiker sich auch die sozialen Konsequenzen ihrer Forderung bewusst zu machen: …ohne Wachstum reduziert sich die Politik auf ein Nullsummenspiel, in dem jemand nur gewinnen kann, wenn er jemand anderem etwas wegnimmt.“


Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué leitet den Lehrstuhl für internationale Wirtschaft an der der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

  • Michael Klein

    Seltsamerweise sind genau diejenigen Wachstumskritiker, die ausufernde Sozialstaaten, die ohne Wachstum ueberhaupt nicht moeglich waeren, als besondere Errungenschaft feiern. Mir scheint die Wachstumskritik eine Neuauflage der Technikfeindlichkeit und Zivilisationskritik eines Oswald Spengler zu sein, die in Deutschland regelmaessig mit mystischem Anstrich daherkommt und nun eben der Maer aufsitzt, es waere moeglich, Wohlstand ohne Wachstum zu erreichen. Ich halte es hier mit Siegwart Lindenberg, der einmal sinngemaess gesagt hat, dass man sich Irrationalitaet leisten koennen muss, was vielleicht erklaert, warum die Wachstumskritik aus den Reihen der satten Mittelschicht kommt, die immer genau weiss, wo andere sparen und sich einschraenken muessen.

  • Surp

    Erstmal sollte man diskutieren was ist Wachstum, unser BIP ist eher das Gegenteil von sinnvollem Wachstum.

    Man kann doch keinem normal denkenden Menschen erzählen, dass eine Massenkrambolage auf der Autobahn sinnvolles Wachstum ist. Oder unsere gesamte Bürokratie irgendeinen sinnvollen Wachstumsbeitrag liefert. Auch jedes Bürogebäude das überflüssig ist, ist doch das Gegenteil von Wachstum.

    Alles in allem gibt es limitierte Ressourcen und egal wie man es dreht und wendet, umso stärker diese sinnlos verbraucht werden, um so schlechter ist das für unsere Zukunft, aber vorallem für die Zukunft der folgenden Generationen.

    Die Möglichkeiten durch den technischen Fortschritt sind gewaltig, aber wir binden ja theoretische HPs an Berufesbilder, die niemand braucht, geschweige denn einen sinnvollen gesellschaftlichen Beitrag fähig sind zu leisten.

  • Michael Klein

    @surp
    “Auch jedes Bürogebäude das überflüssig ist, ist doch das Gegenteil von Wachstum”

    … und das von jemandem, der den Konsum zur Grundlage des Wirtschaftens erklaert hat.

  • Markus

    Wenn wir nicht wachsen, dann schauen wir den anderen Staaten bald hinterher.
    China ist hier ein heisser Kandidat. Wachstum ohne Ende (klar, von einem anderen Niveau aus).
    Was wir brauchen, ist stetiger Fortschritt durch Innovationen. Das als Grundlage – dann wachsen wir auch. Das geht nur in einer freien Wirtschaft.

    @ Michael Klein: dito

  • Surp

    @ michael klein

    ich differenziere aber, wenn Sie sich erinnern.

    Konsum durch/für den Bürger = gut
    überflüssiger Konsum (Gesetze, Arbeitsplätze, Subventionen etc.) = schlecht, da nur Ressourcenverschwendung.

    Ich persönlich habe nichts gegen Wachstum, bin sogar ein großer Befürworter von “qualitativen” Wachstum, nur gegen dessen geisteskranke Berechnung (BIP).

  • Markus

    “nur gegen dessen geisteskranke Berechnung (BIP).”
    ???
    Alternative?

  • Surp

    @ Markus

    viele, sind nur weit komplexer. Außerdem könnte man das BIP extrem stark bereinigen, damit man eine bessere Aussage erhält.

    Wie gesagt man muss sich über die Frage: “Was ist Leistung und Wachstum?” intensiv unterhalten.

    Hier liegt nämlich unsere großes Problem.

  • Die Wachstumsraten einer entwickelten Volkswirtschaft gehen halt noch einmal zurück! Makroökonomische Ungleichgewichte sorgen dafür, daß das Wachstum dann auch noch unter den Möglichkeiten bleibt.
    Die Rezepte der Lobbyorganisation INSM sind gerade die, die das verursachen.
    Die fehlerhaft Modellwelt der neoklassischen Theorie gepaart mit Lobbyinteressen, sind keine Lösung, sondern ein Teil vom Problem!

  • Eventuell sollte der Autor des Buches seiner abseits seiner ideologisch verblendeten Modellwelt etwas tiefergehend mit der Materie beschäftigen:
    http://www.monde-diplomatique.de/pm/2009/07/10.mondeText1.artikel,a0055.idx,12

  • Markus

    Im Video gehts um den Herrn Miegel und seine Theorie. Der Beitrag liefert aber selbst keinen Lösungsansatz. Schade drum, denn kritisieren kann letztlich jeder.

  • Surp

    @ Keynesianer

    finde den Artikel interessant, aber die Lösungen sehr schwach. Der Staat ist niemals eine Lösung, da er weit schlimmer ist als jedes Wirtschaftsunternehmen. Dies liegt in seiner Natur und ich denke, das sieht jeder normal denkende Mensch, sogar ohne Wirschaftskenntnisse. Auch halte ich Gewerkschaften für reine Besitzstandswahrer, die keinen wirklichen Nutzen mehr haben (Betriebsräte halte ich für sehr sinnvoll, wenn sie gewerkschaftsunabhängig sind).

    Des Weiteren liegt das Ausbreiten der Schere zwischen Arm und Reich vorallem daran, wie wir die Geldmenge erhöhen und in der unfassbar überproportionalen Belastung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Oder im Allgemeinen des Faktors Arbeit im Verhältnis zum Faktor Kapital (eingeschränkt gilt dies auch für Boden, nur ist der nicht sonderlich mobil). Dafür gibt es eigentlich keine wirkliche Rechtfertigung. Außerdem trägt die nicht Besteuerung von Finanztransaktionen ihren Teil dazu bei.

    Private Renten waren nie eine Lösung, dafür sind sie derzeit viel zu verwaltungs/kostensintensiv, als Zusatz zum BGE finde ich sie aber ok. Derzeit ist die staaliche Förderung der privaten Rente eine reine Subvention an die Finanzwirtschaft.

    Wie gesagt es gibt simple Lösungen für all diese Probleme, aber dafür muss man sich von dem Gedanken trennen, dass Erwerbsarbeit (unsere bezahlte Arbeit, damit mein ich nicht Arbeit im Allgemeinen) immer sinnvoll ist (geschweige denn produktiv) und auch von der Illusion, dass Bildung uns davor schützen könnte. Zumindest unsere Art der Bildung verschärft die Situation extrem, da Sie immer mehr parasitäre Arbeitsplätze hervorbringen muss, um das Einkommen der “Hochgebildeten” zu rechtfertigen.

    Zum Vid: “Dessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.” Da wird sich auch niemals etwas ändern. Dies gilt auch für die INSM, aber auch für Gewerkschaften, unsere Medien etc..

    Es gibt wenige Menschen, die anders sind bzw. eigentlich sein können, da sie wirklich unabhängig sind.

  • Keynesianer

    @ Makus
    Welches Video?